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Filmkritik: "In Time"

"Das macht dann drei Stunden 40, bitte."

Zeit ist Geld – nie war dieser Satz so wahr wie in diesem Science-Fiction-Thriller. "In Time" spielt in einer unbestimmten Zukunft, in der die Menschen dank gentechnischer Manipulationen mit 25 Jahren aufhören zu altern. Das ist zum einen schön, hat aber auch einen Haken: Ab dem 25. Lebensjahr bekommt jeder nur noch ein Startkapital von einem Jahr, danach stirbt er. Um länger zu leben, muss er weitere Zeit hinzuverdienen oder sich auf andere Weise beschaffen. Zeit kann man durch Arbeit erwerben, geschenkt bekommen, man kann sie sich leihen oder von anderen stehlen. Die einzige Währung ist die Zeit, die man noch hat, Geld gibt es nicht mehr. Für jede Taxifahrt, für Miete, Essen, Kleidung, Telefon usw. werden den Menschen Zeiteinheiten abgezogen, manchmal nur Minuten, manchmal ganze Tage. Wie viel Zeit jemand hat, ist jederzeit auf seinem linken Unterarm ablesbar.

Es ist ein faszinierendes Konstrukt, das Regisseur Andrew Niccol ("Gattaca", "Lord of War") hier präsentiert. Doch noch bevor man sich in diese Gesellschaft hineinversetzen und die Konsequenzen einer Zeitwährung überdenken kann, beginnt auch schon die Story. Will Salas (Justin Timberlake), ein Gelegenheits-Arbeiter aus einem der schlechteren Viertel von L.A., rettet in einer Bar einem Mann das Leben. Der stellt sich als reich, alt und lebensmüde heraus und beschenkt ihn mit dem Rest seiner Lebenszeit, mehr als einem ganzen Jahrhundert. Will, der vorher gerade einmal ein paar Stunden auf dem Konto hatte, verschafft sich damit Zutritt zu einem Refugium der Reichen und Schönen, wo Menschen Tausende von Jahren besitzen und praktisch unsterblich sind – es ist eine nahezu undurchlässige Klassengesellschaft, die der Film entwirft. Dort lernt er Sylvia Weis (Amanda Seyfried) kennen, die Tochter eines der wohlhabendsten Männer der Welt (schön ekelhaft gespielt von Vincent Kartheiser aus "Mad Men"). Gemeinsam beginnen sie, die Reichen dieser Welt auszurauben – Will nimmt damit Rache an einer Gesellschaft, die es achselzuckend akzeptiert, dass Menschen ohne ausreichendes Zeitpolster durch einen dummen Zufall von einer Minute zur anderen sterben können, so geschehen bei seiner Mutter. Ihre Beute übergeben sie einem Priester in einer Sozialstation, der die Zeit an die Armen verteilt.

Während der ersten halben Stunde ist "In Time" ein aufregendes Gedankenspiel. Doch sobald Will seinen Rachefeldzug beginnt, meint man, das alles schon mal gesehen zu haben. Als er Sylvia entführt, die sich dann prompt in ihn verliebt, denkt man unwillkürlich "Stockholm-Syndrom" und kurz darauf "Bonnie und Clyde". Später fällt einem noch Robin Hood ein, der den Reichen ihren Besitz genommen und ihn den Armen gegeben hat. Man weiß, wie diese Geschichten weitergehen, und Langeweile macht sich breit.

Das gibt einem immerhin die Gelegenheit, über eine Gesellschaft nachzudenken, die auf Zeit gegründet ist. Fragen kommen auf: Wie löst man das Problem der drohenden Überbevölkerung? Selbst wenn viele Menschen nur einen Puffer von einigen Tagen oder Wochen haben, können sie damit doch Jahrhunderte überleben. Und auch wenn im Film nur wenige Kinder zu sehen sind, so scheint es sie immerhin zu geben. Doch wenn nur eine geringe Zahl an Menschen stirbt und trotzdem weitere geboren werden, muss es in wenigen Jahren zur Katastrophe kommen.

Man fragt sich auch, wer sich auf ein solches System überhaupt einlassen sollte. Ewiges Leben schön und gut, aber warum sollte man Lebenszeit als Währung verwenden? Das Vermögen eines Menschen wird dadurch praktisch fest an die Person gebunden. Was zuvor eine Zahl auf einem Kontoauszug war, wird nun quasi zu einer persönlichen Eigenschaft. Das ist nicht nur für die Armen lebensgefährlich, sondern auch bedrohlich für das Leben der Wohlhabenden, da es sie zu attraktiven Zielen für Raubüberfälle macht. Wenn ein Dieb das Geld eines anderen klauen will, knackt er seinen Tresor oder räumt sein Bankkonto leer. In dieser Gesellschaft jedoch nimmt er ihm nicht nur seinen Besitz, sondern zugleich auch das Leben.

Je länger man über solche Dinge nachdenkt, umso mehr wächst der Ärger über die unausgegorene Geschichte. Zwar ist "In Time" dank seinem Tempo und einiger origineller Einfälle noch ein leidlich unterhaltsamer Film geworden. Aber zum Schluss verlässt man das Kino mit dem Eindruck, dass man aus diesem Stoff mehr hätte machen können.

"In Time" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 04 Dezember 2011 um 17:15 von Roland Freist

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:17

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