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Archiv vom Januar 2012

Filmkritik: "The Artist"

Geschrieben am Sonntag 29 Januar 2012 um 22:48 von Roland Freist

Großes Kino in 4:3

Wenn ich an moderne Stummfilme denke, dann fällt mir an erster Stelle "Silent Movie" von und mit Mel Brooks ein. Gedreht 1976, war es ein Film über einen erfolglosen Regisseur, der in der heutigen Zeit einen Stummfilm drehen wollte und dafür ein Filmstudio suchte. Unvergessen die Szene, als Mel Brooks alias Mel Funn dem Produzenten mit großer Geste seine Pläne vorstellte: "It’s… A SILENT MOVIE!" Der Film war eine Verbeugung vor den rasanten Slapstick-Filmen der 10er und 20er Jahre, gedreht in Form eines Stummfilms, und hatte damit einiges gemein mit "The Artist", dem diesjährigen Oscar-Favoriten von dem französischen Regisseur Michel Hazanavicius.

Auch bei "The Artist" geht es um den Stummfilm, doch nicht in Form einer Komödie – obwohl vor allem der Hund Uggie, Gewinner der Palm Dog für den besten Hundedarsteller, für einige wirklich witzige Szenen sorgt – sondern als Melodram. Wie es sich für einen Stummfilm gehört, erscheinen die wichtigsten Dialoge auf eingeschobenen Texttafeln, zudem ist er stilecht in schwarzweiß und mit der für die Zeit typischen leichten Unschärfe gedreht. Und das Format ist natürlich 4:3.

Der Film ist eine Hommage an die große Stummfilmzeit, an die 20er Jahre. Und er ist ein Melodram, da in den fünf Jahren von 1927 bis 1932, die "The Artist" abdeckt, der Stummfilm einen schnellen, von niemandem bedauerten Tod starb, was auch das Ende für viele große Stars dieser Epoche bedeutete. Im Film ist George Valentin (Jean Dujardin) einer von ihnen. Zu Beginn ist er noch ein Superstar, von jedermann geliebt und bejubelt, nicht zuletzt von sich selbst. 1927 kreuzt sein Weg den einer jungen Tänzerin namens Peppy Miller (Bérénice Bejo), die nach kurzer Zeit in den Schauspielerberuf wechselt und dort reich und berühmt wird, während er, der den Tonfilm verachtet, zusammen mit ihm untergeht.

Jean Dujardin – er heißt wirklich so – ist großartig in dieser Rolle. Er hat ein Lächeln drauf, das mit "einnehmend" nur unzureichend beschrieben ist. Er besitzt eine wunderbare Geschmeidigkeit in den Bewegungen und mit seiner Gestik eine breite Skala an Ausdrucksmöglichkeiten. Dujardin ist die perfekte Besetzung für einen Film, in dem sich die Schauspieler nicht über Worte, sondern in erster Linie über ihr Gesicht mitteilen. Aber auch Bérénice Bejo in der weiblichen Hauptrolle ist ausgezeichnet. Wie sie sich verändert von der unsicheren, etwas kecken Tänzerin hin zu dem selbstsicheren, reichen Leinwandstar, den sie am Ende darstellt, das ist schon gut gemacht. Umrahmt sind die beiden von vorzugsweise amerikanischen Schauspielern, allesamt Leute, die man gerne sieht, darunter John Goodman als Studioboss, James Cromwell, Penelope Ann Miller und, in einem kleinen, feinen Cameo-Auftritt, Malcom McLaren.

"The Artist" ist großes, altmodisches Hollywood-Kino, gedreht mit den Mitteln einer Zeit, in der die Kinosäle noch riesig und die technischen Möglichkeiten bescheiden waren. Eins der Verdienste dieses Films ist, dass er eine Vorstellung davon vermittelt, wie aufwändig die Planung und das Schreiben eines Drehbuchs damals gewesen sein müssen: Wenn keine Dialoge und anderen Geräusche zu hören sind, muss man sich umso genauer überlegen, ob die Story für die Zuschauer noch verständlich ist, ob die Bilder die Geschichte noch tragen. "The Artist" erzählt damit auch von der Liebe zu einem Kino, bei dem die Beteiligten noch länger über die Handlung eines Films nachdachten als über seine Special Effects.

"The Artist" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Donnerstag 28 August 2014 23:04

Filmkritik: "The Descendants"

Geschrieben am Sonntag 29 Januar 2012 um 11:04 von Roland Freist

Trübes Wetter auf Hawaii

Selten zuvor ist Hawaii so nüchtern und realistisch gezeigt worden wie in "The Descendants". Die meiste Zeit ist es dunstig, oft ist der Himmel grau, und wie man an den massiven Schweißflecken auf George Clooneys T-Shirt erkennen kann, nachdem er in einer Szene ein paar Meter gerannt ist, liegt die Luftfeuchtigkeit oft unglaublich hoch. Das ist nicht das Hawaii aus "Magnum", mit dem stets blauen Himmel, dem allgegenwärtigen Grün der Bäume und Wiesen und den grellen Farben der Blüten. Dieser Film zeigt Hawaii so, wie es wohl auch seine Bewohner wahrnehmen: Eine Gruppe von Inseln mit einigen unglaublich schönen Ecken, wo es aber auch die gesichtslose Hochhaus-Architektur von Honolulu gibt und eben auch öfter mal einen trüben Tag.

In dieser Umgebung übt George Clooney alias Matt King seinen Beruf als Anwalt aus. Er arbeitet viel, vielleicht zu viel, und wohnt mit seiner Frau Elizabeth (Patricia Hastie) und der zehnjährigen Tochter Scottie (Amara Miller) in einem Obere-Mittelschicht-Haus. Doch gleich zu Beginn des Films geschieht ein Unglück, das das Leben der Familie zum einen aus der Bahn wirft, letztlich jedoch zu einem neuen, engeren Zusammenhalt führt. Elizabeth wird bei einer Bootstour am Kopf verletzt und fällt ins Koma. Schon bald darauf erklärt der behandelnde Arzt Matt, dass seine Frau nicht mehr aufwachen wird. Und da sie eine Patientenverfügung unterschrieben hat, ist es nur noch einige Tage hin, bis das Krankenhaus die Maschinen abschalten wird, die den Körper am Leben erhalten.

Parallel dazu steht eine weitere große Veränderung an. Matts Familie entstammt der Ehe zwischen einem weißen Siedler und einer Frau aus der hawaiianischen Königsfamilie (das englische Wort "descendants" bedeutet so viel wie "Nachkommen" oder "Nachfahren"). Matt und seine Cousins haben auf den Inseln große Flächen Land geerbt und die letzten 160 Jahre sehr gut davon gelebt. Jetzt soll die letzte noch verbliebene, bislang unberührte Bucht an Investoren verkauft werden, die das Land für den Tourismus erschließen wollen. Das wird der Familie noch einmal einige Hundert Millionen Dollar einbringen, worauf sich vor allem die Cousins freuen, die ihren Teil des Familienvermögens größtenteils verschleudert haben. Auch Matt will eigentlich verkaufen, aber nur eigentlich.

Doch die meiste Zeit geht es um Matts engere Familie, von der sich nach und nach zeigt, dass sie schon seit längerem nicht mehr funktioniert hatte. Die Ehepartner hatten sich entfremdet, Elizabeth hatte Alkoholprobleme. Scottie hat zunehmend Probleme in der Schule, zeigt sich widerborstig. Und dann gibt es da noch ihre ältere Schwester Alexandra (Shailene Woodley), die auf einer Nachbarinsel in ein teures Nobelinternat geht, aufsässig ist und Drogen nimmt. Von ihr erfährt Matt, dass seine Frau ein Verhältnis hatte und sich von ihm scheiden lassen wollte.

Auch wenn einige Ausschnitte des Trailers und der bescheuerte deutsche Verleihtitel "Familie und andere Angelegenheiten" es nahelegen, ist "The Descendants" keine Komödie. Der Film ist im Gegenteil tieftraurig, und zum Schluss öffnet Regisseur Alexander Payne dann auch alle Tränenschleusen. Bis dahin setzt er einen alten Trick ein: Wenn du eine sentimentale Geschichte zu erzählen hast, sorge zwischendrin für etwas Komik, sonst ist es nicht auszuhalten. Die bittere Pointe in der Story von "The Descendants" ist, dass die verbleibende Familie erst durch die Konfrontation mit dem Tod der Mutter wieder zusammenfindet. Wäre der Unfall nicht passiert, hätte sich die Gemeinschaft wohl endgültig aufgelöst. Matt ist nun in der Pflicht und beginnt, Verantwortung zu übernehmen, und das nicht nur für seine Nachkommen.

George Clooney zeigt in "The Descendants" eine der besten Performances seiner Karriere. Das ist nicht mehr der smarte, charmante Gentleman-Verbrecher Danny Ocean, sondern ein gealterter Mann, dem sein Schwiegervater (Robert Forster) zu Recht vorwirft, dass er im Unterschied zu seiner Frau noch nichts erlebt hat. Das Erstaunliche ist, dass er jetzt trotzdem in den entscheidenden Momenten alles richtig macht. Dabei wird er unterstützt von seiner älteren Tochter Alexandra, die wohl in der Vergangenheit von der gesamten Familie stark unterschätzt wurde – neben Clooney gelingt Shailene Woodley die beste darstellerische Leistung in diesem Film.

Sieben Jahre nach "Sideways" liefert Alexander Payne mit "The Descendants" wieder einen brillant inszenierten Film ab, der die beteiligten Schauspieler zu Höchstleistungen bringt. Doch es fehlt ihm etwas die Leichtigkeit und auch Albernheit, die "Sideways" und sogar den Vorgänger "About Schmidt" auszeichnete. Natürlich ist die Story nach dem Roman von Kaui Hart Hemmings noch einmal tiefschürfender und kunstvoller konstruiert. Trotzdem gefällt mir dieser Nachkomme nicht so gut wie seine Vorgänger.

"The Descendants" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:18

Filmkritik: "Drive"

Geschrieben am Freitag 27 Januar 2012 um 22:19 von Roland Freist

Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen

Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal einen Film sehen würde, in dem der Held auf einem Zahnstocher herumkaut. Normalerweise sieht das heute einfach nur noch gekünstelt, billig abgekupfert und einfach lächerlich aus. Aber nicht bei Ryan Gosling.

Er spielt einen Fahrer, seinen Namen erfahren wir nicht. Wir lernen ihn kennen über seine Jobs. Er schraubt in einer Werkstatt an Autos, arbeitet ab und zu als Stuntman beim Film, und manchmal macht er den Transporter für den Überfall auf ein Büro oder einen Laden. Nichts Großes. Er kann fahren, besser als jeder andere, und damit verdient er Geld. Und er ist cool, und auch darin ist er besser als jeder andere, so cool, dass Jason Statham und Vin Diesel neben ihm aussehen würden wie kleine Plaudertaschen. Er redet nicht viel, macht kurze Sätze. Er fährt lieber. Hier ist ein Mann, der in der gleichen Liga spielt wie Steve McQueen, Charles Bronson oder Clint Eastwood.

Und eines Tages macht er den genau gleichen Fehler wie diese supercoolen Typen früherer Jahrzehnte. Er verliebt sich in eine Frau, Irene (Carey Mulligan), die mit ihrem Sohn auf dem gleichen Stockwerk wohnt wie er. Der Vater des Kleinen, ein Mann mit dem seltsamen Namen Standard (Oscar Isaac), sitzt gerade im Knast. Doch früher als erwartet kommt er raus und bringt Schulden mit. Und weil der Kredithai, dem er das Geld schuldet, damit droht, sich an Irene und dem Jungen zu vergreifen, beschließt Gosling, Standard zu helfen, und fährt ihn und eine Komplizin (Christina Hendricks) zu einem Pfandleiher, den sie überfallen wollen. Doch statt der erwarteten 40000 finden sie dort eine Million Dollar. Und damit fangen die richtigen Schwierigkeiten an.

Gedreht wurde "Drive" von dem Dänen Nicolas Winding Refn, einem Mann, der offensichtlich sehr viele französische Krimis aus den 60er Jahren gesehen hat. Der Film hat Stil – die Fahrten durch das nächtliche LA, die Lichter der Großstadt, der heisere Sound der Motoren, die Großaufnahmen von Goslings Gesicht, seinen Augen, die archaischen Gewaltszenen mit den Unmengen an Blut. Alles passt.

"Drive" ist ein klasse Film, einer der besten der Saison. Nicht viel reden. Anschauen.

"Drive" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:18

Filmstars singen Lionel Richies "Hello"

Geschrieben am Dienstag 24 Januar 2012 um 15:17 von Roland Freist

Auch wenn's weh tut: Dieses Video sollten Sie sich anschauen. Ein neuer Supercut, in dem Schauspieler den Text von Lionel Richies Schmachtfetzen "Hello" vortragen. Autor ist Matthijs Vlot, seinen Vimeo-Kanal finden Sie hier. Viel Spaß!

Filmkritik: "J. Edgar"

Geschrieben am Freitag 20 Januar 2012 um 17:25 von Roland Freist

Der König der Cops

J. Edgar Hoover ist einer der berühmtesten Polizisten aller Zeiten. In den 48 Jahren seiner Amtszeit als Leiter des Bureau of Investigations (das "Federal" kam erst 1935 hinzu), von 1924 bis zu seinem Tod 1972, machte er aus einem unbedeutenden Anhängsel des Arbeitsministeriums eine schlagkräftige, hervorragend organisierte Ermittlungsbehörde, die bei der Jagd nach Verbrechern und Staatsfeinden modernste wissenschaftliche Methoden einsetzt. Der Aufstieg des FBI ist untrennbar mit seiner Person verbunden. Clint Eastwoods neuer Film erzählt daher nicht nur die Geschichte von Hoover, seine Entwicklung von einem kleinen, ehrgeizigen Beamten zu einem der mächtigsten Männer der USA, sondern man erfährt auch viel über die Geschichte des FBI.

Im Mittelpunkt steht jedoch Hoover (Leonardo DiCaprio), der im Film fast ausnahmslos von allen Personen "Edgar" genannt wird. Eastwood zeigt ihn als einen stark widersprüchlichen Charakter: Bis zu ihrem Tod lebt er bei seiner Mutter (Judi Dench), die er abgöttisch liebt, und die ihn mit wenigen Sätzen aufrichten, aber auch fertigmachen kann. Sie sagt ihm, was gut und was böse ist – von ihr lernt er, auf gepflegte Kleidung zu achten (weshalb Hoovers FBI-Agenten später auch immer Anzug tragen müssen), andererseits übernimmt er von ihr den Hass auf Gedanken und Verhalten, die nicht der moralischen Norm entsprechen. Das Problem ist nur, dass er selbst schwul ist. Eastwood zeigt uns in langen Szenen, wie sich eine Beziehung aufbaut zwischen Hoover und seinem Freund Clyde Tolson (Armie Hammer), den er später zu seinem Stellvertreter macht. Man sieht, wie die beiden ausgehen, im Restaurant nebeneinander sitzen, sogar Händchen halten, wie sie zusammen in Urlaub fahren und gemeinsam im Doppelzimmer wohnen. In der deutschen Synchronisation behalten sie jedoch stets das förmliche "Sie" als Anrede bei, was einige Szenen tuntiger wirken lässt als sie ursprünglich wohl geplant waren. Und ob die beiden auch miteinander ins Bett gingen, bleibt bis zum Schluss ungewiss.

Was die Verbrechensbekämpfung anbelangt, war Hoover ein Besessener. Er hatte für die Kongressbibliothek ein Karteikartensystem entworfen, mit dem sich zu jedem Thema in wenigen Sekunden die passende Literatur finden ließ. Etwas Vergleichbares führte er beim FBI ein, nämlich eine zentrale, landesweite Fingerabdruckkartei. So wie es der Film darstellt, gelang vor allem im Umfeld des aufsehenerregendsten Kriminalfalls der 30er Jahre, der Entführung des Babys von Charles Lindbergh, der entscheidende Schritt vorwärts. Erstmals wurden bei der Suche nach dem Täter moderne wissenschaftliche Methoden eingesetzt, die schließlich auch zum Erfolg führten. Da die lokale Polizei bei der Aufklärung des Falls weitgehend versagt hatte, bekam das FBI in der Folge die Kompetenz zugestanden, bundesweit ermitteln und Waffen tragen zu dürfen.

Nicht verschwiegen wird aber auch, dass Hoover ein harter Law & Order-Mann mit paranoiden Zügen war, der sich überall von Kommunisten, Anarchisten und anderen Staatsfeinden umgeben sah. Zudem hasste er Schwarze, sammelte belastendes Material gegen Martin Luther King, und fühlte sich in der Gegenwart von Frauen unwohl. Außer seiner Mutter duldete er lediglich seine Assistentin Helen Gandy (Naomi Watts) in seiner Umgebung. Seine FBI-Truppe bestand aus gutaussehenden Männern in schicken Anzügen und stets blank geputzten Schuhen, die kein Problem damit hatten, einen Verdächtigen auch mal vorsorglich zu erschießen, bevor der selbst zur Waffe greifen konnte.

Leonardo DiCaprio liefert mit seiner Verkörperung von J. Edgar Hoover eine der besten Leistungen seiner Karriere ab. Der junge, übereifrige Beamte ist genauso glaubwürdig wie der grimmige, alte Kommunistenfresser mit der permanenten Zornesfalte auf der Stirn. Aber auch das blanke Unverständnis, wenn ihm jemand seine Fehler und Widersprüche vorhält, ist in seinen Augen ablesbar. Oscarreif.

"J. Edgar" ist der beste Eastwood-Film seit "Million Dollar Baby". Er schrammt nur knapp an einem Meisterwerk vorbei, vielleicht, weil er letzten Endes dann doch zu viel auf einmal will. Er zeigt uns einen sehr komplizierten Charakter, erzählt von seinen Beziehungen, seinem Privatleben, und nebenbei werden auch noch im Schnelldurchlauf die wichtigsten Stationen in der Geschichte des FBI gestreift. So ist eine Mischung entstanden, halb Biographie und halb Cop-Movie à la "Die Unbestechlichen". Vermutlich konnte überhaupt nur jemand wie Clint Eastwood diese Bestandteile zu einem so ausgezeichneten Ergebnis miteinander verbinden.

"J. Edgar" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:19

Fünf Merkmale eines Spielberg-Films

Geschrieben am Dienstag 17 Januar 2012 um 18:50 von Roland Freist

Und noch einmal Spielberg: In den rund 40 Jahren seiner Karriere hat der Regisseur eine Reihe stilistischer und inhaltlicher Motive entwickelt, die in nahezu allen seinen Filmen immer wiederkehren. Gilbert Cruz vom Time Magazine hat fünf davon herausgepickt und stellt sie in einem Videoessay vor. Die Bilder sprechen für sich selbst, auf der Website findet man trotzdem noch einen erläuternden Text dazu, nämlich hier.

Bearbeitet: Sonntag 31 Mai 2015 18:52

Filmkritik: "Verblendung" (2011)

Geschrieben am Samstag 14 Januar 2012 um 18:33 von Roland Freist

Der Film mit dem Mädchen mit dem Drachentattoo

Die Millennium-Trilogie ist eines der größten Krimi-Phänomene der letzten Jahrzehnte. Ein linker Journalist, der im Hauptberuf eine kleine antifaschistische Zeitschrift herausgibt, schreibt aus dem Stand eine Krimireihe, die sich weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft. Bereits die schwedische Verfilmung der Bücher ist ein großer Erfolg. Dann nimmt sich der amerikanische Starregisseur David Fincher der Sache an, verfilmt den ersten Band erneut, und wieder wird es ein Welterfolg. Dabei hat der Roman etliche Schwächen, die in der Verfilmung überdeutlich werden. Doch reden wir zunächst über die Stärken.

Vergleicht man "Verblendung" mit dem schwedischen Vorgänger, fällt vor allem auf, dass die neue Version handwerklich erheblich besser gemacht ist. Guter Hollywood-Standard eben. Die Kamera liefert interessantere, spannendere Bilder, die Drehorte sind besser ausgesucht. Schweden sieht so aus, wie man sich Schweden eben vorstellt: kalt, verschneit, mit protestantisch-nüchternen Herrenhäusern auf dem Land und sauber renovierten Altbauten in Stockholm. In der schwedischen Version wirkte die Hauptstadt dagegen wie ein weniger attraktives Viertel von Rosenheim.

Weiterhin standen Fincher die besseren Schauspieler zur Verfügung. Daniel Craig gibt einen überzeugenden Mikael Blomkvist ab, obwohl man sich den Journalisten irgendwie schwabbeliger und nicht so muskulös und durchtrainiert vorgestellt hätte. Auch bei den anderen Darstellern wie Christopher Plummer (Henrik Vanger), Stellan Starsgård (Martin Vanger) oder Robin Wright (Erika Berger) spürt man das ganze Können und die Routine bereits seit Jahrzehnten erfolgreicher Filmschauspieler.

Gespannt war man aber vor allem auf die Darstellerin der eigentlichen Hauptperson, auf Rooney Mara, die Lisbeth Salander spielt. Die Schwedin Noomi Rapace war mit ihrer Interpretation des punkigen Hackers zum internationalen Star geworden, wurde daraufhin von Guy Ritchie für seinen letzten Sherlock-Holmes-Film gecastet und von Ridley Scott für den im Sommer startenden "Prometheus". Eine schwierige Aufgabe für die Nachfolgerin, einen eigenständigen Charakter zu entwickeln. Doch Rooney Mara schlägt sich nicht schlecht. Ihre Lisbeth Salander ist ein Freak, und zwar genau so, wie sich Hollywood einen Freak in einer positiv besetzten Rolle vorstellt: schräges Aussehen und ungehobeltes Benehmen, doch innerlich weich und verletzlich. Das ist zwar klischeehaft, aber es funktioniert. Noomi Rapace war kompromissloser, härter, stattete Lisbeth Salander sogar mit einem angedeuteten Asperger-Syndrom aus. Doch andererseits sah sie fast schon zu gut aus für diese Rolle.

David Fincher hält sich bei seiner Verfilmung eng an die Buchvorlage, er lässt nur wenige Details weg. So kommt es, dass der Film auch die Schwächen übernimmt. Vor allem zum Schluss hin wird deutlich, dass "Verblendung" eigentlich drei, wenn nicht sogar vier Geschichten parallel erzählt. Und es ist nicht die interessanteste darunter, die im Mittelpunkt steht. Der am längsten verfolgte Handlungsfaden ist der vermutete Mord an Harriet, der Großnichte von Henrik Vanger. Das stellt sich jedoch zum Schluss als eine Art Missverständnis heraus. Die zweite, mit der Harriet-Story eng verwobene Geschichte ist die eines Serienmörders, der auf junge Frauen steht und diesen Trieb, kaum glaubhaft, an seinen Sohn weitergegeben hat, der seit mehr als 40 Jahren fröhlich weitermordet, ohne dass das jemandem aufgefallen wäre. Die dritte Geschichte ist die von Mikael Blomkvist, der die illegalen Rüstungsgeschäfte eines schwedischen Industriellen recherchiert hat und dafür ins Gefängnis muss – eigentlich die spannendste Story in Film und Buch. Und wenn man so will, kommt noch die Geschichte von Lisbeth Salander hinzu, sie handelt unter anderem von den Vergewaltigungen durch ihren Betreuer und dem Attentat auf ihren Vater. Das wird immerhin im zweiten Teil der Trilogie ausführlich erzählt.

Dieses Nebeneinander verschiedener Erzählstränge, die teilweise völlig unabhängig voneinander laufen, schafft einige Probleme. Denn so kann es keinen Schlusspunkt geben, der alle Geschichten auf einen Schlag beenden würde. Stattdessen springt der Film am Ende von einem Handlungsfaden zum nächsten und führt ihn seiner Auflösung zu: Zuerst werden die Serienmorde aufgeklärt, dann Harriets Verschwinden, danach nimmt sich der Film den verbrecherischen Rüstungsexporteur vor – spätestens an dieser Stelle ist die Spannung weitgehend verflogen, und man wartet nur noch darauf, dass im Kinosaal das Licht angeht. Doch zuvor macht Lisbeth Salander noch einige Andeutungen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte.

„Verblendung“ ist ein atmosphärisch dichter, gut erzählter Thriller. Die Charaktere und der spannende Verlauf der Recherchen lassen einen über die zahlreichen Löcher in der Handlung und die logischen Ungereimtheiten hinwegsehen. Man hätte sich jedoch gewünscht, dass Fincher noch etwas mehr kürzt und einige Handlungsstränge komplett herausnimmt. Doch dem stand wohl die Spekulation entgegen, dass es ja vielleicht noch eine Fortsetzung geben könnte.

"Verblendung" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Sonntag 28 Dezember 2014 10:54

Das Spielberg-Gesicht

Geschrieben am Dienstag 10 Januar 2012 um 19:22 von Roland Freist

Steven Spielberg gilt als einer der großen Manipulatoren des Kinos, und zwar in dem Sinne, dass er Bilder gezielt dazu benutzt, um beim Zuschauer Gefühle auszulösen. Eins seiner bevorzugten Stilmittel ist die Großaufnahme eines Gesichts, das auf ein Ereignis oder einfach nur einen Punkt hinter der Kamera schaut, manchmal mit schreckgeweiteten Augen, manchmal aber auch voller Erstaunen oder Neugierde. Seit "Unheimliche Begegnung der dritten Art" hat er diesen Effekt so häufig eingesetzt, dass der Filmkritiker Kevin B. Lee ihn "The Spielberg Face" nennt. Um zu demonstrieren, was er damit meint, hat er den folgenden Videoessay zusammengestellt. Das Skript dazu findet sich hier im Blog des Independent-Filmportals Fandor, dessen Chefredakteur Lee ist.

Kurze Anmerkung zu "Im Angesicht des Verbrechens"

Geschrieben am Sonntag 08 Januar 2012 um 17:02 von Roland Freist

Da der WDR seit gestern Abend "Im Agesicht des Verbrechens" wiederholt, noch ein paar Worte dazu: Die Serie ist wirklich gut, für eine deutsche Produktion sogar ganz außergewöhnlich gut. Man erkennt die Handschrift eines guten und erfahrenen Regisseurs (Dominik Graf): Er hat eine flüssig und spannend erzählte Story inszeniert, mit realistischen Dialogen und glaubwürdigen Charakteren – auch wenn man sich ab und zu fragt, ob in Berlin tatsächlich noch so viele 80er-Jahre-Typen herumlaufen. Doch auch hier gilt die eherne Regel, wonach es keine deutsche TV-Produktion ohne handwerkliche Mängel gibt. Bei "Im Angesicht des Verbrechens" ist es die Tonregie, die den Stimmen in vielen Szenen soviel Hall mitgegeben hat, dass die Dialoge nur schwer und in manchen Fällen sogar überhaupt nicht zu verstehen sind.

Der Promotrailer für die DVD:

Filmkritik: "Dame König As Spion"

Geschrieben am Sonntag 08 Januar 2012 um 17:01 von Roland Freist

Schach mit dem KGB

Spione sind heute einfach nicht mehr das, was sie mal waren. In den Zeiten des Kalten Kriegs, als es die Sowjetunion und ihren gefürchteten KGB noch gab, machten Agenten-Thriller mehr Spaß. Die CIA und der britische MI6 hatten einen ebenbürtigen Gegner, gegen den man manchmal gewann, der ihnen aber auch immer mal wieder eine Niederlage beibrachte. Das Agentendasein ließ sich noch romantisch verklären, vor allem, wenn es um den englischen Geheimdienst ging, mit seinen distinguierten Intellektuellen in der Londoner Zentrale und den einsamen Wölfen hinter den feindlichen Linien. Bei den heutigen Hightech-Attacken fällt das schwer.

In "Dame König As Spion" lässt der schwedische Regisseur Tomas Alfredson die gute, alte Zeit des Spionage-Thrillers auferstehen. Die Buchvorlage von John Le Carré, erschienen 1974, erzählt eine Geschichte aus den frühen 70er Jahren: Control (John Hurt), der Chef des MI6, hat den Verdacht, dass ein Mann aus dem Führungskreis des Geheimdiensts ein Maulwurf ist und für Karla arbeitet, den legendenumwobenen Leiter des KGB. Er beginnt, heimlich Informationen über seine Mitarbeiter zu sammeln, und weist den fünf Männern, die infrage kommen, zur Tarnung die Namen von Spielkarten zu. (Im englischen Original sind es Berufsbezeichnungen aus einem Abzählreim: "Tinker, tailor, soldier, sailor, rich man, poor man, beggarman, thief". Erst in der deutschen Übersetzung wurden daraus Spielkarten, passender wäre wohl der Kinderreim "Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann" gewesen.)

Zu Beginn des Films bekommt er die Nachricht, dass ein ungarischer Offizier überlaufen und den Namen des Verräters nennen will. Doch der Agent, den Control daraufhin nach Budapest schickt, gerät in eine Falle. Die gesamte Aktion endet in einer Blamage für den MI6, Control und sein Vertrauter George Smiley (Gary Oldman), die graue Eminenz des Dienstes, werden zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Doch Control hatte zuvor noch den zuständigen Minister informiert. Und der will den Doppelagenten enttarnen. Er beauftragt Smiley, den Verräter zu finden. Es beginnt ein intellektuelles Duell, eine Art Fernschach, zwischen Smiley und Karla. Beide beobachten sich seit vielen Jahren und kennen die Schwachstellen des anderen. Smiley treibt zum einen mit einem kleinen Team außerhalb des Geheimdiensts die Ermittlungen voran, zum anderen versucht er, Karlas schwachen Punkt – den stets lauernden Zweifel – für sich zu nutzen. Karla wiederum, der nur in einer kurzen Szene zu sehen ist, greift direkt Smileys Schwachstelle an, nämlich die schwierige Beziehung zu seiner Frau Ann.

Gary Oldman gibt etwas überraschend einen sehr guten George Smiley ab. Der Schauspieler, der früher sehr überzeugend durchgeknallte Typen wie den Drogenfahnder Norman Stansfield aus "Leon – Der Profi" oder den größenwahnsinnigen Zorg aus "Das fünfte Element" gespielt hat, ist hier äußerst beherrscht und wortkarg. Er arbeitet vor allem mit den Augen, kultiviert einen durchdringenden Blick, der durch eine große, schwarze Hornbrille noch verstärkt wird. Nur manchmal erkennt man an einem leichten Zucken in den Augenwinkeln, unter welcher Spannung er steht. Die Figur des George Smiley schien bislang maßgeschneidert für Alec Guinness, der den Agenten in einer BBC-Verfilmung des Romans verkörperte. Doch Oldman bringt noch einmal eine ganz eigenständige Interpretation des Charakters.

Man muss sich konzentrieren, um der Story folgen zu können. Der Film enthält etlliche Rückblenden, Personen erzählen Geschichten, die wichtige Hinweise auf die Identität des Maulwurfs liefern, hinzukommen auf britischer und sowjetischer Seite zahlreiche Täuschungsmanöver. Dennoch gelingt es den Drehbuchautoren Bridget O’Connor und Peter Straughan ("Männer die auf Ziegen starren"), die rund 400 Seiten der Romans in zwei Stunden Film zusammenzufassen. Eine komplizierte Aufgabe, da die Handlung vor allem durch die Dialoge vorangetrieben wird – Actionszenen gibt es so gut wie nicht. Damit der Zuschauer nachvollziehen kann, warum zum Schluss ausgerechnet diese Person als Maulwurf präsentiert wird, mussten die Autoren die Informationen zuvor in der richtigen Reihenfolge in die Gespräche aufnehmen und ständig überlegen, ob das, was dieser Charakter in dieser Situation sagt, überhaupt schon verständlich ist. Kein Wunder, dass das Drehbuch für den Oscar nominiert ist, genauso übrigens wie Gary Oldman und die Filmmusik.

Damit dieser Film funktioniert, muss man sich auf ihn einlassen, man muss vor allem mitdenken, darf sich durch das Geflecht aus Lügen, verwischten Spuren und Doppelagenten nicht verwirren lassen. Dann jedoch wird "Dame König As Spion" zu einem spannenden, atmosphärisch dichten Vergnügen.

"Dame König As Spion" in der IMDB

Der deutsche Trailer:

Bearbeitet: Samstag 12 Januar 2013 16:19

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