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Filmkritik: "Wind River"

Tod im Schnee

Moderne Western wie "Wind River" haben einen ganz eigenen Reiz: Sie arbeiten mit den Figuren und Klischees der großen amerikanischen Filmtradition, mit schweigsamen Männern, harten, duldsamen Frauen und einer weiten, lebensfeindlichen Natur, und verbinden sie mit aktuellen Problemen wie Drogensucht, brutalen sexuellen Übergriffen und bürokratischen Kompetenzstreitigkeiten. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Dieser Film gehört zu den besseren Beispielen.

Das beherrschende Thema ist die Kälte während der Winter im mittleren Westen der USA. Dort, in Wyoming, wo die Temperaturen bis auf minus 30 Grad rutschen können, lebt Cory Lambert (Jeremy Renner), der sein Geld als Jäger verdient. Die örtlichen Viehzüchter heuern ihn an, um Wölfe oder andere Raubtiere abzuschießen, die ihre Herden bedrohen. Eines Tages findet er die Leiche eines jungen Mädchens, wie sich herausstellt, eine Freundin seiner verstorbenen Tochter, das mit nackten Füßen vor etwas weggerannt und erfroren ist. Die Fundstelle liegt in einem Indianerreservat, der dortige Sheriff (Graham Greene, "Der mit dem Wolf tanzt") ruft das FBI. Das erscheint in Gestalt der Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen, "Godzilla"), die von ihrer Dienststelle in Las Vegas nach Wyoming geschickt wurde und von den Bedingungen und Gefahren des Lebens bei eisigen Temperaturen keine Ahnung hat. Daher engagiert sie Lambert als eine Art Berater, und gemeinsam beginnen sie die Suche nach den Ursachen für den Tod des Mädchens.

Die Hauptfigur ist Lambert, ein Einheimischer, der mit einigen der Indianer bereits zur Schule gegangen ist. Er war selbst mit einer Indianerin (Kelsey Asbille) verheiratet, bis die Beziehung nach dem Tod ihrer gemeinsamen Tochter auseinanderbrach. Er redet nicht viel, aber der Film gibt sich große Mühe, damit der Zuschauer das, was in ihm vorgeht, zumindest erahnen kann. Jeremy Renner ("Tödlisches Kommando – The Hurt Locker") macht das gut, er beherrscht die Kunst, mit minimalem Einsatz einen eindrucksvollen Charakter zu erschaffen.

Leider sind nicht alle Charaktere so detailliert gezeichnet. Elizabeth Olsen und Graham Greene sind zwar gut in ihren Rollen, aber ihr Background bleibt völlig im Dunkeln. Man weiß nicht, was sie antreibt, wo sie herkommen oder was sie denken. Sie bleiben Fremde in einem Film, der sich auf einige wenige Figuren beschränkt. Das ist schade, zumal es auch wenig Handlung gibt und es Regisseur Taylor Sheridan – er hatte zuvor die Drehbücher zu "Sicario" und "Hell or High Water" geschrieben – erkennbar weniger um die Auflösung des Mordfalls als um die Zeichnung seiner Hauptfigur geht.

"Wind River" erntet aber noch einen weiteren, großen Minuspunkt, und zwar für die klischeehaften Details. Dass ein Jäger wie Lambert natürlich ein einsames, schweigsames Leben führt, nimmt man sogar noch recht gerne in Kauf, denn es ist einem lieber als ein ständig von seinen Heldentaten plappernder Protagonist. Aber müssen junge Indianer im Reservat wirklich in jedem Film drogensüchtig sein? Und müssen sie tatsächlich immer wieder von der Langeweile und Perspektivlosigkeit ihres Lebens in die Sucht getrieben werden?

Ärgerlich ist auch, dass zwar ständig die Kälte und Grausamkeit des Wyoming-Winters beschworen wird, tatsächlich jedoch niemand und in keiner Situation eine Atemfahne vor dem Mund hat, und zudem in einzelnen Einstellungen deutlich zu erkennen ist, dass der Schnee auf den Straßen zu Matsch geschmolzen ist.

Die beiden großen Pluspunkte des Films sind Jeremy Renner und die realistische Darstellung des Lebens in dieser gottverlassenen Gegend, hinzu kommt eine außerordentlich gute Kamera. "Wind River" hat außerdem einen packenden, intensiven Rhythmus, der dafür sorgt, dass trotz der eher mäßigen Spannung bei der Verbrechensaufklärung keine Langeweile aufkommt.

"Wind River" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 13 Februar 2018 um 21:50 von Roland Freist

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