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Filmkritik: "Atomic Blonde"

John LeCarré trifft John Wick

Während des kalten Kriegs hatte Berlin eine der höchsten Dichten an Agenten pro Quadratkilometer der Welt. Insbesondere der Westen der Stadt war ein Tummelplatz für Spione vor allem der drei westlichen Alliierten, aber auch aus der DDR und der Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund entstanden zahlreiche Spionagekrimis und -filme, von John LeCarrés "Der Spion der aus der Kälte kam" über "Finale in Berlin" mit Michael Caine bis hin zu Spielbergs "Bridge of Spies". "Atomic Blonde" steht in der Tradition dieser Streifen, oder man könnte auch sagen, es kopiert viele der Klischees des klassischen Agentenkrimis.

Der Film spielt im Jahr 1989, kümmert sich allerdings nicht sonderlich um historische Genauigkeit. Zu Beginn meldet das Radio die Besetzung der Prager Botschaft, einige Tage später, zum Ende des Films, fällt die Mauer und es ist von Mauerspechten die Rede. Die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) erzählt übel zugerichtet im Londoner Hauptquartier des MI6 von den Geschehnissen in Berlin. In Rückblicken erfahren wir, dass man sie losgeschickt hatte, um eine Liste mit Agenten wiederzubeschaffen, die dem britischen Superagenten David Percival (James McAvoy) von einem Russen gestohlen worden war und die jetzt auf dem freien Markt angeboten wurde. Zudem sollte sie einen Doppelagenten identifizieren und ausschalten, der den MI6 bereits seit Jahren zum Narren gehalten hatte. Klassischer Krimistoff also. Allerdings stellt sich dieser Auftrag im weiteren Verlauf als recht kompliziert heraus, was dem Film insgesamt nicht guttut.

Doch nicht nur die Handlung lässt kaum eins der stilbildenden Elemente des Spionagethrillers aus. Auch bei der Gestaltung der Atmosphäre hat Regisseur David Leitch seine Vorbilder genau studiert. "Atomic Blonde" ist über weite Strecken ein Bilderbogen des alten Berlin der 80er Jahre, inklusive heruntergekommener, unsanierter Altbauten mit hohen Räumen, Graffitis an jeder Hauswand, der von oben bis unten besprühten Berliner Mauer und Punks mit Irokesenschnitt. Die Szenen in Ostberlin zeigen Trabis, Ladas und Wartburgs auf den Straßen. Es wird nicht wenige Menschen geben, bei denen Bilder diese Bilder nostalgische Gefühle auslösen, was durch den Soundtrack noch verstärkt wird: Er wird beherrscht vom europäischen Synthiepop der 80er Jahre, von Peter Schillings "Major Tom" bis zu "Blue Monday" von New Order. Die Atmosphäre des Films entspricht allerdings ziemlich genau der eines typischen Berliner Winters, es ist kalt, grau, ungemütlich. Kälter ist nur noch die wasserstoffblone Protagonistin des Films, die passend dazu am liebsten Wodka auf Eis trinkt.

Doch es gibt auch Unterschiede zu den Klassikern des Genres. Regisseur David Leitch hatte 2014 zusammen mit Chad Stahelski "John Wick" gedreht, den bislang besten Vertreter der neuen Garde des Actionfilms. Und während Stahelski "John Wick 2" machte, widmete sich Leitch "Atomic Blonde". Und so ist aus Lorraine Broughton nicht der übliche, leicht distanzierte und ironische James-Bond-Typ einer Agentin geworden, sondern eine wild um sich schlagende Kampfmaschine mit einer deutlich zur Schau getragenen Verachtung für Schusswaffen. Lorraine bevorzugt Martial Arts. Leitch hat lange Jahre als Stuntman gearbeitet, er weiß also, was bei Actionszenen möglich ist. Und dieses Wissen setzt er hier gekonnt ein. Seine Protagonistin schlägt, stößt, tritt ihre Gegner mit einer unglaublichen Fülle von Varianten. Sie springt, weicht aus, wirft sich auf den Boden und benutzt alles, was sie auf die Schnelle in die Hand bekommen kann, als Waffe, angefangen von einem Gartenschlauch über ihren Haustürschlüssel bis hin zu einem Korkenzieher. Charlize Theron hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass ihr Actionszenen liegen, am nachdrücklichsten zweifellos in "Mad Max: Fury Road". Hier ist sie sogar noch stärker gefordert, denn die Kampfszenen erfordern noch einmal mehr Kraft und Konzentration als das Endzeit-Spektakel von George Miller. Aber auch diese Herausforderung meistert sie mit Bravour.

Theron ist natürlich der Star des Films. Aber neben ihr tauchen noch eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter auf. Allen voran ist James McAvoy zu nennen, der einst mit "Der letzte König von Schottland" bekannt wurde und in den letzten Jahren in der Rolle des jungen Charles Xavier in den X-Men-Filmen in Erscheinung trat. Dazu kommen John Goodman als CIA-Mann Emmett Kurzfeld, der wunderbare britische Schauspieler Toby Jones als Vorgesetzter von Lorraine Broughton, Eddie Marsan ("Ray Donovan") als Überläufer, Sofia Boutella ("Die Mumie") als französische Agentin sowie nicht zu vergessen Til Schweiger als mysteriöser Uhrmacher mit Kontakten.

"Atomic Blonde" hat während in der ersten Hälfte einige Längen, die vor allem durch die unnötig komplizierte Handlung zustandekommen. Im letzten Drittel nimmt er jedoch noch einmal Fahrt auf und lässt die anfänglichen Durchhänger vergessen. Ein filmisches Meisterwerk darf man zwar nicht erwarten. Doch auf seine Weise ist er mit seiner Mischung aus Agenten- und Actionthriller durchaus originell. Die guten Schauspieler und die gekonnt in Szene gesetzten Kampfsequenzen und Verfolgungsjagden tun ein Übriges, dass man den Kauf des Kinotickets nicht bereut.

"Atomic Blonde" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 27 August 2017 um 17:33 von Roland Freist

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