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Filmkritik: "The Revenant – Der Rückkehrer"

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Das englische Wort revenant steht im Deutschen für einen Wiedergänger, also für einen Geist, der von den Toten auferstanden ist. Das trifft es bei diesem Film recht genau, denn die Hauptperson, ein Trapper namens Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), ist eigentlich schon tot und erhebt sich dann dennoch wieder aus seinem Grab. Die Übersetzung von "The Revenant" mit "Der Rückkehrer" durch den deutschen Verleih kann man dagegen nur als Spoiler bezeichnen, denn sie verrät mehr vom Ausgang des Films als man wissen wollte.

Der Film basiert auf dem Roman von Michael Punke, der darin erzählt, wie Hugh Glass im Jahr 1823 den Angriff eines Grizzlybären schwer verletzt überlebte und sich anschließend durch die Wildnis zurück zum rettenden Fort schleppte. Regisseur Alejandro González Iñárritu ("Birdman"), der zusammen mit dem Horrorfilm-Spezialisten Mark L. Smith ("Motel") auch das Drehbuch schrieb, hat die literarische Vorlage deutlich erweitert.

Seine Geschichte beginnt mit dem grandios fotografierten Angriff eines Indianerstamms auf das Camp einer Gruppe von Pelzjägern. Die Indianer haben es auf die wertvollen Pelze abgesehen. Sie sind den Weißen deutlich überlegen, nur etwa ein Dutzend Jäger können dank der Hilfe von Glass überleben und flüchten. Als er dann selbst beim Kampf mit dem Grizzly nahezu getötet wird und kaum noch transportfähig ist, erklären sich zwei der Jäger sowie sein Sohn Hawk (Forrest Goodluck) bereit, bei ihm zu bleiben und ihn, falls er sterben sollte, ordentlich zu begraben. Alle anderen kehren zurück zum Fort, einem Außenposten der Armee. Einer der beiden Jäger jedoch, die bei ihm geblieben sind, ein Mann namens John Fitzgerald (Tom Hardy, "The Dark Knight Rises"), hat keine Lust zu warten. Er tötet Glass‘ Sohn, schaufelt ein Grab für Glass, wirft ihn hinein und belügt den zweiten, jungen Jäger Bridger (Will Poulter), indem er ihm sagt, er habe Indianer in der Nähe gesehen. Sie lassen Glass liegen und fliehen. Hugh Glass, der mehr tot als lebendig ist und sich nur noch kriechend fortbewegen kann, versucht sich unter unsäglichen Schmerzen ebenfalls zu retten.

Die beeindruckendsten Momente des Films kommen im ersten Drittel. Den Angriff der Indianer auf das Camp inszeniert Iñárritu auf die gleiche Weise, wie er den gesamten "Birdman" angelegt hat, nämlich als eine lückenlose Aneinanderreihung von Szenen. Eine Figur übergibt den Stab quasi an die andere, und die Kamera folgt ihnen dabei. Für den Zuschauer wirkt das, als gäbe es keine Schnitte, als würde der Betrachter mit den Augen von einem Schauplatz zum nächsten wandern. Kameramann Emmanuel Lubezki, der 2013 bereits den Oscar für "Gravity" und 2014 für "Birdman" bekam, bleibt nicht nur in dieser Szene dicht an den Figuren dran, so dicht, dass ihr Atem teilweise die Linse beschlagen lässt. Der Effekt erinnert an die berühmte Strandszene von Spielbergs "Der Soldat James Ryan", in der Janusz Kaminski das Blut der Verwundeten auf das Objektiv spritzen ließ.

Ebenso intensiv ist der Angriff des Grizzly, eines Muttertiers, das seine beiden Jungen beschützen will. In einer quälend brutalen, mehrere Minuten langen Sequenz scheint der Bär den Körper von Glass zerfetzen zu wollen, unterbrochen immer wieder von Pausen, in denen er zu überlegen scheint, wie es weitergehen soll. Immer wenn man meint, dass es nun endlich vorbei ist, erfolgt eine weitere wütende Attacke. Und auch hier ist die Kamera immer nur ein paar Zentimeter entfernt. Nimmt man noch die grandiosen Aufnahmen der verschneiten Berglandschaft dazu, dann wäre es kein Wunder, wenn Lubezki für "The Revenant" seinen dritten Oscar in Folge bekommen würde.

In der vergangenen Nacht hat der Film die Golden Globes für das beste Drama und den besten Regisseur erhalten, dazu wurde auch Leonardo DiCaprio als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Und das völlig zu recht, denn in diesem Film gelingt es ihm meiner Meinung nach zum ersten Mal, sein übliches, jugendliches Streber-Image komplett abzulegen. Die ersten tieferen Falten in seinem Gesicht tun ihm sehr gut, und er wirkt als schmerzerfüllter Veteran sehr überzeugend. Ich bin ehrlich gespannt auf seine nächsten Filme. Tom Hardy, bereits seit Jahren einer der besten jüngeren Schauspieler in Hollywood, schlüpft ohne Probleme in die Rolle des zynischen, kaltblütigen Pelzjägers, und dem erst 22-jährigen Will Poulter sieht man seine Angst und die Unsicherheit über die richtige Entscheidung deutlich an.

Die grundlegenden Motive von "The Revenant" sind altbekannt – der Mensch im Kampf mit der Natur und der lange Weg zur Rache am Mörder der nächsten Angehörigen. Doch der Stil, wie Iñárritu und Lubezki das inszenieren, ist in vielen Passagen neu und ungewöhnlich. Das und die guten darstellerischen Leistungen machen ihn zu einem der besten Filme des Jahres.

"The Revenant – Der Rückkehrer" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Montag 11 Januar 2016 um 23:24 von Roland Freist

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