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Filmkritik: "The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben"

Schlüsselerlebnisse

Das Genie in Form eines technikverliebten, antisozialen Nerds ist eines der beliebtesten Konstrukte der letzten Jahre. Seine populärste Verkörperung ist derzeit zweifellos Sheldon Cooper (Jim Parsons) aus "The Big Bang Theory", aber auch der von Benedict Cumberbatch gespielte Sherlock Holmes aus der Serie "Sherlock" gehört in diese Reihe. An beiden Figuren wird auch deutlich, woher diese Beliebtheit stammt: Nerds gehören zu den wenigen Menschen, die eine zunehmend von der Technik bestimmte Welt noch verstehen und sie durchdringen können. Gleichzeitig scheitern sie jedoch mit ihrer rein rationalen Denkweise regelmäßig bereits an den kleinsten Anforderungen des Alltags, da sie unfähig sind zur Empathie und die gesellschaftlichen Regeln meist nicht logisch begründet sind. Das macht die Nerds zwar untauglich als Identifikationsfiguren, erzeugt aber andererseits eine Menge Komik und tatsächlich auch Sympathie.

Cumberbatch spielt auch in "The Imitation Game" einen Nerd, den britischen Mathematiker Alan Turing. Der Film erzählt zum einen die Geschichte, wie Turing während des zweiten Weltkriegs gemeinsam mit vier Mitstreitern die militärischen Funksprüche der deutschen Wehrmacht entschlüsselte. Die Deutschen hatten dafür die ENIGMA entwickelt, eine Chiffriermaschine, die Billionen von Verschlüsselungs-Möglichkeiten beherrschte und daher als unknackbar galt. Denn, und das kam noch hinzu, jeden Tag um Mitternacht wurde der Verschlüsselungscode in Form einiger Steckverbindungen geändert, so dass die Dechiffrierung immer wieder aufs Neue begonnen werden musste.

Turing setzt im Film von Anfang an auf die Konstruktion einer Maschine, die die Codes knacken und damit die Entschlüsselung der Nachrichten ermöglichen soll. Wie diese Maschine genau funktioniert, wird nicht erklärt – das hätte vermutlich zu viel Filmzeit in Anspruch genommen, da der Vorgang sehr kompliziert ist, wie die Wikipedia erklärt. Stattdessen stellt der norwegische Regisseur Morten Tyldum Alan Turing genauer vor: Wie konnte er zu einem solchen Außenseiter werden, zu diesem brillanten, aber auch fürchterlich arroganten Mistkerl?

Über Rückblenden auf Turings Kindheit und einen Teil der Geschichte, in dem er im Jahr 1952 einem Polizisten seine Aktivitäten während des Kriegs erzählt, gewinnt das Bild des Wissenschaftlers dann langsam Kontur. Je länger der Film dauert, desto mehr geht er auf die Homosexualität Turings als einen der bestimmenden Faktoren in seinem Leben ein.

Benedict Cumberbatch spielt das brillant. Er gibt seinem Alan Turing beispielsweise einen leichten Sprachfehler, ein ganz kleines Stottern, das in die ansonsten so perfekte arrogante Maske kleine Risse schlägt. Achtet man darauf, so erkennt man zudem hinter all der coolen Britishness immer wieder, dass bestimmte Momente oder Ereignisse mehr in ihm auslösen, als er zugeben will. Ihm zur Seite steht Keira Knightly als Joan Clarke, eine junge Mathematikerin, die nach und nach zur stärksten Verbündeten von Turing wird und zu der einzigen Person, die tatsächlich Einfluss auf ihn hat. Genau wie Cumberbatch wurde auch Knightley für diesen Film für einen Oscar nominiert.

"The Imitation Game" hat einiges gemein mit "The King’s Speech", der 2011 insgesamt acht Oscars einheimste. Beide sind großes Kino in der Hollywood-Tradition, spannend, bewegend, witzig, mit ausgezeichneten Darstellern. Beide nehmen sich eine reale Figur vor, die dazu beigetragen hat, dass England im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis zurückschlagen konnte. Doch während König George VI am Ende ein Gewinner ist, zeigt "The Imitation Game" Alan Turing zum Schluss als einsamen und unglücklichen Mann, der zwar für England den Krieg gewonnen, sein eigenes Leben jedoch verloren hat.

"The Imitation Game" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Donnerstag 22 Januar 2015 um 22:35 von Roland Freist

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