« Filmreferenzen bei den "Simpsons" | Zurück zur Startseite dieses Blogs | Was verdienen die Beteiligten an einem 200-Millionen-Dollar-Film? »

Filmkritik: "The Assassin"

Arts ja, martial nein

Von einem Martial-Arts-Film, und vor allem von einem asiatischen, erwartet man in aller Regel atemberaubende Kampfszenen, unmöglich erscheinende Stunts, blitzschnelle, oft per Zeitlupe verlangsamte Bewegungen und natürlich Mönche oder andere weise Lehrer, die exotische Kampfstile beherrschen und an den Protagonisten weitergeben. Dazu noch eine schöne Rachegeschichte, und der Film ist perfekt.

"The Assassin" ist anders. Es ist einer der ungewöhnlichsten Martial-Arts-Filme, die je gedreht wurden, und zudem wohl der poetischste. Für den taiwanischen Regisseur Hsiao-Hsien Hou (dessen frühere Filme ich nicht kenne) ist es der Einstieg in das Genre, und er hat etwas ganz Eigenes daraus gemacht.

Die zugrundeliegende Geschichte orientiert sich allerdings an den üblichen Mustern: Im China des 9. Jahrhunderts versuchen einige Provinzgouverneure sich von der Zentralmacht in der Hauptstadt und dem Kaiser abzusetzen und ihre eigene Macht auszubauen. So auch in Weibo nahe der koreanischen Grenze, wo die zehnjährige Nie Yinniang (Qi Shu, "The Transporter") in die Obhut einer Nonne gegeben wird, damit ihr Cousin Tian Ji’an (Chen Chang, "Red Cliff") ungefährdet durch Konkurrenz Anspruch auf den Posten des Gouverneurs erheben kann. Die Nonne bildet Nie Yinniang zur Attentäterin aus und erteilt ihr Aufträge, gleich zu Anfang des Films ermordet ihre Schülerin einen verbrecherischen Politiker. Damit ist die Ausbildung von Nie Yinniang abgeschlossen, und 13 Jahre nach ihrem Abschied kehrt sie an den Hof ihrer Heimatprovinz zurück. Allerdings hat sie auch noch einen Auftrag im Gepäck. Sie soll ihren Cousin, der es wie geplant zum Gouverneur gebracht hat, möglichst bald nach ihrer Ankunft töten. Doch das ist nicht so einfach, denn Nie Yinniang hatte sich als Kind in Tian Ji’an verliebt und sollte ihn mit Erreichen der Volljährigkeit sogar heiraten. Doch die Machtkämpfe am Hof haben das verhindert.

Diese Grundkonstellation mit dem Widerstreit zwischen Gefühlen und Pflichterfüllung wird erweitert durch ein nahezu undurchschaubares Geflecht aus Intrigen, Familienbanden, Eifersucht und der Gier nach Macht. Als Zuschauer hat man Schwierigkeiten, das alles zu durchschauen, doch das ist auch nicht unbedingt nötig. Wichtiger als das Verständnis der Details ist das Bild einer äußerlich sehr starren und auf Konventionen basierenden Gesellschaft, die sich in ihrem Inneren jedoch absolut chaotisch präsentiert.

Regisseur Hsiao-Hsien Hou erzählt die Story der Attentäterin in beinahe schon aufreizender Langsamkeit. Kameraschwenks, die wie in Zeitlupe gedreht erscheinen, bestimmen das Tempo. Menschen stehen teilweise mehrere Sekunden regungslos voreinander, ohne sich zu bewegen oder ein Wort zu sagen. Und wenn sie sprechen, ist es immer nur das Notwendigste, ein oder zwei Sätze müssen genügen. Der Film blendet Untertitel ein, um die wechselnden Schauplätze und die Figuren vorzustellen. Zwischendurch gönnt er sich immer mal wieder eine Pause, in der er einfach nur Baumwipfel zeigt, die sich im Wind wiegen, oder die Bildung von Nebelschwaden verfolgt, nicht unähnlich den Naturmeditationen von Terrence Malick.

Aber es gibt auch wirklich viel zu sehen. Betörend schöne Landschaftsaufnahmen hat Kameramann Ping Bin Lee ("In the Mood for Love") eingefangen, Bilder, in die man regelrecht eintauchen möchte, perfekt in ihrer Farbzusammenstellung und Schärfe und Komposition. Als Standbilder hätten sie vermutlich gute Chancen auf einen Preis bei einem Fotowettbewerb.

Doch Vorsicht: Wer nicht die erforderliche Ruhe mitbringt, um sich auf solche Bilder und das niedrige Erzähltempo einzulassen, wird sich in "The Assassin" vermutlich langweilen. Denn, und auch das muss gesagt werden, eigentlich handelt es sich hier nicht um einen Martial-Arts-Film. Es gibt einige wenige Kampfszenen, doch sie sind schnell wieder vorbei, und der Regisseur schenkt ihnen keine besondere Aufmerksamkeit. Vor allem gibt er dem Zuschauer keine Gelegenheit, die Bewegungen der Kämpfer zu studieren. Vieles geschieht abseits der Kamera oder von einem der Körper verdeckt. Teilweise gehen die Beteiligten auch nach wenigen Sekunden bereits wieder auseinander, wortlos, ohne erkennbare Verletzungen. "The Assassin" ist ein sehr schöner Film, die Beschreiung einer fremden, teilweise märchenhaften Welt. Doch für Kampfkunst-Freunde ist er eher wenig geeignet.

"The Assassin" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Sonntag 03 Juli 2016 um 23:38 von Roland Freist

blog comments powered by Disqus

« Filmreferenzen bei den "Simpsons" | Zurück nach oben | Was verdienen die Beteiligten an einem 200-Millionen-Dollar-Film? »

Impressum/Kontakt