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Filmkritik: "Der Gott des Gemetzels"

Jeder gegen jeden

Der Vorspann zeigt, worum es eigentlich geht: Wir sehen aus der Entfernung eine Gruppe von Kindern in einem Park, zwei der Jungen streiten sich. Schließlich greift der eine zu einem abgebrochenen Ast und schlägt dem anderen damit ins Gesicht. Der Geschlagene fällt hin, sein Gegner rennt davon. Schnitt.

Ein Apartment in New York, durchaus gemütlich, mit durchschnittlicher Mittelklasse-Ausstattung. Dort lernen wir zwei Ehepaare kennen, die den Vorfall im Park gerade schriftlich zusammenfassen. Die Eltern des geschlagenen Jungen heißen Penelope und Michael Longstreet (Jodie Foster und John C. Reilly), ihnen gehört auch die Wohnung. Die Eltern des Jungen mit dem Ast sind Nancy und Alan Cowan (Kate Winslet und Christoph Waltz). Ihr Sohn hat seinem Spielkameraden die Lippe aufgeschlagen und zwei Schneidezähne abgebrochen. Das ist keine Katastrophe, aber natürlich schlimm genug, dass man sich mal zusammensetzen und die Dinge klären muss.

Zu Anfang ist die Stimmung auch noch sehr harmonisch. Es gibt Kaffee und Gebäck, und man einigt sich darauf, dass der Sohn von Nancy und Alan mit dem Ast nicht "bewaffnet", sondern lediglich "ausgestattet" war. Man macht Smalltalk, gibt sich gegenseitig Shopping-Tipps und erkundigt sich höflich nach den Lebensumständen. Nur Alan nervt, da sein Smartphone ständig klingelt und er ohne Rücksicht auf die Anwesenden laute Gespräche mit einem Kunden und seinem Büro führt.

Je länger dieses Treffen dauert, desto mehr gewinnen die Gespräche eine Eigendynamik. Später noch zusätzlich unterstützt durch einige gut eingeschenkte Gläser Whisky kommen unterdrückte Aggressionen und Frustrationen ans Tageslicht, hässliche Vorwürfe fliegen durch den Raum, es wird zynisch und gemein. Wobei die Anschuldigungen und Beleidigungen oftmals so unerhört sind und so unvermittelt hervorgestoßen werden, dass es äußerst komisch wird.

Es sind zwei Faktoren, die diesen Film so gut machen: Die Qualität der Dialoge – "Der Gott des Gemetzels" beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza, derzeit weltweit die meistgespielte zeitgenössische Dramatikerin. Und zum zweiten natürlich die Schauspieler.

Am besten gefallen hat mir dabei Kate Winslet. Sie ist sich ihrer Rolle von Anfang an sicher, spielt Nancy als eine New Yorker Großstadtzicke, großbürgerlich, immer perfekt gekleidet und geschminkt, tatsächlich jedoch ein Nervenbündel und latent hysterisch. Kein Wunder, dass sie später quer über den Tisch kotzt (was ihren Mann zu einigen äußerst abfälligen Bemerkungen über das gereichte Gebäck veranlasst). Zu Beginn jedoch wirkt Christoph Waltz noch etwas fremd in der Rolle des erfolgreichen Firmenanwalts. Er ist an dem ganzen Vorfall weitgehend desinteressiert. Als sein Alan jedoch im weiteren Verlauf immer zynischer und sarkastischer wird, blüht Waltz regelrecht auf. Zum Schluss ist es ein Genuss ihm zuzusehen, wie er etwa mit gespieltem Bedauern sein klingelndes Handy aus der Tasche zieht und damit zum x-ten Mal die anderen Gespräche unterbricht.

Ähnlich John C. Reilly. Am Anfang noch recht unscheinbar, wird er später immer besser, vor allem als es später laut wird, er aufsteht und seine ganze physische Präsenz ausspielen kann. Seine Figur, Michael, ist ein Handelsvertreter für Pfannen, Töpfe, Türbeschläge und Toilettenspülungen. Zu Anfang ist er noch der sympathische, ehrliche Kerl, groß, ruhig, vertrauenswürdig, mit Händen wie Kohleschaufeln. Doch nicht erst bei seinem letzten Gesprächsbeitrag, in dem er erklärt, seine Frau beschäftige sich mit den "Bimbos" in Afrika, beginnt man zu ahnen, welche Abgründe sich in ihm auftun. Jodie Foster schließlich braucht am längsten, bis sie auf Betriebstemperatur kommt. Ihre Penelope ist ein Gutmensch, sie hat ein Buch über Darfur geschrieben, interessiert sich für Kunst und lässt ihre Ausstellungskataloge demonstrativ auf dem Esstisch liegen. Am Anfang kommt sie als ein nur mühsam beherrschter Charakter rüber, von der eigenen moralischen Überlegenheit überzeugt und innerlich voller Wut auf die Welt um sie herum. Bis dann zum Schluss auch sie explodiert und brüllt, bis die Adern auf ihrer Stirn hervortreten und ihr Gesicht sich dunkelrot färbt.

Eine Geschichte, wie sie "Der Gott des Gemetzels" erzählt, hätte leicht in einen ermüdenden Seelenstriptease ausarten können. Oder man hätte, um mehr Komik zu erzeugen, immer wieder die Fallhöhe zwischen dem banalen Anlass (Rauferei zwischen Kindern) und dem von den Eltern beschworenen Weltelend demonstrieren können, was auf Dauer vermutlich langweilig geworden wäre. Auf beides verzichtet Regisseur Roman Polanski. Stattdessen bezieht der Film seine Wirkung aus dem Gegensatz zwischen dem Bild, das seine Charaktere von sich haben und das sie gerne anderen vermitteln möchten, und ihrem tatsächlichen Reden und Verhalten. Das ist große Kunst und nicht zuletzt auch sehr unterhaltsam.

"Der Gott des Gemetzels" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Freitag 25 November 2011 um 17:55 von Roland Freist

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:16

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