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Archiv der Kategorie Filmkritik

Filmkritik: "After Earth"

Geschrieben am Freitag 07 Juni 2013 um 23:29 von Roland Freist

Wenn der Vater mit dem Sohne

Nach "Oblivion" kommt mit "After Earth" in diesem Jahr bereits der zweite Film in die Kinos, in dem die Menschheit die verwüstete Erde verlassen und sich auf einem anderen Planeten angesiedelt hat, der dieses Mal Nova Prime heißt. Dort mussten allerdings zunächst die Ureinwohner vertrieben werden, die für den Kampf gegen die Menschen Ursas gezüchtet hatten, angriffslustige Tiere von der Gestalt eines überdimensionalen Nacktmulls. Sie sind komplett blind, können jedoch die Pheromone riechen, die die Menschen bei Angstzuständen absondern. Wie sie sich fortbewegen, ohne ständig gegen einen Felsen oder Baum zu knallen, erfahren wir leider nicht.

Die Ursas sind natürlich nutzlos gegen Feinde, die in ihrer Gegenwart keine Angst empfinden und daher auch keine speziellen Gerüche abgeben. Die können mit ihnen sozusagen Blinde Kuh spielen und sie dann fachmännisch erlegen. Das erledigen die Ranger, die sich dazu eines Schwerts mit zwei Klingen bedienen, das sie handhaben wie Darth Maul sein Lichtschwert. Wieder einmal fragt man sich, was eigentlich aus den guten, alten, großkalibrigen Schusswaffen geworden ist. Aber egal.

Auch Cypher Raige (Will Smith) ist ein Ranger, sogar im Rang eines Generals. Eines Tages nimmt er seinen Sohn Kitai (Jaden Smith, auch im wirklichen Leben der Sohn von Will) auf einen Flug zu einem anderen Planeten mit. Das Raumschiff wird jedoch beschädigt, rettet sich in letzter Sekunde in ein Wurmloch, das, man hatte es geahnt, ausgerechnet in der Nähe der menschenverlassenen Erde endet. Beim Absturz bricht der Flieger in zwei Teile, außer Vater und Sohn Raige überlebt niemand das Unglück. Beziehungsweise einer doch: Eingesperrt in eine Transportkiste war auch ein Ursa an Bord, der nun nach dem Aufprall geflohen ist.

Vater Raige hat sich beide Beine gebrochen, außerdem ist das Funkgerät kaputt. Im Heck des Raumschiffs befindet sich ein zweites, bis zur Absturzstelle sind es jedoch rund 100 Kilometer. Also muss sich Kitai dorthin auf den Weg machen, angeleitet von Cypher, der mit ihm über eine Art Bildtelefon verbunden ist und ihm sowohl die Richtung vorgibt wie auch Anweisungen für den Notfall durchsagt.

Die Erde hat sich seit dem Abgang der Menschen deutlich verändert. Die Tiere sind mutiert, es gibt nun Adler mit Flügelspannweiten wie ein Gleitschirm und Raubkatzen, die aussehen wie eine Mischung aus Leoparden und Löwen. Und obwohl der Boden von einem dichten, subtropischen Dschungel überwuchert ist, wird es nachts so kalt, dass akute Erfrierungsgefahr besteht. Außerdem ist der Sauerstoffgehalt der Luft so gering, dass die Menschen nur mit Hilfsmitteln überleben können.

Während sich Kitai zum Flugzeugheck mit dem rettenden Funkgerät durchkämpft und sich dabei immer weiter von Raige entfernt, entwickelt der Film eine Vater-Sohn-Geschichte. Kitai hat kurz vor dem Abflug die Aufnahmeprüfung für die Ranger nicht geschafft, außerdem gibt er sich die Schuld am Tod seiner Schwester, die von einem Ursa getötet wurde, während er sich versteckt hatte. Er will und muss sich nun beweisen, und erkennt, dass man manchmal auch gegen einen ausdrücklichen Befehl seinen eigenen Weg gehen muss. Nur so kann er letztlich seinen Vater retten. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit dem Ursa, der Angst riechen kann und nur ohne Furcht besiegt werden kann. Mit anderen Worten: "After Earth" strotzt nur so vor altbackenen Lebensweisheiten und erinnert mit der klischeehaften Vater-Sohn-Beziehung an muffige 50er-Jahre-Ratgeberliteratur.

Die Story stammt von Will Smith, der auch das Geld für die Produktion beisteuerte, gedreht hat M. Night Shyamalan, der seit dem Erfolg von "The Sixth Sense" keinen guten Film mehr zustande gebracht hat. Mit seiner Neigung, sein Publikum mit Geschichten in Form von Gleichnissen von oben herab zu belehren (siehe "The Happening" und, ganz besonders schlimm, "The Village"), ist er genau der richtige Mann für diesen Film. Dass angesichts des Erziehungsanspruchs von "After Earth" und einiger inhaltlicher Parallelen (Überwinde die Angst!) der Vorwurf einer Nähe zu Scientology geäußert wurde, ist nur allzu verständlich, wenngleich die Lehre der Sekte in eine ganz andere Richtung zielt. Die Übereinstimmungen dürften eher Zufall sein.

Will Smith macht seine Sache wie immer gut, er kann sich auf seine natürliche Ausstrahlung verlassen und gibt einen überzeugenden Offizier und Vater ab. Jaden Smith ist noch jung, im Sommer wird er gerade einmal 15, und er wird noch besser werden. Vor allem wünscht man ihm, dass er die für sein Alter sehr stark ausgeprägten Dackelfalten wieder glätten kann.

"After Earth" nervt mit seinem penetranten pädagogischen Anspruch und ist in seinen Effekten deutlich schlechter als der anfangs bereits genannte "Oblivion". Es gibt eine Szene, in der die Beleuchtung so künstlich und studio-like ausfällt wie in einer deutschen Telenovela à la "Verbotene Liebe". Doch immerhin stimmen Schnitt und Erzähltempo, so dass die Langeweile niemals so quälend wird, dass man nur noch raus will aus dem Kino.

"After Earth" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Sonntag 09 Juni 2013 16:10

Filmkritik: "Fast & Furious 6"

Geschrieben am Freitag 24 Mai 2013 um 1:09 von Roland Freist

Er gibt Gas, das macht Spaß

Die "Fast & Furious"-Filme waren immer besser als ihr Ruf. Die ersten beiden gewährten Einblicke in eine Subkultur, von der zumindest ich bis dahin nur wenig wusste. Und die Honda Civics mit dem beleuchteten Unterboden waren natürlich purer Pop. Gleichzeitig waren die Filme aber auch deshalb bemerkenswert, da ihre Protagonisten Kriminelle waren, kleine Straßengangster, die sich auf das Ausrauben von LKW spezialisiert hatten.

Mit Teil 3, "Tokyo Drift", übernahm Justin Lin die Reihe. Auch bei ihm ging es zunächst noch um die Subkultur der illegalen Straßenrennen mit aufgemotzten Serienwagen. Aber die Helden veränderten sich: Sie waren zwar immer noch Straßenräuber, halfen jedoch mit ihren speziellen Fähigkeiten zunehmend den Guten bei der Arbeit.

So auch im neuen Teil 6. Es geht um den international gesuchten Terroristen Owen Shaw (Luke Evans), der nur noch einen Chip benötigt, um eine neue Superwaffe fertigzustellen. In seinem Team erkennen die Fahnder die für tot geglaubte Letty Ortiz (Michelle Rodriguez), die Ex-Freundin von Dominic Toretto (Vin Diesel). Der Anführer der Spezialeinheit (Dwayne Johnson), die Shaw auf der Spur ist, macht Toretto daher einen Vorschlag: Er und seine Leute, darunter natürlich auch wieder Paul Walker in der Rolle von Brian O’Connor, helfen ihnen bei der Jagd auf Shaw, dafür bekommen sie sämtliche Informationen zu Letty, außerdem werden ihnen alle ihre Strafen erlassen. Deal.

Spätestens wenn Dwayne "The Rock" Johnson auftritt weiß man, dass der neue "Fast & Furious" nicht mehr ganz ernst gemeint ist. Alles ist eine Spur übertrieben, die testosterongetränkten Dialoge ("Lassen Sie mich mit ihm allein." "Also gut, Sie haben fünf Minuten." "Ich brauch nur zwei."), das harte Klacken der einrastenden Gänge, die aus wilden Perspektiven gedrehten Verfolgungsjagden und die sich überschlagenden Autos. Aber: Es funktioniert, der Film macht wirklich Spaß. Dass es bereits nach wenigen Minuten vollkommen egal ist, aus welchem Grund die Bösen verfolgt werden, tut der Sache keinen Abbruch.

Interessant ist, dass dieses Mal sehr viel stärker die Gruppe im Mittelpunkt steht. Denn der supercoole Vin Diesel, in der Vergangenheit schon allein wegen seiner körperlichen Ausstrahlung der unangefochtene Anführer, hat mittlerweile nicht nur ein Doppelkinn, sondern deutlich erkennbar auch eine kräftige Fettschicht auf seinen ehemals durchtrainierten Körper gepackt und erkennbar an Autorität verloren. Die Hierarchien sind flacher geworden, die Zusammenarbeit von kleinen Teams bestimmt das Geschehen.

Es lohnt sich übrigens, nach der letzten Abblende noch kurz sitzenzubleiben und die echte Schlussszene abzuwarten. Denn sie liefert eine Vorschau auf Teil 7, in dem ein Mann auftritt, der vielleicht noch mehr als Vin Diesel seinen Leinwandruhm als Fahrer schneller Autos begründet hat, und nach diesem nur wenige Sekunden dauernden Auftritt ist sofort klar, dass er in diese Reihe reinpasst wie ein Holley-Vergaser in einen 68er Ford Mustang.

"Fast & Furious 6" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 05 Juni 2013 18:14

Filmkritik: "Der große Gatsby"

Geschrieben am Freitag 24 Mai 2013 um 0:21 von Roland Freist

Im Bilderrausch

"Der große Gatsby" gilt als einer der größten amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts, er handelt vom Kampf zwischen altem und neuem Geldadel, es geht um Verbrechen und Moral, um die exzessive Lebenslust vor Ausbruch der Wirtschaftskrise und nicht zuletzt um eine große Liebesgeschichte. F. Scott Fitzgerald beschreibt in dem Buch seine Sicht auf die amerikanische Gesellschaft und stellt dem Leser als typischen Vertreter jener Jahre Jay Gatsby vor, einen Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen, der es mit zwielichtigen Geschäften innerhalb weniger Jahre zu einem gigantischen Vermögen gebracht hat. Der Film von Baz Luhrmann ("Moulin Rouge") mit Leonardo DiCaprio als Gatsby hält sich eng an die literarische Vorlage und blendet von Zeit zu Zeit sogar Zitate aus dem Text ein.

Erzähler der Geschichte ist der erfolglose Schriftsteller Nick Carraway (Tobey Maguire), der seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Aktien an der Wall Street verdient. Er will von dem Börsenfieber profitieren, das das gesamte Land erfasst hat. Voller Optimismus hat er ein kleines Haus auf Long Island gemietet, wo die High Society von New York ihre Sommerresidenzen hat. Eine dieser Familien ist die von Tom Buchanan (Joel Edgerton), ehemals der reichste Junggeselle Amerikas, der vor einigen Jahren Nicks Cousine Daisy (Carey Mulligan) geheiratet hat, was Nick von Zeit zu Zeit eine Einladung zum Essen einbringt. Tom ist ein Rüpel, der seine Frau in New York mit Prostituierten betrügt und jeden Menschen in seiner Nähe mit seinem ungehobelten Benehmen vergrätzt, und man fragt sich, wieso sich eine Frau wie Daisy mit so einem Typen eingelassen hat.

Das fragt sich auch Jay Gatsby, der sich vis-à-vis dem Haus der Buchanans auf der anderen Seite der Bucht ein riesiges Anwesen gekauft hat und dort zum Nachbarn von Nick geworden ist. Er feiert jedes Wochenende ausschweifende Parties, zu denen jeder kommt, der in New York hip ist. Es wird getanzt, gesoffen und geliebt als gäbe es kein Morgen. Als Nick eines Tages zu einem dieser Feste eingeladen wird, stellt Gatsby sich ihm vor, und Nick erfährt nach und nach, dass Daisy die Jugendliebe dieses Mannes war. Gatsby entwickelt den Plan, dass Nick seine Cousine zum Tee einladen und er bei dieser Gelegenheit wie zufällig bei seinem Nachbarn auftauchen könnte. Das funktioniert auch, und Jay Gatsby und Daisy verlieben sich erneut.

Das Buch hat mir vor allem wegen seiner Stimmung gefallen. Es bezieht seine Spannung aus dem Kontrast zwischen den exzessiven Feiern und der allgemeinen Gier auf Geld auf der einen Seite und der Melancholie beim Ich-Erzähler Nick auf der anderen. Für mich war das immer die Würze, die diese Geschichte zu etwas Besonderem machte. Im Film ist davon nichts mehr zu spüren. Baz Luhrmann präsentiert stattdessen die Feste im Haus von Gatsby als eine Orgie aus Menschen, Kostümen, Farben und wilden Tänzen, dazu laufen Hiphop-Songs von Jay Z und Kanye West, die mit Klängen des Bryan Ferry Orchestras zu einer Musik im Charleston-Stil der 20er Jahre zusammengemixt wurden. Alles ist völlig überdreht, ein wilder 3D-Rausch voller Rhythmus und Champagner, der an jeder Stelle immer noch eins draufsetzt. Es ist immer noch die von Nick Carraway erzählte Geschichte seiner Zeit mit Jay Gatsby, doch es wirkt, als hätten sich die Bilder selbstständig gemacht, als klafften Bild und Text auseinander. Die Bilder sind brillant, und auch ich muss zugeben, dass dies einer der wenigen Filme ist, bei denen die 3D-Aufbereitung noch einmal eine zusätzliche Ebene schafft. Doch sie passen nicht zur Story. Und selbst im zweiten Teil, when the party is over und sich die Liebesgeschichte entwickelt, begleitet von Lana del Reys trauriger Alt-Stimme, wirkt der Film vor allem in sich selbst verliebt.

Auch die Schauspieler kommen gegen diesen Rauschzustand nicht an. Am ehesten noch DiCaprio, der am Anfang unsicher wirkt, sich allerdings im Fortlauf der Handlung bei seiner Darstellung des Jay Gatsby immer weiter steigert. Carey Mulligan, die in "Drive" sehr gut war, und Tobey Maguire, einer meiner Favoriten in der jüngeren Schauspieler-Generation, gelingt es gerade noch so, dieser alles mitreißenden Bilderflut wenigstens ein Stück weit zu widerstehen und ihren Figuren ein klein wenig Eigenleben zu geben.

Was der Roman an Stimmung bot, ersetzt der Film durch einen Bilderrausch. Es ist ein guter Rausch, einer von der Art, bei der man wild feiert und trotzdem am nächsten Morgen keine Kopfschmerzen hat. Doch im Rückblick lässt er die Erlebnisse der letzten Nacht unecht und künstlich erscheinen.

"Der große Gatsby" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 27 Mai 2013 11:06

Filmkritik: "Star Trek Into Darkness"

Geschrieben am Donnerstag 09 Mai 2013 um 22:28 von Roland Freist

Der Zorn des Khan

Eins muss man J. J. Abrams lassen – er weiß, wie man CGI-Szenen eindrucksvoll inszeniert. "Star Trek Into Darkness" gibt den SF-Fans das, was sie haben wollen: Im nachtschwarzen All langsam umeinander kreisende Schiffe, verwundet von Geschütztreffern, überall schwebende Trümmerteile, dazwischen mächtige Explosionen. Im Inneren gigantische Maschinenräume, hoch wie eine Saturn-V-Rakete, weiße Hightech-Kommandostände und Protagonisten, die sich entweder mit Phasern beschießen oder in archaische Faustkämpfe verwickelt sind, alles getragen von einem mächtigen musikalischen Leitmotiv. Der zweite "Star Trek"-Film unter der Regie von Abrams leidet unter Schwächen bei der Story, doch das Ambiente macht vieles wieder wett.

Es geht um einen bleichgesichtigen Bösewicht namens Khan, überzeugend gespielt von Benedict "Sherlock" Cumberbatch. Er verübt kurz hintereinander zwei Anschläge auf Einrichtungen der Sternenflotte, offenbar ist es sein Ziel, die Führungsriege der Flotte auszuschalten. Anschließend setzt er sich mithilfe eines tragbaren Transporters in einer Art Langstrecken-Beam-Vorgang nach Kronos ab, dem Heimatplaneten der Klingonen, mit denen es in letzter Zeit immer mal wieder Streit gegeben hatte. Später sieht man auch einige Klingonen, die bei Abrams leider einiges von ihrem Rocker-Charme verloren haben. Die Enterprise bekommt von Admiral Marcus (Peter "Robocop" Weller) den Auftrag, Khan auf Kronos aufzuspüren und zu töten. Da Kirk (Chris Pine) bei der Admiralität mal wieder in Ungnade gefallen ist, darf er lediglich als erster Offizier dabei sein, das Kommando hat sein väterlicher Freund Christopher Pike (Bruce Greenwood). Anders als Khan besitzt das Schiff keinen tragbaren Transporter und muss daher die ganze Strecke per WARP-Antrieb zurücklegen.

Kurz vor dem Ziel macht dann allerdings der Motor schlapp, und es rächt sich, dass die Enterprise ihren üblichen Maschinisten Scotty (Simon Pegg) nicht mitgenommen hat, der einen Spezialauftrag bekommen hat. Dafür ist als neues Besatzungsmitglied der Wissenschaftsoffizier Dr. Carol Marcus (Alice Eve) mit von der Partie, eine schöne, blonde Frau, von der keiner so recht weiß, was sie auf der Enterprise eigentlich will, vor allem, da mit Mr. Spock (Zachary Quinto) bereits ein solcher Offizier an Bord ist. Angeblich soll sie sich als Waffenexpertin mit den geheimnisvollen, neu entwickelten Torpedos auskennen. Später stellt sich dann heraus, dass sie von der Technik der Torpedos keine Ahnung hat, was allerdings, zumindest in den Augen von Kirk, ausgeglichen wird durch eine Szene, in der sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen ihr Oberteil ablegt, was bei Spock zugegebenermaßen weniger spektakulär ausgesehen hätte. Immerhin kann sie einen versehentlich aktivierten Torpedo dann dennoch entschärfen, wobei sich herausstellt, dass die Waffen keinen Sprengstoff, sondern etwas ganz anderes als Nutzlast tragen, was sie später allerdings nicht daran hindert, mit mächtigem Bums zu explodieren. Ab hier wird die Story jedoch etwas unübersichtlich, dabei sind wir gerade einmal in der Mitte des Films angekommen.

Die verworrene Handlung lässt die Spannung nach einem vielversprechenden Anfang während der zweiten Hälfte deutlich abfallen, zudem weist der Film in seinem zweiten Akt einige Längen auf. Auch der erste "Star Trek" von Abrams war in seiner Handlung mit all den Zeitsprüngen und neuen Zeitlinien schwierig nachzuvollziehen, ergab aber insgesamt noch einen Sinn. Bei "Into Darkness" hingegen tauchen an mehreren Stellen schwarze Löcher auf, groß genug, um den ganzen Film zu verschlingen. Die actiongeladene, gut bebilderte Inszenierung steuert jedoch genauso souverän um sie herum wie Mr. Sulu durch ein Asteroidenfeld. In diesem Fall lässt sich noch nicht einmal gegen den Einsatz der 3D-Technik viel sagen: Sie lässt zwar einige Szenen so dunkel aussehen, als habe man sie im Kartoffelkeller gedreht, wird allerdings zumindest so gekonnt eingesetzt, dass sie die Bilder stilistisch noch einmal etwas aufpeppt. Wäre aber auch ohne gegangen.

Am Schluss stehen der Abschied der Enterprise von der Erde und der Start zu der fünfjährigen, wissenschaftlichen Mission, die einst die Fernsehserie thematisch zusammenhielt. Es wirkt wie ein Versprechen, dass beim nächsten Film alles besser wird.

"Star Trek Into Darkness" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 08 Juni 2013 0:07

Filmkritik: "Iron Man 3"

Geschrieben am Donnerstag 02 Mai 2013 um 21:43 von Roland Freist

Eisenmann ohne Anzug

Der Titel "Iron Man" hatte von Anfang an etwas Ironisches. Denn tatsächlich war die Hauptperson dieser Geschichten ja kein Eisenmann, sondern ein Krüppel, der auf eine künstliche Energiequelle angewiesen war, und sich einfach nur in einen stählernen Kampfanzug gezwängt hatte. In diesem dritten Teil der Reihe hat Tony Stark, natürlich wieder gespielt von Robert Downey Jr.,die meiste Zeit noch nicht einmal einen dieser Anzüge an, sondern ist gezwungen, dem Bösen ohne Schutz zu begegnen.

Dieses Böse tritt diesmal in Gestalt des Mandarin auf (Ben Kingsley), eine Gestalt, die mit ihrem Zottelbart unverkennbar an Osama Bin Laden erinnern soll. Er hat in den USA bereits einige Bombenattentate verübt und meldete sich anschließend immer mit Bin-Laden-typischen Bekennervideos. Worum es ihm geht, bleibt jedoch im Dunkeln.

Zur gleichen Zeit nehmen ein Mann namens Aldrich Killian (Guy Pearce) und seine Mitarbeiterin Maya Hansen (Rebecca Hall) Kontakt mit Tony Stark und seiner Verlobten Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) auf. Sie haben eine Methode entwickelt, wie sich organische Lebewesen in Sekundenschnelle regenerieren können – Wunden schließen sich von selbst, abgetrennte Gliedmaßen wachsen wieder nach. Außerdem können sie ihre Körpertemperatur so erhöhen, dass sie sogar Stahl zum Schmelzen bringen, allerdings ohne dass dabei aus ihrer Unterwäsche auch nur ein einziges Rauchwölkchen aufsteigen würde. Ein Wunder! Dazu ist lediglich eine einmalige Injektion erforderlich. Doch leider ist die Methode noch nicht ganz ausgereift, hinzu kommt, dass die Beiden gegenüber Stark und Potts nicht ehrlich sind, was ihre wahren Absichten angeht.

In den ersten beiden Filmen war Tony Stark der coole, selbstironische Aufschneider, dem man jedoch immer ansah, dass ihn die Probleme mit der Energiequelle in seiner Brust mehr Angst machten, als er sich und seiner Umgebung eingestehen wollte. Das verlieh dem Charakter eine psychologische Tiefe und machte ihn interessanter als die meisten seiner Superhelden-Kollegen. In "Iron Man 3" ist davon nicht mehr viel übrig. Die Energiequelle findet keine weitere Erwähnung mehr, der Unterton der Existenzangst, der immer mitschwang, ist verschwunden. Wohl um das auszugleichen, haben die Drehbuchautoren Stark nun Schlafprobleme und von Zeit zu Zeit Panikattacken angedichtet.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Regisseur gewechselt hat. Jon Favreau, der Nummer 1 und 2 gedreht hatte, hat abgegeben an Shane Black, dessen einzige Regiearbeit bislang "Kiss Kiss Bang Bang" war, ein Film von mittlerer Qualität. Es ist ein wenig so wie der Wechsel von Tim Burton zu Joel Schumacher bei den "Batman"-Filmen aus den 90er Jahren: Plötzlich war die düstere Grundstimmung verschwunden, und die Reihe geriet zum grellbunten Popcorn-Kino. Ganz so schlimm ist es diesmal nicht, die Handschrift von Favreau ist immer noch spürbar (er spielt auch selber wieder mit als Pepper Potts Leibwächter Happy Hogan). Doch man merkt den Unterschied.

"Iron Man 3" ist kein schlechter Film. Er hat einige durchaus witzige Momente, und natürlich sind die Action-Szenen brillant inszeniert – der Angriff auf Starks Villa, im Trailer zu sehen, und ein Rettungseinsatz im freien Fall über Florida. Manchmal kommt sogar so etwas wie Spannung auf. Die Rollen sind besser besetzt, als es eigentlich notwendig wäre – neben den bereits Genannten tritt auch noch Don Cheadle als Starks alter Kumpel Colonel Rhodes auf, außerdem sind William Sadler als amerikanischer Präsident und Miguel Ferrer als Vizepräsident zu sehen. Aber auch die ausgezeichneten Schauspieler können den Verlust an Substanz nicht wettmachen.

Der neue "Iron Man" kommt in 3D auf die Leinwand. Das bringt wie so oft einen Punktabzug, denn die 3D-Brille sorgt dafür, dass bei vielen dunklen Szenen kaum noch etwas zu erkennen ist. Auf der anderen Seite bietet der Film keine einzige Einstellung, in der die 3D-Ansicht den Bildern einen besonderen Effekt hinzufügen würde.

"Iron Man 3" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Mama"

Geschrieben am Samstag 20 April 2013 um 17:23 von Roland Freist

Mutti kommt zu Besuch

Schade. "Mama" ist über vier Fünftel der Zeit hinweg ein gut funktionierender, altmodischer Horrorfilm, mit einem bösen Geist, zwei Kindern, mit denen er kommuniziert, alten, verwinkelten Häusern, einem düsteren Geheimnis, Wahnsinn und Psychiatrie. Doch das letzte Fünftel, die letzten 15 bis 20 Minuten, verdirbt alles. Die ganze wohlige, gruselige Stimmung ist weg, man kommt etwas enttäuscht aus dem Kino und schläft anschließend viel zu gut.

Zu Anfang sieht man einen Mann namens Jeffrey (Nicolaj Coster-Waldau, "Game of Thrones"), der innerlich völlig aufgewühlt seine beiden kleinen Töchter (ein und drei Jahre alt) abholt und mit ihnen in die Wildnis fährt. Er hat gerade seinen Geschäftspartner und seine Frau umgebracht und ist jetzt auf der Flucht. Nachdem ihr Wagen von der Straße abgekommen ist, stoßen die drei auf eine alte, leere Hütte im Wald. Dort will der Mann zunächst die beiden Mädchen und anschließend sich selbst erschießen. Doch wutsch – plötzlich zeigt sich, dass die Hütte doch nicht so verlassen war, wie es anfangs aussah. Anschließend ist Jeffrey tot, und seine beiden Töchter bleiben zusammen mit Was-auch-immer im Wald zurück.

Fünf Jahre später werden die Mädchen gefunden. Sie sind völlig verwildert, verdreckt, sie haben das Sprechen verlernt und laufen auf allen Vieren. Man bringt sie in eine Klinik, wo sich ein Psychiater (Daniel Cash) um sie kümmert. Einige Monate später werden sie ihrem Onkel Lucas übergeben, Jeffreys Bruder, ebenfalls gespielt von Nicolaj Coster-Waldau. Er lebt mit der Rock-Bassistin Annabel (Jessica Chastain) zusammen, Kinder hatten sie bislang keine. Doch die beiden Mädchen werden von jemandem begleitet, den sie "Mama" nennen, der sich aber zunächst nur ihnen zeigt. Und in dieser Patchwork-Familie kommt es dann auch bald zu ernsthaften Konflikten.

Der Film macht vieles richtig. Der Geist ist zu Anfang niemals komplett zu sehen, man kann seine Gestalt anhand von Schattenwürfe etc. nur erahnen (als die Figur dann zum ersten Mal in voller Größe studiert werden kann, lässt die Spannung denn auch prompt deutlich nach). Die Bilder sind sorgfältig arrangiert – sie zeigen immer wieder, dass da noch jemand oder etwas im Haus ist, ohne dass es selbst in Erscheinung tritt. Es gibt viele "Huch!"-Momente, in denen eine blitzschnelle Bewegung den Zuschauer zusammenzucken lässt. Und mit Jessica Chastain ("The Help", "Zero Dark Thirty") hat der Film eine ausgezeichnete Hauptdarstellerin, die so wandlungsfähig ist, dass man ihr den Rollentausch von der Rockerbraut zur liebenden Mutter ohne weiteres abnimmt. Doch das kitschige, völlig übertriebene Ende verdirbt dann alles. Es sieht so aus, als habe Regisseur Andrés Muschietti keine Idee gehabt, wie er der Geschichte ein würdiges Ende geben könnte. Und so entringt sich einem zum Schluss ein tiefer Seufzer, und man verlässt das Kino, noch bevor der Abspann komplett durchgelaufen ist.

"Mama" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Oblivion"

Geschrieben am Donnerstag 11 April 2013 um 23:30 von Roland Freist

Tom Cruise räumt die Erde auf

Alles nur geklaut – so hieß einmal ein Hit von den Prinzen. Es könnte aber auch als Motto über diesem Film stehen. Denn nahezu alle Elemente sind wohlbekannt, aus "WALL-E", "Matrix", "Planet der Affen" oder auch "Independence Day". Das muss nichts Schlechtes sein. Lieber schaue ich mir einen Film an, der gute Ideen respektvoll zitiert, als dass ich mich langweile bei einem Streifen, dessen Handlung und Figuren nicht einmal den Anflug eines Gedankens erkennen lassen. Doch die Versatzstücke von "Oblivion" sind einfach nur effekthascherisch aneinandergereiht.

Es geht um einen Techniker namens Jack (Tom Cruise), der wie einst Pixars WALL-E den Auftrag hat, auf einer weitgehend verwüsteten Erde nach dem Rechten zu sehen und alles in Schuss zu halten. Denn nachdem Aliens die Menschheit angegriffen und die Menschen sich mit Atomwaffen gewehrt hatten, besteht der Planet zu weiten Teilen aus einer trockenen Wüstenlandschaft, mit großen, radioaktiv verseuchten Gebieten. Doch immerhin haben die Menschen gewonnen, allerdings zum Preis eines weitgehend unbewohnbaren Heimatplaneten. Bereits seit vielen Jahren läuft die Vorbereitung für die Emigration zum Saturn-Mond Titan. Der Erden-Mond war von den Angreifern im Zuge der Kriegshandlungen zerstört worden.

Jacks Aufgabe ist es, die riesigen Maschinen zu schützen, die nach und nach das Wasser aus den Weltmeeren saugen, um daraus Energie für die neue Heimat zu gewinnen. Sie werden bedroht von versprengten Gruppen der Aliens, die den Krieg überlebt haben und nicht ohne Grund Plünderer genannt werden. Meist sieht man sie nur als schattenhafte Gestalten vorüberhuschen. Nur hin und wieder richten sie sich auf, und man kann einen Helm erkennen, der sie aussehen lässt wie eine Kreuzung aus einem Predator und Darth Vader. Sie werden in Schach gehalten von einigen weitgehend automatisch arbeitenden Drohnen, einer Art fliegenden Kugeln mit hoher Feuerkraft.

Ganz allein ist Jack allerdings nicht. In seiner Basis, einem hoch über den Wolken fliegenden, futuristischen Gebäude lebt er mit Victoria (Andrea Riseborough) zusammen, die in der Hierarchie über ihm steht und ihm seine Aufträge gibt, gleichzeitig jedoch seine Freundin ist. Sie wiederum steht in Kontakt mit Sally (Melissa Leo), die in der zentralen menschlichen Siedlung, einer fliegenden, auf dem Kopf stehenden Pyramide, die Arbeiten überwacht. Eines Tages beobachten Jack und Victoria den Absturz eines Raumschiffs. Als er die Trümmer erreicht, findet er in einer Überlebenskapsel Julia (Olga Kurylenko. "Ein Quantum Trost"), die 60 Jahre im Tiefschlaf zugebracht hat. Gemeinsam mit ihr beginnt Jack, den Rätseln rund um den Krieg gegen die Plünderer auf den Grund zu gehen.

"Oblivion" erfüllt viele der Voraussetzungen für einen guten, klassischen Science-Fiction-Film. Es gibt geheimnisvolle Aliens, Hightech-Fluggeräte, staubige Landschaften, böse Roboter und eine Story, die auf den ersten Blick gar nicht so verkehrt ist. Doch was Regisseur Joseph Kosinski ("Tron Legacy") aus dem Stoff gemacht hat, verströmt über weite Strecken pure Langeweile. Spätestens ab der Mitte des Films möchte man nur noch wissen, wie’s ausgeht, und das möglichst schnell, damit man das Kino endlich verlassen kann. Doch dann geht es noch einmal eine ganze Stunde weiter – die Laufzeit beträgt geschlagene 126 Minuten. Die Handlung schleppt sich quälend langsam dahin und droht immer wieder, in den ausgedehnten Wüstenlandschaften zu versanden. Hinzu kommt ein grundlegender Konstruktionsfehler der Story: Je länger der Film vor sich hin döst, desto mehr Charaktere tauchen auf, darunter beispielsweise Morgan Freeman als Chef einer Untergrund-Bewegung. Doch nun ist die Zeit viel zu knapp, als dass der Zuschauer noch Gelegenheit hätte, diese Menschen kennenzulernen. Und so sind sie einem denn auch ziemlich egal.

Wie anfangs bereits erwähnt, hat Kosinski überall geklaut, und zwar sowohl bei der Story wie auch bei den Bildern. Die Antriebe der Raumschiffe etwa hat er aus "Matrix" übernommen, die dreieckigen Formen der Zentrale aus "Independence Day", die aus dem Sand ragenden Artefakte von New York aus "Planet der Affen". Dieses schamlose Kopieren ist umso verwunderlicher, da Kosinski auch für die literarische Vorlage für "Oblivion" verantwortlich ist, eine gleichnamige Graphic Novel, die Mitte des letzten Jahrzehnts herauskam. Das lässt nur den Schluss zu, dass er sich bereits dort, vielleicht mangels eigener Ideen, bei den filmischen Vorbildern bedient hat.

"Oblivion" war mit Sicherheit nicht billig. Tom Cruise allein dürfte bereits einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben, und die Special Effects sind, wenn schon nicht originell, so doch wenigstens sauber ausgearbeitet. Vielleicht liegt es daran, dass man dem Autor der Comic-Vorlage auch die Regie anvertraut hat, so dass eine Kontrollinstanz fehlte, die einige Fehler hätte ausbügeln können. Insgesamt bleibt der Eindruck, dass die Chance vertan wurde, einen zwar nicht bahnbrechenden, aber doch wenigstens annehmbaren Film zu drehen.

"Oblivion" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 15 April 2013 17:47

Filmkritik: "Dead Man Down"

Geschrieben am Donnerstag 04 April 2013 um 23:30 von Roland Freist

Die Rache der Entmieteten

Die ungarische Armee muss ein Ausbildungsniveau haben, dass ein Dutzend Soldaten ausreichen dürften, um einen Krieg zu gewinnen. Das ging mir durch den Kopf, während ich "Dead Man Down" sah. Denn der Protagonist dieses Streifens, der von Colin Farrell gespielte Victor, beherrscht den Umgang mit Revolvern, Sturmgewehren, Sprengsätzen und Handgranaten so gut, dass er reihenweise böse Jungs erschießen kann, ohne selbst auch nur eine Schramme abzubekommen. Und als ihn seine Verbündete, eine Frau namens Beatrice (Noomi Rapace) fragt, wo er das denn gelernt habe, erklärt er ihr knapp, er sei bei der ungarischen Armee gewesen. Im Hauptberuf ist Victor ansonsten Ingenieur. Und das Gespräch über seine Kampfkünste ist leider nicht die einzige Stelle, an der man während dieses Films hängenbleibt. Produzent und Drehbuchautor J. H. Wyman hat in den vergangenen Jahren die Mysterie-Serie "Fringe" produziert und teilweise auch geschrieben. Und genauso wie bei dieser Serie gibt es auch bei "Dead Man Down" etliche Momente, in denen man ins Grübeln gerät.

Immerhin ist Victor gebürtiger Ungar, damit ist zumindest die Ausbildung bei der ungarischen Armee erklärt. Vor einigen Jahren wanderte er mit Frau und Kind in die USA aus. Bei einer Entmietungsaktion der rüden Art wurde seine Tochter von einem Schlägertrupp des Hausbesitzers getötet, später ermordeten die gleichen Männer auch seine Frau und richteten Victor so zu, dass sie ihn für tot hielten. War er aber nicht, und nun will er Rache nehmen. Dazu hat er sich in die Bande des Hausbesitzers eingeschlichen, eines Mannes namens Alphonse (Terrence Howard). Nun beginnt er mit der Unterstützung seines Schwiegervaters (F. Murray Abraham), die Männer einen nach dem anderen zu erledigen. Eines Tages wird er dabei von seiner Nachbarin, der bereits erwähnten Beatrice, beobachtet und mit dem Handy gefilmt. Sie wurde vor einiger Zeit von einem Betrunkenen angefahren, seither ist ihr Gesicht von Narben übersäht. Der Autofahrer erhielt jedoch lediglich eine kurze Haftstrafe von drei Wochen. Sie will Rache und erpresst nun Victor mit ihrem Film. Er soll für sie den Fahrer ermorden, anderenfalls will sie mit dem Video zur Polizei gehen.

Fragen tauchen auf: Wie kann es sein, dass sich niemand mehr an Victor erinnert, den renitenten Mieter, den man monatelang aus dem Haus vertreiben wollte? Wieso kam der Gangster in Victors Wohnung und wieso brachte er ihn ausgerechnet dort und noch dazu am Fenster um, so dass Beatrice alles gut sehen konnte? Und wieso betreibt er einen solchen Aufwand, um die Gangster zu ermorden? Er schickt ihnen Teile eines Puzzles, das zum Schluss ein Foto von ihm und seiner Familie ergibt. Ein solches Verhalten passt eher zu soziopathischen Serienkillern. Je länger man über solche Fragen nachdenkt, desto weniger gefällt einem dieser Film. Und wenn man sich dann dem Sog von Handlung und Bildern erst einmal entzogen hat, fällt einem auch auf, dass die Dialoge zum Schluss hin das Niveau eines Grundschul-Lesebuchs erreichen.

Dabei sind einige Sachen recht gut gelungen. Der dänische Regisseur Niels Arden Oplev hatte vor einigen Jahren die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson verfilmt, die stark darunter litt, dass etliche der Schauspieler kein internationales Niveau aufwiesen. Noomi Rapace, die Darstellerin der Lisbeth Salander, machte da allerdings eine Ausnahme und konnte sich seither auch in Hollywood etablieren. In "Dead Man Down" zeigt sie ein weiteres Mal, wie wandlungsfähig sie ist – ihre Beatrice ist ein völlig anderer Charakter als die freakige Lisbeth und wesentlich unsicherer und verängstigter als ihre Elizabeth Shaw aus "Prometheus". Um sie herum tauchen etliche Gesichter auf, die vielleicht nicht zu den ganz großen amerikanischen Charakterdarstellern gehören, die jedoch gut und professionell ihren Job erledigen.

Der Film ist in düsteren Farben gehalten, selten sah New York so unattraktiv aus wie hier. Es gibt einige originelle, effektvolle Kameraeinstellungen, die Gesichter sind oft von eindrucksvollen Halbschatten verdeckt. Und bei den Actionszenen können die Stunt- und Kameraleute mal wieder ihr ganzes Hollywood-Können ausspielen. Doch außer der düsteren Stimmung und einigen guten darstellerischen Leistungen bleibt von "Dead Man Down" kaum etwas zurück. Als der Film vorbei war und das Licht wieder anging, stand einige Reihen weiter eine Dreiergruppe auf, schweigend, bis dann der einzige Kommentar kam: "Naja."

"Dead Man Down" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 05 April 2013 9:36

Filmkritik: "Hitchcock"

Geschrieben am Donnerstag 14 März 2013 um 23:39 von Roland Freist

Psychokrieg im Hause Hitchcock

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: die Geschichte eines Horrorfilms zu erzählen wie eine Beziehungskomödie. Dabei weckt der Titel "Hitchcock" die Erwartung, dass es in erster Linie um die Geschichte des berühmten Regisseurs geht. Doch das ist nicht einmal zur Hälfte richtig. Denn zum einen spielt Hitchcocks Frau eine genauso große Rolle. Zum anderen dreht sich die Handlung zumindest vordergründig in erster Linie um die Produktion von "Psycho", einen der bekanntesten Filme des Meisters.

Als die Geschichte beginnt, hat Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins) gerade "Der unsichtbare Dritte" beendet, und es wird ein Riesenerfolg. Er sucht nach einer neuen Herausforderung und wird fündig bei dem Horrorroman "Psycho". Doch Paramount will ihm für diesen Stoff kein Geld geben. So beschließt er kurzerhand, den Film mit seinem geschätzten Budget von 800000 Dollar selbst zu finanzieren, und setzt als Sicherheit sein Haus ein. Seine Frau Alma Reville (Helen Mirren) ist nicht begeistert, kann aber nichts mehr machen. Die Dreharbeiten beginnen, und da dieses Mal seine eigene finanzielle Existenz auf dem Spiel steht, verspürt Hitchcock einen besonders starken Druck auf sich lasten. Genau in dieser Zeit ist seine Frau, die als Ratgeber und Cutter eine äußerst wichtige Rolle für seine Arbeit spielt, oft tagelang nicht am Set. Sie trifft sich stattdessen mit dem Autor Whitfield Cook (Danny Huston), um ihm bei einem Drehbuch zu helfen. Und obwohl es nicht ausgesprochen wird, wird doch deutlich, dass ihr sein ständiges Umgarnen von kühlen, blonden Frauen wie etwa der "Psycho"-Hauptdarstellerin Janet Leigh (Scarlett Johansson) unglaublich auf den Geist geht. Sie ist froh, mit jemandem wie Cook den Tag verbringen zu können, der ihr mit seinen Avancen schmeichelt.

Hitchcock wirkt in diesem Film ein wenig wie der von Bluthochdruck geplagte Sir Wilfrid Robarts aus "Zeugin der Anklage", der ständig versucht, an einen guten Schluck Cognac zu kommen. Mit einem Fat Suit und viel Latex ums Kinn haben die Maskenbildner Anthony Hopkins eine Statur gegeben, die der von Charles Laughton nicht unähnlich ist, zudem leidet Hitchcock unter ähnlichen Gesundheitsproblemen wie der Rechtsanwalt. Hopkins ist ein großer Schauspieler, und es gelingt ihm, den britischen Regisseur in seiner ganzen Gestik und im Auftreten perfekt nachzuahmen. Und es war eine kluge Entscheidung von Regisseur Sacha Gervasi, ihm Helen Mirren als weibliche Hauptdarstellerin entgegenzusetzen. Mit ihrer Souveränität und Ausstrahlung kann sie Hopkins glaubwürdig Kontra geben. Der trockene, britische Humor der Dialoge sorgt schließlich für die heitere Grundstimmung der Geschichte.

Doch so gut die Gags auch funktionieren: Man hätte gerne lieber etwas mehr über die Entstehung von "Psycho" erfahren. Zwar lernt man beispielsweise einiges darüber, wie etwa die Duschszene zustande gekommen ist. Doch so, wie der Film es interpretiert, ist sie auch oder vielleicht sogar vor allem Ausdruck der Ehekrise bei den Hitchcocks. Des Weiteren thematisiert "Hitchcock" den Voyeurismus des Regisseurs, dem er sowohl in seinen Werken wie auch privat ganz unverhohlen nachgab. Doch "Psycho" nur mit den Obsessionen des Regisseurs zu erklären, ist letztlich unbefriedigend.

"Hitchcock" lässt einen letztlich zwiegespalten zurück. Er erzählt eine überzeugende Geschichte, hat viele witzige Momente, tolle Schauspieler – zu nennen sind beispielsweise noch Toni Collette als Hitchcocks Assistentin Peggy Robertson und Michael Stuhlbarg als sein Agent Lew Wasserman –, den beiden Hauptdarstellern macht die gemeinsame Arbeit sichtlich Spaß, und alles geschieht vor dem Hintergrund der Dreharbeiten zu einem der berühmtesten Werke der Filmgeschichte. Doch vielleicht ist das alles einfach etwas zu viel. Dies ist kein schlechter Film, aber der Funke will einfach nicht überspringen.

"Hitchcock" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 15 März 2013 0:40

Filmkritik: "The Master"

Geschrieben am Montag 25 Februar 2013 um 17:15 von Roland Freist

Master and Servant

Als letztes Jahr die ersten Ausschnitte von "The Master" präsentiert wurden mit dem geraunten Hinweis, der Film handele von einem Sektengründer, da war sofort klar, was uns die Marketing-Abteilung sagen wollte: Regisseur Paul Thomas Anderson ("Boogie Nights", "There Will Be Blood") hat einen Film über den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard gedreht. Ärger lag in der Luft und heizte die Neugierde an. Doch nach Sehen des Films wird vermutlich jeder zustimmen, dass es bei "The Master" a) nicht um L. Ron Hubbard geht und b) noch nicht einmal um die Machenschaften von Scientology und anderen, ähnlich gelagerten Sekten. Kein Wunder, dass Scientology auf den zunächst angekündigten Protest verzichtet hat. Es ist noch einmal ein besonders guter Film geworden.

Er erzählt die Geschichte von Freddie Quell (Joaquin Phoenix), der zu Beginn als Soldat der Marine im Pazifik eingesetzt ist. Doch der zweite Weltkrieg geht zu Ende, und Freddies Entlassung steht kurz bevor. Seine Kameraden und er vergnügen sich am Strand – sie haben aus Sand einen nackten Frauenkörper geformt, und Freddie tut sich hervor, indem er unter dem Gejohle der Männer Geschlechtsverkehr mit ihr simuliert. Kurz darauf sehen wir ihn masturbierend am Wasser stehen, anschließend legt er sich, nun allein am Strand, zu der Sandfrau und umarmt sie. Er ist ein seltsamer und eher unangenehmer Typ.

Während der Überfahrt nach San Francisco wird dann seine große Schwäche offenbar: Freddie ist ein harter Trinker und mischt bedenkenlos Whisky, Wodka und was sonst noch zur Hand ist mit alkoholhaltigen Lösungen wie etwa Farbverdünner oder Fundstücken aus dem Medizinschrank. In einer Szene zapft er einen Torpedo an und verwendet dessen Treibstoff zum Aufpeppen seiner Drinks.

Nachdem er in Kalifornien verschiedene Gelegenheitsjobs aufgenommen und aufgrund seines hitzigen Charakters auch schnell wieder verloren hat, landet er durch Zufall betrunken an Bord eines Schiffes, mit dem Lancaster Dodd (Philip Seymour Hofmann), Gründer und Kopf einer jungen Sekte namens "Der Ursprung", zusammen mit seinen Getreuen auf dem Weg nach New York ist. Dodd findet Gefallen an Freddie, nimmt sich seiner an und beschäftigt ihn als eine Art Diener und Leibwächter. Außerdem versucht er, unterstützt durch seine Frau Peggy (Amy Adams), Freddie den Jähzorn und die Alkoholsucht auszutreiben. Seine Methoden wirken auf den ersten Blick beeindruckend: Er lässt seine Patienten bestimmte Sätze ständig wiederholen oder arbeitet mit Hypnose, um bei ihnen ein Glücksgefühl zu erzeugen. Doch schon bald wird klar, dass Dodd letztlich keine Ahnung hat, was er da macht. Er verlässt sich einfach auf seine Ausstrahlung und improvisiert ansonsten. Das hat auch seine Entourage bereits erkannt: Dodds Sohn Val (Jesse Plemons) erklärt Freddie, dass man während der Reden seines Vaters ohne weiteres ein kurzes Nickerchen machen könne, ohne etwas zu verpassen. Trotzdem bleiben sie alle bei ihm, die Gemeinschaft scheint sie zusammenzuhalten.

Zwei Dinge sind es, die diesen Film auszeichnen: die große schauspielerische Leistung der Hauptpersonen und die Bildregie. Es gab Oscar-Nominierungen für Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hofmann und Amy Adams, und vor allem Phoenix spielt sich die Seele aus dem Leib. Und die Landschaftsaufnahmen sind fantastisch. Anderson hat mit dem selten gewählten 65-Millimeter-Format gedreht, was in einigen Einstellungen einen grandiosen Cinemascope-Effekt ergibt.

Doch "The Master" leidet daran, dass er letztlich keine überzeugende Story präsentieren kann. Das liegt zum einen daran, dass sich der Film nicht eindeutig entscheiden kann, ob er von den Anfangsjahren einer amerikanischen Sekte und ihrem charismatischen Gründer erzählen will, oder von einem unbeherrschten Alkoholiker mit schlechtem Benehmen und eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, der in die Fänge einer Sekte gerät. Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht hilfreich, dass der Film zwar "The Master" heißt, der Meister jedoch tatsächlich nur die Nebenrolle spielt.

Zum anderen wirft der Schluss Fragen auf in der Art, dass man aus dem Kino kommt und sich denkt: Und was sollte das nun alles? Eine kurze Überlegung war, dass man aus diesem Stoff eine gute Komödie hätte machen können – ein Mann, der sich in erster Linie für Alkohol und Sex interessiert, stolpert ins Zentrum einer Sekte, die mit ihren seltsamen Methoden ergebnislos versucht, einen besseren Menschen aus ihm zu machen. Das hätte witzig werden können und Gelegenheit gegeben, einige schöne Seitenhiebe auf den Einsatz von E-Metern und ähnlichem Blödsinn loszuwerden. So aber bleibt der Eindruck, dass hier die Chance für einen wirklich großen Film leider vertan wurde.

"The Master" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Warm Bodies"

Geschrieben am Donnerstag 21 Februar 2013 um 22:02 von Roland Freist

Zombie in Love

Als Zombie hat man es nicht leicht. Nicht nur, dass man übel aussieht (Leichenblässe, starrer Blick, dunkle Ränder um die Augen, deutlich sichtbare Hautunreinheiten), hinzu kommen unkoordinierte, langsame Bewegungen und massive Artikulationsschwierigkeiten. Und zu allem Überfluss verströmt man als Untoter in den meisten Fällen auch noch einen mehr oder minder penetranten Verwesungsgeruch. Alles zusammen ist dazu geeignet, jedes menschliche Wesen deutlich auf Abstand gehen zu lassen.

Nun könnte man einwenden, dass es bei einem auferstandenen Hirntoten, der lediglich seinen Fressinstinkten folgt, letztlich egal ist, ob sich jemand für ihn interessiert. R allerdings, der männliche Protagonist von "Warm Bodies" (gespielt von Nicholas Hoult), ist ganz und gar nicht hirntot. Bei ihm steckt im Körper eines toten Jugendlichen ein sehr wacher Geist. Aus dem Off hören wir seine Stimme, die uns seine Geschichte erzählt und seine augenblickliche Lage schildert: An sein Leben vor der Zombiewerdung kann er sich nicht mehr erinnern, noch nicht einmal an seinen Namen. Er glaubt allerdings, dass er mit einem R anfing, deshalb nennt er sich nun einfach so. Sein neues Zuhause ist ein Provinzflughafen, wo noch Dutzende weiterer Zombies leben, deren kleine Schrullen er aufmerksam registriert und kommentiert, und man versteht, dass Zombies ein sehr langweiliges und eintöniges Dasein fristen. Als Rückzugsort hat R eins der Flugzeuge auf dem Rollfeld gekapert und es sich dort mit einigen Schallplatten gemütlich gemacht.

Eines Tages überraschen er und ein paar seiner Zombie-Kollegen eine Gruppe von Jugendlichen, die aus der letzten verbliebenen menschlichen Siedlung gekommen sind, um nach Medikamenten zu suchen. Unter ihnen sind auch Julie (Teresa Palmer) und ihr Freund Perry (Dave Franco, der Bruder von James). R erwischt Perry nach Zombie-Art, tötet ihn, und macht sich daran, sein Gehirn zu verspeisen. Dadurch allerdings gehen Perrys Erinnerungen und Gefühle auf ihn über, und langsam spürt er, dass er sich in Julie verliebt. Und während er zuvor nur unter größten Schwierigkeiten einzelne Wörter herausbrachte, die mehr einem Knurren ähnelten, lernt er nun langsam wieder zu sprechen.

"Warm Bodies" ist im Prinzip eine kitschige, romantische Liebeskomödie, allerdings mit der klitzekleinen Besonderheit, dass die männliche Hauptfigur ein Zombie ist. Macht ja nichts. Es entspinnt sich eine Romeo-und-Julia-Geschichte – die Namen der beiden Protagonisten sind nicht zufällig gewählt –, die sogar mit einer Balkonszene aufwarten kann.

Und es gibt jede Menge Drama, Baby. Denn neben den untoten Zombies existieren noch die ganz toten Bonies, die aussehen wie Zombies auf Crystal Meth, eine Art Skelette mit ein wenig verwestem Fleischbesatz. Sie sind die wahren Bösen in diesem Film, denn sie machen auf alles Jagd, was noch einen Herzschlag hat. Und Typen wie R, die noch etwas Menschliches in sich haben, sind ihnen ein besonderer Dorn im Auge, wobei man allerdings sagen muss, dass sie so etwas wie Augen eigentlich nicht mehr besitzen. Der Konflikt ist klar: Die letzten verbliebenen Menschen unter ihrem Anführer Grigio (John Malkovich) gegen die Bonies, und die Zombies stehen in der Mitte.

Der Film ist sehr lustig. Das liegt zum einen am inneren Monolog von R, der sich seiner Unzulänglichkeiten als Zombie sehr wohl bewusst ist und dennoch wie ein verliebter Schuljunge verzweifelt nach Wegen sucht, an Julie heranzukommen, ohne dabei wie ein hirntoter Idiot auszusehen. Zudem gewinnt Regisseur Jonathan Levine, der auch das Drehbuch nach dem Roman von Isaac Marion geschrieben hat, der Figur des Zombies etliche witzige Aspekte ab. Mit am besten hat mir die Szene gefallen, in der die beiden Mädchen mit viel Rouge und einem flotten Haarschnitt aus dem blassen R wieder einen Menschen machen.

"Warm Bodies" hat einige Fehler, viele davon haben mit mangelnder Logik zu tun. Er gewinnt seinen Reiz praktisch ausschließlich aus der skurrilen, originellen Grundkonstellation und weniger aus der Handlung. Die ist in weiten Teilen einfach nur bittersüß und stark vorhersehbar. Doch die Ironie, die die Macher der Geschichte mitgegeben haben, hat den Film zum Glück davor bewahrt, zu einem zweiten "Twilight – Biss zum Morgengrauen" zu werden.

"Warm Bodies" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 22 Februar 2013 11:14

Filmkritik: "Zero Dark Thirty"

Geschrieben am Donnerstag 31 Januar 2013 um 22:34 von Roland Freist

Die Nacht der Jägerin

Es gibt eine Szene in diesem Film, in der der Chef der CIA, gespielt von James Gandolfini, sich in der Kantine zu seiner Agentin Maya (Jessica Chastain) an den Tisch setzt. Er ist immer noch nicht hundertprozentig überzeugt, dass sie tatsächlich das Versteck von Osama bin Laden gefunden hat, und will ihr noch etwas auf den Zahn fühlen. Wie lange sie denn schon bei der CIA sei, fragt er sie. Zwölf Jahre, ist die Antwort. "Und was haben Sie vorher gemacht?" "Nichts. Die Agency hat mich direkt von der Highschool rekrutiert." Das ist eine der wenigen Szenen in "Zero Dark Thirty", in denen man zumindest ahnt, was in der Hauptperson dieses Films vorgeht. Denn von diesen zwölf Jahren hat Maya mindestens acht, wahrscheinlich jedoch mehr, ausschließlich mit der Suche nach bin Laden verbracht. Immer wieder wurde sie durch Rückschläge, aber auch durch Hindernisse in der eigenen Behörde aufgehalten, und musste sich gegen zweifelnde Kollegen und sogar gegen ihre Vorgesetzten durchsetzen, um die Spur zu bin Laden weiterhin verfolgen zu können. Außerhalb dieses Lebens auf der Jagd existiert Maya praktisch nicht.

Der Film beginnt, mit was auch sonst, mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Regisseurin Kathryn Bigelow ("Blue Steel", "The Hurt Locker") verzichtet auf die Bilder von den Flugzeugen und den brennenden Türmen und spielt vor dem Hintergrund einer schwarzen Leinwand lediglich einen Zusammenschnitt von Telefongesprächen ab, die die Eingeschlossenen im World Trade Center mit ihren Angehörigen und den Rettungsdiensten führten.

Danach springt der Film ins Jahr 2003 und stellt uns Maya vor. Sie wurde als Verstärkung für die CIA-Agenten vor Ort in die amerikanische Botschaft nach Pakistan geschickt. In einer rund 20minütigen Sequenz sieht man sie als Zeugin bei der Folterung von Gefangenen. Die Männer werden bedroht, geschlagen, gedemütigt, mit Waterboarding und Schlafentzug gequält. In den USA haben diese Szenen eine Diskussion ausgelöst, ob "Zero Dark Thirty" die Folter rechtfertige oder sogar gutheiße. Doch das ist Unsinn. Es ist eine Qual, diese Szenen anzusehen. Im Unterschied zur Fernsehserie "24", in der Jack Bauer Folter genauso selbstverständlich einsetzte wie seinen Revolver, werden hier nicht nur die Schmerzen der Opfer spürbar, sondern auch das Unbehagen der Folterer. Auch Maya kann einige Male kaum noch hinsehen. Doch als es darum geht, von den Gefangenen Informationen zu bekommen, verfolgt sie ohne zu zögern die Linie ihrer folternden Kollegen.

Wir erfahren von Maya nicht mehr, als dass sie Osama bin Laden jagt, mit ihrer ganzen Energie und einem unbändigen Willen. Maya ist vermutlich eine Psychopathin: Sie zeigt kein gesteigertes Interesse daran, mit anderen auszugehen, die Männer in ihrer Umgebung nimmt sie nicht wahr. Sie sieht nicht fern, hört keine Musik, legt keinen Wert auf besondere Kleidung. Man hat dem Film den Vorwurf gemacht, dass seine Hauptfigur blass bleibt, weil sie nur selten etwas von sich preisgibt und keine Spur eines Zweifels zeigt. Doch das ist genau die Tragik – Maya definiert sich ausschließlich durch die Jagd auf Osama bin Laden. In der Schlussszene sieht man sie im Flugzeug sitzen, allein, und an ihrem Blick kann man ablesen, dass sie spürt, wie sie sich nach Abschluss der Jagd als Person quasi auflöst.

Jessica Chastain ("The Tree of Life", "Take Shelter") ist eine der großen, aufstrebenden Schauspielerinnen unserer Zeit. Für "Zero Dark Thirty" hat sie bereits einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in einem Filmdrama bekommen, und die Chancen stehen gut, dass man ihr auch den Oscar überreichen wird. Sie gehört zu den Menschen, die eine Rolle scheinbar ganz einfach verkörpern können, ohne groß spielen zu müssen, sie sind einfach die Figur, die man ihnen gegeben hat. Das ist große Schauspielkunst und im Falle von Jessica Chastain umso bewundernswerter, wenn man sich erinnert, dass sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit die überdrehte Celia Foote in "The Help" zum Leben erweckt hat.

"Zero Dark Thirty" hat einige Längen, einige Szenen hätte man deutlich kürzen können. Doch der Film wird nie langweilig. Er hat eine klar angelegte Struktur – aus dem Durcheinander der ersten Monate nach den Anschlägen, mit Tausenden von Hinweisen und Informationen, schält sich nach und nach eine Spur heraus, bis es zum Schluss in Abbottabad gegen das Endmonster geht. Doch mehr noch als von der Jagd auf bin Laden handelt er von der Frau, die ihn gefunden hat. Nach allem was man weiß, ist die echte Agentin, die das Vorbild für die Maya im Film abgab, anschließend irgendwo in der Bürokratie der CIA verschwunden.

"Zero Dark Thirty" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 01 Februar 2013 12:09

Filmkritik: "Flight"

Geschrieben am Sonntag 27 Januar 2013 um 22:00 von Roland Freist

Absturz

Definitiv kein Film fürs Bordkino. Gleich am Anfang von "Flight" steht eine Notlandung, die man als Zuschauer im Cockpit miterlebt. Sie beendet einen rund 20minütigen Horrorflug von Atlanta nach Orlando. Am Steuer sitzen Kapitän Whip Whitaker (Denzel Washington) und sein erster Offizier Ken Evans (Brian Geraghty). Bereits beim Start machen ihnen Seitenwinde, kräftige Turbulenzen und schlechtes Wetter zu schaffen, beim Anflug auf Orlando fällt dann noch das Höhenleitwerk aus. Die Maschine geht in den Sturzflug über, was Whitaker nur stoppen kann, indem er das Flugzeug auf den Rücken legt, so dass es kopfüber fliegt. Erst knapp über dem Boden dreht er es wieder in die richtige Lage und landet mit brennenden Triebwerken auf einem Feld. Von 102 Menschen an Bord, die Besatzung mitgezählt, überleben 96. Eine fliegerische Meisterleistung, für die Medien ist Whitaker ein Held.

Im Krankenhaus stellt sich jedoch schnell heraus, dass Whitaker nicht nur nicht nüchtern war, als er sich in den Pilotensessel setzte, sondern sturzbetrunken. Man misst 2,4 Promille in seinem Blut, dazu kommen Spuren von Kokain. Die Nacht zuvor war er mit einer der Flugbegleiterinnen im Bett, den mangelnden Schlaf wollte er mit einer Line Koks zum Frühstück, Zigaretten und viel schwarzem Kaffee kompensieren. An Bord hatte er sich sofort zwei Fläschchen Wodka genehmigt. Das alles ist normal für ihn, Whitaker ist seit Jahren Alkoholiker und hat aus diesem Grund bereits seine Frau und seinen Sohn verloren.

Im Krankenhaus konfrontieren ihn sein alter Freund Charlie Anderson (Bruce Greenwood) und der Anwalt Hugh Lang (Don Cheadle) mit den Tatsachen, und Lang erklärt ihm zudem, dass er für den Tod der sechs Menschen zur Rechenschaft gezogen werden könnte – irgendjemand muss schließlich als Schuldiger benannt werden. Whitaker drohen eine Klage wegen Totschlags und im Falle eines Schuldspruchs eine lebenslange Gefängnisstrafe.

"Flight" stellt einige interessante Fragen: Ist Whitaker ein Held, weil er 96 Menschen das Leben rettete? Oder verdient er eine Strafe, weil er betrunken geflogen ist und damit Menschenleben gefährdet hat? Könnten die sechs Toten noch leben, wenn er nüchtern gewesen wäre? Oder war es vielleicht nur einem Betrunkenen möglich, ohne nachzudenken dieses wahnwitzige Flugmanöver einzuleiten, das schließlich der Mehrheit der Passagiere und Besatzungsmitglieder das Leben rettete?

Whitaker will seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Er ist stolz darauf, dass er das Flugzeug noch landen konnte und verweist darauf, dass das nur wenigen Piloten gelungen wäre. Eine Simulation der Untersuchungsbehörde gibt ihm Recht. Seinem Anwalt gelingt es, die Ergebnisse der Blutuntersuchung anzufechten, sie dürfen im Untersuchungsverfahren nicht verwendet werden. Wenn Whitaker nun behauptet, er sei nüchtern gewesen, kann niemand ihm das Gegenteil beweisen. Mittlerweile hat er wieder begonnen zu trinken, an manchen Tagen bis zur Bewusstlosigkeit.

Denzel Washington spielt in "Flight" einen Alkoholiker, der, wie viele Alkoholiker, der Überzeugung ist, alles im Griff zu haben. Doch der Film zeigt, wie alles um ihn herum in die Brüche geht, wie er im Suff seine wenigen Freunde vor den Kopf stößt und sie ihn verlassen. "Flight" ist in erster Linie ein Film über die Sucht.

Neben der erwähnten Flugsequenz am Anfang ist es vor allem die darstellerische Leistung von Denzel Washington, die diesen Film außergewöhnlich macht. Was in ihm vorgeht, verraten nur ganz kleine Gesten, ein Zusammenpressen der Lippen etwa oder ein flackernder Blick. Gefühlvolle Szenen, die andere Schauspieler genüsslich ausgewalzt hätten, um ihre Charakterstudien zu präsentieren, spielt er mit ein paar unkontrollierten Zuckungen der rechten Gesichtshälfte. Große Kunst, die so vermutlich auch nur auf der Kinoleinwand erkennbar ist. Auf dem Fernseher wird der Film einiges an Qualität verlieren.

Regisseur Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft", "Forrest Gump") hat mit "Flight" nach langen Jahren wieder einen Film mit realen Darstellern gedreht, nachdem er sich zuletzt auf Animationsfilme wie "Der Polarexpress" konzentriert hatte. Es ist ein guter, aber seltsam langer Film geworden, bei dem man allerdings bereits zur Halbzeit weiß, wie er nach den Regeln des Kinos ausgehen muss. Zwar kommt nie Langeweile auf, dazu sind die Szenen zu abwechslungsreich und die Schauspieler zu gut. Doch als zum Schluss das erwartete Ende kommt, ist das trotzdem etwas enttäuschend, auch wenn einem der Verstand sagt, dass jede andere Schlussszene letztlich unbefriedigend und nicht möglich gewesen wäre.

"Flight" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Freitag 01 März 2013 16:35

Filmkritik: "Frankenweenie"

Geschrieben am Samstag 26 Januar 2013 um 22:11 von Roland Freist

Hunde wollen ewig leben

Als ich ein Junge von etwa 13 oder 14 Jahren war, begann die ARD oder vielleicht auch das ZDF eine Reihe mit klassischen Horror- und Science-Fiction-Streifen. Jeden Samstagabend nach 23 Uhr liefen da die Dracula-Filme mit Christopher Lee, Frankenstein, Klassiker wie "Kampf der Welten" oder "Der Tag, an dem die Erde stillstand", aber auch neuere Produktionen aus den späten 60er und frühen 70er Jahren wie "Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All" und "Jahr 2022 … die überleben wollen" (mit der unsterblichen und kürzlich auch in "Cloud Atlas" zitierten Zeile "Soylent Green ist Menschenfleisch!"). Den Türspalt sorgfältig mit einem zusammengerollten Teppich abgedeckt, damit kein Lichtschein nach außen fiel, und den Ton auf kaum noch hörbar heruntergeregelt, saß ich in meinem Zimmer wenige Zentimeter vor dem Fernseher und tauchte in faszinierende Welten voller Untoter, Monster und bösartiger Wesen aus dem All ein. Beim Sehen von "Frankenweenie" kamen diese Erinnerungen wieder auf, und es keimte der Verdacht auf, dass Tim Burton eine ähnliche Geschichte erzählen könnte.

Es geht um einen Jungen namens Victor Frankenstien, einen Außenseiter, der sich in erster Linie für Naturwissenschaften und Technik interessiert. Victor hat einen Hund namens Sparky, der eines Tages von einem Auto überfahren wird. Victor ist untröstlich, er hat seinen besten Freund verloren. Gemeinsam mit seinen Eltern vergräbt er ihn auf dem örtlichen Tierfriedhof. Der Ort hat eine Atmosphäre, dass man meint, bereits die Pfoten der ersten Vampirhunde zu sehen, die sich durch die noch lockere Erde nach oben arbeiten.

In der Schule hat ein neuer Physiklehrer angefangen, ein Mr. Rzykruski. Mit osteuropäischem Akzent zeigt er den Kindern, dass die Muskeln eines toten Froschs anfangen zu zucken, wenn man ihn an die Steckdose anschließt. Das bringt Vincent auf eine Idee: Wenn man noch mehr Strom durch ein Tier leiten würde – wäre es dann möglich, dass es wieder ganz lebendig wird? Er buddelt Sparky wieder aus und baut eine Apparatur, die bei einem Blitzeinschlag die Energie durch den Körper des Hundes führt.

Spätestens ab dieser Stelle beginnt Tim Burton lustvoll alte Horrorstreifen aus den 30er, 40er und 50er Jahren zu zitieren. So erkennt man beispielsweise die von schweren Eisenketten nach oben gezogene Pritsche mit dem noch toten, zusammengeflickten Monster, es gibt ein Faktotum in Gestalt eines buckligen Jungen mit einem sehr, sehr schlechten Gebiss, Frankensteins Braut mit der bizarren Hochspannungsfrisur taucht auf, und während des großen Finales stapft eine überdimensionale Schildkröte auf zwei Beinen durch einen Vergnügungspark und brüllt wie Godzilla.

"Frankenweenie" ist als Stop-Motion-Animation stilecht in Schwarzweiß umgesetzt. Das schafft eine zusätzliche ironische Distanz zu der Handlung, die ansonsten mit den bewährten, klassischen Schock- und Gruseleffekten arbeitet. Der Film ist für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben – mit jüngeren sollte man ihn nicht besuchen, denn einige Effekte erweisen sich auch nach 60 oder mehr Jahren immer noch als wirkungsvoll. Wie alle Disney-Produktionen ist "Frankenweenie" in 3D ausgeführt, was selten so überflüssig war wie hier. Es gibt keine einzige Einstellung, die von dieser Technik profitieren würde. Wer kann, soll sich den Film in 2D ansehen und ein paar Euro sparen.

Die Kinder im Kino mochten den Film, vor allem wohl wegen seiner sympathischen Protagonisten, die sich gut als Identifikationsfiguren eignen. Ihre Eltern amüsierten sich eher über die Filmzitate und kicherten in sich hinein. "Frankenweenie" ist vielleicht nicht Tim Burtons bester Film, aber er macht Spaß, und das gilt für alle Altersklassen. Und was will man eigentlich mehr?

"Frankenweenie" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 26 Januar 2013 22:57

Filmkritik: "Lincoln"

Geschrieben am Freitag 25 Januar 2013 um 22:50 von Roland Freist

Abraham Lincoln, Sklavenbefreier

Für viele Amerikaner ist Abraham Lincoln der beste Präsident, den ihr Land jemals hatte. Während des Bürgerkriegs war er der Oberbefehlshaber der Truppen der Nordstaaten, und er schaffte die Sklaverei ab. In Steven Spielbergs "Lincoln" geht es um den Januar 1865. Der gerade erst für eine zweite Amtszeit gewählte Präsident will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er will den Krieg beenden, der in ein viertes Jahr zu gehen droht, und er will die Sklaverei durch einen Verfassungszusatz ein für alle Mal verbieten. Für letzteres benötigt er jedoch eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Repräsentantenhaus. Zwar sind dort seine Republikaner in der Überzahl. Um allerdings die Verfassung zu ändern, braucht Lincoln nicht nur sämtliche Stimmen aller republikanischen Abgeordneten, sondern darüber hinaus auch 20 Stimmen von den oppositionellen Demokraten.

Lincoln wird gespielt von Daniel Day-Lewis, einem Schauspieler, der bereits zwei Oscars als bester Hauptdarsteller gewonnen hat (für "Mein linker Fuß" und den düsteren "There Will Be Blood"). Und wie er den Präsidenten spielt, trifft er genau den Punkt, dass man sagt, ja, man hätte es selbst zwar nicht so ausdrücken können, aber so hatte man sich Lincoln vorgestellt. Groß, hager, stets leicht vornübergebeugt, müde von den Anstrengungen der Kriegsführung, aber unbeugsam, was die Frage der Sklaverei angeht. Day-Lewis präsentiert einen freundlichen, nachdenklichen Mann, der gern auf die Menschen zugeht, sie allerdings in Diskussionen nicht durch Argumente überzeugt, sondern mit Geschichten, die er entweder selbst erlebt oder bei anderen gehört hat. All das verleiht ihm ein Charisma, das ihn nahezu unangreifbar macht.

Doch trotz seines Titels handelt dieser Film in der Hauptsache nicht von Lincoln, sondern von der Art und Weise, wie es zum 13. Verfassungszusatz kam. Es geht um Politik, um die Kuhhändel und Bestechungen, die notwendig waren, um die 20 Stimmen von den Demokraten zu holen. Und es geht um Sprache: In ungeheuer wortgewaltigen Sätzen fliegen die Beleidigungen, Argumente, Unterstellungen, Lügen und Drohungen im Parlament und bei den internen Besprechungen hin und her. Lincoln selbst sitzt meist nur da, beobachtet die anderen Personen von unten aus seinen schlitzartig zusammengepressten Augen heraus, macht sich seine Gedanken und greift nur ein, wenn die gewünschte Richtung verloren zu gehen scheint. Er hat einige ausgezeichnete Redner auf seiner Seite. Der beste unter ihnen ist Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones), ein Abolitionist, der die Sklaverei radikal ablehnt und im Parlament während seiner mit Beleidigungen gespickten Reden regelmäßig Szenenapplaus erhält.

Für Lincoln heiligt der Zweck die Mittel. Auch er lügt, lässt seine Leute mit Bestechungen arbeiten und scheut sich nicht, die Abgeordneten mit ihrem Wunsch nach Frieden mit dem Süden zu erpressen, um die notwendigen Stimmen zusammenzubekommen. Das Parlament ähnelt hier einem Viehmarkt, wo jeder versucht, den anderen übers Ohr zu hauen.

"Lincoln" ist ein sehr guter Film, aber wie schon den letzten Werken von Steven Spielberg ("Tim und Struppi", "Gefährten") fehlen auch ihm etwas die Kraft und Dynamik, die seine besten Filme auszeichneten, angefangen von "Der weiße Hai" über "E.T." und "Jurassic Park" bis hin zu "Der Soldat James Ryan". Und die mittlerweile regelmäßig eine Spur zu süßliche Musik von John Williams wird auch immer schwerer erträglich. Keine Frage, dass "Lincoln" trotzdem einige der zwölf Oscars einheimsen wird, für die er nominiert ist (unter anderem für den besten Film und die beste Regie) und keine Frage auch, dass Daniel Day-Lewis mit dieser Leistung höchstwahrscheinlich seinen dritten Oscar gewinnen wird. Trotzdem ging es mir nun schon zum wiederholten Male so, dass ich gespannt darauf war, was dieser Regisseur aus einem Stoff machen würde, und dann leicht ernüchtert das Kino wieder verließ. Ein guter Film, keine Frage, aber trotzdem …

"Lincoln" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Django Unchained"

Geschrieben am Sonntag 20 Januar 2013 um 19:55 von Roland Freist

Gesprengte Ketten

Es dauerte gerade einmal fünf Sekunden, dann hatte er mich. Die erste Einstellung zeigt eine menschenleere Steinwüste, Musik setzt ein, ein klassischer Westernsong (das Original-Thema aus dem 60er-Jahre-"Django"), dann werden in flammend roter Schrift der Filmtitel und die Mitwirkenden vorgestellt, ganz wie es sich gehört. Die Atmosphäre stimmt, jetzt kann's losgehen.

Quentin Tarantinos "Django Unchained" ist ein Western, mit starker Tendenz zum Spaghetti-Western, also zu den Filmen von Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Er erzählt die Geschichte des Sklaven Django (Jamie Foxx), der in einer spektakulären Anfangssequenz von dem deutschstämmigen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit wird. Django soll die drei Brittle-Brüder identifizieren, per Steckbrief gesuchte Verbrecher, die ihn und seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) einst gefoltert hatten und mittlerweile auf der Farm eines weißen Großgrundbesitzers arbeiten, gespielt von dem alt gewordenen Don Johnson. Als Belohnung will Schultz Django etwas Geld geben, außerdem verspricht er, dass er zusammen mit ihm nach Broomhilda suchen wird, die als Sklavin verkauft wurde.

Und er hält Wort: Nachdem sie die drei Brüder gefunden, erschossen und die Belohnung kassiert haben, bringt Schultz Django das Handwerk, aber auch die Kaltblütigkeit eines Kopfgeldjägers bei. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Mississippi, wo sie Broomhilda auf der Farm von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) aufspüren, einem Großgrundbesitzer mit einer Vorliebe für Mandingo-Kämpfe, bei denen Schwarze aufeinander gehetzt werden, bis einer von beiden tot ist.

"Django Unchained" erzählt im Grunde zwei Geschichten: In der ersten geht es um die Befreiung von Django, seine Entwicklung von einem eingeschüchterten Sklaven zu einem selbstbewussten, freien Mann und seine Rache an den Brittle-Brüdern. Dieser Teil ist klassischer Tarantino: unterhaltsam, mit vielen witzigen Momenten, und einigen sehr brutalen Szenen.

Die zweite Geschichte handelt von der Suche nach und der Befreiung von Broomhilda. Und hier entdeckt man einen ganz neuen Tarantino: Voller Wut und bemerkenswert humorlos attackiert er die Sklaverei und zeigt am Beispiel von Calvin Candie die Bestialität der weißen Sklavenhalter. Für Candie ist ein Schwarzer nichts als eine Ware, die man zu brutalen Kämpfen oder zur Prostitution zwingt und die man bereits im Falle kleinster Vergehen mit grausamen Strafen belegt. Witze sind hier tatsächlich fehl am Platz. Dennoch überrascht es, mit welch heiligem Zorn Tarantino dieses Thema angeht. "Django Unchained" ist ohne Zweifel sein bislang emotionalster Film.

Genau wie der erste ist auch der zweite Teil des Films von einer starken Brutalität geprägt. Bei jedem Treffer spritzt das Blut, als sei eine Lavalampe explodiert. Gleichzeitig gibt es aber auch die Szenen, in denen Schwarze gequält, gefoltert oder ermordet werden. Und die sind teilweise so unmenschlich, dass auch Tarantino nicht mehr hinschauen mag.

Unter den Darstellern ragt vor allem Christoph Waltz hervor. Sein Dr. Schultz mit der umständlichen Ausdrucksweise ist keine einfache Rolle, doch er meistert sie souverän. Es wirkt ein wenig so, als habe ihm Tarantino den Text auf den Leib geschrieben, so gut passt dieser eloquente deutsche Kopfgeldjäger zu ihm. Über drei Viertel des Films beherrscht er das Geschehen auf der Leinwand, Django wird erst im Schlussviertel zur Hauptperson. Jamie Foxx gibt einen guten, schwarzen Rächer ab, aber da er deutlich weniger Text hat als Waltz, muss er die meiste Zeit hinter ihm zurückstecken. Ganz ausgezeichnet ist mal wieder Leonardo DiCaprio, der überzeugend den oberflächlich verbindlichen, tatsächlich jedoch sadistischen und gefühllosen Sklavenhalter verkörpert.

Der Film ist mit 165 Minuten sehr lang geraten, zum einen, da er gleich zwei Stories erzählen will, zum anderen wegen einiger sehr ausführlicher Szenen im zweiten Teil. Dennoch ist er in meinen Augen besser als "Inglourious Basterds", mit dem ihn einiges verbindet: Die Atmosphäre ist stimmiger, und der Rhythmus ist präziser. Und mehr noch als in IB setzt Tarantino seine filmischen Mittel ein, um die Brutalität und Ungerechtigkeit eines menschenverachtenden Systems anzuprangern. "Django Unchained" ist ein Pamphlet gegen die Sklavenhaltung in Gestalt eines Westerns. Tarantino nutzt die Bilder und Klischees des Genres, zitiert in zahlreichen Einstellungen Sergio Leone und seine wortkargen Helden, um die Sklaverei über den Haufen zu schießen wie eine Bande bezahlter Revolverhelden.

"Django Unchained" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 26 Januar 2013 10:56

Filmkritik: "Silver Linings"

Geschrieben am Samstag 12 Januar 2013 um 16:49 von Roland Freist

Romantik und Football

"Silver Linings" ist eine romantische Komödie, wie sie im Prinzip auch das deutsche Fernsehen produzieren könnte. Wäre da nicht der Background der Hauptfiguren – über Menschen, die sich in psychologischer Behandlung befinden, einen teilweise durchaus witzigen Film zu drehen, das würden sich ARD und ZDF vermutlich nicht trauen. Zum Glück geht das aber in Hollywood.

Pat Solitano (Bradley Cooper, bekannt aus "Hangover") hatte seine Frau Nikki (Brea Bee) beim Sex mit einem anderen Mann entdeckt und seinen Nebenbuhler brutal zusammengeschlagen. Da er bereits zuvor unkontrollierte Wutanfälle hatte, wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, wo bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. "Silver Linings" beginnt damit, dass seine Mutter Dolores (Jacki Weaver) ihn nach acht Monaten Behandlung dort abholt.

Pat lebt nun bei ihr und seinem Vater Pat Senior (Robert de Niro), der sein Geld mit Wetten auf das lokale Football-Team, die Philadelphia Eagles, verdient. Er will keine Medikamente mehr nehmen und seine Wutanfälle stattdessen mit Sport in den Griff bekommen, was allerdings nicht so recht funktioniert. Pat würde auch gerne wieder Kontakt zu seiner Frau aufnehmen, die allerdings hat erwirkt, dass er sich mindestens 150 Meter von ihr fern halten muss.

Bei einer Einladung zum Abendessen lernt Pat Tiffany kennen (Jennifer Lawrence, "Die Tribute von Panem"), eine junge Frau, die vor einiger Zeit ihren Mann bei einem Autounfall verloren hat und ebenfalls eine psychologische Behandlung durchlaufen hat. Tiffany kennt Pats Noch-Ehefrau und ist bereit, ihr Briefe von ihm zu überbringen, was die gerichtliche Verfügung eigentlich verbietet. Dafür verlangt Tiffany jedoch etwas von ihm: Sie benötigt für einen Wettbewerb einen Tanzpartner, diese Rolle soll jetzt Pat übernehmen.

Als romantische Komödie setzt "Silver Linings" nicht auf One-Liner und auch nicht auf Situationskomik. Der Witz des Films liegt in erster Linie in den Dialogen, schnellen und direkten Wortwechseln, wobei sich vor allem Pat und Tiffany dadurch auszeichnen, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Eine der schönsten Szenen spielt sich während des erwähnten Abendessens ab, als die beiden sich fachmännisch über die Wirkung verschiedener Psychopharmaka austauschen. Die Gespräche sind zudem so aufgebaut, dass der Angesprochene immer den letzten Satz des Sprechers wiederholt, beinahe so wie früher bei "Derrick" ("Frau Oberstudienrat, wir müssen Ihnen leider sagen, Ihr Mann ist tot." "Mein Mann ist tot?" "Ja, er ist tot. Wir vermuten, er wurde ermordet." "Ermordet? Wie ist das geschehen?" "Das wissen wir noch nicht." "Das wissen Sie noch nicht?" "Nein. Frau Oberstudienrat: Hatte Ihr Mann Feinde?" "Feinde?" usw. usf.). Wenn solche Dialoge mit verschärfter Geschwindigkeit abgespult werden, hat das eine durchaus komische Wirkung.

Während der ersten zwei Drittel des Films passt sich der Erzählrhythmus sehr gekonnt der nervösen Unruhe von Pat an – man fühlt sich beinahe genauso unbehaglich wie er, alles geschieht viel zu schnell, es gibt keinen Moment, um mal tief Luft zu holen und zu entspannen. Je mehr Ruhe in die Handlung kommt, desto ruhiger wird auch der Filmrhythmus, und der Humor des großen Finales kommt zur Geltung.

"Silver Linings" wurde für acht Oscars nominiert, unter anderem als bester Film. Auch die vier Hauptdarsteller wurden für den Preis vorgeschlagen, wobei vor allem Jennifer Lawrence überzeugen kann. Ihr gelingt es mühelos, die Katniss Everdeen aus den "Tributen von Panem" vergessen zu machen und zu einem komplett anderen Typ Frau zu werden. Sehr faszinierend. Außerordentlich gefreut hat es mich, dass sich Robert de Niro nach all den Flops und bestenfalls mittelmäßigen Filmen der letzten Jahre noch einmal aufgerafft hat und hier eine überzeugende, differenziert gezeichnete Vaterfigur anbietet. Seine Oscar-Nominierung ist seine erste seit "Kap der Angst" aus dem Jahr 1991.

"Silver Linings" ist sicher kein außergewöhnliches Meisterwerk, bringt aber bei der Machart und den Figuren einiges an Originalität mit. Es ist kein Film der Monster-Gags, trieft andererseits aber auch nicht vor Sentimentalität. Das Ende ist vorhersehbar und auch einigermaßen kitschig, was aber bei einem Film dieses Typs einfach dazugehört.

"Silver Linings" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 17:20

Filmkritik: "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger"

Geschrieben am Montag 31 Dezember 2012 um 17:51 von Roland Freist

Schwimmbecken mit Tiger

Hier kommt einer der poetischsten Filme des Jahres, ein Märchen, das sich anfühlt, als sei es der reichen Mythologie Indiens entnommen. Ein Junge treibt zusammen mit einem Tiger monatelang orientierungslos auf dem Meer, sie bilden eine Notgemeinschaft, hungern gemeinsam, haben Angst, Durst, und finden doch immer wieder Wege, um zu überleben. Doch zum Schluss stellt sich heraus, dass --- Stopp! Keine Spoiler an dieser Stelle.

Also noch einmal von Anfang an: Die Hauptperson, Pi (Suray Sharma), heißt eigentlich Piscine, wie das französische Wort für Swimming Pool. Da seine Klassenkameraden diesen Namen jedoch voller Wonne wie "Pisser" aussprechen, verkürzt er ihn schon bald zu Pi. Wohl um seinen Spitznamen vollends vergessen zu machen, eignet er sich in der Folge ein umfassendes Wissen über die Zahl Pi an und lernt unter anderem Dutzende ihrer Nachkommastellen auswendig.

Pis Vater (Adil Hussain) besitzt einen Privatzoo in Indien. Hier lebt auch ein Tiger, der infolge eines bürokratischen Irrtums den Namen Richard Parker trägt. Pi ist fasziniert von dem Tier, doch sein Vater zeigt ihm in einer eindringlichen Demonstration, dass es sich um ein gefährliches Raubtier handelt, und lässt den Tiger vor den Augen des Jungen eine Ziege töten und fressen.

Pi entwickelt sich zum Vegetarier. Der lange erste Teil des Films zeigt ihn bei seiner Suche nach Spiritualität, nacheinander probiert er es mit dem Christentum, dem Islam und dem Hinduismus. Zum Glück behält der Film immer seinen leichten Ton bei – Pis Familie begleitet seine religiösen Experimente mit der Bemerkung, dass sein Jahr, wenn er so weitermache, bald nur noch aus religiösen Feiertagen bestehe.

Wenn Sie sich beim Lesen des Artikels langsam fragen, wann denn endlich der Teil mit dem Schiffbruch und dem Tiger auf hoher See kommt – das Gleiche habe ich mich im Kino auch gefragt.

Da sich der Zoo finanziell nicht mehr rechnet, entschließt sich die Familie, nach Kanada auszuwandern. Die Tiere nehmen sie mit, da sie sie in der neuen Heimat teurer verkaufen können. Doch eines Nachts während eines Unwetters kentert das Schiff, und lediglich Pi, der Tiger Richard Parker, ein Gorilla, ein Zebra und eine Hyäne können sich mit einem Rettungsboot in Sicherheit bringen.

Es beginnt eine 227 Tage lange Odyssee. Schon bald sind nur noch Pi und der Tiger am Leben. Zu essen gibt es zumindest für den Jungen genug: Das Rettungsboot ist für 30 Personen ausgelegt und enthält daher ausreichend Schiffszwieback und Frischwasser, um ihn längere Zeit am Leben zu erhalten. Der Film erzählt in der Folge, wie Pi und der Tiger lernen, miteinander umzugehen, wie er Methoden entwickelt, Regenwasser aufzufangen und Fische aus dem Meer zu ziehen. Die Fahrt des Jungen und seines tierischen Begleiters in einer unbekannten Umgebung erinnert nun teilweise an ein Fantasy-Abenteuer. Regisseur Ang Lee ("Tiger and Dragon", "Brokeback Mountain") verstärkt diesen Eindruck noch durch die warmen Farben, in denen er die windstillen Tage auf dem spiegelglatten Meer dreht, sowie durch Lichteffekte wie das geheimnisvolle Fluoreszieren von Fischen und Quallen bei Nacht.

"Life of Pi" nutzt die Möglichkeiten der digitalen Tricktechnik voll aus, setzt die Effekte jedoch überlegt und sinnvoll ein, ohne damit zu protzen. So ist beispielsweise der Tiger in nahezu allen Aufnahmen erst nach den Dreharbeiten am Computer entstanden, wirkt jedoch in keinem einzigen Moment wie ein künstliches Wesen. Zudem hat Ang Lee den Film in 3D gedreht. Und auch diese Technik verwendet er nur für solche Szenen, bei denen sie eine echte Verbesserung bringt. Auf diese Weise sind einige atemberaubende Aufnahmen entstanden, in denen etwa die Kamera unter der Wasseroberfläche nach oben zielt und das Boot in der Luft zu schweben scheint. Neben Camerons "Avatar" und Scorseses "Hugo Cabret" ist dies der dritte Film, bei dem sich die Investition in eine 3D-Aufführung lohnt. Es braucht offensichtlich einen wirklich guten Regisseur, um diese Technik sinnvoll zu nutzen.

Der Film passt sich in seinem Rhythmus der gemächlichen Dünung des Ozeans an. Die Geschichte wird als Rückblende gezeigt, der ältere, erwachsene Pi erzählt sie einem jungen kanadischen Schriftsteller, der vermutlich für Yann Martel stehen soll, den Autor der Romanvorlage. Der Zuschauer weiß also von vornherein, dass Pi überleben wird, und kann sich auf das Geschehen im und rund um das Rettungsboot konzentrieren. Der Film trägt, wie anfangs bereits gesagt, märchenhafte Züge, und ist andererseits vom Aufbau her ein klassischer Abenteuerstreifen, mit Schiffbruch, Robinsonade und Rettung.

Doch das Ende wirft alles um. Pi erzählt dort eine alternative Version der Geschichte, und man erkennt, dass man sich von den meisterhaft komponierten Bildern hat täuschen lassen. Dabei gibt der Regisseur, sieht man genau hin, durchaus versteckte Hinweise, die man jedoch als Zuschauer nicht richtig interpretiert. Durch die Enthüllungen am Schluss gewinnt der Film eine Tiefe, die ihn endgültig abrundet und sein wahres Thema enthüllt. Ohne den Schluss hätte ich "Life of Pi" vermutlich drei oder dreieinhalb Sterne gegeben, für einen ruhig erzählten, etwas zu langen Abenteuerfilm mit einer Handlung ohne große Überraschungen, tollen Bildern und einigen schönen Details. Doch seine volle Wirkung entfaltet er erst nach Ablauf der ganzen 127 Minuten Laufzeit, und man erkennt in der Rückschau, dass es hier um wesentlich mehr ging als um die Irrfahrt eines Jungen auf dem Ozean. Denn mal ehrlich: Hat wirklich irgendjemand geglaubt, dass ein hungriger Tiger ein leckeres menschliches Horsd'œuvre auslassen würde, bloß weil es Freundschaft mir ihm schließen will?

"Life of Pi" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Donnerstag 14 Februar 2013 10:44

Filmkritik: "Beasts of the Southern Wild"

Geschrieben am Freitag 21 Dezember 2012 um 16:53 von Roland Freist

Der Film zum Weltuntergang

Die sechsjährige Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) und ihr Vater Wink (Dwight Henry) leben in einer Gegend namens The Bathtub, einem weitgehend überfluteten Sumpfgebiet im Süden der USA, das durch einen Damm von der Außenwelt getrennt ist. Genau wie die anderen Familien, die hier ihre Hütten aus Müll, Brettern und Wellblech errichtet haben, sind auch sie bettelarm. Wink fischt Shrimps und Krebse, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und schlachtet ab und zu ein Huhn. Hushpuppys Mutter ist kurz nach ihrer Geburt verschwunden oder vielleicht auch gestorben – Wink erklärt seiner Tochter, sie sei davongeschwommen. Die allgemeine Armut in der Gegend hat aber auch ihre Vorteile. Jeder kennt jeden, eine staatliche Aufsicht existiert nicht, auch der Schulunterricht für die Kinder wird intern organisiert. Nur für die ärztliche Versorgung müssen die Menschen aufs Festland fahren. Eines Tages ist Wink plötzlich verschwunden. Als er wieder auftaucht, trägt er ein Armband, wie es im Krankenhaus den Patienten gegeben wird, und er benimmt sich seiner Tochter gegenüber unfreundlich und abweisend.

"Beasts of the Southern Wild" wird aus der Sicht von Hushpuppy erzählt, immer wieder wird ihr innerer Monolog eingeblendet. Sie vermisst ihre Mutter, ruft oft nach ihr, und versteht ihren Vater nicht, der zum einen versucht, sie loszuwerden, und gleichzeitig Angst um sie zu haben scheint. Er bringt ihr Tricks und Kniffe bei, mit denen sie ohne seine Hilfe in der Wildnis überleben kann. Sie sieht, dass er viel trinkt, und sie sieht auch, dass er schwer krank ist.

In der Natur gehen zwischenzeitlich Veränderungen vor. Durch die Klimaerwärmung schmilzt das Eis in der Arktis, und Auerochsen, mystische, urtümliche Wesen, die hier aussehen wie überdimensionale Wildschweine mit Hörnern auf der Stirn, erwachen zum Leben und marschieren südwärts. Über der Bathtub geht ein gewaltiges Gewitter nieder, zerstört etliche Hütten und lässt den Wasserspiegel ansteigen. Nur noch eine Handvoll Bewohner bleibt zurück, ist nun aber größtenteils auf schwimmende Behausungen angewiesen. Als Wink und ein paar andere eines Tages eine Lücke in den Damm sprengen, fließt das Wasser zwar ab, doch ihre alte Heimat ist weitgehend zerstört. Die verbliebenen Bewohner werden zwangsweise evakuiert und aufs Festland gebracht. Wink wird operiert, und die Auerochsen kommen immer näher.

Man kann die Ereignisse im Film deuten als das Spiegelbild dessen, was in Hushpuppy vorgeht. Ihre Welt und darin vor allem ihr Vater werden durch dunkle Kräfte von außen bedroht, Kräfte, die sie nicht versteht, und wegen denen sie in ständiger Angst lebt. Oder man stellt sich die gesamte Erde vor wie The Bathtub, mit Menschen, die durch den steigenden Wasserspiegel ihre Heimat verlieren. Und vielleicht ist sogar beides richtig. Seine Wirkung bezieht der Film aber dennoch in erster Linie aus der Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen Vater unheilbar krank ist, und der sie deshalb, auch wenn es ihn unendlich schmerzt, so von sich selbst abnabeln will, dass sie gezwungen ist, auf eigenen Füßen zu stehen.

Benh Zeitlin hat mit "Beasts of the Southern Wild" seinen ersten Spielfilm gedreht, praktisch keiner der Schauspieler hatte zuvor schon einmal vor einer Kamera gestanden. Das gilt auch für den Darsteller von Wink, der in diesen Film kam, weil er im realen Leben die Bäckerei gegenüber dem Produktionsstudio führte. Quvenzhané Wallis ist sogar so gut in ihrer Rolle, dass Zeitlin den Film nachträglich ganz auf sie zuschnitt. Von ihrer Darstellung der Hushpuppy sowie der Musik, einem ständig wiederholten, eindringlichen Motiv, bezieht "Beasts of the Southern Wild" seine hypnotische Kraft.

"Beasts of the Southern Wild" hat beim Sundance Festival, dem wichtigsten Treffen der Independent-Filmer, den großen Preis der Jury gewonnen, in Cannes gab’s für Benh Zeitlin die Goldene Kamera. Und das zu recht, denn dies ist einer der besten Filme der Saison.

"Beasts of the Southern Wild" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 14 Januar 2013 17:29

Filmkritik: "Der Hobbit – Eine unerwartete Reise"

Geschrieben am Donnerstag 20 Dezember 2012 um 17:33 von Roland Freist

Mittelerde reloaded

"Jede gute Geschichte ist es wert, ausgeschmückt zu werden." So sagt es Gandalf (Ian McKellen) an einer Stelle in diesem überlangen Film. Und es scheint so, als habe sich Regisseur Peter Jackson diesen Satz während der Arbeit an "Der Hobbit – Eine unerwartete Reise" übers Bett gehängt. Denn der Film besteht zu einem großen Teil aus Nebenhandlungen und Erzählungen der Vorgeschichte, die im Buch entweder nur kurz angerissen werden oder auch überhaupt nicht vorkommen. Das geht natürlich in Ordnung: Wenn die Drehbuchautoren gute Geschichten zu erzählen haben, ist mir die Werktreue weitgehend egal. Puristen werden natürlich die Nase rümpfen. Auf der anderen Seite besteht allerdings die Gefahr, dass sich der Film aufgrund der ständigen Abschweifungen bei seiner Erzählung verzettelt und die Handlung aus dem Rhythmus gerät. Und genau das ist eines der Mankos dieses ersten Teils der Hobbit-Saga.

Doch zunächst zu den positiven Aspekten: "Der Hobbit" ist ein gut gemachtes, großes Epos, das nach einer langen Anlaufphase Spannung und Dynamik entwickelt und, abgesehen von einigen etwas langatmigen Dialogphasen, nie den Wunsch entstehen lässt, es möge hier doch bitteschön mal etwas vorangehen. Der Film erzählt die Geschichte einer Gruppe von zwölf Zwergen, die sich mit ihrem Anführer Thorin Eichenschild (Richard Armitage) aufgemacht haben, ihr verloren gegangenes Reich im Inneren eines Berges zurückzuerobern. Das wurde bereits vor längerer Zeit von einem Drachen erobert, der es sich mittlerweile inmitten des riesigen Goldschatzes der Zwerge gemütlich gemacht hat. Der Zauberer Gandalf vermittelt dem kleinen Zwergentrupp zudem den Hobbit Bilbo Beutlin (Martin Freeman, der Dr. Watson aus der TV-Serie "Sherlock") als Gefährten, den er als einen "Meisterdieb" anpreist. Warum, kann er selber nicht genau sagen. Auf dem Weg Richtung Drachenberg müssen sie mit Trollen und Orcs fertig werden, und Bilbo übernimmt von Gollum (Andy Serkis) den Ring "sie zu knechten, sie alle zu finden …".

Die literarische Vorlage, "Der Hobbit" von J.R.R. Tolkien, hat in meiner Ausgabe einen Umfang von 383 Seiten, die drei Bände von "Der Herr der Ringe" kommen zusammen auf über 1000 Seiten. Wenn beide Werke als Vorlage für jeweils drei Filme dienen sollen, muss die Handlung des "Hobbit" also stark gestreckt werden. Vor allem während des ersten Akts, der sich bereits im Buch unverhältnismäßig lang hinzieht, wünscht man sich ein höheres Tempo. Bei den Dialogen hat man regelmäßig den Eindruck, dass die Figuren mit ein oder zwei Sätzen weniger auch ausgekommen wären. Später im Film gibt es Einsprengsel wie etwa das Treffen der alten Gang, bestehend aus Gandalf, Elrond (Hugo Weaving), Galadriel (Cate Blanchett) und Saruman (Christopher Lee), die man deutlich hätte kürzen oder sogar komplett weglassen können, da sie für die Handlung kaum eine Bedeutung haben. Insgesamt muss man jedoch sagen, dass der Film weniger auf Zeit spielt, als es zu befürchten war. Zum Schluss findet er sogar zu einem Laufrhythmus, den man als schnelleres Joggen beschreiben könnte.

Die Faszination von "Der Herr der Ringe" will sich trotzdem nicht einstellen. Das liegt zum einen an den Bildern, an denen man sich in den vergangenen zehn Jahren im Kino, auf DVD und im Fernsehen einfach sattgesehen hat, diese Mischung aus dem grünen Irland-Kitsch des Auenlands, neuseeländischen Gebirgslandschaften und den orange-grauen Farbpaletten der Szenen untertage. Mittelerde hat schlichtweg den Reiz des Neuen verloren.

Zum anderen spielt auch das große Thema des Films eine Rolle. In "Der Herr der Ringe" ging es um den Kampf Gut gegen Böse und letztlich um nichts Geringeres als um die Rettung der Welt. "Der Hobbit" dagegen handelt von Zwergen, die ihr Gold zurückhaben wollen. Nun ja. Zwar erklärt ihnen Bilbo in einer der letzten Szenen des Films, dass es ihnen in Wahrheit um die Rückeroberung ihrer verlorenen Heimat ginge. Bezeichnend jedoch ist, dass den Zwergen dieser Gedanke bis dahin offenbar nicht selbst gekommen war.

Technisch ist der Film auf höchstem Niveau. Peter Jackson reizt die aktuellen Möglichkeiten der digitalen Special Effects voll aus und setzt sie kunstvoller ein als noch in "Der Herr der Ringe". Die 3D-Aufnahmen hingegen sind, wie bei so vielen anderen Filmen auch, überflüssig. In den meisten Szenen sind sie kaum wahrnehmbar, und auf die paar Gesteinsbrocken, die vermeintlich in den Zuschauerraum fliegen, hätte man verzichten können. Jackson hat zudem mit 48 Bildern pro Sekunde gedreht. Die Kinos benötigen dafür einen speziellen Projektor, ansonsten bleibt es bei den 24 Bildern des Standardformats. Die 48er Version von "Der Hobbit" bringt vielleicht zehn Prozent mehr Detailreichtum und Bildschärfe auf die Leinwand, unbedingt notwendig ist sie nicht. Man kann sich diesen Film in 2D und mit 24 Bildern pro Sekunde ansehen, ohne etwas zu verpassen.

"Der Hobbit" ist großes, gut gemachtes Unterhaltungskino. Wer ihn sich anschaut, wird den Kauf der Kinokarte nicht bereuen. Aber wer stattdessen auf den Weihnachtsmarkt geht und für das gleiche Geld mit Freunden zwei Becher Glühwein trinkt, hat einen genauso schönen Abend.

"Der Hobbit – Eine unerwartete Reise" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Montag 14 Januar 2013 17:33

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