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Filmkritik: "Carlos – Der Schakal"

Terrorismus als Lebensstil

In den 70er und 80er Jahren galt ein Mann mit dem Decknamen "Carlos" als der gefährlichste Terrorist der Welt. Dieser Ruf rührte vor allem von dem brutalen und blutigen Überfall auf die Versammlung der OPEC-Staaten im Dezember 1975 in Wien her. Carlos hatte diese Operation angeführt, hatte mit seinen Begleitern die Minister entführt und erst nach einem tagelangen Irrflug über Algier nach Tripolis und wieder zurück nach Algier wieder freigelassen. Doch trotz dieser spektakulären Aktion blieb Carlos ein Phantom, kaum jemand wusste, wie er aussah. Das einzige Fahndungsfoto, das es von ihm gab, zeigte einen leicht untersetzten, dunkelhaarigen Mann mit einer großen Sonnenbrille, die aussah, als würde sie einer Frau gehören. Und obwohl er seit seiner Verhaftung im Jahr 1994 immer wieder vernommen wurde, obwohl Tausende von Artikeln über ihn erschienen sind und seine deutsche Ex-Frau ein Buch über die Zeit an seiner Seite geschrieben hat, ist bis heute nicht klar, welche Anschläge und Morde tatsächlich auf sein Konto gehen.

Das liegt unter anderem daran, dass sich Ilich Rámirez Sánchez, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, als Terrorist geradezu genüsslich inszeniert hat. So behauptet er beispielsweise bis heute, an Anschlägen beteiligt gewesen zu sein, die wohl nie stattgefunden haben. Und diese Selbstinszenierung ist es auch, die den französischen Film "Carlos" von Olivier Assayas so interessant macht. Er zeigt einen Mann, der das Leben eines Terroristen führt, weil er sich selbst in dieser Rolle gefällt. Er sagt zwar, dass er sich für die Schwachen und Unterdrückten einsetzen wolle. Doch tatsächlich geht es ihm in erster Linie um sich selbst.

"Carlos" interpretiert genauso wie vor einigen Jahren "Baader" (mit dem vor kurzem viel zu früh verstorbenen Hauptdarsteller Frank Giering) den Terroristen als Playboy. Edgar Ramírez spielt ihn als jungen, gut aussehenden Mann, den das nervenaufreibende Leben eines Terroristen erregt. In einer Szene sieht man ihn in seinem Zimmer, wie er sich nach einem gelungenen Anschlag stolz und nackt ans Fenster stellt, auf die Straße hinunterblickt und sich zwischen die Beine fasst. An einer anderen Stelle des Films will er seiner Freundin die Angst vor einem Revolver nehmen. Er nimmt die Waffe als wäre es ihre Hand, streichelt damit seine Wange und küsst den Lauf. Es ist die Erotik der Gewalt und des Todes, die ihn antreibt. Terrorismus ist für Carlos ein Mittel, um Sex zu bekommen, und zwar nicht nur die Ersatzbefriedigung der Anschläge, sondern auch den echten Sex mit zahlreichen, häufig wechselnden Freundinnen.

Es ist faszinierend, diese Interpretation eines Terroristen zu beobachten. Carlos liebt Whisky, Weiber und Zigaretten, ist ständig in Bewegung, reist zwischen Paris, London, Beirut, Aden, Budapest, Damaskus hin und her und bringt kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken Menschen um. Man könnte ihn einen James Bond der dunklen Seite nennen, würde damit jedoch verkennen, dass 007 bei aller Ironie zumindest noch an sein Heimatland glaubt und die Werte, für die es steht. Carlos hingegen glaubt an nichts. Er will nur die Action, und es ist ihm gleich, wer ihm die finanziert. Anfangs ist es die sozialistische PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine, Volksfront zur Befreiung Palästinas), später gründet er mit der OAAS (Organization of the Armed Arab Struggle – Arm of the Arab Revolution) eine Art freiberufliches Terroristen-Netzwerk, das für den syrischen Geheimdienst genauso arbeitet wie für die rumänische Securitate. Zum Schluss hat er aber auch keine Hemmungen, sich auf die Seite der reaktionären Fundamental-Islamisten im Sudan zu schlagen.

"Carlos" ist ein Film über den Terrorismus der 70er Jahre, mit unglaublicher Detailversessenheit gedreht. Er versetzt den Zuschauer zurück in die Zeit der Flugzeug-Entführungen, Bombenanschläge und Geiselnahmen, in die Dekade der konkurrierenden palästinensischen Befreiungsbewegungen und der jemenitischen Ausbildungscamps. Er handelt von blassen deutschen Terroristen mit Oberlippenbart und von vollbärtigen Arabern, von den bizarren Kooperationen osteuropäischer Geheimdienste mit Terrorgruppen und dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi. Und inmitten dieses ganzen Chaos zeigt er Carlos, der zu allen Beteiligten Kontakt hat, und zwischen den Attentaten mit ihnen Whisky trinkt und Zigaretten raucht.

"Carlos – Der Schakal" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Donnerstag 04 November 2010 um 16:37 von Roland Freist

Bearbeitet: Sonntag 03 Juli 2011 16:30

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