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Filmkritik: "Green Book – Eine besondere Freundschaft"

Miss Daisy fährt ihren Chauffeur

Das hätte ein richtig guter Film werden können. "Green Book" hat vieles, was großes Hollywood-Kino ausmacht: ein gutes Thema (der Rassismus in den 60er Jahren), hervorragende Darsteller und ein stimmiges Design. Doch leider zeigen sich vor allem zum Ende hin einige Schwächen, die den gesamten Eindruck nachträglich beschädigen.

Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von Tony Vallelonga (Viggo Mortensen), seinen Freunden besser bekannt als Tony Lip. Er arbeitet in New York als Türsteher und Rausschmeißer. Als sein Club wegen Renovierungsarbeiten für zwei Monate schließen muss, heuert er, ohne ihn zuvor zu kennen, bei dem klassischen Pianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) an, der gerade eine Tournee durch die amerikanischen Südstaaten beginnen will. Tony soll ihn im Auftrag der Plattenfirma von einem Tourneeort zum nächsten bringen und vor allem darauf achten, dass er immer pünktlich ankommt, egal mit welchen Mitteln. Dabei gibt es nur ein Problem: Shirley ist schwarz, Schwierigkeiten mit der Bevölkerung und der Polizei in den vom Rassismus geprägten Südstaaten der 60er Jahre sind damit nahezu unvermeidlich. Und auch in der italienischen Community in New York, aus der Tony kommt, werden Schwarze gewohnheitsmäßig diskriminiert und beleidigt.

Über weite Strecken des Films freut sich Regisseur Peter Farrelly ("Verrückt nach Mary") einfach nur über das Bild, das er hier zeigen kann: Ein weißer Chauffeur fährt einen schwarzen und offensichtlich wohlhabenden Fahrgast durch die Lande. Gleichzeitig lässt Farrelly genüsslich die beiden unterschiedlichen Welten der beiden aufeinanderprallen. Tony Vallelonga ist ungebildet, hat einen derben Humor und ist es gewohnt, Konflikte auch mal mit ein paar Faustschlägen zu lösen. Shirley hingegen versteht es sich auszudrücken (er formuliert später sogar die Briefe von Tony an seine daheim gebliebene Frau), er hat studiert und achtet auf korrektes Benehmen. "Green Book" folgt über weite Strecken einem sehr bekannten Muster: Zwei unterschiedliche Charaktere, die anfangs nur Verachtung füreinander empfinden, beginnen sich mit der Zeit immer besser zu verstehen, bis sie schließlich zu Freunden werden. Und je mehr sie zu Freunden werden, desto mehr erkennt Tony – dem abwertende Bemerkungen über Schwarze absolut nicht fremd sind – die brutale Ungerechtigkeit gegenüber der dunkelhäutigen Bevölkerung. Shelby hingegen erstickt beinahe an seinen eigenen Widersprüchen: Obwohl er selbst schwarz ist, hat er keine Ahnung vom wahren Leben der meisten Schwarzen in den USA. Das sind die interessanten Aspekte dieser Geschichte.

Doch leider ergeht sich der Film auch in zahlreichen Klischees: Alle weißen Südstaatler sind nach außen hin freundlich und liberal, tatsächlich jedoch ängstlich bemüht, die rassistischen Erwartungen ihrer Heimat zu erfüllen. So darf Shirley zwar in einem noblen Restaurant auftreten und spielen, dort als Schwarzer jedoch nicht essen. Er darf nicht die normale Toilette benutzen, sondern muss auf ein baufälliges Plumpsklo hinter dem Haus ausweichen. Die üblichen Hotels sind ihm verwehrt, er muss stattdessen in heruntergekommenen Bruchbuden übernachten. Bei der Suche nach diesen Unterkünften hilft Shirley und Tony das Green Book, ein Verzeichnis mit Adressen von zumeist heruntergekommenen Hotels und Restaurants, die sich auf schwarze Gäste konzentrieren.

Und es hört nicht auf mit den Klischees: Die Italiener aus Tonys umfangreicher Familie essen gern und viel, und natürlich haben sie Kontakte zu den örtlichen Mafiosi. Die Schwarzen im Süden treffen sich in schummrigen Musikkneipen und tanzen zu Musik von herausragend guten Musikern, wie man sie offenbar in jedem schwarzen Musikclub antrifft. Und als wäre das alles noch nicht genug, kommen die beiden ausgerechnet an Heiligabend wieder nach New York zurück, wo es so stark schneit, dass sie beinahe steckenbleiben und es gerade noch so zum Weihnachtsessen schaffen. Das ist dann nur noch Kitsch. Es gibt einige wenige Momente, in denen Regisseur Farrelly die Vorurteile und Klischees selbst ein wenig aufs Korn nimmt, etwa wenn Tony seinem Fahrgast Hähnchenstücke von Kentucky Fried Chicken anbietet ("Euereins liebt doch Fried Chicken."). Doch selbst diese Szenen wirken allesamt wie schon tausendmal gesehen.

Was den Film über weite Strecken rettet, sind die beiden Hauptdarsteller. Viggo Mortensen ist hier nicht mehr der schöne, schlanke Aragorn, Arathons Sohn, mit den romantischen langen Haaren. Er hat sich für diese Rolle mehrere Kilo angefressen und in erster Linie in einen kräftigen Wanst gesteckt, der zu einem bulligen Schläger wie Tony ausgezeichnet passt. Mahershala Ali hingegen bekam sogar eine Oscar-Nominierung für seine Darstellung des distinguierten Klavierspielers, in dessen Innerem heftige Gefühle von Wut, Angst und Einsamkeit um die Vorherrschaft kämpfen. Mir hat der Tony von Viggo Mortensen besser gefallen, aber ich kann die Entscheidung der Academy nachvollziehen.

Peter Farrelly hat früher zusammen mit seinem Bruder Komödien gedreht, die mal mehr und mal weniger lustig waren. Man spürt diese Vergangenheit noch bei einigen gelungen eingesetzten Gags. Doch das verstärkt nur noch das Gefühl der Irritation, das bei "Green Book" vor allem zum Ende hin immer stärker aufkommt. Sollte das jetzt ein Wohlfühlfilm für die ganze Familie sein oder doch eher eine Anklage gegen Rassismus?

"Green Book" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 03 Februar 2019 um 18:28 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Februar 2019 18:54

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