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Filmkritik: "Elle"

Basic Instinct

"Elle" ist über weite Strecken ein mäßig interessanter Film über das Leben einer reichen Frau um die 50: Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) leitet einen Verlag, der sich auf die Produktion von Videospielen spezialisiert hat. Sie lebt allein in einer schönen, alten Villa in Paris, fährt ein schickes Auto. Ihren Ex-Mann (Charles Berling) hat sie verlassen, doch er ist nach wie vor einer ihrer engsten Vertrauten. Ihr gemeinsamer Sohn (Jonas Bloquet) jobbt in einem Fast-Food-Lokal und hat eine hochschwangere Freundin, finanziell ist er nach wie vor von seiner Mutter abhängig.

Der Film zeigt Michèle wie sie zur Arbeit geht, sich mit den Grafikern und Programmierern herumärgert, wie sie sich mit Freunden trifft. Sie hat eine Affäre mit dem Mann (Christian Berkel) ihrer besten Freundin und Kollegin (Anne Conigny), außerdem ist sie scharf auf den Nachbarn (Laurent Lafitte), der mit seiner Frau im Haus gegenüber wohnt, und sie versucht, ihn zu verführen. Und sie ist eifersüchtig auf ihren Ex, der eine Beziehung mit einer seiner Doktorandinnen begonnen hat. Sie zeigt wenig Gefühle im Verhältnis zu anderen, das gilt auch für ihre ehemaligen und aktuellen Liebhaber und ihre Familie. Stattdessen ist sie sarkastisch, zynisch, ironisch und dabei oft sehr witzig. Nur bei ihren Eltern ist sie anders: Ihre Mutter peppt sich mit Schönheitsoperationen auf und leistet sich einen Callboy als Liebhaber, was Michèle grotesk und peinlich findet. Ihr Vater dagegen sitzt im Gefängnis, sie hasst ihn und hat ihn seit 40 Jahren nicht mehr gesehen.

Das alles ist nicht sonderlich interessant, aber zumindest gut erzählt und unterhaltsam. "Elle" wäre eine harmlose, amüsante Liebeskomödie, wenn Michèle nicht gleich in der ersten Szene brutal vergewaltigt würde. Der Mann trägt eine Skimaske, sie erkennt ihn nicht. Äußerlich bleibt sie ruhig, nimmt ein Bad, bestellt sich beim Lieferservice etwas zu essen, geht am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Sie ruft weder die Polizei noch sagt sie ihren Freunden, was geschehen ist. Doch als der Täter sie verfolgt, ihr obszöne Nachrichten schickt und in ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung einbricht, sorgt sie vor, kauft sich Pfefferspray und ein Beil, außerdem lässt sie die Schlösser auswechseln.

Mehrere Männer kommen als Täter infrage, unzufriedene Mitarbeiter, ihr Geliebter oder auch ihr Sohn, dem sie Vorhaltungen wegen seiner Freundin macht. Sie versucht einige Male, dem Täter auf die Spur zu kommen, hat jedoch keinen Erfolg. Doch dann steht der Vergewaltiger plötzlich wieder in ihrer Wohnung, und dieses Mal kann sie ihm die Maske abreißen.

Regisseur Paul Verhoeven hat in seinen Filmen schon immer gern mit Identitäten gespielt. Wer oder was war "Robocop", der Polizist Alex J. Murphy oder eine Maschine? Und war Arnold Schwarzenegger in "Total Recall" nun ursprünglich gut oder böse? Auch "Elle" lässt einen zum Schluss ratlos zurück. Denn im dritten Akt nimmt der Film eine Wendung, die einen nicht nur an Michèle, sondern zeitweise auch an der gesamten Geschichte zweifeln lässt. Man erkennt, dass das Drehbuch von Anfang an sehr sorgfältig eine zweite mögliche Version oder auch Interpretation des Geschehens vorbereitet hat. Die Fakten lassen plötzlich auch eine andere Deutung zu. Und aus der harmlosen Liebeskomödie wird ein Psychothriller.

Möglich machen das aber nicht nur das Drehbuch und die Regiekunst von Verhoeven, sondern auch Isabelle Huppert. Man sieht und spürt, dass etwas in ihr vorgeht, doch man erkennt nicht, was es ist. Ist ihre Michèle tatsächlich so abgeklärt, wie sie nach außen hin tut? Empfindet sie Angst oder Wut, Scham oder Ekel? Sie verbirgt es vor dem Zuschauer genauso wie vor ihren Mitmenschen. Ohne die Charakterzeichnung von Huppert wäre der Film nur halb so gut. Völlig zu recht wurde sie für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.

"Elle" ist ein krasser und teilweise schockierender Film, direkt und überraschend und zum Schluss auch sehr blutig. Verhoeven findet hier zu seiner alten Form zurück, die er bei Titeln wie "Showgirls" und "Hollow Man" bereits endgültig verloren zu haben schien.

"Elle" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 19 Februar 2017 um 22:12 von Roland Freist

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