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Archiv der Kategorie Kino

Filmkritik: "Black Panther"

Geschrieben am Mittwoch 21 Februar 2018 um 22:09 von Roland Freist

Afrikanische Utopie

Superhelden-Filme sind nicht per se schlecht. Es gibt bessere ("Spider-Man I" und II, die beiden "Batman"-Filme von Tim Burton und "The Dark Knight", der erste "Superman") und es gibt schlechtere ("Avengers", "Elektra") unter ihnen. Doch nur selten gingen die Regisseure und Drehbuchautoren beim Konzipieren der Handlung über das alte Gute-gegen-Böse-Schema hinaus, ein Film wie der zweite Spider-Man, der den inneren, moralischen Konflikt seines Protagonisten abwog, war die ganz große Ausnahme. Doch jetzt scheint sich Hollywood ganz vorsichtig daran zu machen, aus den Superhelden-Geschichten mehr herauszuholen. "Wonder Woman", gedreht von einer Frau, war im letzten Jahr ein vorsichtiger Ansatz, eine starke, unabhängige Frau als Heldin zu etablieren. "Black Panther" geht noch einen Schritt weiter und setzt auf einen nahezu komplett schwarzen Cast mit einem schwarzen Superhelden als Mittelpunkt. Und mehr noch: Der Film hat sogar eine politische Botschaft, die der aktuellen Linie des Weißen Hauses diametral entgegensteht.

Der Black Panther heißt mit bürgerlichem Namen T’Challa (Chadwick Boseman) und kommt aus Wakanda, einem kleinen, von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Land im Herzen von Afrika. Vor einigen Jahrhunderten ging dort ein Meteor nieder, der eine große Menge des Metalls Vibranium enthielt, das ansonsten nirgendwo auf der Erde existiert. Damit konnten die Bewohner nicht nur Energie erzeugen und eine blühende High-tech-Kultur aufbauen, Vibranium ermöglichte ihnen auch das Aufspannen eines Tarnschirms, der die Hochhäuser und futuristischen Fahrzeuge des Landes vor fremden Augen verbarg und es wie einen armen, von Ackerbau und Viehzucht geprägten Staat aussehen ließ.

Zu Beginn soll T’Challa als Nachfolger seines Vaters zum neuen König ernannt werden. Doch es gibt Herausforderer, allen voran sein verschollen geglaubter Cousin Killmonger (Michael B. Jordan), der ihn dann auch im Kampf besiegt. Nachdem er den Königsthron bestiegen hat, beginnt Killmonger, mit den Ressourcen und hochentwickelten Waffen von Wakanda unterdrückte Gruppen im Ausland zu unterstützen und Kriege anzuzetteln.

Tatsächlich passiert noch wesentlich mehr, die Handlung von "Black Panther" ist teilweise recht verworren. Es treten unter anderem noch ein weißer Waffenschmuggler (Andy Serkis), ein CIA-Agent (Martin Freeman), Verräter, Ex-Geliebte, ein weiser Berater (Forest Whitaker), eine superkluge Wissenschaftlerin (Letitia Wright) sowie die Mitglieder einer weiblichen Elitetruppe auf. Am Anfang tut sich der Film schwer, die Ausgangssituation und die Besonderheiten von Wakanda zu erklären. Der Erzählfluss ist stockend, dazu steht gleich zu Beginn eines dieser öden Mann-gegen-Mann-Duelle, auf welche die Marvel-Streifen offenbar nicht verzichten können. Später jedoch nimmt die Handlung Fahrt auf, findet ihren Rhythmus, und der Film wird tatsächlich recht unterhaltsam, selbst als es gegen Ende noch zu einem zweiten, episch ausgebreiteten Duell kommt.

Die Atmosphäre von "Black Panther" ist von Anfang bis Ende durchgehend afrikanisch, dazu tragen die bunten Gewänder und archaischen Riten genauso bei wie die wüste Trommelorgie, die der aktuell angesagteste Rapper der Welt, Kendrick Lamar, für den Score komponiert hat. Zusammen mit der technisch fortgeschrittenen Zivilisation von Wakanda ergibt das eine seltsame Mischung, die aber in sich stimmig ist – eine der größten Leistungen des Films. Wakanda ist erkennbar nicht aus den christlich-jüdischen Traditionen der westlichen Welt entstanden, sondern hat eine eigene Entwicklung durchgemacht. Das Land und seine Gesellschaft ist eine afrikanische Utopie.

Die einzelnen Figuren hingegen, allen voran T’Challa und Killmonger, entsprechen leider den üblichen Stereotypen von Hollywood und der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Hinzu kommen die zahlreichen Anleihen, die "Black Panther" bei großen, erfolgreichen Filmen der Vergangenheit nimmt, angefangen bei "James Bond" über "Katzenmenschen" bis hin zu "Star Wars", was die Faszination der Kultur, die hier entworfen wird, deutlich abschwächt.

"Black Panther" hat einige großartige Ideen und Ansätze, setzt sie allerdings nicht konsequent genug um. Trotzdem gehört der Film trotz all seiner hektischen Handlungsentwicklung zu den besseren Superhelden-Streifen und funktioniert auf Wunsch sogar als reines Action-Spektakel noch recht gut.

"Black Panther" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Shape of Water – das Flüstern des Wassers"

Geschrieben am Freitag 16 Februar 2018 um 0:09 von Roland Freist

Ich liebe einen Wassermann

Schau an, dieser Guillermo del Toro ist ja ein echter Romantiker. Man hätte es sich zwar denken können, nachdem er uns bereits in "Hellboy" eine Ausgeburt der Hölle vorgestellt hatte, die an fortgeschrittenem Liebeskummer litt. Dennoch kommt "Shape of Water" einigermaßen überraschend. Der mexikanische Regisseur, bekannt für seine Horror- und Superhelden-Filme, legt hier ein Märchen im Stil von "Die Schöne und das Biest" vor.

Allerdings ohne Schöne beziehungsweise ohne eine Frau von großer äußerer Schönheit. Elisa Esposito (Sally Hawkins) ist der Typ der unauffälligen Nachbarin, schüchtern und notgedrungen stumm – in ihrer Kindheit wurde ihr Kehlkopf beschädigt, seither kann sie nicht mehr sprechen. Sie arbeitet als Putzfrau in einem Gebäude des US-Militärs. Es sind die frühen 60er Jahre, jeder hat Angst vor einem Atomkrieg, gleichzeitig versuchen Amerikaner und Russen sich beim Wettlauf ins All zu übertrumpfen.

Da kommt ein neues "Objekt" in das Gebäude, ein Wasserwesen, gefangen im Amazonas. In der äußeren Form ähnelt es einem Menschen, doch seine Haut ist von Schuppen überzogen, es atmet durch Kiemen und hat die großen Augen eines Fisches. Mitgebracht hat es Richard Strickland (Michael Shannon), einer der größten Unsympathen der Kinogeschichte. Er ist ein rassistischer, gefühlloser Militärangehöriger, der das Wasserwesen mit einem Elektroschocker traktiert und foltert. Dass es sich um ein intelligentes Wesen handelt, will er nicht wahrhaben, ebenso wenig wie sein Vorgesetzter, ein General, der sich von der Untersuchung Aufschlüsse darüber verspricht, wie sich der Menschen an das Leben im Weltall anpassen könnte.

Elisa jedoch nimmt heimlich Kontakt mit dem Wassermenschen auf, bringt ihm die Gebärdensprache bei und verliebt sich in ihn. Schließlich schmiedet sie einen Plan, um ihn mithilfe ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, "The Help") und ihres Nachbarn, des erfolglosen, schwulen Werbegrafikers Giles (Richard Jenkins) zu entführen und in die Freiheit zu entlassen.

Diese Geschichte wird vor dem Hintergrund alter, schwarzweißer Liebesfilme und Musicals aus den 40er und 50er Jahren erzählt, die ständig irgendwo in einem Fernseher laufen. Auch der Score von "Shape of Water" ist gefüllt mit Musik aus jener Zeit, dazu wohnen Elisa und Giles auch noch über einem Kino. Del Toro stellt den Film in die große Tradition der Musikfilme aus Hollywood, die immer schon eine märchenhafte Atmosphäre zu vermitteln suchten.

Gleichzeitig verleugnet er aber auch nicht seine Wurzeln: Wenn Stricklands Finger, die das Wasserwesen ihm abgebissen hat, zusehends zu eitern und zu faulen beginnen, spielt er, vielleicht sogar mit einem leicht vergnügten Grinsen, mit den Mitteln des Horrorfilms. Auf der anderen Seite sorgt die wunderbare Octavia Spencer mit ihrem unfehlbaren Gespür für Timing immer wieder für komische Szenen. Allerdings hat auch allein schon die Idee, das Plappermaul Sally Hawkins ("Happy-Go-Lucky") mehr als zwei Stunden lang kein einziges Wort sagen zu lassen, einen gewissen Witz (zwar sagt sie zwischendurch dann schon einen Satz, allerdings ist unklar, ob es sich nicht um eine Traumsequenz handelt).

Schauspielerisch ist der Film toll. Hawkins, Spencer, Jenkins, Shannon und auch Michael Stuhlbarg ("Arrival") in einer Nebenrolle als Wissenschaftler agieren auf höchstem Niveau. Dazu kommt die gut getroffene, spießige Atmosphäre der frühen 60er, die tolle Ausstattung mit den zahlreichen Details, die ruhig durch die Räume gleitende Kamera – del Toro hat alles richtig gemacht.

Und doch will sich dann letztlich nicht das Gefühl einstellen, einen wirklich großen Film gesehen zu haben. Denn "Shape of Things" berührt einen nicht, lässt einen vielmehr mit dem Eindruck aus dem Kino gehen, einen zwar hervorragend gemachten, vielschichtigen Film gesehen zu haben, bei dem man jedoch mit der Hauptfigur ebenso wenig mitgefiebert hat wie mit Ginger Roberts bei einer Affäre mit Fred Astaire.

"Shape of Things – das Flüstern des Wassers" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 21 Februar 2018 22:36

Filmkritik: "Wind River"

Geschrieben am Dienstag 13 Februar 2018 um 21:50 von Roland Freist

Tod im Schnee

Moderne Western wie "Wind River" haben einen ganz eigenen Reiz: Sie arbeiten mit den Figuren und Klischees der großen amerikanischen Filmtradition, mit schweigsamen Männern, harten, duldsamen Frauen und einer weiten, lebensfeindlichen Natur, und verbinden sie mit aktuellen Problemen wie Drogensucht, brutalen sexuellen Übergriffen und bürokratischen Kompetenzstreitigkeiten. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Dieser Film gehört zu den besseren Beispielen.

Das beherrschende Thema ist die Kälte während der Winter im mittleren Westen der USA. Dort, in Wyoming, wo die Temperaturen bis auf minus 30 Grad rutschen können, lebt Cory Lambert (Jeremy Renner), der sein Geld als Jäger verdient. Die örtlichen Viehzüchter heuern ihn an, um Wölfe oder andere Raubtiere abzuschießen, die ihre Herden bedrohen. Eines Tages findet er die Leiche eines jungen Mädchens, wie sich herausstellt, eine Freundin seiner verstorbenen Tochter, das mit nackten Füßen vor etwas weggerannt und erfroren ist. Die Fundstelle liegt in einem Indianerreservat, der dortige Sheriff (Graham Greene, "Der mit dem Wolf tanzt") ruft das FBI. Das erscheint in Gestalt der Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen, "Godzilla"), die von ihrer Dienststelle in Las Vegas nach Wyoming geschickt wurde und von den Bedingungen und Gefahren des Lebens bei eisigen Temperaturen keine Ahnung hat. Daher engagiert sie Lambert als eine Art Berater, und gemeinsam beginnen sie die Suche nach den Ursachen für den Tod des Mädchens.

Die Hauptfigur ist Lambert, ein Einheimischer, der mit einigen der Indianer bereits zur Schule gegangen ist. Er war selbst mit einer Indianerin (Kelsey Asbille) verheiratet, bis die Beziehung nach dem Tod ihrer gemeinsamen Tochter auseinanderbrach. Er redet nicht viel, aber der Film gibt sich große Mühe, damit der Zuschauer das, was in ihm vorgeht, zumindest erahnen kann. Jeremy Renner ("Tödlisches Kommando – The Hurt Locker") macht das gut, er beherrscht die Kunst, mit minimalem Einsatz einen eindrucksvollen Charakter zu erschaffen.

Leider sind nicht alle Charaktere so detailliert gezeichnet. Elizabeth Olsen und Graham Greene sind zwar gut in ihren Rollen, aber ihr Background bleibt völlig im Dunkeln. Man weiß nicht, was sie antreibt, wo sie herkommen oder was sie denken. Sie bleiben Fremde in einem Film, der sich auf einige wenige Figuren beschränkt. Das ist schade, zumal es auch wenig Handlung gibt und es Regisseur Taylor Sheridan – er hatte zuvor die Drehbücher zu "Sicario" und "Hell or High Water" geschrieben – erkennbar weniger um die Auflösung des Mordfalls als um die Zeichnung seiner Hauptfigur geht.

"Wind River" erntet aber noch einen weiteren, großen Minuspunkt, und zwar für die klischeehaften Details. Dass ein Jäger wie Lambert natürlich ein einsames, schweigsames Leben führt, nimmt man sogar noch recht gerne in Kauf, denn es ist einem lieber als ein ständig von seinen Heldentaten plappernder Protagonist. Aber müssen junge Indianer im Reservat wirklich in jedem Film drogensüchtig sein? Und müssen sie tatsächlich immer wieder von der Langeweile und Perspektivlosigkeit ihres Lebens in die Sucht getrieben werden?

Ärgerlich ist auch, dass zwar ständig die Kälte und Grausamkeit des Wyoming-Winters beschworen wird, tatsächlich jedoch niemand und in keiner Situation eine Atemfahne vor dem Mund hat, und zudem in einzelnen Einstellungen deutlich zu erkennen ist, dass der Schnee auf den Straßen zu Matsch geschmolzen ist.

Die beiden großen Pluspunkte des Films sind Jeremy Renner und die realistische Darstellung des Lebens in dieser gottverlassenen Gegend, hinzu kommt eine außerordentlich gute Kamera. "Wind River" hat außerdem einen packenden, intensiven Rhythmus, der dafür sorgt, dass trotz der eher mäßigen Spannung bei der Verbrechensaufklärung keine Langeweile aufkommt.

"Wind River" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Der seidene Faden"

Geschrieben am Mittwoch 07 Februar 2018 um 22:39 von Roland Freist

Schneider am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dies ist ein langer, ein sehr langer Film und über weite Strecken auch ziemlich langweilig. Aber er strahlt eine gewisse Faszination aus, und zwar von der Sorte, dass man sich noch auf dem Nachhauseweg fragt, was da jetzt eigentlich geschehen ist. Es ist ein langer, aber guter Film.

Es sind die 50er Jahre in London. Daniel Day-Lewis spielt den Modeschöpfer Reynolds Woodcock, einen hypersensiblen Künstler mit genialischer Herbert-von-Karajan-Frisur, vom Typ her eine Mischung aus Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld. Er lebt und arbeitet in einem alten Haus, abgeschirmt von der Welt durch seine Schwester Cyril (Lesley Manville), die alles tut, damit er bei seiner Arbeit nicht gestört wird. Dazu gehört auch, seine wechselnden Frauen zu organisieren und wegzuschicken, wenn sich abzeichnet, dass sie für ihn zur Belastung werden.

Reynolds Woodcock ist ein schwieriger Charakter. Er kann wegen Kleinigkeiten ausrasten, etwa wenn jemand beim Frühstück, das er schweigend und Entwürfe zeichnend verbringt, den Toast zu laut streicht. Er wird wütend, wenn man seinen Spargel mit zerlassener Butter macht anstatt mit dem von ihm bevorzugten Öl. In solchen Situationen wird er ausfallend und beleidigend, ganz gleich, wer seinen Ärger provoziert hat. Diese übertriebenen Reaktionen wirken dann schon beinahe wieder komisch.

Eines Tages, er ist aufs Land gefahren, um ein wenig auszuspannen, lernt er in einem Cafe die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennen, ein junges Mädchen, das sich sofort in ihn verliebt. Er nimmt sie mit nach London und macht sie zu seinem Model, an dem er seine neuen Kreationen ausprobiert. Sie wohnt auch bei ihm im Haus, und schon bald sind sie ein Paar.

Vicky Krieps ist faszinierend in dieser Rolle. Mit Daniel Day-Lewis steht ihr ein schauspielerisches Schwergewicht gegenüber, und die Rolle der Alma erfordert es, dass sie ihm selbstbewusst gegenübertritt. Das gelingt ihr mit einer Kraft, die überhaupt nicht zu ihrem püppchenhaften Gesicht passen will. Je weiter der Film vorankommt, desto stärker wird sie, dabei streift sie immer mehr die anfängliche Nervosität und Unsicherheit ihrer Figur ab.

Denn darum geht es: Reynolds und Alma kommen sich immer näher, heiraten sogar, doch sein skurriles Verhalten kann er nicht ablegen. Er ist wie er ist, doch sie will ihn anders, will eine größere Rolle in seinem Leben spielen. Und so eskaliert diese Beziehung.

"Der seidene Faden" ist ein Arthouse-Streifen mit minimaler Handlung und wenigen Hauptfiguren. Regisseur P. T. Anderson ("There Will Be Blood", "Inherent Vice") hatte schon immer ein Faible für Details, und so kann man üppige, historische Haute-Couture-Kleider und traditionelles Schneiderhandwerk bewundern. In erster Linie schaut man ihn sich jedoch wegen der beiden Hauptdarsteller an, vor allem auch, da Daniel Day-Lewis vor einigen Monaten ankündigte, dies würde sein letzter Film werden. Und man muss den Mut von P. T. Anderson bewundern, dem es, wie bereits bei "Boogie Nights" oder "Punch-Drunk Love" (mit Adam Sandler!) offensichtlich völlig wurscht ist, was die Leute von seinen Filmen und ihren Themen halten.

"Der seidene Faden" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 07 Februar 2018 23:08

Filmkritik: "Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Geschrieben am Dienstag 30 Januar 2018 um 22:08 von Roland Freist

Wut und Vergebung

Dies ist ein Film über die Wut. Er zeigt, wie sie entsteht, wie sie aus den Menschen herausbricht und was sie mit ihnen macht. Aber er zeigt gleichzeitig, dass die Wut durch Verständnis und Vergebung überwunden werden kann und sollte. Ein großer Film.

Mildred Hayes (Frances McDormand) ist wütend. Vor einem halben Jahr ist ihre Tochter ermordet worden. Während das Mädchen bereits im Sterben lag, hat der Mörder sie auch noch vergewaltigt. Die örtliche Polizei mit Sheriff Willoughby (Woody Harrelson) an der Spitze hat den Täter bisher nicht gefasst, hat noch nicht einmal eine Spur. Sie geht in das Büro einer kleinen, lokalen Werbeagentur, bucht für 5000 Dollar drei Reklametafeln und lässt sie beschriften mit "Raped While Dying", "And Still No Arrests?", "How Come, Chief Willoughby?". Ab diesem Moment beginnt die Situation zu eskalieren.

Willoughby hat Krebs im Endstadium, er wird nicht mehr lange leben. Er hat einen Hilfssheriff, Dixon (Sam Rockwell), der nur mit Mühe die Abschlussprüfung an der Polizeischule geschafft hat. Er ist im Ort bekannt dafür, dass er in der Vergangenheit Schwarze gefoltert und verprügelt hat. Auch er wird wütend, geht zum Inhaber der Werbeagentur (Caleb Landry Jones), wirft ihn aus dem Fenster im ersten Stock und schlägt ihn auf der Hauptstraße von Ebbing vor den Augen des neuen Polizeichefs und des ganzen Ortes zusammen. Aber auch das ist noch nicht das Ende der Eskalation.

Frances McDormand ist in diesem Film von einer Reihe guter bis sehr guter Schauspieler umgeben (mit dabei sind unter anderem noch Abbie Cornish als Willoughbys Frau, Zeljko Ivanek als ein weiterer Polizist sowie Peter Dinklage ("Game of Thrones") als ein Verehrer von Mildred). Doch in jeder Situation beherrscht sie die Leinwand mit ihrem eiskalten Zorn, ihrem Sarkasmus, aber später auch mit ihrer Verletzlichkeit und Trauer. Für "Fargo" hat sie damals den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhalten, jetzt könnte noch eine weitere Statue dazukommen. Mildred Hayes schlägt wild um sich, es ist ihr egal, wen sie dabei wie hart trifft. Sie beleidigt den örtlichen Priester, der sie zur Mäßigung auffordert, und erklärt ihm, sie würde keine Ratschläge annehmen von Männern, die im Hinterzimmer heimlich Ministranten ficken. Sie weiß auch von Willoughbys Krebserkrankung und sagt ihm, dass die Reklametafeln ja wohl keinen Sinn mehr machen würden wenn er bereits tot wäre. Als jemand eine Büchse auf ihr Auto wirft, während sie morgens ihren Sohn in die Schule bringt, steigt sie aus und tritt auf der Suche nach dem Täter zwei Kinder zusammen. Das alles ist so übertrieben, dass es schon wieder witzig ist. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher zeigen uns Frances McDormand und Regisseur Martin McDonagh ("Brügge sehen… und sterben?", "7 Psychos"), was tatsächlich hinter der versteinerten Fassade dieser Frau vorgeht. Und das ist dann nicht mehr lustig.

"Three Billboards" zeichnet das Bild einer Gruppe von Menschen, von denen keiner nur das ist, was er zu Anfang zu sein scheint. Keiner von ihnen ist nur schuldig oder verdammenswert, alle haben auch ihre guten Seiten. Sogar Hilfssheriff Dixon, der wegen seines Rassismus zur am stärksten diskutierten Figur des Films wurde, erweist sich zum Schluss als passabler Ermittler. McDonagh hat darauf verzichtet, die Welt von Ebbing, Missouri, in Gute und Böse einzuteilen. Es gibt nur normale Menschen. Und diese Menschen können einander auch vergeben, egal, was sie sich angetan haben. Das ist zum Schluss dann auch der Hoffnungsschimmer, mit dem der Film die Zuschauer aus dem Kino entlässt.

"Three Billboards outside Ebbing, Missouri" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "The Commuter"

Geschrieben am Dienstag 16 Januar 2018 um 22:23 von Roland Freist

Finde den Fremden

"The Commuter" ist ein ärgerlicher Film. Er hat ein Ensemble guter bis sehr guter Schauspieler, einen erfahrenen Action-Regisseur, ein offensichtlich sattes Produktions-Budget – und dennoch ist nur ein völlig unglaubwürdiger und mäßig interessanter Film entstanden. Da die Hauptdarsteller, allen voran Liam Neeson, ihren Job dennoch sehr ernst nehmen und so tun, als wüssten sie nicht, dass sie Teil einer absolut lächerlichen Handlung sind, entsteht sogar eine gewisse Fallhöhe und damit ein beinahe schon humoristischer Effekt.

Erzählt wird die Geschichte des New Yorker Versicherungsvertreters Michael MacCauley (Liam Neeson), der eines Tages völlig überraschend im Rahmen eines Personalabbaus gefeuert wird, in eine Bar geht, dort ein Bier mit einem alten Polizisten-Kumpel (Patrick Wilson) trinkt – er war früher selbst bei der Polizei – und ihm sein Leid klagt: keine Rücklagen, zwei Hypotheken, Familie zu versorgen. Außerdem ist MacCauley schon 60 Jahre alt. Danach steigt er in seinen Pendlerzug – englisch: Commuter – und fährt nach Hause. Im Zug spricht ihn eine Frau namens Joanna (Vera Farmiga) an: 100000 Dollar will sie ihm zahlen, wenn er eine Person findet, die nicht in diesen Zug gehört, also nicht jeden Tag in die Stadt und wieder zurück pendelt. MacCauley willigt ein. In der Folge stellt sich heraus, dass Joanna und ihre Helfershelfer ihn im Zug nicht nur permanent überwachen, sondern auch seine Familie entführt haben. Außerdem erfährt MacCauley, dass sie hinter einem Zeugen her sind, der einen Mord beobachtet hat und jetzt in diesem Zug zum FBI fährt, um seine Aussage zu machen.

Dass alles ist so konstruiert und an den Haaren herbeigezogen, dass man sich schon im Kino vor lauter Fremdschämen in seinem Sessel verkriechen möchte. Warum kann das FBI diesen Zeugen nicht in Manhattan befragen und dort wirksam beschützen? Warum hat eine offensichtlich professionell arbeitende Verbrecherorganisation eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges noch keine geeignete Person, die für sie nach dem Zeugen sucht? Wie können sie so schnell eine etliche Kilometer entfernt wohnende Familie entführen? In der Schlussszene versucht sich der Film noch an einer Erklärung, die dann jedoch überhaupt keinen Sinn mehr ergibt.

Die gesamte Handlung ist hanebüchener Unsinn. Und das Schlimmste ist: Der Film unternimmt keine Anstrengungen, diesen Blödsinn wenigstens mit ein paar Tricks zu vertuschen, so dass man erst auf dem Nachhauseweg darauf kommt, dass sich die Ereignisse so nicht abgespielt haben können. Und so ärgert man sich eben.

Liam Neeson hat in den vergangenen Jahren einige saubere Actionfilme wie etwa "96 Hours" gedreht, mit dem gleichen Regisseur (Jaume Collet-Serra) und Diane Kruger an seiner Seite beispielsweise "Unknown Identity". "The Commuter" ist mehr Krimi als Actionstreifen, mehr Hercule Poirot als Bruce Willis. Sieht man sich das Ergebnis an, kann man nur hoffen, dass Neeson das nächste Mal wieder einen Ex-Geheimdienstmann spielt anstatt einen ins Versicherungsgeschäft gewechselten Polizisten.

"The Commuter" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Star Wars: Die letzten Jedi"

Geschrieben am Sonntag 17 Dezember 2017 um 19:19 von Roland Freist

Die erste Ordnung schlägt zurück

Wird Luke Skywalker die junge Rey zum Jedi ausbilden, so wie es Yoda einst mit ihm gemacht hat? Wird sie auch das nächste Duell mit Kylo Ren gewinnen? Werden sie sich vielleicht sogar gemeinsam gegen Snoke stellen, in einer Reminiszenz an den finalen Kampf zwischen Luke, Darth Vader und dem Imperator? Und was ist mit den Rebellen, können General Leia, ihr fischiger Oberkommandierender und Fliegerass Poe Dameron die Flotte der Ersten Ordnung entscheidend schlagen? Was wurde eigentlich aus Finn?

Die achte Episode der Star-Wars-Saga muss viele Fragen beantworten und lose Enden verknüpfen. Dabei erinnert sie über weite Strecken an eine bereits sehr lang laufende Fernsehserie, eine Art "Lindenstraße" im Weltall, in der die immer gleichen, altbekannten Charaktere mehr oder weniger lange Auftritte haben, bis der Film dann zum nächsten Handlungsstrang wechselt. Für Fans mit Hang zum Nerdtum ist das ein Traum, für den Regisseur vermutlich der Horror. Zumal Rian Johnson ("Looper"), der den Job übernommen hat, erkennbar auch noch mehrere Zusatzaufgaben des Filmstudios und seiner Marketing-Abteilung lösen musste: Die Kreation putziger Außerirdischer, die sich gut zur Vermarktung als Plüschfiguren eignen (in diesem Fall die Porgs, pinguinähnliche Wesen, die Skywalkers Insel-Wohnsitz instandhalten), sowie ständige Rückverweise auf vergangene Teile der Saga und ihre beliebtesten Szenen und Figuren.

Herausgekommen ist bei alledem ein Film mit etlichen Längen und einer, setzt man sie in Bezug zur Laufzeit von 152 Minuten, recht dünnen Story. Letztlich lassen sich zwei wesentliche Handlungsstränge unterscheiden: Der eine beschäftigt sich mit der Jedi-Werdung von Rey (Daisy Ridley) und den Versuchungen, die dabei von der dunklen Seite der Macht ausgehen, die in diesem Fall durch Han Solos und Leias missratenen Sohn Kylo Ren (Adam Driver) verkörpert wird. Die Parallelen zu "Das Imperium schlägt zurück" sind unübersehbar. Der zweite Strang schildert die verzweifelten Rückzugsgefechte der Rebellen, die zwar immer wieder kleine Punktsiege verbuchen können, von der massiven Macht der Ersten Ordnung jedoch ständig weiter zurückgedrängt werden.

Alles wie gehabt also, die Episoden IV bis VI präsentieren sich in neuem Gewand. Doch dann gelingt es Drehbuch und Film, für einige echte Überraschungen zu sorgen. Regisseur Johnson weicht plötzlich vom scheinbar vorgezeichneten Pfad ab, zerstört einige Gewissheiten und macht neugierig, wie es im nächsten Teil weitergehen wird. Denn ohne zu viel verraten zu wollen: Einige der wichtigsten Handlungsfäden hat er kurzentschlossen und quasi mit dem Lichtschwert gekappt. Und noch etwas unterscheidet "Star Wars: Die letzten Jedi" von den bisherigen Titeln der Reihe: Der Film hat Humor. Es ist der erste Star-Wars-Streifen, der an einigen Stellen tatsächlich zum Lachen reizt. Bei George Lucas hatte man ja immer den Eindruck eines großen Kindes, das sich stundenlang über die gestelzte Ausdrucksweise einen Protokolldroiden vereumeln kann. Johnson hingegen macht Witze für Erwachsene.

Hinzu kommt die technische Brillanz des Films. Die Animationen und CGI-Effekte sind perfekt, die Raumschlachten präzise und aufwendig inszeniert, die Schnitte wie mit dem Metronom gesetzt. Umso erstaunlicher ist es dann, dass Disney bei der 3D-Nachbearbeitung geschlampt hat. Seit Jahren ist bekannt, dass 3D-Brillen das Bild für den Zuschauer etwa zehn Prozent dunkler machen. Die Studios hellen die Filme daher etwas auf, um den Effekt auszugleichen. Das ist hier offenbar unterlassen worden. Einige Szenen in Höhlen und an anderen finsteren Orten fallen so düster aus, dass man zwischendurch die 3D-Brille abnimmt, um überhaupt noch Details erkennen zu können. Soweit möglich, sollten Sie sich den Film daher lieber in 2D ansehen.

Insgesamt ist der Eindruck von "Star Wars: Die letzten Jedi" zwiespältig: Hätte man ihn beherzt um eine halbe bis dreiviertel Stunde gekürzt, wäre er vermutlich spürbar besser geworden. Er ist andererseits auch nicht schlecht, bringt einige Überraschungen mit und einige wirklich eindrucksvolle Szenen, in denen er viel grafische Fantasie beweist. Das Gesamturteil lautet daher: Daumen hoch, wenn auch erst nach einigem Zögern.

"Star Wars: Die letzten Jedi" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Dienstag 16 Januar 2018 23:04

Filmkritik: "Detroit"

Geschrieben am Mittwoch 29 November 2017 um 16:06 von Roland Freist

Eine Studie in rassistischer Gewalt

Im Juli 1967 kam es nach der Räumung einer illegalen Kneipe in Detroit fünf Tage lang zu Unruhen. Sie hinterließen 43 Todesopfer und 1189 Verletzte und zählen zu den schwersten Unruhen, welche die USA jemals erlebt haben. Befeuert wurden sie durch die rassistisch motivierte Gewalt der vorwiegend weißen Polizisten, die mit äußerster Brutalität gegen die vorwiegend schwarze Bevölkerung der Gegend vorgingen.

Kathryn Bigelows ("Blue Steel") neuer Film "Detroit" nimmt sich eine historische Episode aus den damaligen Geschehnissen vor und erzählt die Geschichte des Algiers Motel Incident, der in der Ermordung eines unschuldigen Mannes durch einen weißen Polizisten gipfelte. Was damals genau passierte, lässt sich heute teilweise mit den Akten des folgenden Gerichtsprozesses klären, viele Fragen blieben jedoch offen. Um diese Lücken zu füllen, haben Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal ("Zero Dark Thirty") zum einen Zeugen der damaligen Geschehnisse befragt, zum anderen aber auch einige Details fiktionalisiert.

"Detroit" besteht aus drei klar voneinander abgegrenzten Teilen, von denen man jeden einem anderen Filmgenre zuordnen kann. Er beginnt als ein Schlachtenfilm: Die Panzer der Nationalgarde rollen durch die Straßen, überall Plünderungen, es wird geschossen. Auf den Straßen herrscht Chaos. Wir sehen zwei weiße Polizisten, die einen unbewaffneten Flüchtigen verfolgen, einer der beiden, wir erfahren später, dass er Krauss (Will Poulter, „Maze Runner“) heißt (die realen Namen wurden geändert), tötet den Mann mit einem Schuss in den Rücken.

Gleichzeitig versammeln sich die weiteren Hauptpersonen im Algiers Motel. Da sind die drei schwarzen Musiker von der Band The Dramatics, die nach einem ausgefallenen Gig einen Ort zum Übernachten suchen und dabei die beiden weißen Mädchen Julie Hysell (Hannah Murray, "Game of Thrones") und Karen Malloy (Kaitlyn Dever) aufgabeln. Hinzu kommen der schwarze Vietnam-Rückkehrer Robert Green (Anthony Mackie) und der ebenfalls schwarze Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega, "Star Wars: Das Erwachen der Macht"), der bei einem benachbarten Firmengebäude eingesetzt ist und ins Algiers herüberkommt, als er sieht, dass hier etwas zu eskalieren droht. Und schließlich sind da die drei weißen Polizisten, Krauss und zwei seiner Kollegen, die auf das Motel aufmerksam werden als jemand aus einem der Zimmer mit einer Schreckschusspistole auf sie schießt.

Der zweite Teil des Films ist ein Kammerspiel, eng und bedrückend inszeniert wie eine Folterszene. Die Polizisten versuchen herauszufinden, wer womit auf sie geschossen hat, eine Waffe haben sie nicht gefunden. Sie stellen die Gäste des Motels nebeneinander an die Wand und setzen sie unter Druck, indem sie ihnen androhen, sie zu erschießen, wenn sie den Schützen nicht nennen. Aufgrund eines Missverständnisses wird schließlich tatsächlich eine Person ermordet.

Im dritten Teil entwickelt sich "Detroit" zu einem Gerichtsdrama. Die Polizisten werden unterstützt von ihren weißen Kollegen und von den schwarzen Besuchern des Gerichtssaals angefeindet. Doch auch der Richter und sämtliche Geschworenen sind weiß. Dies ist der schwächste Teil des Films. Nach den emotional intensiven Momenten des zweiten Teils wirken diese letzten 45 Minuten ein wenig grau und langweilig, zumal die Zeit nicht reicht, um das Aufeinandertreffen von Anklage und Verteidigung langsam vorzubereiten und auf diese Weise Spannung zu erzeugen.

Kathryn Bigelow hat darauf verzichtet, aus "Detroit" einen konventionellen Spielfilm mit einem klar erkennbaren Helden zu machen. Sie hält sich eng an die tatsächlichen Geschehnisse, bei denen es keine echte Hauptfigur gab. Da er aber dennoch typische Spielfilmtechniken benutzt – etwa Kameraeinstellungen, die die Dramatik eines Moments betonen, oder Schnitte auf die Gesichter der Motelbesucher, wenn aus dem Verhörzimmer Schüsse zu hören sind – ist "Detroit" ein interessanter und teilweise irritierender Zwitter. Wir haben es hier mit einem Dokumentarfilm zu tun, der von einer erfahrenen Spielfilm-Regisseurin mit ihren Mitteln gedreht wurde. Das ist natürlich ein Risiko, und schlug sich in den USA in eher mauen Zuschauerzahlen nieder. Doch zugleich ist diese Geschichte ohne Heldengestalten auch ein Ausdruck des Respekts gegenüber den Opfern jener Zeit.

"Detroit" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 29 November 2017 17:11

Filmkritik: "Atomic Blonde"

Geschrieben am Sonntag 27 August 2017 um 17:33 von Roland Freist

John LeCarré trifft John Wick

Während des kalten Kriegs hatte Berlin weltweit eine der höchsten Dichten an Agenten pro Quadratkilometer. Insbesondere der Westen der Stadt war ein Tummelplatz für Spione vor allem der drei westlichen Alliierten, aber auch aus der DDR und der Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund entstanden zahlreiche Spionagekrimis und -filme, von John LeCarrés "Der Spion der aus der Kälte kam" über "Finale in Berlin" mit Michael Caine bis hin zu Spielbergs "Bridge of Spies". "Atomic Blonde" steht in der Tradition dieser Streifen, oder man könnte auch sagen, es kopiert viele der Klischees des klassischen Agentenkrimis.

Der Film spielt im Jahr 1989, kümmert sich allerdings nicht sonderlich um historische Genauigkeit. Zu Beginn meldet das Radio die Besetzung der Prager Botschaft, einige Tage später, zum Ende des Films, fällt die Mauer und es ist von Mauerspechten die Rede. Die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) erzählt übel zugerichtet im Londoner Hauptquartier des MI6 von den Geschehnissen in Berlin. In Rückblicken erfahren wir, dass man sie losgeschickt hatte, um eine Liste mit Agenten wiederzubeschaffen, die dem britischen Superagenten David Percival (James McAvoy) von einem Russen gestohlen worden war und die jetzt auf dem freien Markt angeboten wurde. Zudem sollte sie einen Doppelagenten identifizieren und ausschalten, der den MI6 bereits seit Jahren zum Narren gehalten hatte. Klassischer Krimistoff also. Allerdings stellt sich dieser Auftrag im weiteren Verlauf als recht kompliziert heraus, was dem Film insgesamt nicht guttut.

Doch nicht nur die Handlung lässt kaum eins der stilbildenden Elemente des Spionagethrillers aus. Auch bei der Gestaltung der Atmosphäre hat Regisseur David Leitch seine Vorbilder genau studiert. "Atomic Blonde" ist über weite Strecken ein Bilderbogen des alten Berlin der 80er Jahre, inklusive heruntergekommener, unsanierter Altbauten mit hohen Räumen, Graffitis an jeder Hauswand, der von oben bis unten besprühten Berliner Mauer und Punks mit Irokesenschnitt. Die Szenen in Ostberlin zeigen Trabis, Ladas und Wartburgs auf den Straßen. Es wird nicht wenige Menschen geben, bei denen Bilder diese Bilder nostalgische Gefühle auslösen, was durch den Soundtrack noch verstärkt wird: Er wird beherrscht vom europäischen Synthiepop der 80er Jahre, von Peter Schillings "Major Tom" bis zu "Blue Monday" von New Order. Die Atmosphäre des Films entspricht allerdings ziemlich genau der eines typischen Berliner Winters, es ist kalt, grau, ungemütlich. Kälter ist nur noch die wasserstoffblone Protagonistin des Films, die passend dazu am liebsten Wodka auf Eis trinkt.

Doch es gibt auch Unterschiede zu den Klassikern des Genres. Regisseur David Leitch hatte 2014 zusammen mit Chad Stahelski "John Wick" gedreht, den bislang besten Vertreter der neuen Garde des Actionfilms. Und während Stahelski "John Wick 2" machte, widmete sich Leitch "Atomic Blonde". Und so ist aus Lorraine Broughton nicht der übliche, leicht distanzierte und ironische James-Bond-Typ einer Agentin geworden, sondern eine wild um sich schlagende Kampfmaschine mit einer deutlich zur Schau getragenen Verachtung für Schusswaffen. Lorraine bevorzugt Martial Arts. Leitch hat lange Jahre als Stuntman gearbeitet, er weiß also, was bei Actionszenen möglich ist. Und dieses Wissen setzt er hier gekonnt ein. Seine Protagonistin schlägt, stößt, tritt ihre Gegner mit einer unglaublichen Fülle von Varianten. Sie springt, weicht aus, wirft sich auf den Boden und benutzt alles, was sie auf die Schnelle in die Hand bekommen kann, als Waffe, angefangen von einem Gartenschlauch über ihren Haustürschlüssel bis hin zu einem Korkenzieher. Charlize Theron hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass ihr Actionszenen liegen, am nachdrücklichsten zweifellos in "Mad Max: Fury Road". Hier ist sie sogar noch stärker gefordert, denn die Kampfszenen erfordern noch einmal mehr Kraft und Konzentration als das Endzeit-Spektakel von George Miller. Aber auch diese Herausforderung meistert sie mit Bravour.

Theron ist natürlich der Star des Films. Aber neben ihr tauchen noch eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter auf. Allen voran ist James McAvoy zu nennen, der einst mit "Der letzte König von Schottland" bekannt wurde und in den letzten Jahren in der Rolle des jungen Charles Xavier in den X-Men-Filmen in Erscheinung trat. Dazu kommen John Goodman als CIA-Mann Emmett Kurzfeld, der wunderbare britische Schauspieler Toby Jones als Vorgesetzter von Lorraine Broughton, Eddie Marsan ("Ray Donovan") als Überläufer, Sofia Boutella ("Die Mumie") als französische Agentin sowie nicht zu vergessen Til Schweiger als mysteriöser Uhrmacher mit Kontakten.

"Atomic Blonde" hat während in der ersten Hälfte einige Längen, die vor allem durch die unnötig komplizierte Handlung zustandekommen. Im letzten Drittel nimmt er jedoch noch einmal Fahrt auf und lässt die anfänglichen Durchhänger vergessen. Ein filmisches Meisterwerk darf man zwar nicht erwarten. Doch auf seine Weise ist er mit seiner Mischung aus Agenten- und Actionthriller durchaus originell. Die guten Schauspieler und die gekonnt in Szene gesetzten Kampfsequenzen und Verfolgungsjagden tun ein Übriges, dass man den Kauf des Kinotickets nicht bereut.

"Atomic Blonde" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 29 November 2017 16:50

Filmkritik: "Planet der Affen: Survival"

Geschrieben am Dienstag 08 August 2017 um 22:50 von Roland Freist

Es lebe der Affe

2017 scheint das Jahr der sterbenden Filmserien zu werden, nach der "Alien"-Serie kommt nun nach beinahe 50 Jahren offenbar auch das Ende für "Planet der Affen". Der neu angelaufene "Planet der Affen: Survival" (der im Englischen wesentlich passender "War for the Planet of the Apes" heißt) zeigt in seinen letzten Einstellungen exakt den Ort, an dem ein paar Jahre später Charlton Heston im ersten PdA-Film mit seinem Raumschiff stranden wird. Der Kreis hat sich also geschlossen. Und da es sich voraussichtlich um den letzten Teil der Sage handelt – obwohl: you never know – haben sich alle Beteiligten noch einmal Mühe gegeben und einen der besten Filme dieser Serie produziert.

Das gilt nicht nur für Story und Umsetzung, sondern auch und vor allem für die Technik. Selten zuvor ist einem so deutlich vor Augen geführt worden, wie rasant sich die Möglichkeiten beim computerbasierten Design von Gesichtern in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Noch nie zeigte der Schimpanse Caesar, der erneut als Anführer der Affen auftritt, eine so eindrucksvolle, individuelle Mimik. Nie zuvor konnte man in seinen Gesichtszügen so deutlich Andy Serkis entdecken, der die Figur auch dieses Mal wieder spielt. Gleichzeitig ist Caesar aber eindeutig ein fellbesetzter Hominide, der ohne Zweifel auch das Gesicht eines Affen besitzt. Der Effekt ist tatsächlich verblüffend und sogar leicht beunruhigend.

Die Story: Während die verbliebenen Menschen durch einen Virus einer nach dem anderen in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt und in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden, haben sich die Affen in den Wäldern der amerikanischen Westküste ein hölzernes Dschungelfort gebaut. Dort werden sie vom Colonel (Woody Harrelson) und seinen Leuten aufgespürt, die Caesars Frau und Sohn töten. Mit drei Getreuen bricht er auf, um Rache zu nehmen, und findet die Festung des Colonels, ein ehemaliges Munitionsdepot. Doch die Menschen waren schneller und haben während der Abwesenheit von Caesar die Dschungelstadt überfallen, alle Affen gefangen genommen und sie in eine Art Kriegsgefangenenlager eingesperrt, wo sie zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen werden. Doch der Colonel hat sich nicht nur die Affen zu Feinden gemacht, aufgrund seines brutalen Umgangs mit dem Gegner wird er auch von den gesamten verbliebenen Streitkräften der USA gejagt.

Colonel? Dschungelfestung? Das hat man schon einmal gesehen. Und es sind nicht die einzigen Hinweise auf "Apocalypse Now", die Regisseur Matt Reeves eingebaut hat. Das beginnt bei dem kahlgeschorenen Colonel (nebenbei: Woody Harrelson ist hier mal wieder ganz ausgezeichnet) und reicht bis hin zu der Reise durch den Dschungel und den teilweise absurden Begegnungen. Zudem nimmt "Planet der Affen: Survival" auch Anleihen bei anderen Klassikern des Kriegsfilms wie "Gesprengte Ketten" und "Die Brücke am Kwai". Ein solches Meisterwerk ist "Survival" natürlich nicht, doch er gehört auf jeden Fall zu den besseren, intelligenteren Sommer-Blockbustern.

Dazu trägt auch bei, dass es der erste der neuen Prequel-Filme ist, der seine Geschichte konsequent aus Sicht der Affen erzählt. Sie sind nicht nur die neuen Herren der Welt, sondern sie haben auch den Kampf um die Deutungshoheit gewonnen. Caesar ist der unbestrittene Held in diesem Krieg, die Menschen haben in die Rollen der Bösewichte gewechselt. Der Mensch ist tot, es lebe der Affe.

"Planet der Affen: Survival" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 09 August 2017 11:11

Filmkritik: "Dunkirk"

Geschrieben am Mittwoch 02 August 2017 um 10:54 von Roland Freist

Warten am Strand

Die Schlacht um die nordfranzösische Küstenstadt Dünkirchen im Mai und Juni 1940 war eine der größten Niederlagen der französischen und britischen Armee während des Zweiten Weltkriegs. Eingekesselt von deutschen Truppen, sammelten sich Hunderttausende Soldaten, darunter zahlreiche Angehörige des Britischen Expeditionskorps, am Strand, um per Schiff nach England evakuiert zu werden, während immer wieder neue deutsche Luftangriffe die wartenden Soldaten ins Visier nahmen.

Regisseur Christopher Nolan nimmt diese Ereignisse als Hintergrund für seinen neuen Film "Dunkirk". Allerdings versucht er nicht einmal, die Schlacht selbst darzustellen, das interessiert ihn offensichtlich nicht. Stattdessen konzentriert er sich auf drei Handlungsstränge mit einigen wenigen Personen, die er zum Schluss in gemeinsamen Szenen zusammenführt. Strang Nummer eins ist die Geschichte eines jungen Soldaten namens Tommy (Fionn Whitehead), der wohl nicht nur aufgrund seines Namens stellvertretend für die britischen Truppen steht. Der Film zeigt ihn, wie er versucht zu überleben und auf ein Schiff zu kommen, das ihn über den Kanal nach Hause bringt, während nahezu alle Personen um ihn herum nacheinander sterben. Der zweite Handlungsfaden verfolgt den britischen Spitfire-Piloten Farrier (Tom Hardy), der von England aus aufbricht, um die britischen Kriegsschiffe und die Truppen am Strand vor den Angriffen deutscher Bomber und Jagdflugzeuge zu schützen. Die dritte Story erzählt die Geschichte eines Fischers (Mark Rylance), der nach einem Aufruf der britischen Regierung mit seinem Boot nach Frankreich aufbricht, um bei der Evakuierung der Truppen zu helfen.

"Dunkirk" ist zwar ein Kriegsfilm, allerdings ein sehr ungewöhnlicher. Er spielt in einem Zeitrahmen von etwa einem halben Tag, als die Schlacht schon lange vorbei und verloren ist. Seine Dramatik gewinnt er allein durch die verzweifelte Lage der Soldaten am Strand, auf groß angelegte Gefechtsszenen verzichtet er. Mit Ausnahme einer wenige Sekunden dauernden Szene am Schluss sieht man während des gesamten Films keine deutschen Soldaten. Die Engländer nennen sie nur "die Krauts" oder "der Gegner", es bleiben anonyme Figuren. All das trägt zu dem Eindruck bei, dass die Geschichten, die der Film erzählt, in jedem beliebigen Krieg spielen könnten. Es geht um Soldaten, die nur noch nach Hause wollen, und um andere, die einfach das Richtige tun wollen. Ob das Szenario nun im besetzten Frankreich des Jahrs 1940, in Vietnam oder im Irak angesiedelt ist, wird zur Nebensache. Hier geht es um ganz normale Menschen in Kriegszeiten, was in ihnen vorgeht, wie sie handeln. Sehr wohltuend ist, dass Nolan auf patriotische Überhöhungen weitgehend verzichtet.

Leider gelingt es dem Regisseur aber auch dieses Mal nicht, seine Figuren zu echtem Leben zu erwecken. Seine Filme waren schon immer ein wenig zu kopflastig, zu konstruiert, nie hat man den Eindruck, dass er mit all seinem Herzblut hinter einem Projekt steht. Selbst bei einem so brillanten Streifen wie "Interstellar", der auf faszinierende Weise Astrophysik mit Reflexionen über die Liebe verknüpft und dessen Hauptfiguren von großartigen Schauspielern verkörpert werden, blieb zwischen den Charakteren und den Zuschauern immer eine gewisse Distanz bestehen.

"Dunkirk" ist aber vielleicht gerade deswegen ein sehr guter Film geworden. Natürlich sind auch die Bilder toll, die unübersehbaren Massen der Truppen am Strand, die in langen Schlangen auf Transportschiffe warten, die einfach nicht kommen wollen, die Luftkämpfe über dem Kanal zwischen den britischen Spitfires und den deutschen Messerschmidt-Jägern. Doch seine wahre Faszination entwickelt der Film, da er ein Massenereignis nimmt und es in drei einfachen Geschichten rund um ein halbes Dutzend Männer widerspiegelt.

"Dunkirk" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten"

Geschrieben am Montag 24 Juli 2017 um 22:58 von Roland Freist

Der Film der tausend Planeten

Während die beiden Comic-Giganten Marvel und DC Comics seit Jahren einen Blockbuster nach dem anderen raushauen, war es um die europäischen Comics bislang verhältnismäßig still geblieben. Es mangelt vor allem an Realfilmen. Gut, es gab die Asterix-Verfilmungen mit Gérard Depardieu als Obelix, die man aber insgesamt eher als missglückt betrachten muss. Es gab den Tim-und-Struppi-Film von Spielberg, dem jedoch das Herz fehlte. Nun hat sich Luc Besson mit "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten" darangemacht, mit großem Budget und hohem Aufwand einen der zahlreichen Action-Comics aus dem französischen Sprachraum zu verfilmen. Dort erschienen die Science-Fiction-Stories um die beiden Agenten Valerian und Laureline ab 1967 in der Zeitschrift Pilote. Ab 1973 wurde die Serie für den deutschen Markt durch das legendäre Zack-Magazin übernommen und aus ungeklärten Gründen in "Valerian und Veronique" umbenannt.

Der Film beginnt mit der Geschichte der Stadt der tausend Planeten. Ihr Herz bildet die ISS, die im Laufe der Jahrhunderte immer weitere Anbauten bekam und neue Besatzungsmitglieder aufnahm, darunter zunehmend Angehörige fremder Zivilisationen, mit denen die Menschheit in Kontakt trat. So wuchs sie zu einer riesigen Kugel heran, die irgendwann für den Erdorbit zu groß wurde und seither wie ein Raumschiff das All durchquert. Als der Film beginnt, leben mehr als 5000 Spezies auf der Station, die zu einer Großstadt namens Alpha herangewachsen ist.

Dort sind Major Valerian (Dane DeHaan) und Sergeant Laureline (Cara Delevingne) vom Raum-Zeit-Service stationiert. Der Film stellt sie vor mit einer schönen, actionreichen Verfolgungsjagd durch einen Basar in einer anderen Dimension, bei der sie ein gürteltierähnliches Alien sicherstellen, das die Fähigkeit besitzt, jeden beliebigen Gegenstand zu vervielfältigen. Es stammt von einem Planeten, der uns bereits in einer Eingangsszene des Films vorgestellt wurde, mit paradiesischer Natur und bevölkert von zartgliedrigen, friedfertigen Wesen, die vermutlich nicht ganz zufällig an die Na’vi, die blauen Hippies aus James Camerons "Avatar" erinnern.

Mit dem Alien im Gepäck reisen Valerian und Laureline zurück nach Alpha, wo sie den Oberkommandierenden Arun Filitt (Clive Owen) beschützen sollen, der jedoch trotzdem von geheimnisvollen Angreifern entführt und in einen entlegenen, angeblich radioaktiv verseuchten Bereich tief im Bauch von Alpha gebracht wird.

Spätestens ab diesem Punkt weiß man als Zuschauer, wie sich die Handlung voraussichtlich weiterentwickeln wird. Und tatsächlich hält die Story von "Valerian" im weiteren Verlauf keine großen Überraschungen bereit. Wesentlich interessanter sind denn auch die CGI-Effekte des Films. Besson hatte im Vorfeld erzählt, er habe den Comic – den Lieblingscomic seiner Jugend – schon seit Jahren verfilmen wollen. Doch erst jetzt sei die erforderliche Technik verfügbar. Und die nutzt er weidlich aus. Mit einer unglaublichen Liebe zum Detail beschreibt er etwa die Tausenden von Handelsständen im großen Basar und anschließend das Innere von Alpha, wo Wasserwesen neben kleinen Computer-Konstrukteuren mit flinken Händen und großen, ungeschlachten Höhlenbewohnern leben. Die Phantasie, die hinter all diesen Wesen und Welten steckt, die Faszination, die von den verschiedenen Körpern, Farben, Bewegungsarten ausgeht, ist das wichtigste Argument, das für diesen Film spricht.

Denn leider hat er auch etliche Schwächen. Neben der einfallslosen Story sind das vor allem die beiden Hauptfiguren, von denen man einfach zu wenig erfährt. Dane DeHaan ist ein gutaussehender Kerl und mag auch ein passabler Darsteller sein, doch hier wirkt er einfach nur glatt. Cara Delevingne dagegen, die Frau mit den eindrucksvollen Augenbrauen, in Deutschland vor allem durch die Zalando-Werbung bekannt, ist zwar keine sonderlich gute Schauspielerin – ihre Bewegungen wirken teilweise zu angestrengt und gekünstelt –, doch sie hat sich ganz offensichtlich Gedanken über ihre Figur gemacht, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren, was sie tun würde. Ihre Laureline wirkt daher wesentlich lebendiger und zugänglicher als Valerian.

Neben diesen beiden treten noch eine Reihe weiterer bekannter Namen auf. So spielt Jazzmusiker Herbie Hancock den Verteidigungsminister von Alpha, Ethan Hawke gibt einen Zuhälter und Popstar Rihanna mimt eine Gestaltwandlerin, die sich als Schauspielerin versucht, was eine ganz eigene Ironie ergibt.

"Valerian" nimmt viele Anleihen bei "Avatar" und Bessons eigenem Film "Das fünfte Element". Technisch ist er brillant und daher einen Kinobesuch wert, doch das allein reicht für einen guten Film leider nicht aus.

"Valerian" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 24 Juli 2017 23:44

Filmkritik: "Die Mumie (2017)"

Geschrieben am Dienstag 13 Juni 2017 um 22:46 von Roland Freist

Hätte man sie doch bloß nicht wiederbelebt

Mumien sind seit jeher beliebte Elemente des klassischen Horrorfilms, was wohl vor allem damit zu tun hat, dass bereits die Vorstellung, wie die Leiche unter den ganzen Mullbinden wohl aussehen mag, ein leichtes Gruselgefühl hervorruft. Wenn die in Jahrtausenden vertrockneten Körper dann noch aufstehen und die Lebenden mit allerlei altägyptischem Zauber bedrohen, hat man alle Zutaten für einen gelungenen Grusel beisammen. Eigentlich sollte dann nicht mehr viel schiefgehen können. Kann es aber doch, wie die 2017er Version von "Die Mumie" beweist.

Wohl jeder kennt die 1999er Version mit Brendan Fraser als zwielichtigem Grabräuber im Ägypten der 20er Jahre. "Die Mumie" von 2017 nun verlegt die Handlung in die Gegenwart und setzt auf die beiden Superstars Tom Cruise und Russell Crowe. Cruise spielt den amerikanischen GI Nick Morton, der während des Irakkriegs ausbüxt, um in der Wüste einen sagenhaften Schatz zu suchen. Zusammen mit seinem Kumpel Chris (Jake Johnson) und der hübschen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) stößt er tatsächlich auf eine Grabhöhle mit einem stark geschützten Sarkophag, der daraufhin nach London überführt wird. Warum Amerikaner ein archäologisches Fundstück nach England bringen, wird übrigens nicht weiter erklärt.

Wie auch immer: Der Sarkophag dient natürlich als Gefängnis für eine Mumie, in diesem Fall die Überreste einer ägyptischen Prinzessin namens Ahmanet (Sofia Boutella). Sie sollte ehemals als älteste Tochter des Pharaos das ägyptische Reich erben, was aber quasi in letzter Minute nicht klappte, woraufhin sie sich mit dem Gott Seth einließ und ihren Vater, dessen Frau und ihren gemeinsamen Sohn ermordete. Nachdem nun Nick ihre Fesseln gesprengt hat, macht sie sich auf zur Weltherrschaft. Dabei soll ihr Nick zur Seite stehen, der, man weiß nicht, wie's dazu kam, Ahmanets alten Verbündeten Seth in sich trägt. Er macht sich immer mal wieder durch Visionen aus dem alten Ägypten bemerkbar und steuert zeitweise auch Nicks Willen.

Diese Story hört sich nicht nur in der Nacherzählung dröge an, auch die Filmhandlung ist eher langweilig. Die Macher waren daher so klug, der Handlung keine größere Aufmerksamkeit zu schenken und sich voll und ganz auf die Horroreffekte zu konzentrieren. Hier liegen eindeutig die Stärken des Films, man spürt die Hollywood-Routine beim Aufbau der Buh-Effekte, wenn etwa die Protagonisten langsam auf einen Raum zugehen und plötzlich irgendwelche Monster oder Waffen ins Bild schießen. So gesehen erfüllt dieser Film seinen Daseinszweck, denn er ist gut geeignet für Teenager, die zusammen mit Freund oder Freundin ins Kino gehen und sich in Schreckmomenten aneinander kuscheln wollen. Ein typische Sommer-Blockbuster also.

Über die Handlung darf man sich freilich keine Gedanken machen. In London etwa taucht ohne ersichtlichen Grund der von Russell Crowe gespielte Dr. Jekyll auf, vielleicht weil dem Filmstudio ein Monster pro Film zu wenig war. Doch gerade als ich mich auf den Kampf zwischen Mumie und dem bösen Mr. Hyde zu freuen begann, war er auch schon wieder verschwunden und ward bis zum Ende des Films nicht mehr gesehen. Die Dialoge sind auf ähnlichem Niveau, Wortwechsel wie "Du hast seine Frau und ihr Kind getötet." "Das waren andere Zeiten damals." sind keine Seltenheit.

Immerhin macht Russell Crowe seine Sache noch recht gut. Das Gleiche kann man nicht über Tom Cruise sagen, der sich offensichtlich entschlossen hatte, eine Art Indy ohne den Professor-Jones-Überbau zu mimen. Das ist ihm weitgehend misslungen, sein Nick Morton ist einfach nur ein Hampelmann ohne jeden Charme. Angeblich hatte Nick bereits vor dem Eintreffen im Irak eine Affäre mit Jenny Halsey, was angesichts der Charaktere völlig ausgeschlossen erscheint. Die beiden Frauen übrigens, sowohl Annabelle Wallis wie auch die gebürtige Algerierin Sofia Boutella, erbringen zwar keine Meisterleistungen, agieren jedoch zumindest solide und ohne größere Ausrutscher.

Der 1999er Mumienfilm besaß Witz, Charme, eine nachvollziehbare Handlung und als glaubwürdiges Motiv eine sich über die Jahrtausende erstreckende Liebesgeschichte. Hinzu kamen einige für die damalige Zeit spektakuläre CGI-Effekte. Der "Mumie" von 2017 fehlt das alles, dies ist einfach nur ein zusammengeschustertes Stück Popcorn-Kino mit einigen gekonnt eingesetzten Horroreffekten. Wer seiner oder seinem Angebeteten im Kino näherkommen will, soll sich diesen Film ansehen. Alle anderen können darauf verzichten.

"Die Mumie" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 14 Juni 2017 15:18

Filmkritik: "Alien: Covenant"

Geschrieben am Sonntag 21 Mai 2017 um 23:31 von Roland Freist

Alien: Schluss

Zum Schluss ist man fast froh, dass es nun endlich vorbei ist. "Alien: Covenant" schließt die Lücke zwischen "Prometheus" und dem ersten Alien-Film von 1979 und gibt Antworten auf die letzten noch offenen Fragen. Man erfährt, woher die Aliens ursprünglich kamen, wie sie entstanden, warum sie erschaffen wurden. Die Geschichte ist zu Ende erzählt, und das ist gut so. Denn "Covenant" ist kein guter Film mehr.

Regisseur Ridley Scott, der den ersten Teil der Saga gedreht und den Ruhm der Serie begründet hatte, erzählt in diesem sechsten Teil die Geschichte des Raumschiffs Covenant und seiner Besatzung. Zehn Jahre nachdem die Prometheus sich auf den Weg nach dem Ursprung der Aliens gemacht hatte, ist es mit mehr als 2000 Siedlern im Tiefschlaf auf dem Weg zu einem unbewohnten Planeten. Nach einem Unfall wird die Besatzung automatisch aufgeweckt und entdeckt ganz in der Nähe einen weiteren Planeten, der sich ebenfalls für eine Besiedlung eignen könnte. Dort angekommen, stellt sich heraus, dass es sich um den Heimatplaneten der Außerirdischen handelt, die wir in "Prometheus" kennengelernt hatten. Doch sie sind alle tot, der Planet wird nur noch fiesen Monstern bewohnt, die sich wie Schwärme aus Blütenpollen formieren und menschliche Wesen über den Gehörgang oder auch die Nasenschleimhäute infizieren. Das einzige intelligente lebende Wesen auf dieser Welt ist der Androide David (Michael Fassbender) von der Prometheus, der das von den Ohren- beziehungsweise Nasenbohrern bereits dezimierte Team der Covenant bei sich aufnimmt. Er lebt in der ehemaligen Stadt der Außerirdischen in einer Höhle und sagt Sachen wie "Niemand versteht die traurige Perfektion meiner Träume". Ganz offensichtlich ist er verrückt geworden.

"Alien: Covenant" besteht zu großen Teilen aus Versatzstücken der beiden bisherigen Alien-Filme von Scott. Die großen Eier tauchen wieder auf, in denen der Alien-Nachwuchs heranreift, der Facehugger, der den menschlichen Wirt infiziert, die Geburtsszene mit dem Durchstoßen der Bauchdecke, aber auch die bleichen Erschaffer der Menschheit und nicht zuletzt auch die philosophischen Betrachtungen über das Wesen des Menschen und seine Herkunft. Echte Überraschungen sind Fehlanzeige, stattdessen weiß man den größten Teil der Zeit, was kommen wird, und schaut demensprechend gelangweilt zu. Man spürt den fehlenden Enthusiasmus bei diesem Filmprojekt. Musste halt noch gemacht werden, damit die Reihe abgeschlossen werden kann.

Ähnlich uninteressant wie die Handlung sind die Charaktere. Man lernt keinen von ihnen wirklich kennen, entsprechend egal ist es einem dann auch, wenn sie, getreu den Regeln des Horrorfilms, einer nach dem anderen ins Gras beißen. Oftmals ist auch nicht klar, wer gerade noch am Leben und wer bereits tot ist. Zwischendurch ertappte ich mich bei dem Gedanken "Oh, die beiden gibt’s ja auch noch", als plötzlich zwei Figuren wieder auftauchten, die eine Weile von der Bildfläche verschwunden waren. So etwas wirft kein gutes Licht auf die Charakterzeichnung eines Films.

Auch schauspielerisch ist der Film eine Enttäuschung. Michael Fassbender läuft als einziger zur Normalform auf, ist souverän und überzeugend. Hier spielt er sogar eine Doppelrolle, da an Bord der Covenant ein weiterer Androide seines Typs zur Mannschaft gehört. Anderen bewährten Schauspielern wie Billy Crudup ("Almost Famous", "Watchmen"), Danny McBride ("Up in the Air") oder Demián Bichir ("The Hateful 8") gelingt es nicht, sich im engen Korsett ihrer Rollen zu entfalten. Die Hauptrolle hingegen, die bei den Alien-Filmen traditionell von einer Frau gespielt wird, hat Katherine Waterston ("Inherent Vice") erhalten. Sie ist eine gute Schauspielerin, in dieser Rolle jedoch trotz Kurzhaarfrisur eine Fehlbesetzung. Wehmütig denkt man an die Zeiten von Ripley alias Sigourney Weaver zurück, der auch das begriffsstutzigste Alien bereits von weitem ansah, dass mit dieser Frau nicht gut Kirschen essen ist. Waterstons Figur kann in keiner einzigen Szene einen ähnlichen Eindruck erwecken.

Mit "Alien: Covenant" hat Ridley Scott eine große Chance vertan. Es war klar, dass der ursprüngliche Handlungsstrang der Alien-Filme sein Ende erreicht hatte und etwas Neues kommen musste. "Prometheus" war ein guter, vielversprechender neuer Ansatz und auch ein guter Film. So hätte es weitergehen können. Doch stattdessen beschränkt sich "Covenant" im Wesentlichen auf das Wiederkäuen bereits bekannter Szenen. "Alien: Covenant" fehlen die Neugierde und die Faszination für das Unbekannte, welche die Vorgänger einst zu einem stilbildenden Mythos machten.

"Alien: Covenant" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 22 Mai 2017 21:29

Filmkritik: "Guardians of the Galaxy Vol. 2"

Geschrieben am Freitag 28 April 2017 um 0:00 von Roland Freist

Superhelden im LSD-Rausch

Als ich etwa 18, 19 Jahre alt war, hatte ich einige experimentierfreudige Mitschüler, die sich von Zeit zu Zeit bekifft Filme ansahen. Kubricks "2001" kam ihnen zufolge ganz gut, Fassbinders "Querelle" dagegen war wohl ein ziemlicher Flop. "Guardians of the Galaxy Vol. 2" hätten sie geliebt. Denn der Film ist bunt, regelrecht quietschbunt, in etwa so wie die Batman-Filme von Joel Schumacher, allerdings deutlich lustiger. Insgesamt wirkt er, als wäre er im LSD-Rausch designt worden.

Regisseur James Gunn hat alles übernommen, was im ersten Teil gut funktionierte, den Humor, die fünf Helden mit der zweifelhaften Intelligenz, die Musik, und er hat alles weggelassen, was schon damals scheiterte, darunter vor allem den Versuch, eine nachvollziehbare, spannende Handlung aufzubauen. Der zweite Guardians-Film ist über weite Strecken hinweg eine Aneinanderreihung mittelmäßiger, teilweise aber auch wirklich guter Witze, die größtenteils auf Kosten der fünf Protagonisten gehen. Das sind erneut Peter Quill a. k. a Star-Lord (Chris Pratt), die grünhäutige Gamora (Zoe Saldana), der tätowierte Muskelberg Drax (Dave Bautista), der schießwütige Waschbär Rocket (im Original mit der Stimme von Bradley Cooper) sowie Baby Groot, der Ableger des im ersten Teil gestorbenen Baumwesens Groot, erneut gesprochen von Super-Macho Vin Diesel.

Um diese Figuren herum haben die Drehbuchschreiber ein dürres Handlungsgerüst aufgebaut, das im Wesentlichen daraus besteht, dass Peter Quills Vater in Gestalt von Kurt Russell auftaucht. Er entpuppt sich als ein Millionen Jahre alter Gott und ist gleichzeitig ein Planet, der in seiner psychedelischen Farben- und Formenpracht aussieht wie der Realität gewordene Traum eines 70er-Jahre-Drogenfressers. Aber auch abseits von den Quills geht es viel um Familie und Vater-Sohn-Beziehungen, vermutlich soll das sogar das Grundmotiv des gesamten Films darstellen.

Die passende Musikuntermalung dazu ist natürlich "Father and Son" von Cat Stevens. Aber auch der Rest des Soundtracks ist mit feinem Gespür ausgesucht, angefangen von "Mr. Blue Sky" von ELO über "The Chain" von Fleetwood Mac bis hin zu George Harrisons "My Sweet Lord", dem ständig wiederholten Gegreine, wie gern er doch seinen Gott sehen würde.

"Guardians of the Galaxy Vol. 2" wirkt wie eine große, fröhliche Mottoparty, bei der Geld keine Rolle spielt. Es werden exotische Drogen gereicht, die Musik passt, man trifft viele gute Bekannte (in Cameo-Rollen treten unter anderem Sylvester Stallone, David Hasselhoff, Ving Rhames und Michelle Yeoh auf) und alle sind gut drauf. Der erste Teil war besser, da er zumindest ansatzweise noch so etwas wie eine Spannungskurve hatte. Diesmal gibt es im dritten Akt einige nicht zu übersehende Längen. Aber hey, alles in allem ist Guardians 2 dann doch ziemlich groovy.

"Guardians of the Galaxy Vol. 2" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Dienstag 08 August 2017 22:44

Filmkritik: "Free Fire"

Geschrieben am Donnerstag 06 April 2017 um 23:22 von Roland Freist

Feuer frei

Seit einigen Jahren lässt sich eine Neuorientierung des Actionfilms beobachten. Streifen wie "The Raid", "John Wick" oder, mit Abstrichen, "Lone Survivor", verzichten auf große Handlungsbögen, ausgefeilte Charakterzeichnungen und die klassischen, muskelbepackten Genrestars wie die drei großen S (Snipes, Stallone, Schwarzenegger). Stattdessen nehmen sie sich eine Situation vor, die Erstürmung eines Hochhauses in Jakarta oder die Flucht vor einer Gruppe von Talibankriegern in Afghanistan, und studieren sie wie unter einem Mikroskop. Jedes Detail ist wichtig. Trotz erkennbar mickrigem Budget geben sich alle Beteiligten größte Mühe, jedes Detail so perfekt zu gestalten wie es nur irgend geht. Dies sind Filme, die Action ernst nehmen.

In diese noch recht junge Tradition reiht sich nun "Free Fire" ein. Das Szenario ist ein Waffendeal im Boston der späten 70er Jahre. Zwei Gruppen von Gangstern treffen sich in einer alten Lagerhalle, die eine Gruppe hat die Sturmgewehre, die andere das Geld. Zu Anfang lernt man die einzelnen Protagonisten ein wenig kennen, es sind Gestalten von zweifelhafter Intelligenz, abgebrüht, professionelle Kriminelle.

Wie immer in solchen Fällen ist die Stimmung spannungsgeladen. Jedem Beteiligten ist klar, dass ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, die Situation eskalieren lassen kann. Alle sind daher krampfhaft um Ruhe bemüht. Doch dann löst ein privater Konflikt tatsächlich die Katastrophe aus.

Es folgt ein brillant inszenierter Kampf jeder gegen jeden, einziger Schauplatz ist die alte Lagerhalle. Der Schuppen ist abbruchreif, der Boden bedeckt von Müll und Bauschutt. Der Weg zum Ausgang bietet keine Deckung, alle Beteiligten, es sind acht Personen, müssen hinter Betonstücken, Säulen, Kisten Deckung suchen. Bereits nach wenigen Minuten hat jeder von ihnen mindestens einen Streifschuss abbekommen. Es bilden sich kleine Grüppchen, die sich schnell wieder auflösen, Duelle entstehen, bis wieder ein neuer Gegner ins Schussfeld gerät und die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Die Handkamera schwenkt interessiert von einem Protagonisten zum anderen.

Die Audiospur ist erfüllt mit den Geräuschen der Schüsse, dem Zischen, Sirren, Pfeifen der umherfliegenden Kugeln, den dumpfen Einschlägen in Holz oder Beton, dem Pling und Bong der Abpraller. Dazu kann man auch die einzelnen Waffenmodelle am Sound unterscheiden, die kleinen Revolver, die Pistolen und natürlich die Sturmgewehre. Das Soundediting ist meisterhaft, jedem Schuss lassen sich problemlos die Waffe und sogar der Ort und die Figur zuordnen, die sie abgeschossen hat.

Einige der Schauspieler kennt man bereits, allen voran Cillian Murphy ("Batman Begins"), aber auch Sam Riley ("On the Road"), Armie Hammer ("Codename U.N.C.L.E.") oder Brie Larson ("21 Jump Street"), die anderen kommen eher aus der dritten Reihe. Keiner von ihnen dürfte mit diesem Film viel Geld verdient haben. Der englische Regisseur Ben Wheatley war bisher vor allem im Reich der unterfinanzierten Action- und Horrorstreifen unterwegs, er weiß, wie man mit einem kleinen Budget auskommt. Unterstützung bekam er übrigens von Altmeister Martin Scorsese, der als ausführender Produzent agierte.

"Free Fire" ist ein schmutziger, kleiner Genrefilm, der nichts anderes will als die perfekte Actionszene zu schaffen. Dazu hat Wheatley die großen Vorbilder der Filmgeschichte studiert, der Einfluss etwa von Tarantinos "Reservoir Dogs" oder Michael Manns "Miami Vice" (der Film) ist deutlich zu erkennen. Zieht man das Vorgeplänkel ab, nimmt er sich für eine Szene, die normalerweise nur wenige Minuten dauert, eine ganze Stunde Zeit. "Free Fire" ist eine Hommage an die großen Shootouts der Filmgeschichte und zeigt gleichzeitig, was man aus diesen Szenen noch herausholen kann.

"Free Fire" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 07 April 2017 0:08

Filmkritik: "Moonlight"

Geschrieben am Mittwoch 15 März 2017 um 11:12 von Roland Freist

Schwarzes Drama

"Every nigger is a star" – der Film beginnt mit dem gleichen Sample wie Kendrick Lamars Album "To Pimp a Butterfly", eines der größten Hip-Hop-Alben aller Zeiten. Die Zeile, entnommen einem Song von Boris Gardiner, ist ein Ausdruck trotzigen schwarzen Selbstbewusstseins. Im Kontext von "Moonlight" erklärt sie die Fokussierung des Films auf den, wie man befürchten muss, nicht ungewöhnlichen Lebenslauf eines Jungen aus den weniger ansehnlichen Vierteln von Miami, wo auch die Farbfilter von "CSI: Miami" die Lebensumstände nicht mehr aufhübschen könnten.

"Moonlight" erzählt in drei weitgehend abgeschlossenen Teilen die Geschichte von Chiron (Alex Hibbert), der in einem schwarzen Viertel aufwächst und zur Schule geht. Im ersten Teil des Films ist er vielleicht sieben oder acht Jahre alt, still und verschüchtert. In seiner Klasse nennen sie ihn "Little", weil er klein und schmächtig ist. Seine Mutter (Naomie Harris, die aktuelle Miss Moneypenny aus den Bond-Filmen) ist cracksüchtig, ein Vater nirgendwo zu sehen. Durch Zufall lernt er den Dealer Juan (Mahershala Ali) und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe in ihrer zweiten großen Rolle nach "Hidden Figures") kennen. Sie werden seine Ersatzfamilie, zu der er sich flüchtet, wenn er es bei seiner Mutter nicht mehr aushält. Sie sind es auch, denen als erstes auffällt, dass Chiron schwul ist.

Das zweite Kapitel spielt einige Jahre später, Chiron (Ashton Sanders) ist jetzt vielleicht 16. Juan ist mittlerweile tot, doch noch immer sucht der Junge Schutz bei Teresa. Die Drogensucht seiner Mutter hat sich noch verschlimmert, sie bettelt ihn um Geld an. An der Schule ist er ein Außenseiter, der von den anderen getriezt und tyrannisiert wird. Sein einziger Freund ist wie schon in der Kinderzeit der kubanischstämmige Kevin (Jharrel Jerome), mit dem er seinen ersten sexuellen Kontakt hat, der ihn jedoch wenig später verrät. Voller Wut wird Chiron gewalttätig und landet im Knast.

Drittes Kapitel: Chiron (Trevante Rhodes) ist Anfang 20 und lebt als Dealer in Atlanta. Er hat sich dicke Muskeln antrainiert, trägt Goldkette, goldenes Armband, goldene Grillz. Noch immer spricht er nicht viel. Seine Mutter ist in einer Klinik, aus der sie vermutlich nicht mehr herauskommen wird. Er verbirgt seine Homosexualität, macht einen auf Hetero-Macho. Doch nach einem Besuch bei seiner Mutter ruft er plötzlich Kevin an, den er jahrelang nicht gesehen hat und der jetzt in einem kleinen, billigen Restaurant als Koch arbeitet.

Regisseur Barry Jenkins lässt seinen Kameramann James Laxton ganz nah herangehen an die Gesichter, bis sie die komplette Höhe der Leinwand ausfüllen. Zwischendurch arbeitet er immer wieder mit einer wackeligen Handkamera. Zusammen mit dem exemplarischen Charakter der Geschichte entsteht daraus an vielen Stellen der Eindruck, als habe man es hier mit einem Dokumentarfilm zu tun, der dem Zuschauer etwas erklären will. Und tatsächlich liefert "Moonlight" eine plausible Erklärung, warum sich jemand in solch einen bizarren, goldumwickelten Muskelberg verwandelt.

Aber das ist nur einer von vielen Aspekten des Films. Es geht auch darum, wie es ist, in Armut aufzuwachsen, es geht um das Finden der eigenen Sexualität, es geht um Freundschaft und nicht zuletzt auch um Liebe. Geht es auch um die Situation der Schwarzen in den USA? Eher nicht. Denn der Film bewegt sich nicht aus der schwarzen Community hinaus. Die einzigen Weißen, die man überhaupt zu Gesicht bekommt, sitzen im dritten Kapitel Kevins Restaurant. Ansonsten bewegt sich Chiron ausschließlich unter Schwarzen. Eine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe ist hier nicht das Thema, gehasst wird er wegen seiner schüchternen Homosexualität.

Alex Hibbert, Ashton Sanders und Travante Rhodes, die Chiron in den verschiedenen Altersstufen spielen, gelingt es, eine gewisse Kontinuität der Figur herzustellen. Auch wenn sich ihr Protagonist äußerlich stark verändert, erkennt man selbst in dem Dealer mit den aufgepumpten Muskeln immer noch Züge des dünnen, kleinen Little vom Anfang des Films wieder. Die beste schauspielerische Leistung kommt jedoch von Mahershala Ali, den ich bisher vor allem aus Fernsehserien wie "4400 – Die Rückkehrer", "House of Cards" oder "Luke Cage" kannte. Er macht aus der zwiespältigen Figur des Crack-Dealers Juan in der wenigen Zeit, die das Drehbuch ihm lässt, einen echten, glaubwürdigen Charakter mit beeindruckender Ausstrahlung. Den Oscar für den besten Nebendarsteller hat er völlig zu recht bekommen.

"Moonlight" ist kein großer, sensationeller Film, doch er ist vielschichtiger, als es die Story zunächst vermuten lässt. In einigen Momenten segelt er zwar knapp am Kitsch vorbei, dass diese Klippen dann doch sicher umfahren werden ist vor allem der Verdienst einer souveränen Regie und ausgezeichneten Kameraarbeit.

"Moonlight" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Logan: The Wolverine"

Geschrieben am Freitag 03 März 2017 um 22:27 von Roland Freist

Das Ende einer Ära

Auch Superhelden werden alt. Das ist eine der interessantesten Erkenntnisse aus "Logan". Superman oder Batman sehen seit Jahrzehnten immer gleich aus. Die Schöpfer der X-Men hingegen trauen sich, uns zu zeigen, was mit Superhelden zum Ende ihres Lebens hin passiert. Ihre Kräfte schwinden, sie wollen nur noch in Ruhe und allein gelassen werden. Körper und Seelen sind vernarbt nach den Hunderten von Kämpfen, die sie ausgestanden haben. Sie wissen, es ist bald vorbei.

Es ist das Jahr 2029. Die Mutanten haben den Krieg verloren, sie wurden eingesperrt und getötet. Nur drei sind noch am Leben: Charles Xavier beziehungsweise Professor X (Patrick Stewart) ist mittlerweile 90 Jahre alt. Er hat die Kontrolle über seine Kräfte verloren, muss Tabletten schlucken und in einem rostigen Stahltank in der mexikanischen Wüste leben, um niemanden zu verletzen. Versorgt wird er von Caliban (Stephen Merchant), einem Mutanten, der andere Mutanten aufspüren kann. Und schließlich ist da noch Logan, Wolverine (Hugh Jackman), der sein Geld mit einem Limoservice verdient. Er ist nur noch ein Wrack, humpelnd, übersät mit Narben, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Sein Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper.

Seit 25 Jahren sind schon keine Mutanten mehr geboren worden. Doch da kommt eine Frau (Elizabeth Rodriguez) zu Logan und bittet ihn um Hilfe. Er müsse ihrer Tochter helfen, müsse sie von Mexiko nach North Dakota bringen. Sie sei in Gefahr und werde von gefährlichen Männern verfolgt. Und es stellt sich heraus, dass Laura (Dafne Keen), so heißt die Tochter, tatsächlich von einer halben Armee gejagt wird. Doch bisher haben die Männer sie nicht fangen können, denn genau wie Logan kann sie Adamantium-Klingen aus ihren Händen ausfahren und sich selbst heilen.

Es liegt eine tiefe Melancholie über diesem Film. Von der Aufbruchstimmung, dem oft jugendlichen Übermut, mit dem die X-Men-Serie vor 17 Jahren begann, ist nichts übriggeblieben. Nur noch die Comics erinnern in "Logan" daran, dass es einmal Mutanten gab. Dies ist ohne Zweifel der düsterste und traurigste Superhelden-Film aller Zeiten. Gleichzeitig ist es auch einer der gewalttätigsten: Noch in keinem X-Men-Film hat man so viele Klingen durch Köpfe dringen sehen. Und Logans Wunden schließen sich nur noch sehr langsam, immer wieder bricht er blutüberströmt zusammen.

Und es ist einer der besseren Superhelden-Titel. Bereits im Vorfeld hatten Jackman und Stewart angekündigt, dass es für sie der letzte X-Men-Streifen sei. Von Anfang an spürt man, dass hier eine Ära zu Ende geht. Die X-Men-Reihe war immer eine der intelligenteren Comic-Verfilmungen, Regisseur Bryan Singer, der für vier der Filme verantwortlich zeichnet, hatte bereits im ersten Teil die Richtung vorgegeben. X-Men war in seinen besseren Momenten, und davon gab es viele, ein Plädoyer für Toleranz und den Schutz von Minderheiten, verschwieg aber gleichzeitig nicht die Konflikte, die innerhalb einer solchen Gruppe auftreten und das friedliche Zusammenleben mit den Normalos gefährden können. Ein sehr realistisches Bild, Beispiele dafür finden sich sowohl in der amerikanischen wie in der deutschen Gesellschaft.

Am Schluss von "Logan" müssen die Überlebenden aus den USA fliehen. Man darf gespannt sein, ob und wie es für sie weitergeht.

"Logan: The Wolverine" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Sonntag 26 März 2017 20:31

Filmkritik: "Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen"

Geschrieben am Montag 06 Februar 2017 um 21:42 von Roland Freist

Formeln des Erfolgs

In den 60er Jahren gelang es den USA in einer unglaublichen Kraftanstrengung, drei Menschen auf den Mond und wieder zurück zu bringen. Herausgefordert durch das Raumfahrtprogramm der UdSSR, das den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn und wenig später den ersten Kosmonauten erfolgreich ins All brachte, setzte das Land über Jahre hinweg vier Prozent seines Bruttosozialprodukts ein, um diesen Vorsprung aufzuholen. Dieser Wettbewerb, der die besten Köpfe der Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Physik erforderte, konnte keine Rücksicht mehr auf die alten Gebote der Rassentrennung nehmen. Sie waren kontraproduktiv und wurden handstreichartig beseitigt. Das zumindest ist die Geschichte, die "Hidden Figures" erzählt. Es ist eine gute Geschichte, auch wenn sie sich so vermutlich nicht abgespielt hat.

Der Film begleitet drei Freundinnen, die alle in der Rechenabteilung der Nasa arbeiten. Katherine G. Johnson (Taraji P. Hanson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) berechnen in einem großen Team Flugbahnen, Luftwiderstand, Eintrittswinkel, Materialien etc. per Hand, denn Computer gibt es bei der Nasa zu dieser Zeit noch nicht. Dafür gibt es Rassen- und Geschlechtertrennung: Alle Frauen in diesem Team sind schwarz.

Vaughn ist die Teamleiterin und organisiert die Arbeit. Bezahlt wird sie jedoch wie eine einfache Rechenkraft, da Schwarze keine Führungspositionen einnehmen können.

Johnson ist die beste Mathematikerin der drei. Auf Empfehlung einer Teamleiterin wird sie in die Space Task Group von Al Harrison (Kevin Costner) versetzt, die den Flug von John Glenn vorbereitet, dem ersten Amerikaner, der ins All geschossen werden soll. Dort erwartet sie ein Team von ausschließlich weißen Männern, an ihrer Spitze Paul Stafford (Jim Parsons, "The Big Bang Theory"), die auf die Verstärkung eher unerfreut reagieren. Eine Toilette für schwarze Frauen ist nicht vorhanden, die nächste ist eine Meile entfernt, was sie zu langen Pausen zwingt. Für ihren Kaffee stellen ihr die Männer eine eigene Kanne hin, gekennzeichnet mit "Colored".

Mary Jackson schließlich hat ein Händchen für die Probleme bei der Konstruktion der Atlas-Rakete, die Glenn ins Weltall tragen soll. Sie würde gerne Ingenieurwissenschaften studieren, doch die Universität lässt keine Schwarzen zu.

Der Film zeigt nun, wie jede der drei Frauen sich gegen die Widerstände durchsetzt, einfach weil sie genauso gut oder sogar besser ist als die weißen Männer, die sie als Schwarze nicht für voll nehmen und zudem auch die neue Konkurrenz fürchten. Am ausführlichsten wird dabei der Werdegang von Katherine G. Johnson geschildert, die Szenen, in denen sie mit ihren Flugbahnberechnungen nicht nur Harrison, sondern auch die Astronauten verblüfft, gehören zu den stärksten des Films. Ebenfalls sehr gut: Kevin Costner, der in einer Mischung aus Ärger und Wut über diesen Unsinn das Schild "Colored" über der Toilette abreißt und die Rassentrennung bei den Kaffeekannen aufhebt.

Leider arbeitet der Film aber auch mit etlichen Klischees, Szenen, Einstellungen, Handlungsentwicklungen, die man bereits etliche Male gesehen hat. Dazu zählt die kitschige Liebesgeschichte zwischen Katherine und einem schwarzen Offizier (Mahershala Ali) genauso wie leider auch etliche Szenen aus den Geschichten der drei Protagonistinnen. Es fehlt "Hidden Figures" an Überraschungsmomenten, Wendungen, die man so nicht erwartet hätte, an Rückschlägen und schicksalhaften Wendungen. Es geht für die drei Frauen die ganze Zeit immer nur bergauf, langsam zwar, und oftmals gegen starke Widerstände, aber bergauf. Doch so ist das Leben nicht. Der Effekt ist, dass man über weite Strecken den Eindruck hat, in einem Familienfilm, einem Gute-Laune-Film zu sitzen. Ja, das waren schlimme Zeiten damals, aber hey, ist doch alles schon viel besser geworden.

Der darstellerischen Leistung tut das zum Glück keinen Abbruch. Taraji P. Henson kennt man vor allem aus ihren Rollen in Fernsehserien wie "Boston Legal" oder "Person of Interest" und übersieht dabei, wie viel sie auch schon fürs Kino gearbeitet hat. Für "Der seltsame Fall des Benjamin Button" gab’s sogar eine Oscar-Nominierung. In "Hidden Figures" ist sie die unangefochtene Hauptfigur des Films, hochintelligent, von ihren Fähigkeiten als Mathematikerin überzeugt und doch in dieser rein weißen Gesellschaft immer wieder gehemmt, ihre Fähigkeiten auch zu demonstrieren. Henson spielt das sehr gut und erlaubt sich nur ganz selten mal kleine Momente der Unsicherheit. Noch etwas besser ist Octavia Spencer, die bereits einen Oscar hat (für "The Help"). Sie besitzt diese Ausstrahlung innerer Ruhe, auf die sie sich auch hier wieder verlassen kann, und wirkt immer so, als würde sie das Geschehen um sich herum nur still beobachten und sich ihre Gedanken dazu machen. Janelle Monáe schließlich ist eigentlich als Sängerin bekanntgeworden. Ihr Album "The ArchAndroid" mit der Single "Tightrope" war 2010 ein Aufsehen erregendes Debüt, doch nach dem zweiten Album "The Electric Lady" von 2013 wurde es still um sie. In diesem Jahr ist sie dafür gleich in zwei Filmen zu sehen, denn auch in "Moonlight", der in einigen Wochen in Deutschland startet, ist sie dabei. Und sie ist wirklich gut als schöne, selbstbewusste, etwas freche Wissenschaftlerin.

"Hidden Figures" hat eine originelle Grundidee, nämlich die Verknüpfung von trockener Mathematik mit der emotionalen Geschichte von drei schwarzen Frauen, die sich in einer weißen Männerwelt durchsetzen. Man lernt auch einiges, zum einen über die Ausformungen der Rassentrennung in den USA, zum anderen aber auch über die Probleme der Raumfahrt zu dieser Zeit. Doch insgesamt ist der Film zu vorhersehbar und letztlich auch zu oberflächlich, um als großer durchzugehen.

"Hidden Figures" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Hell or High Water"

Geschrieben am Dienstag 31 Januar 2017 um 21:54 von Roland Freist

Zwei gegen die Bank

Am Anfang meint man, man habe es mit einem Bankräuber-Film zu tun, in der Tradition von "Butch Cassidy und Sundance Kid" oder auch "Bonnie und Clyde". Zwei maskierte Männer dringen frühmorgens in eine kleine Bankfiliale ein, kidnappen eine Angestellte und müssen dann warten, bis der Geschäftsführer eintrifft, denn nur er hat den Schlüssel zum Tresor. Dann fliehen sie mit ein paar Tausend Dollar in losen Scheinen, denn sie sind zu klug, um die registrierten, frischen Geldbündel mitzunehmen. Sofort nehmen sie sich die nächste Bank vor, auch hier erbeuten sie wieder ein paar Tausend. Und während ihrer Mittagspause überfällt einer der beiden noch eine dritte Bank, einfach weil es sich gerade anbietet.

Die beiden Männer heißen Toby und Tanner Howard und werden gespielt von Chris Pine und Ben Foster. Sie sind Brüder, doch sie haben sich für sehr unterschiedliche Lebenswege entschieden. Toby hat bisher von Gelegenheitsjobs gelebt, er ist geschieden und hat zwei Söhne, die bei ihrer Mutter wohnen. Tanner dagegen hat den größten Teil seines Lebens im Gefängnis gesessen, seit einem Jahr ist er wieder raus. Er ist es, der die ganzen kleinen Tricks kennt, die Sache mit den gebrauchten Scheinen, die Maskierung mit Skimasken und Overalls, ihre Fluchtfahrzeuge vergraben sie in zuvor ausgehobenen Gruben. Sie rauben lediglich die Filialen einer kleinen, lokalen Bank aus, um das FBI nicht auf den Plan zu rufen.

Der Schauplatz ist West-Texas, die Gegend um Lubbock. Nahezu jeder, der hier lebt, ist arm. In den winzigen Käffern in der Gegend gibt es nur Staub und Langeweile, noch nicht einmal eine Bar. Einmal sehen wir, wie Cowboys eine Herde Rinder über die Straße treiben, einer schimpft dabei über diesen Scheiß-Job. Die einzigen Industriebauten sind die Raffinerien der Ölgesellschaften, riesige, stumme Burgen. Es gibt Öl hier im Land, doch der damit erwirtschaftete Reichtum geht an den meisten Menschen vorbei.

Nach dem zweiten Bankraub werden zwei Texas Rangers geholt. Marcus Hamilton (Jeff Bridges) steht kurz vor der Pensionierung, er liebt seinen Job, er kennt und liebt das Land und seine Bewohner. Sein jüngerer Partner Alberto Parker (Gil Birmingham) ist ein Mischling, halb mexikanisch, halb indianisch, und Hamilton, der gerne und viel redet, lässt keine Gelegenheit verstreichen, um einen Mexikaner- oder Indianer-Witz oder eine Beleidigung loszulassen. Doch tatsächlich spürt man, wie gern die Beiden zusammenarbeiten. Als sie den ersten Tatort erreichen, wird ihnen sehr schnell klar, was hier läuft, und Hamilton erkennt das Muster hinter den Überfällen. Also legen sich die beiden Polizisten auf die Lauer und warten einfach nur ab.

"Hell or High Water" erzählt seine Geschichte sehr ruhig in langen Einstellungen. Er verteilt seine Sympathien gleichermaßen auf die Bankräuber wie auf die Ranger – ähnlich wie die örtliche Bevölkerung, die den Räubern zwar gerne einmal ein paar Kugeln hinterherschickt, auf der anderen Seite aber auch nur mäßigen Respekt vor den Ordnungshütern zeigt. Die Bösen sind hier eindeutig die Banken, die den Menschen nicht helfen, sondern ihnen lediglich das Land wegnehmen wollen. Das wissen die Einheimischen, die Howard-Brüder und nicht zuletzt auch die beiden Ranger.

Es geht in diesem Film weniger um die Überfälle als um die handelnden Personen, auf der einen Seite die beiden Brüder, auf der anderen die Polizisten. Nach und nach blättert Regisseur David Mackenzie die Vorgeschichte der Bankräuber auf und erklärt, warum sie in kurzer Zeit so viel Geld benötigen und ausgerechnet diese Bank überfallen. Es sind nicht die schlechtesten Gründe.

Der Film ist bis in die Nebenrollen gut besetzt und ausgezeichnet gespielt. Chris Pine, die aktuelle Verkörperung von Captain James T. Kirk, zeigt, dass er mehr kann als Actionfilme und eventuell sogar ein recht guter Charakterdarsteller wäre. Ben Foster gibt recht überzeugend den Gewohnheitsverbrecher, ohne seine Figur zu einem Monster zu machen. Und Jeff Bridges hat mal wieder eine Rolle, die ihm sichtbar Spaß macht, er wurde sogar für den Nebenrollen-Oscar nominiert.

"Hell or High Water" spielt in der Gegenwart und ist dennoch vom Charakter her ein Western. Es geht um Armut und Verzweiflung, um Menschen, die resigniert haben und solche, die zumindest für ihre Kinder ein besseres Leben wollen. Koste es, was es wolle.

"Hell or High Water" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

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