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Filmkritik: "Black Swan"

Schwarze Kunst

"Black Swan" ist ein Ballettfilm, der vielen Ballettfans vermutlich nicht gefallen wird. Dabei präsentiert er Tanzkunst in Perfektion, zeigt die Schmerzen und Qualen der Tänzer genauso wie ihre Triumphe und Niederlagen auf der Bühne. Aber darum geht es nicht. Denn "Black Swan" ist kein Film über das Ballett, sondern über eine Balletttänzerin.

Sie heißt Nina Sayers und wird grandios gespielt von Natalie Portman ("Leon der Profi", "Star Wars Episode I-III"). Für die Rolle hat sie kürzlich bereits einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin abgeräumt und ist auch heiße Kandidatin für einen Oscar.

Ihre Nina ist seit fünf Jahren Tänzerin in einem New Yorker Ballett. Als der autokratische Choreograph Thomas Leroy (Vincent Cassel) den bisherigen Star der Truppe aus Altersgründen aussortiert, kommt Ninas große Chance. Für die neue Saison plant Leroy eine Neuinszenierung von Schwanensee, einem Ballettstück, bei dem die Rolle des unschuldigen weißen und des verführerischen, bösen schwarzen Schwans üblicherweise von ein und derselben Tänzerin dargestellt werden. Nina ist die perfekte Verkörperung des weißen Schwans, doch für die Rolle der dunklen Rivalin tanzt sie nach Meinung von Leroy zu perfekt und zu sauber. Sie sei nicht in der Lage, aus sich herauszugehen, erklärt er ihr, und sie sei nicht verführerisch.

Nina lebt mit ihrer Mutter (Barbara Hershey) in einem kleinen Apartment. Die Mutter war früher ebenfalls beim Ballett, hat es jedoch nie weit gebracht. Sie treibt ihre Tochter an, überwacht ihren Lebenswandel und achtet darauf, dass ihr ganzes Leben aufs Ballett ausgerichtet ist. Sie verstärkt noch den ohnehin vorhandenen Druck, der auf ihr lastet. Denn die Rolle des schwarzen Schwans erfordert eine Persönlichkeit, die das genaue Gegenteil der stets zurückhaltenden und kontrollierten Nina darstellt.

Nina kämpft mit sich und der Rolle, doch ihr Körper spielt nicht mit – am rechten Schulterblatt, wo bei der Aufführung der Schwanenflügel angesetzt wird, bekommt sie einen Ausschlag, der nicht heilen will und den sie immer wieder aufkratzt. Schlimmer jedoch sind die psychischen Folgen. Regisseur Darren Aronofsky überträgt Ninas Ängste in Form von Elementen des Horrorfilms auf die Zuschauer. Schemenhafte Gestalten erscheinen in den dunklen Katakomben des Balletts, hinter ihr stehen plötzlich Menschen, die sie nicht herankommen gehört hat, im Spiegel sieht Nina nicht ihr eigenes Bild, sondern das von fremden Personen. Sie hat Visionen, in denen sie sich in langen Streifen die Haut von den Fingern reißt und schwarze Federn aus der Haut zieht. Ihre Wahrnehmung von Realität und ihre Fantasie vermischen sich. Dieser unwirkliche Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass es während des gesamten Films Nacht zu sein scheint, ein Eindruck, der durch die grobkörnigen Bilder und einen leichten Schwarzfilter noch verstärkt wird. Außenaufnahmen sind selten, das Licht ist grau, nie sieht man die Sonne.

Es wäre nun einfach, den Film auf eine Geschichte über den Leistungsdruck beim Ballett zu reduzieren. Doch "Black Swan" spielt auf mehreren Ebenen. Es geht genauso um die Mutter, die gescheiterte Tänzerin, die jetzt ihren ganzen Ehrgeiz in ihre Tochter steckt. Für Nina ist sie Freundin und Dämon zugleich – ihr Handy meldet die Anrufe der Mutter mit einem "MOM" in furchteinflößend großen Buchstaben. Und nicht zuletzt handelt der Film auch von der unterdrückten Sexualität Ninas: Sie scheint noch Jungfrau zu sein und ist von den Verführungskünsten ihrer Kollegin Lily (Mila Kunis), die die Rolle des schwarzen Schwans perfekt verkörpert, gleichermaßen fasziniert wie eingeschüchtert. Sie sieht sie als Bedrohung, als Rivalin um ihre Rolle, und hat gleichzeitig im Traum eine Liebesszene mit ihr. Und schließlich spiegelt sich auch die Handlung von Schwanensee selbst im Film wider.

Regisseur Aronofsky besetzt die Rollen in seinen Filmen gerne mit Schauspielern, deren Lebensweg Parallelen aufweist zu den Personen, die sie spielen sollen. Sein letzter Film war "The Wrestler" mit Mickey Rourke, einem Schauspieler, der genau wie die Figur, die er verkörperte, seit Jahren um seine Karriere kämpft. Rourke bekam dafür einen Golden Globe und schrammte nur knapp an einem Oscar vorbei. In "Black Swan" setzt Aronofsky die zarte, kleine Natalie Portman ein, die einst als bravster Teenager Hollywoods galt und von ihren Eltern systematisch vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wurde. Jetzt wurde sie während der Arbeit mit ihrem Tanzpartner von ihm schwanger. Nicht übersehen sollte man auch, dass die Rolle der alten, aussortierten, ehemaligen Startänzerin von Winona Ryder gespielt wird, einst ebenfalls eine junge, aufstrebende Schauspielerin, die heute fast nur noch in Nebenrollen zu sehen ist.

"Black Swan" ist ein vielschichtiges Drama, mit gutem Blick für Details, toll gespielt, spannend erzählt, und an einigen Stellen wegen der Horroreffekte nichts für schwache Nerven. Der beste Film der Saison so far.

"Black Swan" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 21 Januar 2011 um 15:04 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Juli 2011 16:26

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