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Filmkritik: "Die Abenteuer von Tim und Struppi"

Ein Junge und sein Hund

Als Kind erschienen mir die Tim-und-Struppi-Hefte wie eine eigene Welt. Wir lasen damals Asterix, das war Pflicht, man musste immer ein Zitat von Obelix oder einem der Piraten parat haben. Tim und Struppi jedoch nahm ich nur am Rande wahr. Wenn ich durch Zufall einmal ein Heft in die Finger bekam, war ich zwar durchaus beeindruckt von den spannenden Geschichten, den Figuren und Zeichnungen. Doch vielleicht weil die Serie bereits seit Jahrzehnten lief und das Taschengeld für die ganzen Hefte ohnehin nicht gereicht hätte, konzentrierte ich mich lieber darauf, meine Sammlung an Asterix-Heften zu vervollständigen.

Daran musste ich denken, als ich "Die Abenteuer von Tim und Struppi" sah. Denn mit dem Film verhält es sich so, als würde man zufällig auf eines der alten Hefte stoßen: Man begleitet die beiden Titelhelden zwei Stunden lang bei einem ihrer zahlreichen Abenteuer. In dieser Zeit geht es in enormem Tempo per Schiff, Flugzeug und Motorrad übers Meer und durch die Wüste bis ins Morgenland und wieder zurück nach Belgien. Die Handlung dreht sich um einen verschwundenen Schatz und düstere Familiengeheimnisse, und zum Schluss, als alles vorbei ist, rennen Tim, Struppi und Captain Haddock weiter zum nächsten Abenteuer. Die Geschichte hat zwar einen konventionellen Anfang, doch es gibt keinen emotionalen oder durch die Spannungskurve ausgedrückten Schluss. Tims Leben, von dem man ansonsten so gut wie nichts erfährt, scheint unablässig auf der Überholspur stattzufinden, und wir dürfen ihn für eine Weile dabei begleiten.

"Tim und Struppi" ist von vorn bis hinten ein buntes, ausgelassenes, anarchisches Vergnügen, man spürt sehr deutlich den Spaß, den Steven Spielberg (Regie) und Peter Jackson (Produzent und außerdem Regisseur beim zweiten Filmteam) bei der Arbeit hatten. Die Special Effects tragen einiges dazu bei. Das Performance-Capture-Verfahren, das die realen Schauspieler zu dreidimensionalen Comic-Figuren macht, erzeugt einen surrealen Effekt – diese Figuren sind eindeutig keine Menschen, doch Marionetten oder Zeichentrick-Charaktere sind es auch nicht. Es ist eine eigene Welt, die hier erschaffen wird, eine Parallelwelt, die ein wenig an last year’s "Der fantastische Mister Fox" erinnert. Diese Welt ist in vielen Bildern sehr liebevoll ausgestaltet. Manche Szenen erinnern an Wimmelbilder – man kann Dutzende von Figuren bei ihren Alltagsbeschäftigungen beobachten, und wäre mehr Zeit, gäbe es bestimmt noch zahllose witzige Details zu entdecken.

Dieser Film ist wie ein Besuch auf dem Rummelplatz: Ein Karussell nach dem anderen wird ausprobiert, einige Überschläge, und weiter geht’s. Es hat etwas Rauschhaftes. Zum Schluss heißt das Fazit: Das hat Spaß gemacht. Doch man ist auch ganz froh, dass man wieder durchatmen kann.

Denkt man über eine Bewertung nach, muss man berücksichtigen, dass der Film für Kinder gemacht ist. Die Figuren, der Humor – alles zielt auf sagenwirmal Sechs- bis 14-jährige ab. Die lachten und kreischten denn auch während der Vorstellung und gingen vor allem bei den rasanten Verfolgungsjagden begeistert mit. So etwas hatten sie wohl noch nicht gesehen. "Tim und Struppi" ist vielleicht keine hohe Filmkunst, dazu ist er zu unreflektiert. Doch sein Zielpublikum stellt er zu 100 Prozent zufrieden.

Anmerkung: Im Münchner Cinemaxx kann man den Film wahlweise in 2D oder 3D sehen. Ich entschied mich für 3D, da ich wissen wollte, wie der Perfektionist Steven Spielberg die Technik einsetzt. Ein Fehler. Während die Szenen im Tageslicht gut ausgeleuchtet waren, gab es bei den Bildern aus dunklen Kellern, Schiffsbäuchen etc. das übliche Problem, dass die 3D-Brille Farben und feine Konturen absaufen ließ.

"Die Abenteuer von Tim und Struppi" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 28 Oktober 2011 um 17:38 von Roland Freist

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:14

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