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Filmkritik: "127 Hours"

Unter dem Felsen

127 Stunden – das ist die Zeit, die Aron Ralston (James Franco) in einer Felsspalte festsitzt. Freitagabend war er aufgebrochen in die Canyonlands, einen Nationalpark in Utah. Samstagmorgen fährt er zunächst mit dem Mountain Bike los, macht sich dann später zu Fuß auf den Weg. Er trifft zwei Mädchen, begleitet sie ein Stück, bekommt beim Abschied eine Partyeinladung für den nächsten Abend. Dann geht er allein weiter, passt einen Moment nicht auf und fällt in besagte Spalte, wobei sich ein Felsbrocken löst und ihm den rechten Arm einquetscht. In diesem Moment erscheint der Titel des Films, "127 Hours". Die Uhr läuft.

Ralston hat kein Handy dabei und würde vermutlich ohnehin keinen Empfang bekommen. Niemand weiß, wo er ist. Auf Tage hinaus wird ihn niemand vermissen. Die Spalte, in die er gestürzt ist, liegt weit abseits jedes Weges, es ist unwahrscheinlich, dass jemand vorbeikommen wird. Er zieht und zerrt an seinem Arm. Er hämmert auf den Stein ein, feilt an ihm herum. Er ist gut ausgerüstet mit Riemen, Karabinerhaken und einem Kletterseil, damit baut er sich einen einfachen Flaschenzug, um den Felsbrocken anzuheben. Der jedoch bewegt sich keinen Millimeter. Allmählich geht ihm das Wasser aus, er trinkt seinen Urin, hat Halluzinationen. Er sieht seine Eltern vor sich, seine Ex-Freundin.

Dann, nach fünf Tagen fasst er einen Entschluss. Die eingeklemmte Hand ist längst abgestorben. Ralston hat eine billige Kopie eines Leatherman Tools dabei. Er bindet seinen Arm ab, bricht sich selbst den Knochen, klappt das Taschenmesser aus und schneidet den Arm ab. Die rund drei Minuten dauernde Sequenz, in der der Film diese blutige Prozedur zeigt, ist nichts für Menschen mit einem empfindlichen Magen. Danach ist Ralston frei. Nach einigen Stunden Fußmarsch trifft er auf andere Wanderer, die ihm Wasser geben und Hilfe holen. Aron Ralston überlebt.

"127 Hours" beschreibt eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 2003. Die Geschichte ging damals weltweit durch die Presse, das Ende kann als bekannt vorausgesetzt werden. Der Film kann seine Spannung daher nicht aus der Ungewissheit über das Schicksal seines Protagonisten gewinnen, sondern muss die Zuschauer auf andere Art und Weise bei der Stange halten. Das gelingt zum einen durch die verschiedenen Versuche von Ralston, sich zu befreien. Am Anfang packt er seinen Rucksack aus und überlegt, wie er seine Ausrüstung nutzen kann, um den Felsbrocken zu bewegen und aus der Spalte zu entkommen. Und der Zuschauer überlegt mit: Hätte es noch eine andere Möglichkeit gegeben, an die Ralston nicht gedacht hat?

Gleichzeitig lernen wir Ralston sehr gut kennen. Er hat eine Videokamera dabei, mit der er seinen Ausflug dokumentiert. Er macht Aufnahmen von sich selbst, spricht in die Kamera. Vor allem redet er mit seinen Eltern, entschuldigt sich bei ihnen, will klaren Tisch machen und diktiert eine Art Testament. Die Halluzinationen nehmen zu, er wird immer schwächer und weinerlicher. Und dann, in einem seiner letzten klaren Momente, beschließt er, dass er noch nicht sterben will. Er erkennt, dass es nur einen Weg gibt, aus dieser Situation herauszukommen. Er reißt sich zusammen und tut, was getan werden muss.

Der Hauptdarsteller, James Franco, hat derzeit einen Lauf. Er wird für gute Filme engagiert, in denen er gute Rollen bekommt ("Milk", "Howl"). Und am 27. Februar wird er zusammen mit Anne Hathaway die Oscars präsentieren. "127 Hours" ist über weite Strecken ein Ein-Personen-Stück. Da braucht es einen Schauspieler, dem man gerne zusieht, damit der Film funktioniert. Und Franco bekommt das hin. Er ist auch genau der richtige Typ für die Rolle, man kauft ihm den sportbegeisterten, abenteuerlustigen Großstadtflüchtling sofort ab.

"127 Hours" ist kein Meisterwerk, aber ein durchaus sehenswerter Film. Man beginnt zu überlegen, ob man selbst in der Lage wäre, in der gleichen Situation das Gleiche zu tun wie Aron Ralston. Vermutlich eher nicht, vor allem, da einem der Film plastisch vor Augen geführt hat, mit welch wahnsinnigen Schmerzen das Durchtrennen einer Armsehne verbunden ist. Andererseits würde man sich wohl auch nie allein in einem menschenverlassenen Wüstengebiet herumtreiben. Aber weiß man, was alles passieren kann?

"127 Hours" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Der echte Aron Ralston erklärt, wie er seinen Arm amputierte:

Geschrieben am Sonntag 20 Februar 2011 um 20:45 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Juli 2011 16:24

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