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Filmkritik: "The Big Short"

Eine Wette gegen die Wirtschaft der Vereinigten Staaten

Als am 15. September 2008 die amerikanische Bank Lehman Brothers zusammenbrach und von einem auf den anderen Tag den Geschäftsbetrieb einstellte, löste das ein weltweites Beben aus. In nahezu allen westlichen Industriestaaten wurden Aufträge storniert, Mitarbeiter entlassen, Banken, aber auch Versicherungen, mussten teilweise mit dreistelligen Milliardensummen gestützt werden. Dennoch mussten viele Finanzinstitute Konkurs anmelden, es folgte eine jahrelange Wirtschaftskrise.

Erst nach einiger Zeit erkannte man die Ursache des Crashs: Es war die in den USA sehr beliebte Hypotheken-Finanzierung von Eigenheimen. Jahrelang hatten die Banken nahezu unkontrolliert Darlehen an Personen vergeben, die sich ein eigenes Haus eigentlich gar nicht leisten konnten. Bei diesen Hypotheken bestand daher ein hohes Risiko, dass die Schuldner das Geld nicht würden zurückzahlen können. Im Bankenjargon nannte man sie daher euphemistisch Subprime-Kredite. Aufgrund der mangelnden Aufsicht der Finanzinstitutionen wurden sie jedoch be- und gehandelt, als wären es Kredite der obersten Kategorie mit der Bewertung AAA, bei denen so gut wie kein Ausfallrisiko besteht.

Was ein Subprime-Kredit ist, erklärt in "The Big Short" die australische Schauspielerin Margot Robbie, die in "The Wolf of Wall Street" einen aufsehenerregenden Auftritt hatte. Dieses Mal liegt sie in einem Schaumbad, sieht dem Zuschauer direkt in die Augen, erklärt ihm, dass Subprime "scheiße" sei, und sagt dann auch, warum. Es gibt mehrerer solcher Szenen: In einer erklärt der amerikanische Fernsehkoch Anthony Bourdain ("Anthony Bourdain – eine Frage des Geschmacks", bei uns auf DMAX) anhand eines Fischeintopfs, wie aus man faulen Kredite gut bewertete Anleihen macht. Und in einer anderen zeigt Selena Gomez beim Black Jack in Las Vegas, wie die Wetten auf solche Anleihen funktionieren.

Die Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 ist für Menschen außerhalb des Bankensektors schwer zu verstehen, was unter anderem an dem Kauderwelsch liegt, dessen sich die Insider bedienen – wie der Film erklärt, hat das in erster Linie den Zweck, dass niemand den Bankern reinredet und sie machen können, was sie wollen. Um den Stoff für ein Massenpublikum so aufzubereiten, dass es die Hintergründe nicht nur versteht, sondern auch Interesse dafür entwickelt, setzt Regisseur Adam McKay virtuos das gesamte Spektrum der filmischen Möglichkeiten ein. Neben der bereits erwähnten, direkten Ansprache durch Schauspieler, denen man bislang keinen tiefgreifenden Kenntnisse der Finanzbranche nachgesagt hatte, lässt er die Protagonisten ihre Geschäfte anhand von einfachen Beispielen erklären, er arbeitet mit Rückblenden, verwendet eine Handkamera und unterscheidet die handelnden Personen in Gut und Böse.

Und, ganz wichtig: McKay hat die wohl hochkarätigste Besetzung zusammengetrommelt, die ein Film in dieser Saison aufweisen kann. Da ist zum einen Christian Bale, der Dr. Michael Burry spielt, einen Analysten mit leichtem Asperger-Touch, der seine an einen Hurrikan erinnernde Frisur einem Billigfriseur verdankt, im Büro grundsätzlich barfuß läuft und zur Entspannung Metallica auf voller Lautstärke hört. Er erkennt bereits 2005, welches Risiko in den Immobilien-Krediten liegt, und beginnt, auf stark fallende Preise für die Anleihen zu wetten. Bale gelingt es, diese Rolle vollkommen glaubhaft zu spielen, ohne dass man genau sagen könnte, wie er das macht. Der beste Schauspieler des Films.

Weiter geht’s mit Steve Carell ("Foxcatcher"), der den verhaltensauffälligen, unabhängigen Broker Mark Baum spielt. Er bekommt Wind von Burrys Geschäften und beginnt mit seinem Team eine Recherche, wie es um den Immobilienmarkt tatsächlich bestellt ist und wer die Personen sind, die die Hypotheken aufgenommen haben. Dabei stößt er unter anderem auf windige Makler und eine Stripperin, die mit den ihr zugesteckten Dollarnoten fünf Häuser und eine Eigentumswohnung finanziert. Danach beginnt Baum, ebenfalls gegen die Banken zu wetten. Ryan Gosling ("Drive") wiederum ist ein Händler der Deutschen Bank (die hier übrigens als eine der Hauptverantwortlichen für die Krise genannt wird). Gosling spielt mal wieder gegen sein Image des coolen Schweigers an und gibt, mit bizarrer Pudelfrisur, den zynischen, geldgeilen Wall-Street-Banker. Und schließlich sind da noch Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock), die einen kleinen Hedgefonds gegründet haben und sich den Ex-Broker Ben Ricker (Brad Pitt) holen, um ebenfalls gegen die Banken zu wetten. Der Film folgt diesen Figuren, während die Krise immer näher kommt. Er zeigt die Zweifel, die sie zwischendurch befallen, den Druck, dem sie von Seiten ihrer Chefs und anderer Banker ausgesetzt sind. Doch als sie zum Schluss gewonnen und recht behalten haben, ist es kein Triumpf, denn rings um sie herum liegt die ganze Weltwirtschaft in Trümmern. Einige der handelnden Personen verdienen noch nicht einmal Geld mit ihren Investments, da die Banken, gegen die sie gewettet haben, mittlerweile pleite sind.

Ich habe nicht alles verstanden, was "The Big Short" als Ursachen der Weltwirtschaftskrise anführt. Zu viele Fachbegriffe prasseln in Lauf der mehr als zwei Stunden auf die Zuschauer ein, und die Geschäfte mit den Subprime-Krediten sowie die Wetten gegen sie steigern sich im Laufe der Zeit zu absolut wahnsinnigen, von der Realität der Hauskäufer völlig losgelösten Fantasie-Gebilden. Doch das große Verdienst dieses Films ist, dass man das Kino verlässt und zumindest eine Ahnung davon hat, was damals geschehen ist. Und nicht zuletzt wurde man zugleich auch noch sehr gut unterhalten.

"The Big Short" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Geschrieben am Dienstag 19 Januar 2016 um 22:45 von Roland Freist

Bearbeitet: Dienstag 26 Januar 2016 10:16

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