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Filmkritik: "Florence Foster Jenkins"

Florence singt

"People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing." Diese Worte, die auch auf ihrem Grabstein stehen, pflegte Florence Foster Jenkins denjenigen entgegenzuhalten, die ihren Gesang kritisierten oder sich über sie lustig machten. Sie zeugen von einem großen, offensiv vorgetragenen Selbstbewusstsein. Der Film von Stephen Frears ("The Queen", "Pilomena"), der jetzt in die Kinos gekommen ist, zeichnet ein etwas anderes, differenzierteres Bild von der amerikanischen Sängerin, die berühmt wurde, weil sie weder die richtigen Töne traf noch den Rhythmus halten konnte.

Der Film setzt ein, als Jenkins, brillant gespielt von Meryl Streep, einen neuen Pianisten sucht, der sie bei ihren Übungen und Auftritten begleitet. Es sind die frühen 40er Jahre in New York, die USA befinden sich im Krieg. Jenkins‘ Leben und damit auch die Auswahl des Pianisten wird gemanagt von ihrem zweiten Ehemann, einem Engländer mit dem schönen Namen St. Clair Bayfield (Hugh Grant), einem mittelmäßigen Schauspieler, der ausschließlich von ihrem Geld lebt. Die Wahl fällt auf einen jungen Mann namens Cosmé McMoon (Simon Helberg, "Big Bang Theory"), der von nun an zum Inner Circle rund um Jenkins gehört.

Die Geschichte wird von fort an aus der Sicht von McMoon erzählt, ein dramaturgischer Kniff von Frears, der ihm die Möglichkeit gibt, nach und nach die bizarre Welt der Florence Foster Jenkins aufzublättern. Genau wie der Pianospieler entdeckt der Zuschauer immer weitere Details aus ihrem Leben. Sie ist die Tochter eines Bankiers und hat von ihm ein beträchtliches Vermögen geerbt, das ihr Mann dazu einsetzt, eine Art Schutzmauer um sie herum zu errichten, bestehend aus Menschen, die ihr immer wieder erklären, wie wundervoll ihr Gesang sei. Auch ihr Gesangslehrer, der stellvertretende Direktor der Carnegie Hall, macht da keinen Unterschied.

Dabei erkennt selbst ein Laie, wie schauderhaft schlecht sie ist. Bei ihren Übungen und den Auftritten, die Bayfield vor handverlesenem Publikum daheim organisiert, schmettert sie die falschen Töne voller Imbrunst in den Raum, es ist die pure Comedy.

Doch Stephen Frears ist ein viel zu guter Regisseur, als dass er einfach nur eine schlechte Sängerin mit viel Selbstüberschätzung vorführen würde. Je länger der Film dauert, desto klarer wird, dass es ihm nicht nur um Jenkins selbst, sondern vor allem auch um ihre Beziehung zu St. Clair Bayfield geht. In erster Ehe hatte sie einen Arzt geheiratet, der sie in der Folge regelmäßig betrog und ihr die Syphilis anhängte. Die Krankheit, oder vielleicht auch die Behandlung mit Arsen und Quecksilber, führten zu einem Nervenleiden, das ihren Traum von einer Karriere als Konzertpianistin zunichte machte. Bayfield erklärt ihrem Arzt, dass die Krankheit auch der Grund sei, warum sie keinen Sex haben, seine Frau wolle ihn nicht anstecken. Er wohnt nicht einmal bei Jenkins, sondern hat ein eigenes kleines Apartment, in das er sich abends zurückzieht, wo er seine Freundin trifft und mit seinen Schauspieler-Kollegen wilde Parties feiert.

Vermutlich ahnt Jenkins, was sich dort abspielt, doch sie toleriert es. Denn im Gegenzug kümmert sich Bayfield aufopferungsvoll um sie, hält jede negative Kritik an ihren Sangeskünsten von ihr fern, sorgt dafür, dass sie glücklich ist. Vielleicht hat er sie einst tatsächlich vor allem wegen ihres Gelds geheiratet. Doch mittlerweile liebt er sie wirklich, und sie spürt das. "Ich habe nie über dich gelacht", sagt er ihr zum Schluss, als sie erkennt, wie die Leute tatsächlich über sie denken. Und das genügt ihr.

Der Film lebt sehr stark von seiner großartigen Hauptdarstellerin. Meryl Streep geling das Kunststück, die ganze Komik ihrer Figur herauszuarbeiten, ohne sie dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Florence Foster Jenkins ist ein zutiefst guter und gleichzeitig sehr verletzlicher Mensch, der nichts Böses an sich heranlässt und ihre Umgebung mühelos mit ihrem Charme für sich einnimmt. Hugh Grant unterstützt sie dabei nach Kräften, gibt seine Paraderolle als englischer Gentleman mit leichtem Hand zur Ironie. Simon Helberg macht seine Sache gut, besser als man es ihm nach seinen Auftritten bei "Big Bang" zutrauen würde, doch gegen Streep und Grant fällt er natürlich ab.

"Florence Foster Jenkins" hat nicht viel Handlung. Er zoomt in das Leben seiner Hauptfigur hinein und begleitet sie bis zu dem legendären Auftritt in den New Yorker Carnegie Hall. Es ist großes Gefühlskino, das Frears hier zelebriert, und man wünscht sich zum Schluss, man selbst wäre dieser Klavierspieler gewesen, der das alles sehen und erleben durfte.

"Florence Foster Jenkins" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Mittwoch 30 November 2016 um 21:05 von Roland Freist

Bearbeitet: Mittwoch 30 November 2016 21:10

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