Filmkritik: "Wonder Woman"

Wie Hindenburg wirklich starb

Neben den beiden großen Heroen des DC-Comic-Universums, Superman und Batman, war Wonder Woman eigentlich immer nur eine Nebenrolle. In den USA erreichte die Figur vor allem durch eine Fernsehserie in den 70er Jahren eine größere Bekanntheit, die in Deutschland erst in den 90er Jahren im RTL-Programm zu sehen war. Darüber hinaus soll Wonder Woman bereits in der letzten DC-Comicverfilmung "Batman vs. Superman" aufgetaucht sein, die ich leider nicht gesehen habe. Doch das ist auch nicht notwendig, um diesen neuen Film verstehen zu können.

Die Geschichte ähnelt ein wenig der von Superman. Allerdings wächst Wonder Woman, mit bürgerlichem Namen Diana, nicht auf Krypton auf, sondern auf der Insel Themyscira, die aussieht, als sei sie irgendwo in der Ägäis gelegen. Dort leben die Amazonen, ein Stamm von unsterblichen, kriegerischen Frauen. Diana ist die Tochter von Königin Hyppolita (Connie Nielsen) und dem Gott Zeus und damit eine Halbgöttin mit übermenschlichen Kräften. Gespielt wird sie wie schon in "Batman vs. Superman" von der israelischen Schauspielerin Gal Gadot, die in ihren zwei Jahren bei der Armee als Sporttrainerin gearbeitet hat, was man ihr in ihrer Rolle auch durchaus ansieht.

Eines Tages stürzt nahe der Insel ein einmotoriges Flugzeug ins Meer, gesteuert von dem britischen Geheimagenten Steve Trevor (Chris Pine). Er wird verfolgt von einem deutschen Kriegsschiff und wir erfahren, dass wir uns nun in den Jahren des ersten Weltkriegs befinden. In einer kraftvollen und hervorragend inszenierten Schlachtszene am Strand von Themyscira besiegen die nur mit Pfeil und Bogen bewaffneten Amazonen die deutschen Soldaten. Regisseurin Patty Jenkins übernimmt an dieser Stelle den Bilderstil von Zack Snyders martialischem Sparta-Epos "300" – kein Wunder, denn Snyder taucht in den Credits sowohl bei den Drehbuchautoren wie auch in der Liste der Produzenten auf.

Trevor überredet Diana, ihm nach Europa zu folgen. Sie hofft, dort den Kriegsgott Ares stellen zu können, der nach der Überlieferung verantwortlich für die Kriege der Menschen ist. Von London aus starten sie mit drei Freelance-Soldaten zu den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs in Belgien. Dort arbeitet die Chemikerin Dr. Maru (Elena Anaya) im Auftrag von General Ludendorff (Danny Huston) an einer neuen Form von Senfgas, die auch Gasmasken durchdringen kann. Ludendorff hofft, den Krieg auf diese Weise noch gewinnen zu können, während sich die Politiker in Berlin bereits auf einen Waffenstillstand vorbereiten. Diana hält zunächst ihn für die Verkörperung von Ares, muss dann allerdings erkennen, dass ihr der wahre Endkampf erst noch bevorsteht.

"Wonder Woman" ist in mehrerer Hinsicht ein bemerkenswerter Film. Nicht nur, weil er emotional starke Kampfszenen liefert wie die bereits erwähnte Strandszene oder den Vormarsch von Diana gegen die Schützengräben der deutschen Truppen. Er bezieht auch eindeutig Stellung gegen den Krieg, zeigt die Wirkung und die Folgen von Giftgasangriffen, ermordete Zivilpersonen und zerstörte Dörfer. Diana, die mit der einigermaßen romantischen Vorstellung vom Krieg als einem Duell zwischen ihr und Ares aufwuchs, wird schnell eines Schlechteren belehrt und beginnt, sich für die Schicksale der Betroffenen zu interessieren und daraus ihre Motivation zu schöpfen. Seine schwächsten Momente hat der Film am Schluss, als es zum unvermeidlichen Kampf der Titanen kommt. Die ganze intelligente Inszenierung und die Subtilität, welche die ersten anderthalb Stunden auszeichneten, werden dann für einen eher drögen Blitzkrieg (im wörtlichen Sinne) aufgegeben.

Immerhin entwickelt die Geschichte zwischendrin noch einigen an Humor. So spielt Regisseuring Jenkins etwa nach der Ankunft von Trevor und Diana in London genüsslich mit den Konflikten, die sich aus dem Aufeinandertreffen von Amazonen- und realer Welt ergeben und verteilt nebenher noch einige Seitenhiebe auf die Männerbünde in Politik und Gesellschaft der damaligen Zeit.

"Wonder Woman" ist einer der besten Superhelden-Filme im klassischen Stil des ersten "Superman" oder auch der "Avengers". Hier geht es nicht um Moral, Depressionen und Selbstzweifel, sondern um den Kampf von Gut gegen Böse, wobei das absolut Böse der Krieg selbst ist. Wie gesagt, ein guter Film.

"Wonder Woman" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 20 Juni 2017 um 23:12 von Roland Freist

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Filmkritik: "Die Mumie (2017)"

Hätte man sie doch bloß nicht wiederbelebt

Mumien sind seit jeher beliebte Elemente des klassischen Horrorfilms, was wohl vor allem damit zu tun hat, dass bereits die Vorstellung, wie die Leiche unter den ganzen Mullbinden wohl aussehen mag, ein leichtes Gruselgefühl hervorruft. Wenn die in Jahrtausenden vertrockneten Körper dann noch aufstehen und die Lebenden mit allerlei altägyptischem Zauber bedrohen, hat man alle Zutaten für einen gelungenen Grusel beisammen. Eigentlich sollte dann nicht mehr viel schiefgehen können. Kann es aber doch, wie die 2017er Version von "Die Mumie" beweist.

Wohl jeder kennt die 1999er Version mit Brendan Fraser als zwielichtigem Grabräuber im Ägypten der 20er Jahre. "Die Mumie" von 2017 nun verlegt die Handlung in die Gegenwart und setzt auf die beiden Superstars Tom Cruise und Russell Crowe. Cruise spielt den amerikanischen GI Nick Morton, der während des Irakkriegs ausbüxt, um in der Wüste einen sagenhaften Schatz zu suchen. Zusammen mit seinem Kumpel Chris (Jake Johnson) und der hübschen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) stößt er tatsächlich auf eine Grabhöhle mit einem stark geschützten Sarkophag, der daraufhin nach London überführt wird. Warum Amerikaner ein archäologisches Fundstück nach England bringen, wird übrigens nicht weiter erklärt.

Wie auch immer: Der Sarkophag dient natürlich als Gefängnis für eine Mumie, in diesem Fall die Überreste einer ägyptischen Prinzessin namens Ahmanet (Sofia Boutella). Sie sollte ehemals als älteste Tochter des Pharaos das ägyptische Reich erben, was aber quasi in letzter Minute nicht klappte, woraufhin sie sich mit dem Gott Seth einließ und ihren Vater, dessen Frau und ihren gemeinsamen Sohn ermordete. Nachdem nun Nick ihre Fesseln gesprengt hat, macht sie sich auf zur Weltherrschaft. Dabei soll ihr Nick zur Seite stehen, der, man weiß nicht, wie's dazu kam, Ahmanets alten Verbündeten Seth in sich trägt. Er macht sich immer mal wieder durch Visionen aus dem alten Ägypten bemerkbar und steuert zeitweise auch Nicks Willen.

Diese Story hört sich nicht nur in der Nacherzählung dröge an, auch die Filmhandlung ist eher langweilig. Die Macher waren daher so klug, der Handlung keine größere Aufmerksamkeit zu schenken und sich voll und ganz auf die Horroreffekte zu konzentrieren. Hier liegen eindeutig die Stärken des Films, man spürt die Hollywood-Routine beim Aufbau der Buh-Effekte, wenn etwa die Protagonisten langsam auf einen Raum zugehen und plötzlich irgendwelche Monster oder Waffen ins Bild schießen. So gesehen erfüllt dieser Film seinen Daseinszweck, denn er ist gut geeignet für Teenager, die zusammen mit Freund oder Freundin ins Kino gehen und sich in Schreckmomenten aneinander kuscheln wollen. Ein typische Sommer-Blockbuster also.

Über die Handlung darf man sich freilich keine Gedanken machen. In London etwa taucht ohne ersichtlichen Grund der von Russell Crowe gespielte Dr. Jekyll auf, vielleicht weil dem Filmstudio ein Monster pro Film zu wenig war. Doch gerade als ich mich auf den Kampf zwischen Mumie und dem bösen Mr. Hyde zu freuen begann, war er auch schon wieder verschwunden und ward bis zum Ende des Films nicht mehr gesehen. Die Dialoge sind auf ähnlichem Niveau, Wortwechsel wie "Du hast seine Frau und ihr Kind getötet." "Das waren andere Zeiten damals." sind keine Seltenheit.

Immerhin macht Russell Crowe seine Sache noch recht gut. Das Gleiche kann man nicht über Tom Cruise sagen, der sich offensichtlich entschlossen hatte, eine Art Indy ohne den Professor-Jones-Überbau zu mimen. Das ist ihm weitgehend misslungen, sein Nick Morton ist einfach nur ein Hampelmann ohne jeden Charme. Angeblich hatte Nick bereits vor dem Eintreffen im Irak eine Affäre mit Jenny Halsey, was angesichts der Charaktere völlig ausgeschlossen erscheint. Die beiden Frauen übrigens, sowohl Annabelle Wallis wie auch die gebürtige Algerierin Sofia Boutella, erbringen zwar keine Meisterleistungen, agieren jedoch zumindest solide und ohne größere Ausrutscher.

Der 1999er Mumienfilm besaß Witz, Charme, eine nachvollziehbare Handlung und als glaubwürdiges Motiv eine sich über die Jahrtausende erstreckende Liebesgeschichte. Hinzu kamen einige für die damalige Zeit spektakuläre CGI-Effekte. Der "Mumie" von 2017 fehlt das alles, dies ist einfach nur ein zusammengeschustertes Stück Popcorn-Kino mit einigen gekonnt eingesetzten Horroreffekten. Wer seiner oder seinem Angebeteten im Kino näherkommen will, soll sich diesen Film ansehen. Alle anderen können darauf verzichten.

"Die Mumie" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 13 Juni 2017 um 22:46 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 14 Juni 2017 15:18

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Die besten Zuordnungen von OnlineTvRecoder

Wer sich bei dem Webdienst OnlineTvRecorder.com anmeldet, erhält jeden Morgen eine E-Mail mit den 20 beliebtesten Aufnahmen des jeweiligen Tages. Unter jedem Titel stehen dort auch Sender und Uhrzeit sowie die Kategorie, in die der Dienst die Sendung einordnet. Leider weiß man nicht, ob diese Kategorisierung von einem Computer, einem humorbegabten Mitarbeiter oder schlicht einem Ahnungslosen vorgenommen wird. Auf jeden Fall ergeben sich immer wieder sehr schöne Zusammenstellungen. Hier einige Beispiele aus den vergangenen Monaten:

Riddick – Überleben ist seine Rache Sozial-Studie

R.E.D. 2 Noch älter, härter, besser Impro-Comedy

Ironclad 2: Bis aufs Blut Familie & Erziehung

Jack Ryan: Shadow Recruit Wirtschaftsnachrichten

Auf der Flucht Bildung

Lethal Weapon Basketball

Der Mann in der eisernen Maske Fechten

The Dark Knight Sitcom-Serie

Kampf der Titanen Familie & Erziehung

Unknown Identity Magazine, Reportagen, News

 

Geschrieben am Dienstag 13 Juni 2017 um 11:43 von Roland Freist

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Filmkritik: "Alien: Covenant"

Alien: Schluss

Zum Schluss ist man fast froh, dass es nun endlich vorbei ist. "Alien: Covenant" schließt die Lücke zwischen "Prometheus" und dem ersten Alien-Film von 1979 und gibt Antworten auf die letzten noch offenen Fragen. Man erfährt, woher die Aliens ursprünglich kamen, wie sie entstanden, warum sie erschaffen wurden. Die Geschichte ist zu Ende erzählt, und das ist gut so. Denn "Covenant" ist kein guter Film mehr.

Regisseur Ridley Scott, der den ersten Teil der Saga gedreht und den Ruhm der Serie begründet hatte, erzählt in diesem sechsten Teil die Geschichte des Raumschiffs Covenant und seiner Besatzung. Zehn Jahre nachdem die Prometheus sich auf den Weg nach dem Ursprung der Aliens gemacht hatte, ist es mit mehr als 2000 Siedlern im Tiefschlaf auf dem Weg zu einem unbewohnten Planeten. Nach einem Unfall wird die Besatzung automatisch aufgeweckt und entdeckt ganz in der Nähe einen weiteren Planeten, der sich ebenfalls für eine Besiedlung eignen könnte. Dort angekommen, stellt sich heraus, dass es sich um den Heimatplaneten der Außerirdischen handelt, die wir in "Prometheus" kennengelernt hatten. Doch sie sind alle tot, der Planet wird nur noch fiesen Monstern bewohnt, die sich wie Schwärme aus Blütenpollen formieren und menschliche Wesen über den Gehörgang oder auch die Nasenschleimhäute infizieren. Das einzige intelligente lebende Wesen auf dieser Welt ist der Androide David (Michael Fassbender) von der Prometheus, der das von den Ohren- beziehungsweise Nasenbohrern bereits dezimierte Team der Covenant bei sich aufnimmt. Er lebt in der ehemaligen Stadt der Außerirdischen in einer Höhle und sagt Sachen wie "Niemand versteht die traurige Perfektion meiner Träume". Ganz offensichtlich ist er verrückt geworden.

"Alien: Covenant" besteht zu großen Teilen aus Versatzstücken der beiden bisherigen Alien-Filme von Scott. Die großen Eier tauchen wieder auf, in denen der Alien-Nachwuchs heranreift, der Facehugger, der den menschlichen Wirt infiziert, die Geburtsszene mit dem Durchstoßen der Bauchdecke, aber auch die bleichen Erschaffer der Menschheit und nicht zuletzt auch die philosophischen Betrachtungen über das Wesen des Menschen und seine Herkunft. Echte Überraschungen sind Fehlanzeige, stattdessen weiß man den größten Teil der Zeit, was kommen wird, und schaut demensprechend gelangweilt zu. Man spürt den fehlenden Enthusiasmus bei diesem Filmprojekt. Musste halt noch gemacht werden, damit die Reihe abgeschlossen werden kann.

Ähnlich uninteressant wie die Handlung sind die Charaktere. Man lernt keinen von ihnen wirklich kennen, entsprechend egal ist es einem dann auch, wenn sie, getreu den Regeln des Horrorfilms, einer nach dem anderen ins Gras beißen. Oftmals ist auch nicht klar, wer gerade noch am Leben und wer bereits tot ist. Zwischendurch ertappte ich mich bei dem Gedanken "Oh, die beiden gibt’s ja auch noch", als plötzlich zwei Figuren wieder auftauchten, die eine Weile von der Bildfläche verschwunden waren. So etwas wirft kein gutes Licht auf die Charakterzeichnung eines Films.

Auch schauspielerisch ist der Film eine Enttäuschung. Michael Fassbender läuft als einziger zur Normalform auf, ist souverän und überzeugend. Hier spielt er sogar eine Doppelrolle, da an Bord der Covenant ein weiterer Androide seines Typs zur Mannschaft gehört. Anderen bewährten Schauspielern wie Billy Crudup ("Almost Famous", "Watchmen"), Danny McBride ("Up in the Air") oder Demián Bichir ("The Hateful 8") gelingt es nicht, sich im engen Korsett ihrer Rollen zu entfalten. Die Hauptrolle hingegen, die bei den Alien-Filmen traditionell von einer Frau gespielt wird, hat Katherine Waterston ("Inherent Vice") erhalten. Sie ist eine gute Schauspielerin, in dieser Rolle jedoch trotz Kurzhaarfrisur eine Fehlbesetzung. Wehmütig denkt man an die Zeiten von Ripley alias Sigourney Weaver zurück, der auch das begriffsstutzigste Alien bereits von weitem ansah, dass mit dieser Frau nicht gut Kirschen essen ist. Waterstons Figur kann in keiner einzigen Szene einen ähnlichen Eindruck erwecken.

Mit "Alien: Covenant" hat Ridley Scott eine große Chance vertan. Es war klar, dass der ursprüngliche Handlungsstrang der Alien-Filme sein Ende erreicht hatte und etwas Neues kommen musste. "Prometheus" war ein guter, vielversprechender neuer Ansatz und auch ein guter Film. So hätte es weitergehen können. Doch stattdessen beschränkt sich "Covenant" im Wesentlichen auf das Wiederkäuen bereits bekannter Szenen. "Alien: Covenant" fehlen die Neugierde und die Faszination für das Unbekannte, welche die Vorgänger einst zu einem stilbildenden Mythos machten.

"Alien: Covenant" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 21 Mai 2017 um 23:31 von Roland Freist

Bearbeitet: Montag 22 Mai 2017 21:29

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Filmkritik: "Guardians of the Galaxy Vol. 2"

Superhelden im LSD-Rausch

Als ich etwa 18, 19 Jahre alt war, hatte ich einige experimentierfreudige Mitschüler, die sich von Zeit zu Zeit bekifft Filme ansahen. Kubricks "2001" kam ihnen zufolge ganz gut, Fassbinders "Querelle" dagegen war wohl ein ziemlicher Flop. "Guardians of the Galaxy Vol. 2" hätten sie geliebt. Denn der Film ist bunt, regelrecht quietschbunt, in etwa so wie die Batman-Filme von Joel Schumacher, allerdings deutlich lustiger. Insgesamt wirkt er, als wäre er im LSD-Rausch designt worden.

Regisseur James Gunn hat alles übernommen, was im ersten Teil gut funktionierte, den Humor, die fünf Helden mit der zweifelhaften Intelligenz, die Musik, und er hat alles weggelassen, was schon damals scheiterte, darunter vor allem den Versuch, eine nachvollziehbare, spannende Handlung aufzubauen. Der zweite Guardians-Film ist über weite Strecken hinweg eine Aneinanderreihung mittelmäßiger, teilweise aber auch wirklich guter Witze, die größtenteils auf Kosten der fünf Protagonisten gehen. Das sind erneut Peter Quill a. k. a Star-Lord (Chris Pratt), die grünhäutige Gamora (Zoe Saldana), der tätowierte Muskelberg Drax (Dave Bautista), der schießwütige Waschbär Rocket (im Original mit der Stimme von Bradley Cooper) sowie Baby Groot, der Ableger des im ersten Teil gestorbenen Baumwesens Groot, erneut gesprochen von Super-Macho Vin Diesel.

Um diese Figuren herum haben die Drehbuchschreiber ein dürres Handlungsgerüst aufgebaut, das im Wesentlichen daraus besteht, dass Peter Quills Vater in Gestalt von Kurt Russell auftaucht. Er entpuppt sich als ein Millionen Jahre alter Gott und ist gleichzeitig ein Planet, der in seiner psychedelischen Farben- und Formenpracht aussieht wie der Realität gewordene Traum eines 70er-Jahre-Drogenfressers. Aber auch abseits von den Quills geht es viel um Familie und Vater-Sohn-Beziehungen, vermutlich soll das sogar das Grundmotiv des gesamten Films darstellen.

Die passende Musikuntermalung dazu ist natürlich "Father and Son" von Cat Stevens. Aber auch der Rest des Soundtracks ist mit feinem Gespür ausgesucht, angefangen von "Mr. Blue Sky" von ELO über "The Chain" von Fleetwood Mac bis hin zu George Harrisons "My Sweet Lord", dem ständig wiederholten Gegreine, wie gern er doch seinen Gott sehen würde.

"Guardians of the Galaxy Vol. 2" wirkt wie eine große, fröhliche Mottoparty, bei der Geld keine Rolle spielt. Es werden exotische Drogen gereicht, die Musik passt, man trifft viele gute Bekannte (in Cameo-Rollen treten unter anderem Sylvester Stallone, David Hasselhoff, Ving Rhames und Michelle Yeoh auf) und alle sind gut drauf. Der erste Teil war besser, da er zumindest ansatzweise noch so etwas wie eine Spannungskurve hatte. Und im dritten Akt gibt es einige nicht zu übersehende Längen. Aber hey, alles in allem ist Guardians 2 dann doch groovy.

"Guardians of the Galaxy Vol. 2" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 28 April 2017 um 0:00 von Roland Freist

Bearbeitet: Freitag 28 April 2017 0:36

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Filmkritik: "Free Fire"

Feuer frei

Seit einigen Jahren lässt sich eine Neuorientierung des Actionfilms beobachten. Streifen wie "The Raid", "John Wick" oder, mit Abstrichen, "Lone Survivor", verzichten auf große Handlungsbögen, ausgefeilte Charakterzeichnungen und die klassischen, muskelbepackten Genrestars wie die drei großen S (Snipes, Stallone, Schwarzenegger). Stattdessen nehmen sie sich eine Situation vor, die Erstürmung eines Hochhauses in Jakarta oder die Flucht vor einer Gruppe von Talibankriegern in Afghanistan, und studieren sie wie unter einem Mikroskop. Jedes Detail ist wichtig. Trotz erkennbar mickrigem Budget geben sich alle Beteiligten größte Mühe, jedes Detail so perfekt zu gestalten wie es nur irgend geht. Dies sind Filme, die Action ernst nehmen.

In diese noch recht junge Tradition reiht sich nun "Free Fire" ein. Das Szenario ist ein Waffendeal im Boston der späten 70er Jahre. Zwei Gruppen von Gangstern treffen sich in einer alten Lagerhalle, die eine Gruppe hat die Sturmgewehre, die andere das Geld. Zu Anfang lernt man die einzelnen Protagonisten ein wenig kennen, es sind Gestalten von zweifelhafter Intelligenz, abgebrüht, professionelle Kriminelle.

Wie immer in solchen Fällen ist die Stimmung spannungsgeladen. Jedem Beteiligten ist klar, dass ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, die Situation eskalieren lassen kann. Alle sind daher krampfhaft um Ruhe bemüht. Doch dann löst ein privater Konflikt tatsächlich die Katastrophe aus.

Es folgt ein brillant inszenierter Kampf jeder gegen jeden, einziger Schauplatz ist die alte Lagerhalle. Der Schuppen ist abbruchreif, der Boden bedeckt von Müll und Bauschutt. Der Weg zum Ausgang bietet keine Deckung, alle Beteiligten, es sind acht Personen, müssen hinter Betonstücken, Säulen, Kisten Deckung suchen. Bereits nach wenigen Minuten hat jeder von ihnen mindestens einen Streifschuss abbekommen. Es bilden sich kleine Grüppchen, die sich schnell wieder auflösen, Duelle entstehen, bis wieder ein neuer Gegner ins Schussfeld gerät und die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Die Handkamera schwenkt interessiert von einem Protagonisten zum anderen.

Die Audiospur ist erfüllt mit den Geräuschen der Schüsse, dem Zischen, Sirren, Pfeifen der umherfliegenden Kugeln, den dumpfen Einschlägen in Holz oder Beton, dem Pling und Bong der Abpraller. Dazu kann man auch die einzelnen Waffenmodelle am Sound unterscheiden, die kleinen Revolver, die Pistolen und natürlich die Sturmgewehre. Das Soundediting ist meisterhaft, jedem Schuss lassen sich problemlos die Waffe und sogar der Ort und die Figur zuordnen, die sie abgeschossen hat.

Einige der Schauspieler kennt man bereits, allen voran Cillian Murphy ("Batman Begins"), aber auch Sam Riley ("On the Road"), Armie Hammer ("Codename U.N.C.L.E.") oder Brie Larson ("21 Jump Street"), die anderen kommen eher aus der dritten Reihe. Keiner von ihnen dürfte mit diesem Film viel Geld verdient haben. Der englische Regisseur Ben Wheatley war bisher vor allem im Reich der unterfinanzierten Action- und Horrorstreifen unterwegs, er weiß, wie man mit einem kleinen Budget auskommt. Unterstützung bekam er übrigens von Altmeister Martin Scorsese, der als ausführender Produzent agierte.

"Free Fire" ist ein schmutziger, kleiner Genrefilm, der nichts anderes will als die perfekte Actionszene zu schaffen. Dazu hat Wheatley die großen Vorbilder der Filmgeschichte studiert, der Einfluss etwa von Tarantinos "Reservoir Dogs" oder Michael Manns "Miami Vice" (der Film) ist deutlich zu erkennen. Zieht man das Vorgeplänkel ab, nimmt er sich für eine Szene, die normalerweise nur wenige Minuten dauert, eine ganze Stunde Zeit. "Free Fire" ist eine Hommage an die großen Shootouts der Filmgeschichte und zeigt gleichzeitig, was man aus diesen Szenen noch herausholen kann.

"Free Fire" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Donnerstag 06 April 2017 um 23:22 von Roland Freist

Bearbeitet: Freitag 07 April 2017 0:08

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Filmkritik: "Life"

Calvin nicht mehr allein zu Haus

"Blast das Ding ins Weltall", möchte man den Protagonisten dieses Films ein ums andere Mal zurufen. "Blast das Ding doch endlich ins Weltall." Denn das hat gut funktioniert in "Alien" Teil 1, 2 und 4, einer Filmreihe, mit der "Life" einiges gemeinsam hat. Doch die Crew, die hier versammelt ist, kennt die Alien-Filme offenbar nicht. Denn ansonsten wüsste sie, dass man außerirdische Monster am besten bekämpft, indem man sie ins Weltall hinausbläst.

Die Crew besteht aus sechs Personen: den beiden Amerikanern Rory Adams (Ryan Reynolds) und David Jordan (Jake Gyllenhaal), den Briten Miranda North (Rebecca Ferguson) und Hugh Derry (Ariyon Bakare) sowie der russischen Kommandantin Katerina Golovkin (Olga Dihovichnaya) und dem Japaner Sho Kendo (Hiroyuki Sanda). Ihre Aufgabe ist es, eine Sonde einzufangen, die mit einer Bodenprobe vom Mars zur Erde zurückkehrt. Man hat sie dazu auf die ISS geschickt, wo sie die gesammelten Erdbrocken auch gleich untersuchen sollen. Das dient vor allem der Sicherheit: Denn sollten die Wissenschaftler etwas Lebendiges und potenziell Gefährliches finden, könnte man auf dieses Weise vermeiden, dass es sich auf der Erde breitmacht.

Und tatsächlich: Die Sonde hat einen Passagier mitgebracht, einen Einzeller, der auf den Namen Calvin getauft wird. Nachdem Ryan Reynolds es ihm im Labor warm und gemütlich gemacht hat, beginnt er tatsächlich sich zu teilen. Schon bald wächst Calvin zu einem transparenten Glibberwesen mit erstaunlichen Kräften heran. Was nun folgt, ist weitgehend vorhersehbar: Ein Besatzungsmitglied nach dem anderen wird äußerst brutal getötet, bis zum Schluss nur noch einer übrig ist. Und niemand denkt daran, einfach mal eine Luke zu öffnen und das Ding ins Weltall zu blasen.

"Life" ist im Kern eine modernisierte Version von "Alien", mit einer realistischeren Umgebung und CGI-Effekten auf dem aktuellen Stand der Technik. Regisseur Daniel Espinosa ("Safe House") gelingt es nahezu von Anfang an, eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen. Von den Figuren an Bord der ISS erfährt man gerade so viel, dass man sich Sorgen um sie macht – und sich auch immer wieder über sie aufregt. Mit der Spannung und dem düsteren Gesamteindruck von "Alien" kann der Film jedoch nicht mithalten. Das liegt einerseits an dem Monster, dessen Gestalt man von Anfang an in der Entwicklung sieht, was einer der Grundregeln für Horrorfilme widerspricht: Zeige die Gestalt des Bösen immer erst ganz zum Schluss. Auf der anderen Seite enthält der Film so viele logische Ungereimtheiten und offensichtliche Fehlentscheidungen der Mannschaft, dass man sich nach einiger Zeit zu ärgern beginnt. Der Grusel tritt dabei leider etwas in den Hintergrund.

Die Riege der Schauspieler ist besser als es für solch einen Film eigentlich notwendig wäre. Allen voran natürlich Jake Gyllenhaal und Ryan Reynolds, doch auch der Rest der Darsteller macht seine Sache gut. Dass im Rahmen einer solchen Handlung keine differenzierte Charakterzeichnung möglich ist, ist aber ebenfalls klar.

"Life" ist alles in allem ein guter, wenn auch nicht herausragender Science-Fiction-Film. Studio, Drehbuchautoren und Regisseur sind auf Nummer Sicher gegangen und haben mit bewährten Mitteln einen soliden Weltraumhorror gestaltet. Originalität und Überraschungen darf man freilich nicht erwarten.

"Life" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 26 März 2017 um 19:53 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 26 März 2017 20:33

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Filmkritik: "Moonlight"

Schwarzes Drama

"Every nigger is a star" – der Film beginnt mit dem gleichen Sample wie Kendrick Lamars Album "To Pimp a Butterfly", eines der größten Hip-Hop-Alben aller Zeiten. Die Zeile, entnommen einem Song von Boris Gardiner, ist ein Ausdruck trotzigen schwarzen Selbstbewusstseins. Im Kontext von "Moonlight" erklärt sie die Fokussierung des Films auf den, wie man befürchten muss, nicht ungewöhnlichen Lebenslauf eines Jungen aus den weniger ansehnlichen Vierteln von Miami, wo auch die Farbfilter von "CSI: Miami" die Lebensumstände nicht mehr aufhübschen könnten.

"Moonlight" erzählt in drei weitgehend abgeschlossenen Teilen die Geschichte von Chiron (Alex Hibbert), der in einem schwarzen Viertel aufwächst und zur Schule geht. Im ersten Teil des Films ist er vielleicht sieben oder acht Jahre alt, still und verschüchtert. In seiner Klasse nennen sie ihn "Little", weil er klein und schmächtig ist. Seine Mutter (Naomie Harris, die aktuelle Miss Moneypenny aus den Bond-Filmen) ist cracksüchtig, ein Vater nirgendwo zu sehen. Durch Zufall lernt er den Dealer Juan (Mahershala Ali) und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe in ihrer zweiten großen Rolle nach "Hidden Figures") kennen. Sie werden seine Ersatzfamilie, zu der er sich flüchtet, wenn er es bei seiner Mutter nicht mehr aushält. Sie sind es auch, denen als erstes auffällt, dass Chiron schwul ist.

Das zweite Kapitel spielt einige Jahre später, Chiron (Ashton Sanders) ist jetzt vielleicht 16. Juan ist mittlerweile tot, doch noch immer sucht der Junge Schutz bei Teresa. Die Drogensucht seiner Mutter hat sich noch verschlimmert, sie bettelt ihn um Geld an. An der Schule ist er ein Außenseiter, der von den anderen getriezt und tyrannisiert wird. Sein einziger Freund ist wie schon in der Kinderzeit der kubanischstämmige Kevin (Jharrel Jerome), mit dem er seinen ersten sexuellen Kontakt hat, der ihn jedoch wenig später verrät. Voller Wut wird Chiron gewalttätig und landet im Knast.

Drittes Kapitel: Chiron (Trevante Rhodes) ist Anfang 20 und lebt als Dealer in Atlanta. Er hat sich dicke Muskeln antrainiert, trägt Goldkette, goldenes Armband, goldene Grillz. Noch immer spricht er nicht viel. Seine Mutter ist in einer Klinik, aus der sie vermutlich nicht mehr herauskommen wird. Er verbirgt seine Homosexualität, macht einen auf Hetero-Macho. Doch nach einem Besuch bei seiner Mutter ruft er plötzlich Kevin an, den er jahrelang nicht gesehen hat und der jetzt in einem kleinen, billigen Restaurant als Koch arbeitet.

Regisseur Barry Jenkins lässt seinen Kameramann James Laxton ganz nah herangehen an die Gesichter, bis sie die komplette Höhe der Leinwand ausfüllen. Zwischendurch arbeitet er immer wieder mit einer wackeligen Handkamera. Zusammen mit dem exemplarischen Charakter der Geschichte entsteht daraus an vielen Stellen der Eindruck, als habe man es hier mit einem Dokumentarfilm zu tun, der dem Zuschauer etwas erklären will. Und tatsächlich liefert "Moonlight" eine plausible Erklärung, warum sich jemand in solch einen bizarren, goldumwickelten Muskelberg verwandelt.

Aber das ist nur einer von vielen Aspekten des Films. Es geht auch darum, wie es ist, in Armut aufzuwachsen, es geht um das Finden der eigenen Sexualität, es geht um Freundschaft und nicht zuletzt auch um Liebe. Geht es auch um die Situation der Schwarzen in den USA? Eher nicht. Denn der Film bewegt sich nicht aus der schwarzen Community hinaus. Die einzigen Weißen, die man überhaupt zu Gesicht bekommt, sitzen im dritten Kapitel Kevins Restaurant. Ansonsten bewegt sich Chiron ausschließlich unter Schwarzen. Eine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe ist hier nicht das Thema, gehasst wird er wegen seiner schüchternen Homosexualität.

Alex Hibbert, Ashton Sanders und Travante Rhodes, die Chiron in den verschiedenen Altersstufen spielen, gelingt es, eine gewisse Kontinuität der Figur herzustellen. Auch wenn sich ihr Protagonist äußerlich stark verändert, erkennt man selbst in dem Dealer mit den aufgepumpten Muskeln immer noch Züge des dünnen, kleinen Little vom Anfang des Films wieder. Die beste schauspielerische Leistung kommt jedoch von Mahershala Ali, den ich bisher vor allem aus Fernsehserien wie "4400 – Die Rückkehrer", "House of Cards" oder "Luke Cage" kannte. Er macht aus der zwiespältigen Figur des Crack-Dealers Juan in der wenigen Zeit, die das Drehbuch ihm lässt, einen echten, glaubwürdigen Charakter mit beeindruckender Ausstrahlung. Den Oscar für den besten Nebendarsteller hat er völlig zu recht bekommen.

"Moonlight" ist kein großer, sensationeller Film, doch er ist vielschichtiger, als es die Story zunächst vermuten lässt. In einigen Momenten segelt er zwar knapp am Kitsch vorbei, dass diese Klippen dann doch sicher umfahren werden ist vor allem der Verdienst einer souveränen Regie und ausgezeichneten Kameraarbeit.

"Moonlight" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 15 März 2017 um 11:12 von Roland Freist

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Filmkritik: "Logan: The Wolverine"

Das Ende einer Ära

Auch Superhelden werden alt. Das ist eine der interessantesten Erkenntnisse aus "Logan". Superman oder Batman sehen seit Jahrzehnten immer gleich aus. Die Schöpfer der X-Men hingegen trauen sich, uns zu zeigen, was mit Superhelden zum Ende ihres Lebens hin passiert. Ihre Kräfte schwinden, sie wollen nur noch in Ruhe und allein gelassen werden. Körper und Seelen sind vernarbt nach den Hunderten von Kämpfen, die sie ausgestanden haben. Sie wissen, es ist bald vorbei.

Es ist das Jahr 2029. Die Mutanten haben den Krieg verloren, sie wurden eingesperrt und getötet. Nur drei sind noch am Leben: Charles Xavier beziehungsweise Professor X (Patrick Stewart) ist mittlerweile 90 Jahre alt. Er hat die Kontrolle über seine Kräfte verloren, muss Tabletten schlucken und in einem rostigen Stahltank in der mexikanischen Wüste leben, um niemanden zu verletzen. Versorgt wird er von Caliban (Stephen Merchant), einem Mutanten, der andere Mutanten aufspüren kann. Und schließlich ist da noch Logan, Wolverine (Hugh Jackman), der sein Geld mit einem Limoservice verdient. Er ist nur noch ein Wrack, humpelnd, übersät mit Narben, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Sein Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper.

Seit 25 Jahren sind schon keine Mutanten mehr geboren worden. Doch da kommt eine Frau (Elizabeth Rodriguez) zu Logan und bittet ihn um Hilfe. Er müsse ihrer Tochter helfen, müsse sie von Mexiko nach North Dakota bringen. Sie sei in Gefahr und werde von gefährlichen Männern verfolgt. Und es stellt sich heraus, dass Laura (Dafne Keen), so heißt die Tochter, tatsächlich von einer halben Armee gejagt wird. Doch bisher haben die Männer sie nicht fangen können, denn genau wie Logan kann sie Adamantium-Klingen aus ihren Händen ausfahren und sich selbst heilen.

Es liegt eine tiefe Melancholie über diesem Film. Von der Aufbruchstimmung, dem oft jugendlichen Übermut, mit dem die X-Men-Serie vor 17 Jahren begann, ist nichts übriggeblieben. Nur noch die Comics erinnern in "Logan" daran, dass es einmal Mutanten gab. Dies ist ohne Zweifel der düsterste und traurigste Superhelden-Film aller Zeiten. Gleichzeitig ist es auch einer der gewalttätigsten: Noch in keinem X-Men-Film hat man so viele Klingen durch Köpfe dringen sehen. Und Logans Wunden schließen sich nur noch sehr langsam, immer wieder bricht er blutüberströmt zusammen.

Und es ist einer der besseren Superhelden-Titel. Bereits im Vorfeld hatten Jackman und Stewart angekündigt, dass es für sie der letzte X-Men-Streifen sei. Von Anfang an spürt man, dass hier eine Ära zu Ende geht. Die X-Men-Reihe war immer eine der intelligenteren Comic-Verfilmungen, Regisseur Bryan Singer, der für vier der Filme verantwortlich zeichnet, hatte bereits im ersten Teil die Richtung vorgegeben. X-Men war in seinen besseren Momenten, und davon gab es viele, ein Plädoyer für Toleranz und den Schutz von Minderheiten, verschwieg aber gleichzeitig nicht die Konflikte, die innerhalb einer solchen Gruppe auftreten und das friedliche Zusammenleben mit den Normalos gefährden können. Ein sehr realistisches Bild, Beispiele dafür finden sich sowohl in der amerikanischen wie in der deutschen Gesellschaft.

Am Schluss von "Logan" müssen die Überlebenden aus den USA fliehen. Man darf gespannt sein, ob und wie es für sie weitergeht.

"Logan: The Wolverine" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 03 März 2017 um 22:27 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 26 März 2017 20:31

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Filmkritik: "Elle"

Basic Instinct

"Elle" ist über weite Strecken ein mäßig interessanter Film über das Leben einer reichen Frau um die 50: Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) leitet einen Verlag, der sich auf die Produktion von Videospielen spezialisiert hat. Sie lebt allein in einer schönen, alten Villa in Paris, fährt ein schickes Auto. Ihren Ex-Mann (Charles Berling) hat sie verlassen, doch er ist nach wie vor einer ihrer engsten Vertrauten. Ihr gemeinsamer Sohn (Jonas Bloquet) jobbt in einem Fast-Food-Lokal und hat eine hochschwangere Freundin, finanziell ist er nach wie vor von seiner Mutter abhängig.

Der Film zeigt Michèle wie sie zur Arbeit geht, sich mit den Grafikern und Programmierern herumärgert, wie sie sich mit Freunden trifft. Sie hat eine Affäre mit dem Mann (Christian Berkel) ihrer besten Freundin und Kollegin (Anne Conigny), außerdem ist sie scharf auf den Nachbarn (Laurent Lafitte), der mit seiner Frau im Haus gegenüber wohnt, und sie versucht, ihn zu verführen. Und sie ist eifersüchtig auf ihren Ex, der eine Beziehung mit einer seiner Doktorandinnen begonnen hat. Sie zeigt wenig Gefühle im Verhältnis zu anderen, das gilt auch für ihre ehemaligen und aktuellen Liebhaber und ihre Familie. Stattdessen ist sie sarkastisch, zynisch, ironisch und dabei oft sehr witzig. Nur bei ihren Eltern ist sie anders: Ihre Mutter peppt sich mit Schönheitsoperationen auf und leistet sich einen Callboy als Liebhaber, was Michèle grotesk und peinlich findet. Ihr Vater dagegen sitzt im Gefängnis, sie hasst ihn und hat ihn seit 40 Jahren nicht mehr gesehen.

Das alles ist nicht sonderlich interessant, aber zumindest gut erzählt und unterhaltsam. "Elle" wäre eine harmlose, amüsante Liebeskomödie, wenn Michèle nicht gleich in der ersten Szene brutal vergewaltigt würde. Der Mann trägt eine Skimaske, sie erkennt ihn nicht. Äußerlich bleibt sie ruhig, nimmt ein Bad, bestellt sich beim Lieferservice etwas zu essen, geht am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Sie ruft weder die Polizei noch sagt sie ihren Freunden, was geschehen ist. Doch als der Täter sie verfolgt, ihr obszöne Nachrichten schickt und in ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung einbricht, sorgt sie vor, kauft sich Pfefferspray und ein Beil, außerdem lässt sie die Schlösser auswechseln.

Mehrere Männer kommen als Täter infrage, unzufriedene Mitarbeiter, ihr Geliebter oder auch ihr Sohn, dem sie Vorhaltungen wegen seiner Freundin macht. Sie versucht einige Male, dem Täter auf die Spur zu kommen, hat jedoch keinen Erfolg. Doch dann steht der Vergewaltiger plötzlich wieder in ihrer Wohnung, und dieses Mal kann sie ihm die Maske abreißen.

Regisseur Paul Verhoeven hat in seinen Filmen schon immer gern mit Identitäten gespielt. Wer oder was war "Robocop", der Polizist Alex J. Murphy oder eine Maschine? Und war Arnold Schwarzenegger in "Total Recall" nun ursprünglich gut oder böse? Auch "Elle" lässt einen zum Schluss ratlos zurück. Denn im dritten Akt nimmt der Film eine Wendung, die einen nicht nur an Michèle, sondern zeitweise auch an der gesamten Geschichte zweifeln lässt. Man erkennt, dass das Drehbuch von Anfang an sehr sorgfältig eine zweite mögliche Version oder auch Interpretation des Geschehens vorbereitet hat. Die Fakten lassen plötzlich auch eine andere Deutung zu. Und aus der harmlosen Liebeskomödie wird ein Psychothriller.

Möglich machen das aber nicht nur das Drehbuch und die Regiekunst von Verhoeven, sondern auch Isabelle Huppert. Man sieht und spürt, dass etwas in ihr vorgeht, doch man erkennt nicht, was es ist. Ist ihre Michèle tatsächlich so abgeklärt, wie sie nach außen hin tut? Empfindet sie Angst oder Wut, Scham oder Ekel? Sie verbirgt es vor dem Zuschauer genauso wie vor ihren Mitmenschen. Ohne die Charakterzeichnung von Huppert wäre der Film nur halb so gut. Völlig zu recht wurde sie für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.

"Elle" ist ein krasser und teilweise schockierender Film, direkt und überraschend und zum Schluss auch sehr blutig. Verhoeven findet hier zu seiner alten Form zurück, die er bei Titeln wie "Showgirls" und "Hollow Man" bereits endgültig verloren zu haben schien.

"Elle" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 19 Februar 2017 um 22:12 von Roland Freist

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