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Filmkritik: "12 Years a Slave"

Vom Mensch zum Sklaven und zurück

Neben den Massakern an den amerikanischen Ureinwohnern ist die Sklaverei das große, dunkle Kapitel in der amerikanischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Thema von Filmen war sie jedoch nur verhältnismäßig selten, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie die ganze Unmenschlichkeit der Sklavenhaltung zeigten. Im vergangenen Jahr beschrieb Quentin Tarantino in "Django Unchained" mit aus der Popkultur entlehnten Bildern die Foltern und Erniedrigungen, die die rechtlosen schwarzen Arbeiter erleiden mussten. Steve McQueen geht das Thema in diesem Jahr in Form eines Dramas an.

"12 Years a Slave" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Solomon Northup. Er erzählt darin, wie er, ein Bürger aus der Mittelschicht von Saratoga, New York, im Jahr 1841 entführt und in Louisiana als Sklave verkauft wurde. Erst zwölf Jahre später gelang es ihm, einen reisenden Handwerker zu überreden, einen Brief an seine Heimatgemeinde zu schicken, um die örtlichen Behörden über sein Schicksal zu informieren. Das führte schließlich zu seiner Freilassung.

Der Film ist schonungslos. Nacheinander demonstriert er die verschiedenen Praktiken der körperlichen Züchtigung und psychischen Erniedrigung, mit denen die weißen Herren ihre schwarzen Sklaven traktierten. Immer wieder sieht man, wie Menschen auf unglaublich brutale Weise ausgepeitscht und geschlagen werden, wie sie gedemütigt und wie leblose Dinge behandelt werden. Sie leben in einem konstanten Angstzustand, in Apathie und Hoffnungslosigkeit.

Solomon Northup wird gespielt von Chiwetel Ejiofor ("Children of Men", "2012"), der die Hauptrolle in diesem Film zur bislang besten Performance seiner Karriere nutzt. Sehr glaubwürdig und überzeugend zeigt er den allmählichen psychischen Zerfall seiner Figur: Zu Anfang ist Northup ein selbstbewusster, gebildeter Mann, ein Geigenspieler, der sich zunächst auch gegen seine Versklavung wehrt. Doch im Laufe der Jahre passt er sich den übrigen Sklaven immer mehr an. Er leugnet seine Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, da ihm das immer nur Misstrauen und Prügel einbringt. Er zerbricht die Geige, die ihm sein weißer Herr geschenkt hat, da er darauf immer wieder die Begleitmusik zum Leiden der anderen Sklaven spielen muss. Und schließlich nimmt er auch den typischen, schleppenden Gang der schwarzen Arbeiter und ihren ständig auf den Boden gerichteten Blick an.

Auch die anderen Rollen sind sehr gut besetzt. Benedict Cumberbatch ("Sherlock") spielt Northups ersten weißen Herrn, einen Mann, der sogar Mitleid mit ihm zeigt, ihn jedoch andererseits auch nicht in die Freiheit entlässt. Einer seiner Aufseher ist Paul Dano ("Little Miss Sunshine"), ein primitiver Sadist, der Angst hat vor Northups wachem Verstand und seiner Beliebtheit bei seinem Chef. Sehr eindrucksvoll ist mal wieder Michael Fassbender ("Prometheus", "The Counselor") als Northops zweiter Sklavenhalter, dessen unkontrollierte Wutausbrüche regelmäßig in brutale Gewalt umschlagen. Zum Schluss taucht dann auch noch Brad Pitt auf, der als kanadischer Zimmermann die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung von Northup einleitet.

"12 Years a Slave" sieht sehr genau hin. Die Bilder zeigen die Grausamkeit und Bestialität der blutigen Bestrafungen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen mit teilweise überscharfen Kontrasten und zumeist ohne Tiefenschärfe, so dass die Details immer im Fokus des Zuschauers bleiben. Viele Szenen sind auf der großen Leinwand kaum zu ertragen. Es ist kein einfacher, aber ein notwendiger Film, da er zeigt, was die Sklaverei aus einem Menschen macht, wie sie ihn genau zu dem willenlosen Roboter formt, den die Sklavenhalter in ihm sehen.

"12 Years a Slave" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 17 Januar 2014 um 21:57 von Roland Freist

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