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TV-Kritik: "Boston Legal"

Republikaner und Demokraten vor Gericht

Heute Abend läuft auf Vox die letzte Folge von "Boston Legal", daher noch einige Worte zum Abschied. Außergewöhnlich war bereits das Konzept, in einer Anwaltsserie Politik und Comedy derart eng miteinander zu verbinden. Wenn sich die beiden Hauptfiguren, der konservativ-republikanische Denny Crane (William Shatner) und der demokratische Alan Shore (James Spader), am Ende jeder Folge bei Whisky und Zigarre auf der Terrasse der Kanzlei trafen, hoch über den Dächern von Boston, besprachen sie nicht nur ihre Fälle und privaten Auseinandersetzungen, sondern immer auch die politisch-gesellschaftlichen Probleme der USA. Die Schlussplädoyers von Shore, meist der Höhepunkt der jeweiligen Folge, formulierten scharfe Anklagen gegen die Todesstrafe, gegen die Kluft zwischen Arm und Reich, Rassismus, die Macht der Großkonzerne, Umweltzerstörung und vieles mehr. Meist stimmten die Geschworenen dann zugunsten von Shores Mandanten. Diese politischen Aspekte hätten bei einer normalen Anwaltsserie die Zuschauer vermutlich scharenweise zum Umschalten bewegt, wenn "Boston Legal" nicht von der ersten Folge an mit einem anarchischen Humor gearbeitet hätte, der leider in den ersten Staffeln öfter auch mal ins Zotige abglitt.

Für die bizarren Momente in der Serie sorgte zuverlässig William Shatner, der für "Boston Legal" seinen bislang einzigen Golden Globe (als bester Nebendarsteller) und dazu noch einen Emmy gewann. Sein Denny Crane ist eine großartige Figur: Der erfolgreichste Strafverteidiger von Boston, der von seinen knapp 6000 Fällen keinen einzigen verloren hat, steinreich, mit einem kaum zu überschätzenden Einfluss in der Stadt, wird langsam aber sicher senil, wiederholt als einziges Argument vor Gericht und anderswo einfach nur noch seinen Namen und beginnt, sich im Laufe der Serie immer mehr in einen pubertären Jugendlichen zurück zu verwandeln – zum großen Entsetzen nicht nur der übrigen Gesellschafter der Kanzlei, sondern auch seiner Mandanten und Gegner im Gerichtssaal. Trotzdem wurde Denny Crane in der Serie nicht als Karikatur eines alten Mannes mit Gedächtnisverlust gezeichnet, sondern die Macher zeigten immer wieder auch das Mitgefühl seiner Freunde und Kollegen, genauso wie die Verzweiflung von Crane selbst, der um seinen gesundheitlichen Zustand wusste.

Und noch weitere Merkmale heben "Boston Legal" aus der Masse heraus: Es war die einzige populäre Serie, deren Hauptfiguren allesamt bereits jenseits der 50 waren. Dass die sie umgebenden Anwaltsgehilfen und angestellten Anwälte deutlich jünger waren, liegt in der Natur der Sache und führte letztlich nur dazu, dass diese Figuren mit einer bemerkenswert hohen Frequenz von Staffel zu Staffel ausgetauscht wurden. Während der vierten Staffel thematisierten die Drehbuchschreiber zudem immer wieder den parallel zur Ausstrahlung laufenden Wahlkampf von Obama gegen McCain, bis Denny Crane in der letzten Folge zugab, dass sogar er für den Demokraten gestimmt hatte. Kein Wunder also, dass es heute Abend in der letzten Folge zur Hochzeit zwischen Crane und Shore kommt. Damit erhält dann auch die wohl am längsten dauernde TV-Liebesbeziehung zwischen zwei Hetero-Männern einen würdigen Abschluss.

"Boston Legal" in der IMDB

Einfach nur ... Denny Crane:

Geschrieben am Montag 07 Juni 2010 um 16:38 von Roland Freist

Bearbeitet: Freitag 29 November 2013 17:57

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