« Filmkritik: "The Big Short" | Zurück zur Startseite dieses Blogs | "The Chickening" »

Filmkritik: "Anomalisa"

Puppen und wie sie die Welt sehen

Warum dreht man heute noch einen Film mit Puppen? Und vor allem im aufwendigen Stop-Motion-Verfahren, bei dem Bild für Bild einzeln belichtet wird? Im Fall von "Anomalisa" scheint die Antwort ziemlich klar: Eine Puppe ist ein Ding, etwas Austauschbares, zudem liegt die Assoziation zur Marionette nahe. Und beides passt sehr gut zu diesem Film, der komplett als Animationsfilm ausgeführt ist.

Er handelt von Michael Stone, einem Mann in seinen frühen 50ern, eindrucksvoll ergraut, ein erfolgreicher Coach für Service-Angestellte, der auch ein gut verkauftes Buch geschrieben hat. Zu Anfang sehen wir ihn auf dem Flug nach Cincinatti, wo er einen Vortrag halten soll. Alle Menschen um ihn herum nerven ihn, sein Sitznachbar im Flugzeug, der Taxifahrer, der ihn zum Hotel bringen soll, der Hotel-Rezeptionist. Und nach kurzer Zeit stellt man erstaunt fest, dass sich alle diese Leute nicht nur ähnlichsehen, sondern mit ein und derselben Stimme sprechen. Auch die Frauen und Kinder, denen Michael begegnet und mit denen er auf seinem Zimmer telefoniert, etwa seine Frau und sein Sohn daheim in Los Angeles, haben diese Stimme. Und wir verstehen, dass er aller dieser Menschen überdrüssig ist.

Doch dann hört er auf einmal eine andere Stimme, die einer jungen Frau. Sie gehört Lisa Hesselman, eine Service-Mitarbeiterin eines großen Unternehmens, die am nächsten Tag seinen Vortrag besuchen will. Sie ist jung, ein wenig pummelig und wegen einer Narbe neben ihrem rechten Auge im Umgang mit anderen gehemmt. Doch Michael ist fasziniert von ihr: Endlich jemand, der aus der Masse heraussticht. Er lädt sie und ihre Kollegin in die Hotelbar ein, und am Ende des Abends landen Lisa und er im Bett. In einer sehr romantischen Szene haben sie Sex, keinen durchchoreographierten Model-Sex wie man ihn sonst in Filmen sieht, sondern realistischen Sex inklusive schüchternem Herantasten, versehentlichem Kopfanstoßen und 60-Sekunden-Koitus. Alles ist wundervoll, und Michael ist sehr verliebt. Doch am folgenden Morgen beginnt sich Lisas Stimme zu verändern.

Regisseur Charlie Kaufman hat in den vergangenen Jahren meist als Drehbuchautor gearbeitet, für "Vergiss mein nicht" bekam er 2005 den Oscar. In seinen Filmen, und dabei vor allem in seinem Meisterwerk "Being John Malkovich", interessiert er sich dafür, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, was sie denken und fühlen. In "Anomalisa" nimmt er sich einen ganz bestimmten Typus und seine Welt vor, den mittleren Angestellten und typischen Geschäftsreisenden, der aus den weltweit überall gleich aussehenden Hotels der großen Ketten seine Familie anruft, anschließend One-Night-Stands mit flüchtigen Bekanntschaften hat, und innerlich bereits weitgehend abgestorben ist. Michael spricht am nächsten Tag in seiner Präsentation darüber, dass man jeden Kunden als Individuum betrachten und auf ihn zugehen müsse, um erfolgreich zu sein. Doch für ihn sind sie alle nur noch eine große, ununterscheidbare Masse. Und selbst wenn dann mal jemand Besonderes auftaucht, ist das für ihn nur eine kurze Abwechslung. Michael nutzt Menschen wie Lisa aus und lässt sie dann wieder fallen.

Das ist natürlich eine sehr düstere Bestandsaufnahme. Doch wie immer bei Charlie Kaufman gibt es auch ein Fünkchen Hoffnung, das sich wie in seinen anderen Filmen auch hier ganz am Schluss zeigt. Außerdem hat der Mann Humor, was hier vor allem bei einer Szene in einem Laden für Sexspielzeug zum Tragen kommt, und die depressive Grundstimmung immer mal wieder für kurze Momente aufhellt.

"Anomalisa" ist nicht Kaufmans bester Film, dafür wurde die im Grunde sehr simple Handlung zu stark ausgewalzt, um auf die 90 Minuten Spielfilmlänge zu kommen. Doch es ist mal wieder ein sehr eindringliches und eigenwilliges Werk geworden, ein Puppenspielfilm für Erwachsene, der dennoch realistischer ist als die meisten anderen Filme, die in die Kinos kommen.

"Anomalisa" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Montag 25 Januar 2016 um 12:01 von Roland Freist

Bearbeitet: Montag 25 Januar 2016 16:55

blog comments powered by Disqus

« Filmkritik: "The Big Short" | Zurück nach oben | "The Chickening" »

Impressum/Kontakt