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Filmkritik: "Moonrise Kingdom"

Die Welt ist eine Insel

Das Moonrise Kingdom, das Königreich des aufgehenden Mondes, ist eine kleine, einsame Bucht an einer eher uninteressanten Insel im amerikanischen Nordosten. Hierher haben sich Sam (Jared Gilman) und Suzy (Kara Hayward) geflüchtet, zwei zwölfjährige Teenager, die eines gemeinsam haben: Sie sind Außenseiter in ihren jeweiligen Gruppen. Sam ist Mitglied der Khaki Scouts, einer Pfadfindergruppe, die auf der Insel ihr Sommerlager aufgeschlagen hat. Suzy ist die Tochter des örtlichen Leuchtturmwärters (Bill Murray). Kennengelernt hatten sie sich im vergangenen Sommer während einer Schulaufführung von Suzys Klasse. Seither schrieben sie sich Briefe und entwickelten den Plan, gemeinsam durchzubrennen.

Als es schließlich soweit ist, treffen zwei sehr seltsame Gestalten aufeinander. Sam trägt volle Pfadfindermontur, hat eine dicke Biberfellmütze auf dem Kopf und ein Luftgewehr in der Hand. Suzy im kurzen Sommerkleid bringt ihre Katze mit, einen Koffer mit Fantasybüchern sowie einen tragbaren Plattenspieler, der allerdings nur für Singles geeignet ist. Ihre einzige Platte ist ein Song von Françoise Hardy. Sobald die Eltern und die Pfadfinder bemerken, dass die Kinder nicht mehr da sind, beginnt eine großangelegte Suche über die gesamte Insel, an der auch der Inselpolizist Captain Sharp (Bruce Willis) und der Gruppenführer der Khaki Scouts (Edward Norton) teilnehmen. Und auch das Jugendamt in Form von Tilda Swinton schaltet sich ein, denn Sam ist eine Waise. Die Welt in Form dieser Insel ist klein, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die beiden gefunden werden.

Regisseur Wes Anderson erzählt in "Moonrise Kingdom" eine Geschichte, wie man sie schon etliche Male gesehen hat. Das Motiv von der verrückten Liebe zwischen zwei Außenseitern, die gemeinsam fliehen, kommt einem nur allzu bekannt vor. Doch Anderson wäre nicht Anderson, wenn er die Geschichte nicht so oft gebrochen hätte, bis sein Film diesen feinen, schmalen Grad erreicht, bei dem der Zuschauer nicht mehr weiß, ob das Geschehen auf der Leinwand eine Komödie oder absurder Ernst ist. Nicht nur, dass er die Hauptrollen der beiden Outlaws auf Kinder übertragen hat, er lässt die Story zusätzlich im Jahr 1965 spielen, was ihm die Gelegenheit gibt, mit grobkörnigen Bildern und einem leichten Farbstich zu arbeiten. Dazu kommt die Anderson-typische Kameraführung, die ruhigen Fahrten in zumeist seitlicher Richtung, die einfachen Schwenks, die die Umgebung einfangen. Es sind die gleichen sparsamen Bewegungen, wie er sie auch in seinen Werbevideos verwendet.

Seltsame Begebenheiten tragen sich zu. Ein Junge wird vom Blitz getroffen, steht rußverschmiert wieder auf und sagt: Mir ist nichts passiert. Ein Pfadfinder bekämpft die Ameisen auf einer weiten Wiese mit einer Flasche Feuerzeugbenzin und einer Fackel. Ein anderer Pfadfinder hat auf einem alleinstehenden, dünnen, jungen Baum ein riesiges Baumhaus platziert, das unter normalen Umständen sofort kippen würde. Sam flüchtet aus seinem Einzelzelt, indem er ein Loch in die Seitenwand schneidet (er hätte auch einfach den Reißverschluss öffnen können). Das alles wird mit großem Ernst erzählt. Zusammen mit den ausformulierten, altersweisen Sätzen der Beteiligten ergibt sich eine seltsam unwirkliche Atmosphäre, es entsteht eine Welt, die ihren eigenen Gesetzen zu folgen scheint. Wie schon bei "Der fantastische Mr. Fox" hat man teilweise den Eindruck, dass hinter den Gesichtern der Figuren dunkle, unaussprechliche Geheimnisse verborgen sind.

"Moonrise Kingdom" ist im Kern eine einfache Liebesgeschichte, die jedoch in einer Welt außerhalb unserer Zeit und unseres Raums spielt. Der Film ist voll mit absurdem Humor, doch niemand lacht. Es kommt zu einem Happy End, doch selbst das ist rätselhaft. "Moonrise Kingdom" ist ein guter, unterhaltsamer Film, doch nichts für Menschen, die einfach nur gut unterhalten werden wollen.

"Moonrise Kingdom" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 01 Juni 2012 um 22:34 von Roland Freist

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:25

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