Filmkritik: "Solo: A Star Wars Story"

Missglücktes Solo

Mit "Solo" startet Disney eine neue Storyline innerhalb des "Star Wars"-Universums. Unschwer zu erraten, dass es um Han Solo geht, den von Harrison Ford einst so wunderbar verkörperten Schmuggler, und seine Vorgeschichte, bevor er, wir erinnern uns, von Obi-Wan Kenobi auf Tatooine engagiert wurde. Diese Geschichte könnte man durchaus interessant machen, mit Schmuggler-Abenteuern, wilden Ritten durch die Galaxis und der Allgegenwart des bösen Imperiums. Doch leider trifft der Film praktisch von Anfang bis Ende zahlreiche falsche Entscheidungen, die ihn, alles zusammengenommen, zum bislang schlechtesten "Star Wars"-Streifen aller Zeiten machen.

Es beginnt bereits mit dem Hauptdarsteller, dem 1989 geborenen Alden Ehrenreich. Auch Harrison Ford war nie ein großer Schauspieler, hatte aber Ausstrahlung. Ehrenreich hat nicht einmal das. Er beherrscht etwa zweieinhalb verschiedene Gesichtsausdrücke und sieht über weite Strecken des Films so aus, als verstünde er nur ansatzweise, was um ihn herum gerade vorgeht. Gerade zum Ende hin wirkt er mehr wie Indiana Jones als wie Han Solo, was seine hölzerne Performance aber auch nicht besser macht.

Für eine weitere schlechte Entscheidung im Zusammenhang mit Ehrenreich trägt das Synchronstudio die Verantwortung. Die Firma hat dem jungen Han Solo die Stimme von Harrison Ford gegeben, der in Deutschland von dem heute 73-jährigen Wolfgang Pampel gesprochen wird. Auch wenn Herr Pampel ein ausgezeichneter Sprecher ist, hört man seiner Stimme das Alter doch deutlich an. In Zusammenhang mit einer Figur, die im Film vielleicht Anfang/Mitte 20 ist, wirkt das äußerst befremdlich.

Die dritte falsche Entscheidung war, die romantische Konstellation von Schmuggler, Wookie und Schiff (natürlich ist der Millennium Falke Teil der Story), die sich mit kleinen Gaunereien ihren Lebensunterhalt verdienen, aufzugeben und stattdessen eine Art Überfall auf einen Geldtransporter mit verwirrend vielen Beteiligten zu inszenieren.

Unverständlich ist auch, wieso man den Höhepunkt des Films, eine Verfolgungsjagd durch einen Mahlstrom, nicht ganz an den Schluss setzte, sondern die Handlung danach noch einmal etwa 20 Minuten lang vor sich hin plätschern lässt. Die Spannung ist raus, man hätte sich noch eine schöne Abschlussszene gewünscht, stattdessen quält sich das Drehbuch noch bis zu einem Ende, das die Möglichkeit für ein Sequel offenlässt.

Aber die vielleicht schlimmste Entscheidung der Macher von "Solo" war, das vertraute und geliebte "Star Wars"-Universum nahezu komplett aufzugeben. Der Film spielt zu etwa 80 bis 90 Prozent der Zeit am Boden, das Weltall ist nur selten zu sehen, und wenn, dann hat man nicht das Gefühl, dass man sich in einem Raumschiff befindet. Überhaupt dauert es mehr als eine Stunde, bis die Kamera zum ersten Mal an Bord eines Schiffes abhebt. Wenn ein Film eine "Star Wars Story" verspricht, dann will ich auch Star Wars haben und nicht den großen Eisenbahnraub.

Und damit nicht genug: Drehbuch und Regie verzichten auch weitgehend auf die von den Fans so heiß geliebten Details. Von den Jedi ist in keiner einzigen Szene die Rede, ebenso wenig von der Macht. Nur kurz vor Schluss ist einen Moment lang ein einzelnes Lichtschwert zu sehen. Ein paar Vertreter der imperialen Sturmtruppen stehen verloren in der Gegend herum, spielen jedoch für die Handlung keine Rolle. Auch auf die politischen Verhältnisse selbst, die immer ein wichtiger Teil der "Star Wars"-Filme bildeten, geht der Film nicht weiter ein. Irgendwann bildet sich eine Rebellentruppe, gegen was sie sich jedoch auflehnt, bleibt unklar.

Immerhin ist nicht alles schlecht an diesem Film. Die Special Effects sind sorgfältig ausgeführt, wenn auch nicht spektakulär. Der Kameramann, Bradford Yound ("Arrival"), hat einen guten Job gemacht. Donald Glover lässt sehr überzeugend den öligen Charme von Lando Calrissian wiederauferstehen. Und Emilia Clarke ("Game of Thrones"), die die undankbare Aufgabe hat, die Freundin des jungen Han Solo zu spielen, gelingt eine der eindrucksvolle Frauengestalt.

Disney, das für die Rechte an "Star Wars" mehrere Milliarden Dollar hingegelegt hat, betrachtet die Reihe offensichtlich als Cash Cow, die bis zum letzten Tropfen gemolken werden soll. Aus "Solo" soll eine eigene Filmreihe werden, die in den kommenden Jahren parallel zum Stammprojekt "Star Wars" Geld einspielt. Ob das nach diesem Beginn noch gelingen kann, erscheint fraglich. Aber vielleicht ist diese Erfahrung ganz heilsam und zeigt dem Studio, dass die Serie trotz ihrer weltweiten Beliebtheit und der gigantischen Fanbasis kein Selbstläufer ist.

"Solo: A Star Wars Story" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Montag 28 Mai 2018 um 17:04 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "I, Tonya"

Tonya Harding schlägt zurück

Als 1994 am Vorabend der amerikanischen Meisterschaften ein bezahlter Schläger der Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange die Kniescheibe zu zertrümmern versuchte, erregte das weltweit Aufsehen. Schnell fiel der Verdacht auf ihre Konkurrentin Tonya Harding, die von den Medien schnell als "Hexe" bezeichnet wurde. Zum Glück verfehlte der Attentäter die Kniescheibe, so dass Kerrigan lediglich eine Prellung davontrug. Sechs Wochen später konnte sie sogar an den Olympischen Spielen in Lillehammer teilnehmen, wo sie nach einer triumphalen Kür den zweiten Platz hinter der Russin Oksana Bajul erreichte. Harding hingegen wurde Achte und landete damit sogar noch einen Platz hinter Katarina Witt, die im Alter von 28 Jahren noch einmal angetreten war. Kurz darauf wurde sie als eine der Verantwortlichen für den Angriff auf Kerrigan zu einer hohen Geldstrafe, Sozialstunden und lebenslangem Startverbot verurteilt und schlug sich anschließend als Boxkämpferin durch. "I, Tonya" erzählt diese Geschichte aus Sicht von Tonya Harding.

Harding (Margot Robbie, "The Wolf of Wall Street") wächst in Verhältnissen auf, die man in Deutschland als "bildungsfern" bezeichnen würde. Ihre Mutter LaVona, großartig gespielt von Allison Janney, schickt sie bereits als Kind im Alter von drei Jahren aufs Eis. Sie selbst ist starke Raucherin, zynisch und hart gegenüber ihrer Tochter. Tonyas Vater (Jason Davis) jagt sie nach einigen Jahren davon, Mutter und Tochter leben anschließend zusammen in einem heruntergekommenen Haus in der Provinz. Die Umgebung färbt ab auf Tonya, kaum einer ihrer Sätze kommt ohne das Wort "Scheiße" aus, auch sie ist starke Raucherin. Doch sie ist gut, eine kräftige Sportlerin, und als sie älter wird, ist sie die erste Amerikanerin, die den dreifachen Axel springt. Zuvor hat sie ihren ersten Freund kennengelernt, Jeff (Sebastian Stan), der genau wie sie aus prekären Verhältnissen stammt, und sie heiratet ihn. Kurz darauf beginnt er sie zu schlagen. Jeff hat einen Freund, einen kleinen, untersetzten Typen namens Shawn (Paul Walter Hauser), ein Mann von zweifelhafter Intelligenz, der fortan Tonyas Bodyguard wird.

"I, Tonya" zeigt ein Milieu, welches das Zielpublikum dieses Films vermutlich nie kennengelernt hat. Es ist eine Welt voller Dummheit, Grausamkeit und Armut, in der Fluchen die normale Ausdrucksweise ist, in der die meisten Menschen eine Waffe besitzen und nicht nur Kinder regelmäßig geschlagen werden. Tonya sagt an einer Stelle des Films sinngemäß, alle Welt rege sich über den einen Schlag auf, den Nancy Kerrigan abbekommen habe, dabei sei sie selbst jeden einzelnen Tag ihres Lebens verprügelt worden. Überhaupt wendet sie sich des Öfteren an das Publikum, was Regisseur Craig Gillespie lustige Effekte erlaubt: Einmal artet ein Streit zwischen Tonya und ihrem Ehemann so aus, dass sie eine Schrotflinte herauszieht und auf ihn schießt. "Das hab ich nie gemacht", erklärt sie dann mit Blick in den Zuschauerraum und spielt damit offensichtlich auf die Berichterstattung der Medien an. Der Film ist über weite Strecken eine schwarze Komödie. Man amüsiert sich über das bizarre Verhalten seiner Hauptpersonen, wobei allerdings Harding immer außen vor bleibt. Für sie wird eher um Verständnis geworben, was dem Film in den USA den Vorwurf des Whitewashing einbrachte.

Zeitweise war sie tatsächlich die beste Eiskunstläuferin der USA, und Margot Robbie zeigt, wie wichtig diese Bestätigung ihrer Leistung und ihrer Person für Harding ist. Sie hat sich aus der Gosse nach oben gekämpft und ist stolz darauf. Doch ihren Bewegungen fehlt das Anmutige, das die Kunst ihrer behütet aufgewachsenen Konkurrentinnen auszeichnet. Sie ist kräftiger und auch technisch besser, dennoch landet sie in der Platzierung oft hinter ihnen. Einer der Preisrichter spricht es schließlich ganz direkt aus und erklärt Tonya, er wolle nicht, dass Personen wie sie die USA repräsentieren.

Es gibt in "I, Tonya" einige sehr schöne CGI-Aufnahmen von einzelnen Sprüngen, die meisten natürlich von ihrem dreifachen Axel. Es gibt tolle Darstellerleistungen von Margot Robbie und Allison Janney ("Juno", "Mom"), die letztere hat völlig zurecht einen Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten. Es gibt einige wirklich lustige Szenen und viel schwarzen Humor. Doch das Beste an diesem Film ist die Geschichte, die er erzählt, von einem Mädchen, das sich nach oben kämpft und letztlich daran scheitert, dass sie die Verhältnisse, aus denen sie kommt, nicht hinter sich lassen kann.

"I, Tonya" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 03 April 2018 um 20:24 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "Molly's Game – Alles auf eine Karte"

Poker für Fortgeschrittene

Poker ist ein Spiel, bei dem es gleichermaßen um das Kalkulieren von Risiken und Gewinnchancen geht wie um Psychologie. Es ähnelt damit diesem Film, der einerseits recht nüchtern vom Kriminalfall der "Pokerprinzessin" Molly Bloom erzählt, mindestens genauso sehr aber auch in einer psychologischen Studie ihre Persönlichkeit erforscht.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Molly Bloom, gespielt von Jessica Chastain, wuchs als Kind eines gut verdienenden Psychologen (Kevin Costner) auf. In jungen Jahren war sie eine begabte Skiläuferin und stand kurz vor der Teilnahme an den Olympischen Spielen. Doch dann verunglückte sie und konnte ihren Sport nicht mehr ausüben.

Molly wollte eigentlich ein Jura-Studium beginnen. Jetzt jedoch nimmt sie eine Auszeit, zieht nach Los Angeles und jobbt als Kellnerin. In ihrer Bar bekommt sie Kontakt zu einem professionellen Organisator (Jeremy Strong) von Pokerrunden für Hollywood-Schauspieler und andere Leute mit viel Geld – angeblich gehörten damals unter anderem Leonardo DiCaprio, Ben Affleck und Tobey Maguire zu den Spielern. Sie ist schlau und lernt schnell, schon bald macht sie ihre eigene Pokerrunde auf. Der Buy-in beträgt 10.000 Dollar, was für die Teilnehmer jedoch kein Problem ist. Sie selbst lebt allein von den Trinkgeldern, die ihr Woche für Woche einen fünfstelligen Betrag einbringen. Doch nach einigen Jahren gibt es zunehmend Ärger mit einem der Spieler (Michael Cera), der schließlich sie ausbootet. Molly Bloom zieht nach New York und baut ihr Geschäft neu auf, dieses Mal liegt der Buy-in sogar bei 250.000 Dollar. Doch sie wird unvorsichtig, schon bald werden die Pokerrunden von Mitgliedern der italienischen und russischen Mafia besucht, und das FBI beginnt sich für die Treffen zu interessieren. Außerdem nimmt Molly mittlerweile Drogen und zweigt einen kleinen Teil der Einsätze für sich ab. Die Spieler stört das nicht, doch sie macht sich damit strafbar. Als sie schließlich verhaftet wird, nimmt sich nach einigem Zögern der Staranwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) ihrer an.

Die Story von "Molly’s Game" ist sehr einfach und nicht sonderlich spannend. Dass trotzdem ein guter, unterhaltsamer Film daraus geworden ist, ist zum einen dem Drehbuch und den Dialogen von Aaron Sorkin zu verdanken, der hier zum ersten Mal auch Regie geführt hat, und zum anderen den tollen schauspielerischen Leistungen von Jessica Chastain und Idris Elba.

Sorkin wurde bekannt durch seine Drehbücher etwa für "Eine Frage der Ehre", "The Social Network" oder "Steve Jobs". Sein Markenzeichen waren schon immer die ausgefeilten Dialoge, und man erkennt seine Handschrift auch dieses Mal wieder. Molly Bloom ist jung, hochintelligent und selbstbewusst, und wenn sie mit ihrem Anwalt diskutiert, geht es in einem Tempo hin und her wie in einer Screwball Comedy aus den 40ern. Aber auch wenn sie mit einzelnen Spielern redet, sie aufmuntert oder ihnen rät, aufzuhören und nach Hause zu gehen, sind das wunderbare, stimmungsvolle Szenen. Jessica Chastain zeigt ihre ganze Schauspielkunst und schafft allein durch die Art, wie sie auf die Männer zugeht, atmosphärisch unglaublich dichte Szenen. Idris Elba kann sich mittlerweile ganz auf seine Ausstrahlung und seinen Charme verlassen. Kevin Costner schließlich hat bereits vor einigen Jahren zu seiner Seniorenrolle gefunden, die ihm hervorragend passt, den stets etwas müden, älteren, weisen Mann.

Der Film psychologisiert sehr stark, vielleicht sogar zu stark. In Rückblenden sieht man die junge Molly, wie sie von ihrem Vater gezwungen wird, nach einem ersten schweren Sturz wieder in den Wettkampfsport einzusteigen und man fragt sich, was das mit der Poker-Geschichte zu tun haben soll. Zum Schluss kommt es völlig überraschend zu einem Gespräch zwischen Vater und Tochter, das beinahe schon bizarre Züge trägt.

Da es nun mal um Poker geht, verzichtet Sorkin auch nicht auf die Diskussion einiger Kartenkonstellationen, die von Molly Bloom aus dem Off kommentiert werden. Doch so hastig, wie diese Szenen wieder beendet werden, wirken sie wie Zutaten, die der Regisseur eher widerwillig und zwangsweise in den Film aufgenommen hat. Besser wäre es gewesen, sie entweder ganz wegzulassen oder ausführlicher zu erklären, um die Spannung des Augenblicks zu vermitteln. In dieser Form jedoch bringen sie niemanden etwas.

"Molly’s Game" kann man sich anschauen, um etwas über zwei Stunden gut unterhalten zu werden und tollen Schauspielern zuzusehen. Wer jedoch mehr erwartet, wird enttäuscht.

"Molly's Game" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 14 März 2018 um 22:42 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 14 März 2018 22:48

Kommentare?

Filmkritik: "Die Verlegerin"

Gegen alle Widerstände

Die späten 60er und frühen 70er Jahre sind eine der wichtigsten Perioden der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Nixon hatte ein machtbesessener Paranoiker das Weiße Haus erobert, in einem Tausende von Kilometern entfernten Land lernten die USA, dass ihr moralischer Anspruch und die eigene militärische Überlegenheit mehr als zweifelhaft waren, und in der Heimat kämpfte eine starke Bürgerrechtsbewegung gegen Rassendiskriminierung und den Versuch, die Meinungs- und Pressefreiheit einzuschränken. Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Filmen sind über diese Zeit entstanden. Einer der besten ist der neue Film von Steven Spielberg, "Die Verlegerin".

Allerdings ist der deutsche Titel unglücklich gewählt. Im Original heißt der Film "The Post", weil er Geschehnisse rund um die Washington Post im Jahr 1971 erzählt. Vermutlich hatte der deutsche Verleih Angst, dass hierzulande zu wenig Menschen mit dem Namen der Zeitung etwas anfangen könnten. Und "Die Post" wäre ja nun wirklich keine passende Übersetzung gewesen. "Die Verlegerin" reduziert die Story jedoch auf Kay Graham, gespielt von Meryl Streep, die damalige, noch recht unerfahrene Verlegerin der Zeitung. Und das wird dem Film nicht gerecht, denn es geht nicht um eine einzelne Person, sondern um Journalismus und die politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Abhängigkeiten, in denen er sich befindet und gegen die er ständig ankämpfen muss.

Der Film erzählt von der Veröffentlichung der Pentagon Papers. Der ehemalige Verteidigungsminister Robert McNamara (Bruce Greenwood) hatte diese Studie einige Jahre zuvor in Auftrag gegeben, um mit internen Regierungsinformationen die Vorgeschichte und den Verlauf der amerikanischen Beteiligung am Vietnamkrieg für spätere Generationen zu dokumentieren. Viele der Ergebnisse der Studie standen im Widerspruch zu offiziellen Aussagen der amerikanischen Regierungen unter Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon. Unter anderem zeigten die Pentagon Papers, dass McNamara den Krieg bereits Mitte der 60er Jahre verlorengegeben hatte. Die Studie wurde daher unter Verschluss gehalten.

1971 wurden die Dokumente jedoch der New York Times zugespielt, die in der Folge in mehreren Ausgaben Teile davon veröffentlichten und kommentierten. Die Washington Post war zu dieser Zeit ein Regionalblatt, außerhalb der Hauptstadt wurde sie kaum gelesen. Doch sie hatte mit Ben Bradlee (Tom Hanks) einen begeisterten Journalisten als Chefredakteur. Als es einem seiner Redakteure gelingt, eine Kopie der Pentagon Papers zu beschaffen, zögert er keine Sekunde, das Thema auf die Titelseite zu heben. Doch dem stehen die enge Freundschaft der Verlegerin Kay Graham mit Robert McNamara, der geplante Börsengang der Post und auch die Freundschaft von Bradlee mit dem ermordeten Kennedy entgegen.

Steven Spielberg spielt bei "Die Verlegerin" seine ganze Routine aus. Vielleicht sogar etwa zu viel: Der Film beginnt, natürlich, könnte man schon fast sagen, mit Szenen aus dem Vietnamkrieg, untermalt mit "Run through the jungle" von Creedence Clearwater Revival. "Nicht schon wieder", denkt man sich, doch dann wird’s schnell besser. Wie der Film anschließend die Vorgeschichte und die aktuelle Situation der Zeitung skizziert, die Figuren vorstellt und die Story an Fahrt aufnehmen lässt – das ist wirklich meisterhaft. Dazu kommen die Perfektion von Kamera (Janusz Kaminski) und Schnitt (Sarah Broshar, Michael Kahn) und die hohe Qualität der beiden Hauptdarsteller, von denen sich Tom Hanks in seiner Rolle ein klein wenig wohler zu fühlen scheint als Meryl Streep. Alles zusammen ergibt einen der besten Filme des Jahres.

"Die Verlegerin" ist ein altmodischer Film. Er arbeitet mit den jahrzehntelang erprobten Stilmitteln von Hollywood, baut Spannung und Emotion unglaublich präzise und gekonnt auf. Spielberg demonstriert, welche Kraft das Hollywood-Konzept immer noch entfalten kann, vor allem, wenn es um die Verteidigung der bürgerlichen Freiheiten geht. Der Film wurde in gerade einmal anderthalb Monaten im Sommer 2017 abgedreht, in einer Zeit also, in welcher der amtierende amerikanische Präsident die Presse der Verbreitung von Fake News beschuldigte und die freie Berichterstattung in Frage stellte. Spielberg hat darauf eine wunderbar souveräne Antwort gegeben.

"Die Verlegerin" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 25 Februar 2018 um 22:29 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "Black Panther"

Afrikanische Utopie

Superhelden-Filme sind nicht per se schlecht. Es gibt bessere ("Spider-Man I" und II, die beiden "Batman"-Filme von Tim Burton und "The Dark Knight", der erste "Superman") und es gibt schlechtere ("Avengers", "Elektra") unter ihnen. Doch nur selten gingen die Regisseure und Drehbuchautoren beim Konzipieren der Handlung über das alte Gute-gegen-Böse-Schema hinaus, ein Film wie der zweite Spider-Man, der den inneren, moralischen Konflikt seines Protagonisten abwog, war die ganz große Ausnahme. Doch jetzt scheint sich Hollywood ganz vorsichtig daran zu machen, aus den Superhelden-Geschichten mehr herauszuholen. "Wonder Woman", gedreht von einer Frau, war im letzten Jahr ein vorsichtiger Ansatz, eine starke, unabhängige Frau als Heldin zu etablieren. "Black Panther" geht noch einen Schritt weiter und setzt auf einen nahezu komplett schwarzen Cast mit einem schwarzen Superhelden als Mittelpunkt. Und mehr noch: Der Film hat sogar eine politische Botschaft, die der aktuellen Linie des Weißen Hauses diametral entgegensteht.

Der Black Panther heißt mit bürgerlichem Namen T’Challa (Chadwick Boseman) und kommt aus Wakanda, einem kleinen, von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Land im Herzen von Afrika. Vor einigen Jahrhunderten ging dort ein Meteor nieder, der eine große Menge des Metalls Vibranium enthielt, das ansonsten nirgendwo auf der Erde existiert. Damit konnten die Bewohner nicht nur Energie erzeugen und eine blühende High-tech-Kultur aufbauen, Vibranium ermöglichte ihnen auch das Aufspannen eines Tarnschirms, der die Hochhäuser und futuristischen Fahrzeuge des Landes vor fremden Augen verbarg und es wie einen armen, von Ackerbau und Viehzucht geprägten Staat aussehen ließ.

Zu Beginn soll T’Challa als Nachfolger seines Vaters zum neuen König ernannt werden. Doch es gibt Herausforderer, allen voran sein verschollen geglaubter Cousin Killmonger (Michael B. Jordan), der ihn dann auch im Kampf besiegt. Nachdem er den Königsthron bestiegen hat, beginnt Killmonger, mit den Ressourcen und hochentwickelten Waffen von Wakanda unterdrückte Gruppen im Ausland zu unterstützen und Kriege anzuzetteln.

Tatsächlich passiert noch wesentlich mehr, die Handlung von "Black Panther" ist teilweise recht verworren. Es treten unter anderem noch ein weißer Waffenschmuggler (Andy Serkis), ein CIA-Agent (Martin Freeman), Verräter, Ex-Geliebte, ein weiser Berater (Forest Whitaker), eine superkluge Wissenschaftlerin (Letitia Wright) sowie die Mitglieder einer weiblichen Elitetruppe auf. Am Anfang tut sich der Film schwer, die Ausgangssituation und die Besonderheiten von Wakanda zu erklären. Der Erzählfluss ist stockend, dazu steht gleich zu Beginn eines dieser öden Mann-gegen-Mann-Duelle, auf welche die Marvel-Streifen offenbar nicht verzichten können. Später jedoch nimmt die Handlung Fahrt auf, findet ihren Rhythmus, und der Film wird tatsächlich recht unterhaltsam, selbst als es gegen Ende noch zu einem zweiten, episch ausgebreiteten Duell kommt.

Die Atmosphäre von "Black Panther" ist von Anfang bis Ende durchgehend afrikanisch, dazu tragen die bunten Gewänder und archaischen Riten genauso bei wie die wüste Trommelorgie, die der aktuell angesagteste Rapper der Welt, Kendrick Lamar, für den Score komponiert hat. Zusammen mit der technisch fortgeschrittenen Zivilisation von Wakanda ergibt das eine seltsame Mischung, die aber in sich stimmig ist – eine der größten Leistungen des Films. Wakanda ist erkennbar nicht aus den christlich-jüdischen Traditionen der westlichen Welt entstanden, sondern hat eine eigene Entwicklung durchgemacht. Das Land und seine Gesellschaft ist eine afrikanische Utopie.

Die einzelnen Figuren hingegen, allen voran T’Challa und Killmonger, entsprechen leider den üblichen Stereotypen von Hollywood und der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Hinzu kommen die zahlreichen Anleihen, die "Black Panther" bei großen, erfolgreichen Filmen der Vergangenheit nimmt, angefangen bei "James Bond" über "Katzenmenschen" bis hin zu "Star Wars", was die Faszination der Kultur, die hier entworfen wird, deutlich abschwächt.

"Black Panther" hat einige großartige Ideen und Ansätze, setzt sie allerdings nicht konsequent genug um. Trotzdem gehört der Film trotz all seiner hektischen Handlungsentwicklung zu den besseren Superhelden-Streifen und funktioniert auf Wunsch sogar als reines Action-Spektakel noch recht gut.

"Black Panther" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 21 Februar 2018 um 22:09 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "Shape of Water – das Flüstern des Wassers"

Ich liebe einen Wassermann

Schau an, dieser Guillermo del Toro ist ja ein echter Romantiker. Man hätte es sich zwar denken können, nachdem er uns bereits in "Hellboy" eine Ausgeburt der Hölle vorgestellt hatte, die an fortgeschrittenem Liebeskummer litt. Dennoch kommt "Shape of Water" einigermaßen überraschend. Der mexikanische Regisseur, bekannt für seine Horror- und Superhelden-Filme, legt hier ein Märchen im Stil von "Die Schöne und das Biest" vor.

Allerdings ohne Schöne beziehungsweise ohne eine Frau von großer äußerer Schönheit. Elisa Esposito (Sally Hawkins) ist der Typ der unauffälligen Nachbarin, schüchtern und notgedrungen stumm – in ihrer Kindheit wurde ihr Kehlkopf beschädigt, seither kann sie nicht mehr sprechen. Sie arbeitet als Putzfrau in einem Gebäude des US-Militärs. Es sind die frühen 60er Jahre, jeder hat Angst vor einem Atomkrieg, gleichzeitig versuchen Amerikaner und Russen sich beim Wettlauf ins All zu übertrumpfen.

Da kommt ein neues "Objekt" in das Gebäude, ein Wasserwesen, gefangen im Amazonas. In der äußeren Form ähnelt es einem Menschen, doch seine Haut ist von Schuppen überzogen, es atmet durch Kiemen und hat die großen Augen eines Fisches. Mitgebracht hat es Richard Strickland (Michael Shannon), einer der größten Unsympathen der Kinogeschichte. Er ist ein rassistischer, gefühlloser Militärangehöriger, der das Wasserwesen mit einem Elektroschocker traktiert und foltert. Dass es sich um ein intelligentes Wesen handelt, will er nicht wahrhaben, ebenso wenig wie sein Vorgesetzter, ein General, der sich von der Untersuchung Aufschlüsse darüber verspricht, wie sich der Menschen an das Leben im Weltall anpassen könnte.

Elisa jedoch nimmt heimlich Kontakt mit dem Wassermenschen auf, bringt ihm die Gebärdensprache bei und verliebt sich in ihn. Schließlich schmiedet sie einen Plan, um ihn mithilfe ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, "The Help") und ihres Nachbarn, des erfolglosen, schwulen Werbegrafikers Giles (Richard Jenkins) zu entführen und in die Freiheit zu entlassen.

Diese Geschichte wird vor dem Hintergrund alter, schwarzweißer Liebesfilme und Musicals aus den 40er und 50er Jahren erzählt, die ständig irgendwo in einem Fernseher laufen. Auch der Score von "Shape of Water" ist gefüllt mit Musik aus jener Zeit, dazu wohnen Elisa und Giles auch noch über einem Kino. Del Toro stellt den Film in die große Tradition der Musikfilme aus Hollywood, die immer schon eine märchenhafte Atmosphäre zu vermitteln suchten.

Gleichzeitig verleugnet er aber auch nicht seine Wurzeln: Wenn Stricklands Finger, die das Wasserwesen ihm abgebissen hat, zusehends zu eitern und zu faulen beginnen, spielt er, vielleicht sogar mit einem leicht vergnügten Grinsen, mit den Mitteln des Horrorfilms. Auf der anderen Seite sorgt die wunderbare Octavia Spencer mit ihrem unfehlbaren Gespür für Timing immer wieder für komische Szenen. Allerdings hat auch allein schon die Idee, das Plappermaul Sally Hawkins ("Happy-Go-Lucky") mehr als zwei Stunden lang kein einziges Wort sagen zu lassen, einen gewissen Witz (zwar sagt sie zwischendurch dann schon einen Satz, allerdings ist unklar, ob es sich nicht um eine Traumsequenz handelt).

Schauspielerisch ist der Film toll. Hawkins, Spencer, Jenkins, Shannon und auch Michael Stuhlbarg ("Arrival") in einer Nebenrolle als Wissenschaftler agieren auf höchstem Niveau. Dazu kommt die gut getroffene, spießige Atmosphäre der frühen 60er, die tolle Ausstattung mit den zahlreichen Details, die ruhig durch die Räume gleitende Kamera – del Toro hat alles richtig gemacht.

Und doch will sich dann letztlich nicht das Gefühl einstellen, einen wirklich großen Film gesehen zu haben. Denn "Shape of Things" berührt einen nicht, lässt einen vielmehr mit dem Eindruck aus dem Kino gehen, einen zwar hervorragend gemachten, vielschichtigen Film gesehen zu haben, bei dem man jedoch mit der Hauptfigur ebenso wenig mitgefiebert hat wie mit Ginger Roberts bei einer Affäre mit Fred Astaire.

"Shape of Things – das Flüstern des Wassers" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 16 Februar 2018 um 0:09 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 21 Februar 2018 22:36

Kommentare?

Filmkritik: "Wind River"

Tod im Schnee

Moderne Western wie "Wind River" haben einen ganz eigenen Reiz: Sie arbeiten mit den Figuren und Klischees der großen amerikanischen Filmtradition, mit schweigsamen Männern, harten, duldsamen Frauen und einer weiten, lebensfeindlichen Natur, und verbinden sie mit aktuellen Problemen wie Drogensucht, brutalen sexuellen Übergriffen und bürokratischen Kompetenzstreitigkeiten. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Dieser Film gehört zu den besseren Beispielen.

Das beherrschende Thema ist die Kälte während der Winter im mittleren Westen der USA. Dort, in Wyoming, wo die Temperaturen bis auf minus 30 Grad rutschen können, lebt Cory Lambert (Jeremy Renner), der sein Geld als Jäger verdient. Die örtlichen Viehzüchter heuern ihn an, um Wölfe oder andere Raubtiere abzuschießen, die ihre Herden bedrohen. Eines Tages findet er die Leiche eines jungen Mädchens, wie sich herausstellt, eine Freundin seiner verstorbenen Tochter, das mit nackten Füßen vor etwas weggerannt und erfroren ist. Die Fundstelle liegt in einem Indianerreservat, der dortige Sheriff (Graham Greene, "Der mit dem Wolf tanzt") ruft das FBI. Das erscheint in Gestalt der Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen, "Godzilla"), die von ihrer Dienststelle in Las Vegas nach Wyoming geschickt wurde und von den Bedingungen und Gefahren des Lebens bei eisigen Temperaturen keine Ahnung hat. Daher engagiert sie Lambert als eine Art Berater, und gemeinsam beginnen sie die Suche nach den Ursachen für den Tod des Mädchens.

Die Hauptfigur ist Lambert, ein Einheimischer, der mit einigen der Indianer bereits zur Schule gegangen ist. Er war selbst mit einer Indianerin (Kelsey Asbille) verheiratet, bis die Beziehung nach dem Tod ihrer gemeinsamen Tochter auseinanderbrach. Er redet nicht viel, aber der Film gibt sich große Mühe, damit der Zuschauer das, was in ihm vorgeht, zumindest erahnen kann. Jeremy Renner ("Tödlisches Kommando – The Hurt Locker") macht das gut, er beherrscht die Kunst, mit minimalem Einsatz einen eindrucksvollen Charakter zu erschaffen.

Leider sind nicht alle Charaktere so detailliert gezeichnet. Elizabeth Olsen und Graham Greene sind zwar gut in ihren Rollen, aber ihr Background bleibt völlig im Dunkeln. Man weiß nicht, was sie antreibt, wo sie herkommen oder was sie denken. Sie bleiben Fremde in einem Film, der sich auf einige wenige Figuren beschränkt. Das ist schade, zumal es auch wenig Handlung gibt und es Regisseur Taylor Sheridan – er hatte zuvor die Drehbücher zu "Sicario" und "Hell or High Water" geschrieben – erkennbar weniger um die Auflösung des Mordfalls als um die Zeichnung seiner Hauptfigur geht.

"Wind River" erntet aber noch einen weiteren, großen Minuspunkt, und zwar für die klischeehaften Details. Dass ein Jäger wie Lambert natürlich ein einsames, schweigsames Leben führt, nimmt man sogar noch recht gerne in Kauf, denn es ist einem lieber als ein ständig von seinen Heldentaten plappernder Protagonist. Aber müssen junge Indianer im Reservat wirklich in jedem Film drogensüchtig sein? Und müssen sie tatsächlich immer wieder von der Langeweile und Perspektivlosigkeit ihres Lebens in die Sucht getrieben werden?

Ärgerlich ist auch, dass zwar ständig die Kälte und Grausamkeit des Wyoming-Winters beschworen wird, tatsächlich jedoch niemand und in keiner Situation eine Atemfahne vor dem Mund hat, und zudem in einzelnen Einstellungen deutlich zu erkennen ist, dass der Schnee auf den Straßen zu Matsch geschmolzen ist.

Die beiden großen Pluspunkte des Films sind Jeremy Renner und die realistische Darstellung des Lebens in dieser gottverlassenen Gegend, hinzu kommt eine außerordentlich gute Kamera. "Wind River" hat außerdem einen packenden, intensiven Rhythmus, der dafür sorgt, dass trotz der eher mäßigen Spannung bei der Verbrechensaufklärung keine Langeweile aufkommt.

"Wind River" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 13 Februar 2018 um 21:50 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "Der seidene Faden"

Schneider am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dies ist ein langer, ein sehr langer Film und über weite Strecken auch ziemlich langweilig. Aber er strahlt eine gewisse Faszination aus, und zwar von der Sorte, dass man sich noch auf dem Nachhauseweg fragt, was da jetzt eigentlich geschehen ist. Es ist ein langer, aber guter Film.

Es sind die 50er Jahre in London. Daniel Day-Lewis spielt den Modeschöpfer Reynolds Woodcock, einen hypersensiblen Künstler mit genialischer Herbert-von-Karajan-Frisur, vom Typ her eine Mischung aus Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld. Er lebt und arbeitet in einem alten Haus, abgeschirmt von der Welt durch seine Schwester Cyril (Lesley Manville), die alles tut, damit er bei seiner Arbeit nicht gestört wird. Dazu gehört auch, seine wechselnden Frauen zu organisieren und wegzuschicken, wenn sich abzeichnet, dass sie für ihn zur Belastung werden.

Reynolds Woodcock ist ein schwieriger Charakter. Er kann wegen Kleinigkeiten ausrasten, etwa wenn jemand beim Frühstück, das er schweigend und Entwürfe zeichnend verbringt, den Toast zu laut streicht. Er wird wütend, wenn man seinen Spargel mit zerlassener Butter macht anstatt mit dem von ihm bevorzugten Öl. In solchen Situationen wird er ausfallend und beleidigend, ganz gleich, wer seinen Ärger provoziert hat. Diese übertriebenen Reaktionen wirken dann schon beinahe wieder komisch.

Eines Tages, er ist aufs Land gefahren, um ein wenig auszuspannen, lernt er in einem Cafe die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennen, ein junges Mädchen, das sich sofort in ihn verliebt. Er nimmt sie mit nach London und macht sie zu seinem Model, an dem er seine neuen Kreationen ausprobiert. Sie wohnt auch bei ihm im Haus, und schon bald sind sie ein Paar.

Vicky Krieps ist faszinierend in dieser Rolle. Mit Daniel Day-Lewis steht ihr ein schauspielerisches Schwergewicht gegenüber, und die Rolle der Alma erfordert es, dass sie ihm selbstbewusst gegenübertritt. Das gelingt ihr mit einer Kraft, die überhaupt nicht zu ihrem püppchenhaften Gesicht passen will. Je weiter der Film vorankommt, desto stärker wird sie, dabei streift sie immer mehr die anfängliche Nervosität und Unsicherheit ihrer Figur ab.

Denn darum geht es: Reynolds und Alma kommen sich immer näher, heiraten sogar, doch sein skurriles Verhalten kann er nicht ablegen. Er ist wie er ist, doch sie will ihn anders, will eine größere Rolle in seinem Leben spielen. Und so eskaliert diese Beziehung.

"Der seidene Faden" ist ein Arthouse-Streifen mit minimaler Handlung und wenigen Hauptfiguren. Regisseur P. T. Anderson ("There Will Be Blood", "Inherent Vice") hatte schon immer ein Faible für Details, und so kann man üppige, historische Haute-Couture-Kleider und traditionelles Schneiderhandwerk bewundern. In erster Linie schaut man ihn sich jedoch wegen der beiden Hauptdarsteller an, vor allem auch, da Daniel Day-Lewis vor einigen Monaten ankündigte, dies würde sein letzter Film werden. Und man muss den Mut von P. T. Anderson bewundern, dem es, wie bereits bei "Boogie Nights" oder "Punch-Drunk Love" (mit Adam Sandler!) offensichtlich völlig wurscht ist, was die Leute von seinen Filmen und ihren Themen halten.

"Der seidene Faden" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 07 Februar 2018 um 22:39 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 07 Februar 2018 23:08

Kommentare?

Filmkritik: "Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Wut und Vergebung

Dies ist ein Film über die Wut. Er zeigt, wie sie entsteht, wie sie aus den Menschen herausbricht und was sie mit ihnen macht. Aber er zeigt gleichzeitig, dass die Wut durch Verständnis und Vergebung überwunden werden kann und sollte. Ein großer Film.

Mildred Hayes (Frances McDormand) ist wütend. Vor einem halben Jahr ist ihre Tochter ermordet worden. Während das Mädchen bereits im Sterben lag, hat der Mörder sie auch noch vergewaltigt. Die örtliche Polizei mit Sheriff Willoughby (Woody Harrelson) an der Spitze hat den Täter bisher nicht gefasst, hat noch nicht einmal eine Spur. Sie geht in das Büro einer kleinen, lokalen Werbeagentur, bucht für 5000 Dollar drei Reklametafeln und lässt sie beschriften mit "Raped While Dying", "And Still No Arrests?", "How Come, Chief Willoughby?". Ab diesem Moment beginnt die Situation zu eskalieren.

Willoughby hat Krebs im Endstadium, er wird nicht mehr lange leben. Er hat einen Hilfssheriff, Dixon (Sam Rockwell), der nur mit Mühe die Abschlussprüfung an der Polizeischule geschafft hat. Er ist im Ort bekannt dafür, dass er in der Vergangenheit Schwarze gefoltert und verprügelt hat. Auch er wird wütend, geht zum Inhaber der Werbeagentur (Caleb Landry Jones), wirft ihn aus dem Fenster im ersten Stock und schlägt ihn auf der Hauptstraße von Ebbing vor den Augen des neuen Polizeichefs und des ganzen Ortes zusammen. Aber auch das ist noch nicht das Ende der Eskalation.

Frances McDormand ist in diesem Film von einer Reihe guter bis sehr guter Schauspieler umgeben (mit dabei sind unter anderem noch Abbie Cornish als Willoughbys Frau, Zeljko Ivanek als ein weiterer Polizist sowie Peter Dinklage ("Game of Thrones") als ein Verehrer von Mildred). Doch in jeder Situation beherrscht sie die Leinwand mit ihrem eiskalten Zorn, ihrem Sarkasmus, aber später auch mit ihrer Verletzlichkeit und Trauer. Für "Fargo" hat sie damals den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhalten, jetzt könnte noch eine weitere Statue dazukommen. Mildred Hayes schlägt wild um sich, es ist ihr egal, wen sie dabei wie hart trifft. Sie beleidigt den örtlichen Priester, der sie zur Mäßigung auffordert, und erklärt ihm, sie würde keine Ratschläge annehmen von Männern, die im Hinterzimmer heimlich Ministranten ficken. Sie weiß auch von Willoughbys Krebserkrankung und sagt ihm, dass die Reklametafeln ja wohl keinen Sinn mehr machen würden wenn er bereits tot wäre. Als jemand eine Büchse auf ihr Auto wirft, während sie morgens ihren Sohn in die Schule bringt, steigt sie aus und tritt auf der Suche nach dem Täter zwei Kinder zusammen. Das alles ist so übertrieben, dass es schon wieder witzig ist. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher zeigen uns Frances McDormand und Regisseur Martin McDonagh ("Brügge sehen… und sterben?", "7 Psychos"), was tatsächlich hinter der versteinerten Fassade dieser Frau vorgeht. Und das ist dann nicht mehr lustig.

"Three Billboards" zeichnet das Bild einer Gruppe von Menschen, von denen keiner nur das ist, was er zu Anfang zu sein scheint. Keiner von ihnen ist nur schuldig oder verdammenswert, alle haben auch ihre guten Seiten. Sogar Hilfssheriff Dixon, der wegen seines Rassismus zur am stärksten diskutierten Figur des Films wurde, erweist sich zum Schluss als passabler Ermittler. McDonagh hat darauf verzichtet, die Welt von Ebbing, Missouri, in Gute und Böse einzuteilen. Es gibt nur normale Menschen. Und diese Menschen können einander auch vergeben, egal, was sie sich angetan haben. Das ist zum Schluss dann auch der Hoffnungsschimmer, mit dem der Film die Zuschauer aus dem Kino entlässt.

"Three Billboards outside Ebbing, Missouri" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 30 Januar 2018 um 22:08 von Roland Freist

Kommentare?

Filmkritik: "Die dunkelste Stunde"

Churchills hellste Stunde

Der Film hat den falschen Namen. Wenn es nicht schon im vergangenen Jahr einen Streifen mit diesem Titel gegeben hätte, müsste er eigentlich "Churchill" heißen anstatt „Die dunkelste Stunde“ („Darkest Hour“). Denn tatsächlich geht es erst in zweiter Linie um den kurzen Moment, in dem Englands Regierung nahe dran war, mit Hitler Verhandlungen über einen Friedensvertrag aufzunehmen. Im Mittelpunkt des Films des britischen Regisseurs Joe Wright ("Stolz und Vorurteil", "Wer ist Hanna?") steht ganz klar die Figur des britischen Premierministers jener Zeit, brillant verkörpert von Gary Oldman ("Léon – Der Profi", "Dame König As Spion").

Churchill kam 1940 an die Regierung, obwohl seine Partei, die britischen Konservativen, nicht viel von ihm hielt. Sein Vorgänger Neville Chamberlain, der gegenüber Hitler eine Appeasement-Politik gefahren hatte, war gescheitert. Deutsche Truppen hatten Polen besetzt und beginnen zu Beginn des Films mit dem Feldzug gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich. Die aufs Festland übergesetzte britische Armee wird immer weiter an den Ärmelkanal und die Häfen von Calais und Dünkirchen zurückgedrängt. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die gesamten englischen Streitkräfte entweder tot oder in Gefangenschaft sind und die deutschen Armeen ohne Gegenwehr auf die britische Insel übersetzen können.

In dieser Situation war der ehemalige Militär Churchill eine Notlösung. Seine Partei und auch der englische König George VI. (Ben Mendelsohn) hätten den Außenminister Viscount Halifax (Stephen Dillane) als Premierminister vorgezogen, der jedoch lehnte ab. Halifax und einige Mitglieder des Oberhauses hatten im Hintergrund längst begonnen, vorsichtige Kontakte zu Italien aufzunehmen, das sie sich als Vermittler für den gewünschten Waffenstillstand mit Deutschland wünschten.

Churchill ist sich der Situation wohl bewusst. Er steht unter enormem Druck. Gary Oldman spielt ihn als nervösen, oft unsicheren alten Mann, der ständig in alle Richtungen gleichzeitig zu denken scheint. Das ist nicht der intellektuelle, arrogante Churchill, den man aus anderen Filmen und Serien kennt, der Mann, der allen anderen Politikern in seinem Kabinett um Längen überlegen ist. Dieser Churchill weiß lange Zeit nicht, was er tun soll, und ist in seiner schwärzesten Stunde nahe dran, den bequemen Ausweg über die Friedensverhandlungen zu gehen.

Gleichzeitig jedoch, und da wird es ärgerlich, präsentiert der Film die ganzen Marotten von Churchill so, als handele es sich um eine Komödie mit einem dicken, alten Mann als liebenswertem, leicht schusseligem Protagonisten. Während der gesamten ersten Stunde wirkt es so, als sei da draußen zwar irgendwie Krieg, wichtiger jedoch sind die Spleens des dicken Mannes, seine lustigen Sprüche, wie er seine Sekretärin (Lily James) verschreckt, wie er ihr, in der Badewanne liegend, seine Reden diktiert oder sein unkonventioneller Tagesablauf. "Die dunkelste Stunde" findet erst zum Schluss, als die Situation tatsächlich ausweglos scheint, zu einem ernsten Tonfall, und wechselt dann leider sofort zu einem schwer erträglichen, schmalzigen Pathos, Großaufnahmen von kleinen Kindern und weinenden Frauen inbegriffen. Und natürlich darf auch die dröhnende Musik nicht fehlen.

"Die dunkelste Stunde" kann zwei große Pluspunkte für sich verbuchen: die Darstellung von Gary Oldman als Winston Churchill und die tollen Bilder und Einstellungen des französischen Kameramanns Bruno Delbonnel, der zuvor beispielsweise "Die fabelhafte Welt der Amelie" gedreht hatte. Doch ansonsten ist sehr viel schiefgegangen. Vergleicht man diesen Film etwa mit "The King’s Speech", der ungefähr zur gleichen Zeit spielt, so werden die Qualitätsunterschiede überdeutlich. Ein Oscar für Gary Oldman wäre mehr als verdient, mehr jedoch nicht.

"Die dunkelste Stunde" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 19 Januar 2018 um 21:49 von Roland Freist

Bearbeitet: Freitag 19 Januar 2018 22:50

Kommentare?
blog comments powered by Disqus

Zurück nach oben


<-!