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Filmkritik: "The King's Speech"

Sprechen wie ein König

In den 30er Jahren geriet die englische Monarchie in eine schwere Krise. Als König George V. im Januar 1936 starb, ging die Krone zunächst planmäßig an den ältesten Sohn Edward VIII. über. Der jedoch wurde bereits seit einiger Zeit vom gesamten Inner Circle der britischen Monarchie sorgenvoll beobachtet, da er ein Verhältnis mit einer verheirateten Amerikanerin namens Wallis Simpson unterhielt. Denn es war ausgeschlossen, dass der englische König eine geschiedene Frau heiraten könnte. Als daher Wallis Simpson beschloss, sich für ihn scheiden zu lassen, verzichtete er auf den Thron und dankte am 11. Dezember 1936 ab, nach gerade einmal zehn Monaten Regentschaft. Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder Albert, der den Namen George VI. annnahm.

Soweit der historische Hintergrund von "The King’s Speech". Der Film setzt einige Jahre vor diesen Ereignissen an. Die erste Szene zeigt Albert (Colin Firth) bei der Eröffnung der British Empire Exhibition im Jahre 1925. Er soll vor einer großen Menschenmenge in ein Mikrofon sprechen – und es geht nicht. Albert stottert. Er findet keine Worte. Nach einer langen, quälenden Pause, in der alle Blicke auf ihn gerichtet sind, kommen ein paar nahezu unverständliche Wörter aus seinem Mund, dann ist wieder Pause. Albert leidet. Keine Chance, dass dieser Mann jemals eine Thronansprache halten wird. Aber das wird er ja auch nach dem damaligen Stand der Dinge niemals müssen.

Unterstützt von seiner Frau Elizabeth (Helena Bonham Carter), die später als Queen Mum bezeichnet und steinalt wurde, sucht er nach Therapien, um sein Stottern loszuwerden. Aber es hilft alles nichts. Schließlich stößt sie auf den australischen Schauspieler Lionel Logue (Geoffrey Rush), der es mit einer selbstentwickelten Behandlungsmethode versuchen will.

Was dann folgt, ist eine eigenwillige Mischung aus psychologischer Therapie und praktischen Sprachübungen. Logue besteht darauf, dass Albert ihn Lionel nennt, er darf ihn dafür Bertie rufen. Die beiden Männer sprechen auf Augenhöhe miteinander, was laut Logue ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein wird. Wenn Albert seine Worte nicht sprechen kann, fordert Logue ihn auf, die Texte zu singen, wodurch das Stottern unterdrückt wird. Bei einer anderen Übung trainiert der spätere König sein Zwerchfell, indem er sich auf den Rücken legt, seine Frau setzt sich auf seinen Bauch, und er hebt sie an. Langsam erzielt er Fortschritte.

Als Albert schließlich König wird, was er nie wollte und wofür er eigentlich auch nicht vorbereitet war, gibt es zwei große Ereignisse, bei denen er in der Öffentlichkeit sprechen muss. Bei der Krönungszeremonie kommt er noch glimpflich davon, er muss nur einige wenige Worte sagen. Doch bald darauf beginnt der zweite Weltkrieg, und der König soll sein Volk übers Radio auf Englands Kriegseintritt einstimmen. Das ist "The King’s Speech", der entscheidende Moment, auf den der Film zusteuert (die Original-Rede kann man sich übrigens im Netz anhören – Link siehe unten).

Und es ist ein ganz ausgezeichneter Film. "The King’s Speech" könnte schnell zum Tränendrüsendrücker werden, bei dem ganzen Mitleid, das er für den sprachbehinderten Thronfolger weckt. Doch das tut er nicht. Verantwortlich dafür sind vor allem der Humor und teilweise auch die Komik des Films. Zum einen ist Lionel Logue als Australier erkennbar ein Verächter der Monarchie. Er gibt ständig wunderbar ironische Statements zur Etikette und den Vorgängen am Hofe von sich. Als ihm Albert vom Verhältnis seines Bruders zu der verheirateten Wallis Simpson erzählt, "noch dazu eine Amerikanerin", kommentiert Logue das mit: "Ja, Prinzessin Wallis von Baltimore – das geht nicht." Aber auch Albert selbst ist nicht ohne Humor. Vor allem gelingen ihm immer wieder, in typisch englischer Manier, selbstironische Bemerkungen über sein Stottern und die langen Pausen, in denen er kein Wort herausbringt. Als Zuschauer genießt man natürlich auch die Szenen inmitten seiner Familie, etwa wenn er für seine beiden Töchter Elizabeth und Margaret einen Pinguin spielt. Die heutige Queen Elizabeth II. hat den Film übrigens bereits gesehen und soll mit der Darstellung ihres Vaters ganz zufrieden gewesen sein.

Die Hauptdarsteller spielen durch die Bank grandios. Colin Firth sieht man die Verspannungen und die Angst vor den großen Auftritten deutlich an. Gleichzeitig behält er jedoch immer den Habitus des vom Hofpersonal gedrillten Mitglieds der königlichen Familie bei. Im Zuge der Erfolge im Kampf gegen das Stottern wird auch seine Haltung ständig sicherer. Als er zum Schluss die große Aufgabe gemeistert hat, hat er tatsächlich die Haltung eines Königs.

Geoffrey Rush, der tatsächlich Australier ist, steht Firth kaum nach. Er ist ein unglaublich wandlungsfähiger Schauspieler, der in "Fluch der Karibik" einen Piratenkapitän genauso glaubwürdig verkörpern kann wie in Steven Spielbergs "München" den strategisch denkenden Mossad-Agenten oder jetzt eben den weitgehend mittellosen Sprachtrainer, der plötzlich einem Mitglied der königlichen Familie gegenübersteht. Man spürt, dass Lionel Logue seinen Patienten mag, sich seine ironischen Bemerkungen jedoch nicht verkneifen kann oder will. Er durchschaut Albert, versteht, was in einer Situation in ihm vorgeht und reagiert darauf.

Und Helena Bonham Carter schließlich gelingt es auch in der Rolle der in Etikette gezwängten Prinzgemahlin wieder, ihren koketten Charme zu entfalten. Im Vergleich mit früheren Rollen nimmt sie sich zwar etwas zurück, aber sie entfaltet trotzdem, wie eigentlich immer, eine ungeheure Leinwandpräsenz. Am schlechtesten schneidet noch die vierte Hauptperson ab, der von Guy Pearce gespielte Edward VIII., der schnöselig und oberflächlich wirkt.

Firth, Rush und Carter sind jeweils für einen Oscar vorgeschlagen, und das sind nur drei von insgesamt zwölf Nominierungen, die der Film bekommen hat. Und das zu Recht. Denn "The King’s Speech" ist, mehr als irgendein anderer Film dieser Saison, wirklich großes Kino.

"The King's Speech" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Die BBC hat anlässlich des Films die Original-Rede von George VI. aus dem Archiv gekramt, digitalisiert und ins Netz gestellt. Sie ist nur etwa sechs Minuten lang. Man hört deutlich, wie der König mit den Wörtern kämpft, wie er immer wieder kurze Pausen einlegt, um sein Stottern nicht zu verraten. Und man hört auch, dass er zu allem Überfluss auch noch lispelte, was im Film jedoch nicht thematisiert wird. Hier geht es zu der BBC-Seite mit der Aufnahme und einigen Erklärungen zur Entstehungsgeschichte.

Geschrieben am Freitag 18 Februar 2011 um 15:18 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Juli 2011 16:24

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