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Archiv vom August 2017

Filmkritik: "Atomic Blonde"

Geschrieben am Sonntag 27 August 2017 um 17:33 von Roland Freist

John LeCarré trifft John Wick

Während des kalten Kriegs hatte Berlin eine der höchsten Dichten an Agenten pro Quadratkilometer der Welt. Insbesondere der Westen der Stadt war ein Tummelplatz für Spione vor allem der drei westlichen Alliierten, aber auch aus der DDR und der Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund entstanden zahlreiche Spionagekrimis und -filme, von John LeCarrés "Der Spion der aus der Kälte kam" über "Finale in Berlin" mit Michael Caine bis hin zu Spielbergs "Bridge of Spies". "Atomic Blonde" steht in der Tradition dieser Streifen, oder man könnte auch sagen, es kopiert viele der Klischees des klassischen Agentenkrimis.

Der Film spielt im Jahr 1989, kümmert sich allerdings nicht sonderlich um historische Genauigkeit. Zu Beginn meldet das Radio die Besetzung der Prager Botschaft, einige Tage später, zum Ende des Films, fällt die Mauer und es ist von Mauerspechten die Rede. Die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) erzählt übel zugerichtet im Londoner Hauptquartier des MI6 von den Geschehnissen in Berlin. In Rückblicken erfahren wir, dass man sie losgeschickt hatte, um eine Liste mit Agenten wiederzubeschaffen, die dem britischen Superagenten David Percival (James McAvoy) von einem Russen gestohlen worden war und die jetzt auf dem freien Markt angeboten wurde. Zudem sollte sie einen Doppelagenten identifizieren und ausschalten, der den MI6 bereits seit Jahren zum Narren gehalten hatte. Klassischer Krimistoff also. Allerdings stellt sich dieser Auftrag im weiteren Verlauf als recht kompliziert heraus, was dem Film insgesamt nicht guttut.

Doch nicht nur die Handlung lässt kaum eins der stilbildenden Elemente des Spionagethrillers aus. Auch bei der Gestaltung der Atmosphäre hat Regisseur David Leitch seine Vorbilder genau studiert. "Atomic Blonde" ist über weite Strecken ein Bilderbogen des alten Berlin der 80er Jahre, inklusive heruntergekommener, unsanierter Altbauten mit hohen Räumen, Graffitis an jeder Hauswand, der von oben bis unten besprühten Berliner Mauer und Punks mit Irokesenschnitt. Die Szenen in Ostberlin zeigen Trabis, Ladas und Wartburgs auf den Straßen. Es wird nicht wenige Menschen geben, bei denen Bilder diese Bilder nostalgische Gefühle auslösen, was durch den Soundtrack noch verstärkt wird: Er wird beherrscht vom europäischen Synthiepop der 80er Jahre, von Peter Schillings "Major Tom" bis zu "Blue Monday" von New Order. Die Atmosphäre des Films entspricht allerdings ziemlich genau der eines typischen Berliner Winters, es ist kalt, grau, ungemütlich. Kälter ist nur noch die wasserstoffblone Protagonistin des Films, die passend dazu am liebsten Wodka auf Eis trinkt.

Doch es gibt auch Unterschiede zu den Klassikern des Genres. Regisseur David Leitch hatte 2014 zusammen mit Chad Stahelski "John Wick" gedreht, den bislang besten Vertreter der neuen Garde des Actionfilms. Und während Stahelski "John Wick 2" machte, widmete sich Leitch "Atomic Blonde". Und so ist aus Lorraine Broughton nicht der übliche, leicht distanzierte und ironische James-Bond-Typ einer Agentin geworden, sondern eine wild um sich schlagende Kampfmaschine mit einer deutlich zur Schau getragenen Verachtung für Schusswaffen. Lorraine bevorzugt Martial Arts. Leitch hat lange Jahre als Stuntman gearbeitet, er weiß also, was bei Actionszenen möglich ist. Und dieses Wissen setzt er hier gekonnt ein. Seine Protagonistin schlägt, stößt, tritt ihre Gegner mit einer unglaublichen Fülle von Varianten. Sie springt, weicht aus, wirft sich auf den Boden und benutzt alles, was sie auf die Schnelle in die Hand bekommen kann, als Waffe, angefangen von einem Gartenschlauch über ihren Haustürschlüssel bis hin zu einem Korkenzieher. Charlize Theron hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass ihr Actionszenen liegen, am nachdrücklichsten zweifellos in "Mad Max: Fury Road". Hier ist sie sogar noch stärker gefordert, denn die Kampfszenen erfordern noch einmal mehr Kraft und Konzentration als das Endzeit-Spektakel von George Miller. Aber auch diese Herausforderung meistert sie mit Bravour.

Theron ist natürlich der Star des Films. Aber neben ihr tauchen noch eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter auf. Allen voran ist James McAvoy zu nennen, der einst mit "Der letzte König von Schottland" bekannt wurde und in den letzten Jahren in der Rolle des jungen Charles Xavier in den X-Men-Filmen in Erscheinung trat. Dazu kommen John Goodman als CIA-Mann Emmett Kurzfeld, der wunderbare britische Schauspieler Toby Jones als Vorgesetzter von Lorraine Broughton, Eddie Marsan ("Ray Donovan") als Überläufer, Sofia Boutella ("Die Mumie") als französische Agentin sowie nicht zu vergessen Til Schweiger als mysteriöser Uhrmacher mit Kontakten.

"Atomic Blonde" hat während in der ersten Hälfte einige Längen, die vor allem durch die unnötig komplizierte Handlung zustandekommen. Im letzten Drittel nimmt er jedoch noch einmal Fahrt auf und lässt die anfänglichen Durchhänger vergessen. Ein filmisches Meisterwerk darf man zwar nicht erwarten. Doch auf seine Weise ist er mit seiner Mischung aus Agenten- und Actionthriller durchaus originell. Die guten Schauspieler und die gekonnt in Szene gesetzten Kampfsequenzen und Verfolgungsjagden tun ein Übriges, dass man den Kauf des Kinotickets nicht bereut.

"Atomic Blonde" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Filmkritik: "Planet der Affen: Survival"

Geschrieben am Dienstag 08 August 2017 um 22:50 von Roland Freist

Es lebe der Affe

2017 scheint das Jahr der sterbenden Filmserien zu werden, nach der "Alien"-Serie kommt nun nach beinahe 50 Jahren offenbar auch das Ende für "Planet der Affen". Der neu angelaufene "Planet der Affen: Survival" (der im Englischen wesentlich passender "War for the Planet of the Apes" heißt) zeigt in seinen letzten Einstellungen exakt den Ort, an dem ein paar Jahre später Charlton Heston im ersten PdA-Film mit seinem Raumschiff stranden wird. Der Kreis hat sich also geschlossen. Und da es sich voraussichtlich um den letzten Teil der Sage handelt – obwohl: you never know – haben sich alle Beteiligten noch einmal Mühe gegeben und einen der besten Filme dieser Serie produziert.

Das gilt nicht nur für Story und Umsetzung, sondern auch und vor allem für die Technik. Selten zuvor ist einem so deutlich vor Augen geführt worden, wie rasant sich die Möglichkeiten beim computerbasierten Design von Gesichtern in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Noch nie zeigte der Schimpanse Caesar, der erneut als Anführer der Affen auftritt, eine so eindrucksvolle, individuelle Mimik. Nie zuvor konnte man in seinen Gesichtszügen so deutlich Andy Serkis entdecken, der die Figur auch dieses Mal wieder spielt. Gleichzeitig ist Caesar aber eindeutig ein fellbesetzter Hominide, der ohne Zweifel auch das Gesicht eines Affen besitzt. Der Effekt ist tatsächlich verblüffend und sogar leicht beunruhigend.

Die Story: Während die verbliebenen Menschen durch einen Virus einer nach dem anderen in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt und in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden, haben sich die Affen in den Wäldern der amerikanischen Westküste ein hölzernes Dschungelfort gebaut. Dort werden sie vom Colonel (Woody Harrelson) und seinen Leuten aufgespürt, die Caesars Frau und Sohn töten. Mit drei Getreuen bricht er auf, um Rache zu nehmen, und findet die Festung des Colonels, ein ehemaliges Munitionsdepot. Doch die Menschen waren schneller und haben während der Abwesenheit von Caesar die Dschungelstadt überfallen, alle Affen gefangen genommen und sie in eine Art Kriegsgefangenenlager eingesperrt, wo sie zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen werden. Doch der Colonel hat sich nicht nur die Affen zu Feinden gemacht, aufgrund seines brutalen Umgangs mit dem Gegner wird er auch von den gesamten verbliebenen Streitkräften der USA gejagt.

Colonel? Dschungelfestung? Das hat man schon einmal gesehen. Und es sind nicht die einzigen Hinweise auf "Apocalypse Now", die Regisseur Matt Reeves eingebaut hat. Das beginnt bei dem kahlgeschorenen Colonel (nebenbei: Woody Harrelson ist hier mal wieder ganz ausgezeichnet) und reicht bis hin zu der Reise durch den Dschungel und den teilweise absurden Begegnungen. Zudem nimmt "Planet der Affen: Survival" auch Anleihen bei anderen Klassikern des Kriegsfilms wie "Gesprengte Ketten" und "Die Brücke am Kwai". Ein solches Meisterwerk ist "Survival" natürlich nicht, doch er gehört auf jeden Fall zu den besseren, intelligenteren Sommer-Blockbustern.

Dazu trägt auch bei, dass es der erste der neuen Prequel-Filme ist, der seine Geschichte konsequent aus Sicht der Affen erzählt. Sie sind nicht nur die neuen Herren der Welt, sondern sie haben auch den Kampf um die Deutungshoheit gewonnen. Caesar ist der unbestrittene Held in diesem Krieg, die Menschen haben in die Rollen der Bösewichte gewechselt. Der Mensch ist tot, es lebe der Affe.

"Planet der Affen: Survival" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Mittwoch 09 August 2017 11:11

Filmkritik: "Dunkirk"

Geschrieben am Mittwoch 02 August 2017 um 10:54 von Roland Freist

Warten am Strand

Die Schlacht um die nordfranzösische Küstenstadt Dünkirchen im Mai und Juni 1940 war eine der größten Niederlagen der französischen und britischen Armee während des Zweiten Weltkriegs. Eingekesselt von deutschen Truppen, sammelten sich Hunderttausende Soldaten, darunter zahlreiche Angehörige des Britischen Expeditionskorps, am Strand, um per Schiff nach England evakuiert zu werden, während immer wieder neue deutsche Luftangriffe die wartenden Soldaten ins Visier nahmen.

Regisseur Christopher Nolan nimmt diese Ereignisse als Hintergrund für seinen neuen Film "Dunkirk". Allerdings versucht er nicht einmal, die Schlacht selbst darzustellen, das interessiert ihn offensichtlich nicht. Stattdessen konzentriert er sich auf drei Handlungsstränge mit einigen wenigen Personen, die er zum Schluss in gemeinsamen Szenen zusammenführt. Strang Nummer eins ist die Geschichte eines jungen Soldaten namens Tommy (Fionn Whitehead), der wohl nicht nur aufgrund seines Namens stellvertretend für die britischen Truppen steht. Der Film zeigt ihn, wie er versucht zu überleben und auf ein Schiff zu kommen, das ihn über den Kanal nach Hause bringt, während nahezu alle Personen um ihn herum nacheinander sterben. Der zweite Handlungsfaden verfolgt den britischen Spitfire-Piloten Farrier (Tom Hardy), der von England aus aufbricht, um die britischen Kriegsschiffe und die Truppen am Strand vor den Angriffen deutscher Bomber und Jagdflugzeuge zu schützen. Die dritte Story erzählt die Geschichte eines Fischers (Mark Rylance), der nach einem Aufruf der britischen Regierung mit seinem Boot nach Frankreich aufbricht, um bei der Evakuierung der Truppen zu helfen.

"Dunkirk" ist zwar ein Kriegsfilm, allerdings ein sehr ungewöhnlicher. Er spielt in einem Zeitrahmen von etwa einem halben Tag, als die Schlacht schon lange vorbei und verloren ist. Seine Dramatik gewinnt er allein durch die verzweifelte Lage der Soldaten am Strand, auf groß angelegte Gefechtsszenen verzichtet er. Mit Ausnahme einer wenige Sekunden dauernden Szene am Schluss sieht man während des gesamten Films keine deutschen Soldaten. Die Engländer nennen sie nur "die Krauts" oder "der Gegner", es bleiben anonyme Figuren. All das trägt zu dem Eindruck bei, dass die Geschichten, die der Film erzählt, in jedem beliebigen Krieg spielen könnten. Es geht um Soldaten, die nur noch nach Hause wollen, und um andere, die einfach das Richtige tun wollen. Ob das Szenario nun im besetzten Frankreich des Jahrs 1940, in Vietnam oder im Irak angesiedelt ist, wird zur Nebensache. Hier geht es um ganz normale Menschen in Kriegszeiten, was in ihnen vorgeht, wie sie handeln. Sehr wohltuend ist, dass Nolan auf patriotische Überhöhungen weitgehend verzichtet.

Leider gelingt es dem Regisseur aber auch dieses Mal nicht, seine Figuren zu echtem Leben zu erwecken. Seine Filme waren schon immer ein wenig zu kopflastig, zu konstruiert, nie hat man den Eindruck, dass er mit all seinem Herzblut hinter einem Projekt steht. Selbst bei einem so brillanten Streifen wie "Interstellar", der auf faszinierende Weise Astrophysik mit Reflexionen über die Liebe verknüpft und dessen Hauptfiguren von großartigen Schauspielern verkörpert werden, blieb zwischen den Charakteren und den Zuschauern immer eine gewisse Distanz bestehen.

"Dunkirk" ist aber vielleicht gerade deswegen ein sehr guter Film geworden. Natürlich sind auch die Bilder toll, die unübersehbaren Massen der Truppen am Strand, die in langen Schlangen auf Transportschiffe warten, die einfach nicht kommen wollen, die Luftkämpfe über dem Kanal zwischen den britischen Spitfires und den deutschen Messerschmidt-Jägern. Doch seine wahre Faszination entwickelt der Film, da er ein Massenereignis nimmt und es in drei einfachen Geschichten rund um ein halbes Dutzend Männer widerspiegelt.

"Dunkirk" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

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