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Filmkritik: "Manchester by the Sea"

Manchester im tiefsten Winter

Solche Filme haben nur in der Vorphase der Oscar-Verleihung eine Chance, in die Kinos zu kommen. "Manchester by the Sea" ist das Psychogramm eines Mannes in den 40ern, einsam, mürrisch, unkommunikativ, der als Hausmeister und Mädchen für alles verstopfte Klos reinigt, Abflüsse repariert und Wasserrohrbrüche inspiziert. Es gibt keine Abwechslung in seinem Leben, sein Tagesrhythmus ist immer gleich, tagsüber arbeitet er, abends geht er Bier trinken und starrt vor sich hin. Wenn ihn doch mal jemand anspricht, reagiert er abweisend oder sogar aggressiv. Unangenehmer Typ. Doch der Film über Lee Chandler (Casey Affleck), so heißt die Hauptperson, ist einer der besten des Jahres.

Eines Tages geschieht nämlich doch etwas, das ihn aus seinem Alltagstrott reißt. Sein Bruder Joe (Kyle Chandler) ist gestorben und Lee fährt in seinen Heimatort, eben jenes Manchester by the Sea, um das Begräbnis zu organisieren und die letzten Angelegenheiten seines Bruders zu regeln. Manchester ist ein kleiner, durchschnittlicher Küstenort in Massachusetts, die Leute kennen sich untereinander. Und als Lee wieder auftaucht, erkennen sie ihn wieder und weisen sich hinter vorgehaltener Hand darauf hin, dass das "DER Lee Chandler" sei.

In Rückblenden wird erzählt, wie es dazu kam, dass er hier als "DER Lee Chandler" bekannt ist, warum ein durchaus gutaussehender Mann wie er keine Familie hat, warum er sich so abkapselt. Es ist, wie nicht anders zu erwarten, eine deprimierende Geschichte, voller Leid und Trauer, Verzweiflung und Selbsthass. Ein anderer Film würde daraus ein düsteres Drama stricken, mächtig auf die Tränendrüse drücken und erst zum Schluss, vielleicht, einen kleinen Hoffnungsschimmer aufleuchten lassen, denn das hat Hollywood gern.

Regisseur Kenneth Lonergan, der vor allem für seine Mitarbeit am Drehbuch zu "Gangs of New York" bekannt ist, schlägt jedoch einen anderen Weg ein. Er setzt seiner traurigen, verzweifelten Hauptfigur das Leben selbst entgegen, das immer wieder Schicksalsschläge bereithält, aber auch komisch und optimistisch sein kann. Auf diese Weise relativiert er den Schmerz und die Depressionen von Lee, ohne sie jedoch abzuqualifizieren und herunterzuspielen. "Manchester by the Sea" ist kein Film, aus dem die Zuschauer mit rot geweinten Augen herauskommen. Tatsächlich enthält er sogar etliche sehr komische Szenen, kleine Alltagsbeobachtungen, schnelle, lakonische Dialoge.

Es passiert nicht viel in den 137 Filmminuten. "Manchester" konzentriert sich auf die Zeichnung eines Charakters, auf die Gründe, warum er so ist wie er ist, die wenige Handlung ist tatsächlich eher zweitrangig. Dennoch ist der Film keine Minute langweilig, was nicht nur an dem ausgezeichneten Drehbuch und der Regie liegt, sondern auch an Hauptdarsteller Casey Affleck. Er stand immer etwas im Schatten seines großen, strahlend schönen Bruders Ben, doch mit diesem Film dürfte er sich endgültig in der ersten Schauspieler-Liga etabliert haben. Denn er ist einfach dieser verzweifelte Mann aus der Unterschicht, jede Geste, jeder Blick stimmt, man kann nicht glauben, dass das gespielt sein soll. Ebenfalls herausragend ist Michelle Williams ("My Week with Marilyn"), die zwar nur in einigen kurzen Szenen zu sehen ist, diese jedoch so ausfüllt, dass man sie nicht vergisst.

"Manchester by the Sea" ist ein Film für das Kinopublikum 40+. Viele jüngere Zuschauer werden sich vermutlich langweilen, werden sich nicht für die Hauptperson interessieren und die lustigen Stellen nicht lustig finden. Doch er ist ein Beispiel dafür, welche Meisterwerke das amerikanische Kino abseits des Mainstream hervorbringen kann.

"Manchester by the Sea" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 22 Januar 2017 um 18:45 von Roland Freist

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