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Filmkritik: "Moonlight"

Schwarzes Drama

"Every nigger is a star" – der Film beginnt mit dem gleichen Sample wie Kendrick Lamars Album "To Pimp a Butterfly", eines der größten Hip-Hop-Alben aller Zeiten. Die Zeile, entnommen einem Song von Boris Gardiner, ist ein Ausdruck trotzigen schwarzen Selbstbewusstseins. Im Kontext von "Moonlight" erklärt sie die Fokussierung des Films auf den, wie man befürchten muss, nicht ungewöhnlichen Lebenslauf eines Jungen aus den weniger ansehnlichen Vierteln von Miami, wo auch die Farbfilter von "CSI: Miami" die Lebensumstände nicht mehr aufhübschen könnten.

"Moonlight" erzählt in drei weitgehend abgeschlossenen Teilen die Geschichte von Chiron (Alex Hibbert), der in einem schwarzen Viertel aufwächst und zur Schule geht. Im ersten Teil des Films ist er vielleicht sieben oder acht Jahre alt, still und verschüchtert. In seiner Klasse nennen sie ihn "Little", weil er klein und schmächtig ist. Seine Mutter (Naomie Harris, die aktuelle Miss Moneypenny aus den Bond-Filmen) ist cracksüchtig, ein Vater nirgendwo zu sehen. Durch Zufall lernt er den Dealer Juan (Mahershala Ali) und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe in ihrer zweiten großen Rolle nach "Hidden Figures") kennen. Sie werden seine Ersatzfamilie, zu der er sich flüchtet, wenn er es bei seiner Mutter nicht mehr aushält. Sie sind es auch, denen als erstes auffällt, dass Chiron schwul ist.

Das zweite Kapitel spielt einige Jahre später, Chiron (Ashton Sanders) ist jetzt vielleicht 16. Juan ist mittlerweile tot, doch noch immer sucht der Junge Schutz bei Teresa. Die Drogensucht seiner Mutter hat sich noch verschlimmert, sie bettelt ihn um Geld an. An der Schule ist er ein Außenseiter, der von den anderen getriezt und tyrannisiert wird. Sein einziger Freund ist wie schon in der Kinderzeit der kubanischstämmige Kevin (Jharrel Jerome), mit dem er seinen ersten sexuellen Kontakt hat, der ihn jedoch wenig später verrät. Voller Wut wird Chiron gewalttätig und landet im Knast.

Drittes Kapitel: Chiron (Trevante Rhodes) ist Anfang 20 und lebt als Dealer in Atlanta. Er hat sich dicke Muskeln antrainiert, trägt Goldkette, goldenes Armband, goldene Grillz. Noch immer spricht er nicht viel. Seine Mutter ist in einer Klinik, aus der sie vermutlich nicht mehr herauskommen wird. Er verbirgt seine Homosexualität, macht einen auf Hetero-Macho. Doch nach einem Besuch bei seiner Mutter ruft er plötzlich Kevin an, den er jahrelang nicht gesehen hat und der jetzt in einem kleinen, billigen Restaurant als Koch arbeitet.

Regisseur Barry Jenkins lässt seinen Kameramann James Laxton ganz nah herangehen an die Gesichter, bis sie die komplette Höhe der Leinwand ausfüllen. Zwischendurch arbeitet er immer wieder mit einer wackeligen Handkamera. Zusammen mit dem exemplarischen Charakter der Geschichte entsteht daraus an vielen Stellen der Eindruck, als habe man es hier mit einem Dokumentarfilm zu tun, der dem Zuschauer etwas erklären will. Und tatsächlich liefert "Moonlight" eine plausible Erklärung, warum sich jemand in solch einen bizarren, goldumwickelten Muskelberg verwandelt.

Aber das ist nur einer von vielen Aspekten des Films. Es geht auch darum, wie es ist, in Armut aufzuwachsen, es geht um das Finden der eigenen Sexualität, es geht um Freundschaft und nicht zuletzt auch um Liebe. Geht es auch um die Situation der Schwarzen in den USA? Eher nicht. Denn der Film bewegt sich nicht aus der schwarzen Community hinaus. Die einzigen Weißen, die man überhaupt zu Gesicht bekommt, sitzen im dritten Kapitel Kevins Restaurant. Ansonsten bewegt sich Chiron ausschließlich unter Schwarzen. Eine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe ist hier nicht das Thema, gehasst wird er wegen seiner schüchternen Homosexualität.

Alex Hibbert, Ashton Sanders und Travante Rhodes, die Chiron in den verschiedenen Altersstufen spielen, gelingt es, eine gewisse Kontinuität der Figur herzustellen. Auch wenn sich ihr Protagonist äußerlich stark verändert, erkennt man selbst in dem Dealer mit den aufgepumpten Muskeln immer noch Züge des dünnen, kleinen Little vom Anfang des Films wieder. Die beste schauspielerische Leistung kommt jedoch von Mahershala Ali, den ich bisher vor allem aus Fernsehserien wie "4400 – Die Rückkehrer", "House of Cards" oder "Luke Cage" kannte. Er macht aus der zwiespältigen Figur des Crack-Dealers Juan in der wenigen Zeit, die das Drehbuch ihm lässt, einen echten, glaubwürdigen Charakter mit beeindruckender Ausstrahlung. Den Oscar für den besten Nebendarsteller hat er völlig zu recht bekommen.

"Moonlight" ist kein großer, sensationeller Film, doch er ist vielschichtiger, als es die Story zunächst vermuten lässt. In einigen Momenten segelt er zwar knapp am Kitsch vorbei, dass diese Klippen dann doch sicher umfahren werden ist vor allem der Verdienst einer souveränen Regie und ausgezeichneten Kameraarbeit.

"Moonlight" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 15 März 2017 um 11:12 von Roland Freist

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