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Filmkritik: "The Social Network"

Der unsoziale Mr. Zuckerberg

Programmierern beim Programmieren zuzusehen ist in etwa so spannend wie eine Kuh beim Wiederkäuen zu beobachten. Und auch die juristischen Auseinandersetzungen um die Besitzanteile an Firmen sind im Allgemeinen ziemlich trockener Stoff. Dummerweise ist jedoch die Geschichte von Facebook genau durch diese beiden Dinge geprägt: Programmierarbeit und Streitereien um Besitzansprüche. Damit "The Social Network" nicht zwei Stunden Langeweile verbreitet, musste Regisseur David Fincher ("Alien 3", "Sieben") tief in die Trickkiste greifen.

Zunächst peppte er die Geschichte etwas auf. Er erfand für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg eine Freundin (für die es kein reales Vorbild gibt), die in der ersten Szene des Films mit ihm Schluss macht. Sie taucht dann noch zwei, drei Mal wieder auf, unter anderem in der Schlussszene, und wir lernen, dass Zuckerbergs Motivation nicht das Geld ist. Er trauert ihr nach und will das Mädchen zurück. Man kann das kitschig und abgeschmackt nennen, aber es funktioniert, denn es bringt einen Hauch von Gefühl in eine ansonsten kalte und zynische Geschichte.

Zum zweiten heuerte Fincher Aaron Sorkin an, einen der erfolgreichsten Drehbuchautoren der letzten beiden Jahrzehnte – er schrieb unter anderem das Skript zu "Eine Frage der Ehre" und war die treibende Kraft hinter der mehrfach ausgezeichneten Serie "The West Wing". Sorkin legte dem Personal des Films schnelle, intelligente und teilweise sogar witzige Dialoge in den Mund. Immer geht es hin und her zwischen den Personen, mit rasender Geschwindigkeit, bisweilen fühlt man sich an Screwball Comedies erinnert. Es macht Spaß, diesen Dialogen zuzuhören – auch wenn die realen Vorbilder der Filmfiguren niemals so sprechen würden oder auch nur könnten. Einige Kritiker haben "The Social Network" seine "Dialoglastigkeit" vorgeworfen. Und das stimmt: Es wird unheimlich viel gequasselt, aber das auf höchstem Niveau.

Und zum dritten hat Fincher seine Schauspieler sorgfältig ausgesucht. Da Sony, die Produktionsfirma, ihm kein hohes Budget geben wollte, verzichtete er auf große Namen und verpflichtete Darsteller aus der zweiten Reihe. Mit Jesse Eisenberg, der Zuckerberg spielt, tat er sogar einen echten Glücksgriff. Eisenberg gibt äußerst überzeugend den genialen Nerd, den Außenseiter, der immer mal wieder leicht abwesend wirkt, nur um dann plötzlich mit einer neuen Idee oder einem weiteren Affront gegen seine Widersacher zur Stelle zu sein. Und auch Justin Timberlake, der den zwielichtigen Napster-Erfinder Sean Parker verkörpert, macht seine Sache recht gut.

Der Film liefert unter anderem eine Charakterstudie von Mark Zuckerberg. Der Gründer des größten social network der Welt wird gezeigt als ein Mensch, der selber unfähig ist, ein soziales Netzwerk aufzubauen. Ständig stößt er seine Mitmenschen vor den Kopf und merkt es nicht einmal, da ihm die grundlegendsten Anstandsregeln völlig fremd sind. Als Reaktion darauf, dass seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, bezeichnet er sie in seinem Blog als Schlampe. Einige Zeit später, nachdem er sie zufällig wiedergetroffen und einige Worte mit ihr gewechselt hat, beglückwünscht ihn einer seiner Mitstreiter, dass er sich nun endlich bei ihr entschuldigt habe. Zuckerberg schaut ihn nur verständnislos an. Auf diese Idee ist er überhaupt nicht gekommen. Als er später, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, die Idee für Facebook von den Winklevoss-Brüdern klaut – die ihn eigentlich nur als Programmierer angeheuert hatten – passt das perfekt ins Bild.

"The Social Network" verdankt seinen Erfolg zu großen Teilen der Tatsache, dass er genau zur richtigen Zeit kommt. Facebook hat sich zu einem Kult entwickelt, an dem jeder teilhaben will. Der Film liefert die Geschichte dazu. Und er ist auch nicht schlecht. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welch unglaublicher Geschwindigkeit sich das Netzwerk weltweit ausbreitet. Von Null auf 500 Millionen in sieben Jahren – wow. Bei den Kommentaren auf Youtube zum deutschen Trailer erzählt ein User, dass er sich nach diesem Film beim Einloggen in Facebook als wichtiger Teil von etwas Großem gefühlt habe. "The Social Network" hilft einer ganzen Generation, sich selbst zu definieren.

Ein Meisterwerk, wie ihn manche Kritiker bereits genannt haben, ist der Film jedoch nicht. Dazu hat er einfach zu viele Längen, insbesondere die juristischen Auseinandersetzungen der verschiedenen streitenden Parteien beginnen mit der Zeit zu nerven. Und: Der Film funktioniert gut im Kino, wo man sich ganz und gar auf die Leinwand konzentriert. Auf dem kleineren Fernsehschirm dürfte er jedoch durchfallen.

"The Social Network" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Der echte Mark Zuckerberg über die Gründung von Facebook ...

... und wie es zu einem profitbringenden Geschäft wurde:

Geschrieben am Sonntag 10 Oktober 2010 um 18:30 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Juli 2011 16:31

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