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Filmkritik: "Molly's Game – Alles auf eine Karte"

Poker für Fortgeschrittene

Poker ist ein Spiel, bei dem es gleichermaßen um das Kalkulieren von Risiken und Gewinnchancen geht wie um Psychologie. Es ähnelt damit diesem Film, der einerseits recht nüchtern vom Kriminalfall der "Pokerprinzessin" Molly Bloom erzählt, mindestens genauso sehr aber auch in einer psychologischen Studie ihre Persönlichkeit erforscht.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Molly Bloom, gespielt von Jessica Chastain, wuchs als Kind eines gut verdienenden Psychologen (Kevin Costner) auf. In jungen Jahren war sie eine begabte Skiläuferin und stand kurz vor der Teilnahme an den Olympischen Spielen. Doch dann verunglückte sie und konnte ihren Sport nicht mehr ausüben.

Molly wollte eigentlich ein Jura-Studium beginnen. Jetzt jedoch nimmt sie eine Auszeit, zieht nach Los Angeles und jobbt als Kellnerin. In ihrer Bar bekommt sie Kontakt zu einem professionellen Organisator (Jeremy Strong) von Pokerrunden für Hollywood-Schauspieler und andere Leute mit viel Geld – angeblich gehörten damals unter anderem Leonardo DiCaprio, Ben Affleck und Tobey Maguire zu den Spielern. Sie ist schlau und lernt schnell, schon bald macht sie ihre eigene Pokerrunde auf. Der Buy-in beträgt 10.000 Dollar, was für die Teilnehmer jedoch kein Problem ist. Sie selbst lebt allein von den Trinkgeldern, die ihr Woche für Woche einen fünfstelligen Betrag einbringen. Doch nach einigen Jahren gibt es zunehmend Ärger mit einem der Spieler (Michael Cera), der schließlich sie ausbootet. Molly Bloom zieht nach New York und baut ihr Geschäft neu auf, dieses Mal liegt der Buy-in sogar bei 250.000 Dollar. Doch sie wird unvorsichtig, schon bald werden die Pokerrunden von Mitgliedern der italienischen und russischen Mafia besucht, und das FBI beginnt sich für die Treffen zu interessieren. Außerdem nimmt Molly mittlerweile Drogen und zweigt einen kleinen Teil der Einsätze für sich ab. Die Spieler stört das nicht, doch sie macht sich damit strafbar. Als sie schließlich verhaftet wird, nimmt sich nach einigem Zögern der Staranwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) ihrer an.

Die Story von "Molly’s Game" ist sehr einfach und nicht sonderlich spannend. Dass trotzdem ein guter, unterhaltsamer Film daraus geworden ist, ist zum einen dem Drehbuch und den Dialogen von Aaron Sorkin zu verdanken, der hier zum ersten Mal auch Regie geführt hat, und zum anderen den tollen schauspielerischen Leistungen von Jessica Chastain und Idris Elba.

Sorkin wurde bekannt durch seine Drehbücher etwa für "Eine Frage der Ehre", "The Social Network" oder "Steve Jobs". Sein Markenzeichen waren schon immer die ausgefeilten Dialoge, und man erkennt seine Handschrift auch dieses Mal wieder. Molly Bloom ist jung, hochintelligent und selbstbewusst, und wenn sie mit ihrem Anwalt diskutiert, geht es in einem Tempo hin und her wie in einer Screwball Comedy aus den 40ern. Aber auch wenn sie mit einzelnen Spielern redet, sie aufmuntert oder ihnen rät, aufzuhören und nach Hause zu gehen, sind das wunderbare, stimmungsvolle Szenen. Jessica Chastain zeigt ihre ganze Schauspielkunst und schafft allein durch die Art, wie sie auf die Männer zugeht, atmosphärisch unglaublich dichte Szenen. Idris Elba kann sich mittlerweile ganz auf seine Ausstrahlung und seinen Charme verlassen. Kevin Costner schließlich hat bereits vor einigen Jahren zu seiner Seniorenrolle gefunden, die ihm hervorragend passt, den stets etwas müden, älteren, weisen Mann.

Der Film psychologisiert sehr stark, vielleicht sogar zu stark. In Rückblenden sieht man die junge Molly, wie sie von ihrem Vater gezwungen wird, nach einem ersten schweren Sturz wieder in den Wettkampfsport einzusteigen und man fragt sich, was das mit der Poker-Geschichte zu tun haben soll. Zum Schluss kommt es völlig überraschend zu einem Gespräch zwischen Vater und Tochter, das beinahe schon bizarre Züge trägt.

Da es nun mal um Poker geht, verzichtet Sorkin auch nicht auf die Diskussion einiger Kartenkonstellationen, die von Molly Bloom aus dem Off kommentiert werden. Doch so hastig, wie diese Szenen wieder beendet werden, wirken sie wie Zutaten, die der Regisseur eher widerwillig und zwangsweise in den Film aufgenommen hat. Besser wäre es gewesen, sie entweder ganz wegzulassen oder ausführlicher zu erklären, um die Spannung des Augenblicks zu vermitteln. In dieser Form jedoch bringen sie niemanden etwas.

"Molly’s Game" kann man sich anschauen, um etwas über zwei Stunden gut unterhalten zu werden und tollen Schauspielern zuzusehen. Wer jedoch mehr erwartet, wird enttäuscht.

"Molly's Game" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 14 März 2018 um 22:42 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 14 März 2018 22:48

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