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TV-Kritik: "Bones"

Das Matriarchat im Leichenhaus

In den ersten Folgen war "Bones" lediglich eine originell gemachte Krimiserie mit guten Dialogen, eine Mischung aus Detektivserie und "CSI", was sich auch in den Hauptfiguren manifestierte, dem FBI-Agenten Seeley Booth (David Boreanaz) und der forensischen Anthropologin Dr. Temperance "Bones" Brennan (Emily Deschanel).

Doch je länger die Serie lief, desto mehr wurde die Krimihandlung zur Nebensache. Zwar hielten sich die Drehbücher immer noch an die üblichen Krimistandards, doch die Aufklärung über die Hintergründe der Todesfälle sowie die Überführung und Ergreifung des Mörders waren zunehmend nur noch dazu bestimmt, den Geschichten eine Struktur zu geben. Spannung kommt bis heute nur selten auf, die Charakterzeichnung von Täter und Opfer bleibt zumeist blass. Niemand schaut sich "Bones" wegen der Kriminalfälle an.

Was die Serie sehenswert und manche Folgen zu einem echten Vergnügen macht, ist die Interaktion zwischen den Hauptfiguren. Die meisten von ihnen arbeiten im (fiktiven) Jeffersonian Institute in Washington, D. C. – Bones selbst, ihre Vorgesetzte Dr. Saroyan, Angela, Hodgins sowie die von Folge zu Folge wechselnden Praktikanten. Es herrscht eine Stimmung wie in einer Wohngemeinschaft, die wirklich ausgezeichneten Dialoge springen von einem Satz zum nächsten vom Beruflichen ins Private und wieder zurück. Dieser Kontrast aus Leichen im fortgeschrittenen Verwesungszustand und den über sie gebeugten Jeffersonian-Mitarbeitern, die sich über ihre Beziehungsprobleme unterhalten, sorgt immer wieder für hochgradig komische Momente.

Hinzu kommt die Konstellation mit dem weiblichen Dreigestirn aus Bones, Saroyan und Angela an der Spitze des Instituts. Bei "Bones" kann man einem modernen, gut funktionierenden Matriarchat bei der Arbeit und im alltäglichen Leben zusehen. Die Männer besetzen lediglich die sympathischen Nebenrollen: Hodgins, der Nerd und geniale Entomologe, sowie die wunderbaren, ebenfalls ziemlich nerdigen Praktikanten des Instituts. Dr. Goodman, der in der ersten Staffel die Leitung des Instituts innehatte, wirkte dagegen immer wie ein Fremdkörper und wurde zu Beginn der zweiten Staffel zu Recht ausgetauscht.

Booth, die männliche Hauptfigur, übernimmt in dieser Serie den Part, den ansonsten immer die Frauen ausfüllen. Mit seinen oftmals emotionalen Reaktionen bildet er das Gegengewicht zu den nüchtern und sachlich denkenden und handelnden Wissenschaftlerinnen. Während es zwischen Bones und Saroyan in früheren Folgen immer mal wieder Eifersüchteleien um die Machtpositionen im Institut gab, scheint Booth überhaupt keinen Vorgesetzten zu haben und an einem Aufstieg in höhere Dienstränge völlig desinteressiert zu sein. Seine einzige Respektsperson ist wieder eine Frau, die Staatsanwältin Caroline Julian. Im Unterschied zu den Frauen, und vor allem zu Bones, die es mit ihren Büchern offenbar zu einigem Wohlstand gebracht hat, bezieht er auch kein hohes Einkommen.

Bones und Booth sind das Paar, das die Serie trägt. Es ist ein altes, einfaches Rezept: Nimm ein möglichst gegensätzliches Paar, füge sie zu einem Team zusammen, lass sie Sympathien füreinander entwickeln, und du bekommst eine zwischenmenschliche Spannung, die die Handlung jahrelang tragen kann. Bei "Bones" traten ab der zweiten Staffel zunehmend auch die Nebenfiguren ins Rampenlicht, man konnte den Schauspielern zusehen, wie sie zusammen mit den Drehbuchautoren die Rollen entwickelten. Das Traumpaar Bones/Booth ist seither zwar immer noch das Herzstück der Serie, doch mittlerweile ist es eingebunden in eine Familie.

Es gab und gibt immer wieder schwächere Folgen von "Bones". Zumeist sind es die, in denen dann doch wieder die Krimihandlung im Vordergrund steht. Aber dann spürt man, dass wieder ein Ruck durch die Mannschaft ging, sich alle etwas zusammenrissen und erneut ein echtes Highlight fabrizierten, mit neuen, überraschenden Geschichten aus der Jeffersonian-Familie, guten, schön albernen Gags und einem wieder einmal besonders unappetitlichen Leichenfund.

RTL zeigt donnerstags derzeit die sechste Staffel von "Bones", in den USA läuft bereits Nummer Sieben. Ob es eine achte Staffel geben wird, ist noch ungewiss.

"Bones" in der IMDB

Das Team stellt sich vor:

Geschrieben am Mittwoch 19 Oktober 2011 um 11:12 von Roland Freist

Bearbeitet: Montag 14 Januar 2013 17:12

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