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Filmkritik: "On the Road – Unterwegs"

Das wilde Leben

New York, Denver, San Francisco – das sind die Stationen, zwischen denen die Protagonisten in "On the Road" hin und her pendeln. Zwischendurch gibt es einen Ausflug nach Louisiana, zum Schluss einen nach Mexiko, ansonsten aber geht es von der Ost- zur Westküste, immer wieder hin und zurück, zu Fuß, per Anhalter mit dem Auto oder schwarz in einem Güterwagon. "On the Road" handelt von der Lust am Reisen, die zugleich eine Lust aufs Leben und auf Abenteuer ist. Die Hauptpersonen spüren eine Unruhe in sich, die sie nicht lange an einem Ort verweilen lässt, und sie werden dabei begleitet von der Underground-Musik der späten 40er Jahre, dem Bebop, mit seinen hektischen Rhythmen und Soundexperimenten.

Walter Salles Verfilmung von Jack Kerouacs Roman hält sich weitgehend an das literarische Vorbild. Kerouac, der in Buch und Film Sal Paradise heißt (gespielt von Sam Riley), lebt in New York und will Schriftsteller werden. Er hat gerade seinen Vater beerdigt – es ist eine väterlose Generation, die hier vorgestellt wird. Da lernt er Dean Moriarty (Garrett Hedlund, "Tron Legacy") und seine Freundin Marylou (Kristen Stewart, "Twilight") kennen. Als noch Carlo Marx (Tom Sturridge) dazukommt, ebenfalls Schriftsteller und sofort verliebt in Dean, formt sich eine Clique, die der Film von fort an begleitet.

Dean ist die dominante Persönlichkeit in der Gruppe. Er wirkt wie ein Motor und pumpt Leben in die einsamen, leicht depressiven New Yorker Intellektuellen. Er ist charismatisch, sieht unverschämt gut aus, hat wunderschöne Freundinnen – neben Marylou gibt es auch noch Camille, gespielt von der großartigen Kirsten Dunst. Er ist bisexuell, promiskuitiv, liebt Bebop, raucht Marihuana und verströmt eine Unrast, die ansteckend wirkt. Als Dean nach einigen Wochen wieder zurückkehrt in seine Heimatstadt Denver, macht Sal sich auf, ihn zu besuchen. Damit beginnen die Reisen quer über den Kontinent.

Der Film erzählt die Erlebnisse der Protagonisten während der folgenden Jahre. Es sind aneinandergereihte Anekdoten von Begegnungen mit Menschen, von Konzerten, versoffenen und durchgekifften Nächten, von sexuellen Experimenten, langen Autofahrten, Streit, Versöhnung und Liebe. Um ihr Leben zu finanzieren, müssen Sal und Dean zwischendurch immer wieder mies bezahlte Tagelöhnerjobs annehmen, sie arbeiten als Parkplatzwächter oder helfen bei der Baumwollernte. Man mag die handelnden Personen, vor allem natürlich den Erzähler Sal, und hätte in jüngeren Jahren auch gerne einen Freund wie Dean gehabt. Obwohl nichts wirklich Spannendes oder Dramatisches passiert, begleitet man die Protagonisten bis zum Schluss gern auf ihren Reisen, und das trotz einer Filmlänge von mehr als zwei Stunden.

Die Besetzung ist ausgezeichnet. Garrett Hedlund macht seine Sache sehr gut und verströmt die sexuelle Anziehungskraft des jungen Marlon Brando – nach "Tron Legacy" hätte man ihm das nicht zugetraut. Die Rolle von Sam Riley ist die des Beobachters, er muss daher notgedrungen etwas zurückstecken. Tom Sturridge bleibt blass, während Kristen Stewart eine überraschend gelöste Marylou abgibt. Neben der bereits erwähnten Kirsten Dunst tauchen noch zwei weitere Lieblings-Schauspieler in kleinen Nebenrollen auf: Steve Buscemi spielt einen schwulen Freier, Viggo Mortensen den Underground-Helden der 50er Jahre, den Junkie und Schriftsteller William S. Burroughs.

"On the Road" wird oft als Schlüsselroman bezeichnet über eine Jugendbewegung in den späten 40er und frühen 50er Jahren, für die Kerouac und der Schriftsteller John Clellon Holmes die Bezeichnung Beat Generation erfanden. Das Buch beschreibt wohl überwiegend tatsächliche Erlebnisse von real existierenden Menschen: Dean Moriartys echter Name war Neal Cassady, und hinter Carlo Marx verbirgt sich Allen Ginsberg, mit dem Cassady bis zu seinem Tod 1968 immer mal wieder eine Beziehung hatte. Doch eigentlich erzählte Kerouac in "On the Road" lediglich von ein paar wilden Jahren im Leben einiger angehender Schriftsteller, zum Manifest einer ganzen Generation wurde es erst im Nachhinein erhoben. Vor allem die Erzählweise beeindruckte die Leser, dieser atemlose, wie von einem Beat angetriebene Stil.

Der Film geht geruhsamer zu Werke, pickt einzelne Geschichten heraus und erzählt sie mit schönen, langsamen Kamera-Einstellungen. Hier geht es nicht mehr um irgendeine Beat Generation, sondern um die Erlebnisse von ein paar jungen Intellektuellen in einer Zeit, in der die USA noch jung und unschuldig wirkten. Doch in den Figuren, die Film und Buch beschreiben, in ihrem Hunger auf Leben und ihrer Neugierde auf alternative Lebensformen abseits der bürgerlichen Standards erkennt man bereits die Konflikte, die in den Jahrzehnten danach das Land erschüttern sollten.

"On the Road" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Donnerstag 04 Oktober 2012 um 11:31 von Roland Freist

Bearbeitet: Donnerstag 06 April 2017 23:34

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