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Filmkritik: "Tage des Verrats"

Schmutzige Tricks

Wie wird man den smarten, ausgezeichnet arbeitenden Chefstrategen eines Konkurrenten los? "Tage des Verrats" zeigt es uns: Man lädt ihn ein zu einem kleinen, inoffiziellen Treffen und macht ihm das Angebot, die Seiten zu wechseln. Anschließend vertraut man darauf, dass er das seinem Boss erzählt. Falls nicht, kann man ihm diese Information auf anderen Wegen zukommen lassen. Das Vertrauen zwischen den beiden ist auf jeden Fall zerstört, und der Mann wird entlassen. Und falls er dann tatsächlich bei einem selbst aufkreuzt und um den versprochenen Job bittet, bedauert man – das Angebot war nur ein Trick.

Der neue Film von George Clooney deckt noch eine ganze Reihe weiterer schmutziger Wahlkampf- und Kampagnen-Tricks auf. Das könnte durchaus amüsant sein, denn die Betroffenen fallen weich – sie bekommen jederzeit einen Beratervertrag in der Privatwirtschaft, dotiert mit einem Jahreseinkommen von mindestens 750000 Dollar. Mitleid ist hier unangebracht. Doch in dieser Geschichte kosten solche Machenschaften eine junge Praktikantin das Leben.

"Tage des Verrats" spielt während des Vorwahlkampfs der amerikanischen Demokraten. Zwei Männer sind noch im Rennen um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, der idealistische Gouverneur Mike Morris (George Clooney) und der bereits etwas ältere Senator Pullman (Michael Mantell). Die Hauptfigur ist jedoch der Pressechef und Stratege von Morris, Stephen Meyers (Ryan Gosling). Zusammen mit dem Wahlkampfmanager Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) und dem Gouverneur bildet er den Inner Circle des Teams, das unter anderem von der Praktikantin Molly Stearns (Evan Rachel Wood) unterstützt wird. Auf der Seite von Pullman steht ihnen der Wahlkampfmanager Tom Duffy (Paul Giamatti) gegenüber. Als Vertreterin der Presse spielt Marisa Tomei eine New Yorker Journalistin, und Jeffrey Wright verkörpert den von beiden Seiten heftig umworbenen Senator Thompson, dessen Anhänger den Wahlkampf entscheiden können.

Es ist eine großartige Riege von Schauspielern, die Clooney hier zusammengetrommelt hat, und er gibt ihnen viel Gelegenheit zu zeigen, was sie können: Der Film basiert auf einem Theaterstück und besteht daher in erster Linie aus Dialogen und einigen kürzeren Monologen. Dazwischen sieht man in Closeups immer wieder die coolen, unbewegten Gesichtszüge von Ryan Gosling, der den brutalen Kampf um die Macht nie aufgibt und sich müht, die Fassung zu bewahren. Da es die Hauptrolle ist, ist es noch am ehesten diese Figur, in die man sich hineinversetzt. Dabei ist Meyers ein noch größerer Schweinehund als seine Kollegen.

Es geht, wie gesagt, um den amerikanischen Wahlkampf, um Loyalität und Verrat, Lügen, Erpressung, Macht und die Frage, wie man die Grenzen dieses zynischen Spiels erkennt. Wie weit gehen Politiker und ihre Helfer, um ihr Ziel zu erreichen, welche Ideale werden sie dafür opfern? Die Antwort, die der Film gibt, ist – beinahe schon erwartungsgemäß – pessimistisch. "Tage des Verrats" ist professionell und spannend erzählt, toll gespielt, kunstvoll konstruiert und nicht zuletzt auch sehr unterhaltsam. Da jedoch eine positiv besetzte Identifikationsfigur fehlt, folgt man der Geschichte vor allem mit analytischem Interesse.

Anmerkung: Der englische Titel des Films lautet "The Ides of March" (Die Iden des März), was im römischen Kalender den 15. März bezeichnete. An diesem Tag im Jahr 44 vor Christus soll Julius Cäsar verraten und ermordet worden sein. Im vorliegenden Film ist der 15. März der Tag der Wahl des Präsidentschaftskandidaten. Warum der deutsche Verleih diesen Titel in das nichtssagende "Tage des Verrats" änderte, ist unverständlich.

"Tage des Verrats" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 28 Dezember 2011 um 16:58 von Roland Freist

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:16

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